Brechts frühe Liebeslyrik

Am Beispiel der 'Erinnerung an die Marie A.' und der 'Terzinen über die Liebe'


Hausarbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erinnerung an die Marie A.
2.1 Formale Analyse
2.2 Inhalt und Interpretation

3. Terzinen über die Liebe
3.1 Formale Analyse
3.2 Inhalt und Interpretation

4. Schluss

5. Anhang
5.1 Gedichte
5.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hört man den Namen Bertolt Brecht, so denkt man in erster Linie an den kommunistischen Dramatiker, der sich kritisch mit der Politik und der Gesellschaft seiner Zeit auseinandersetzte und das Theater des 20. Jahrhunderts revolutionierte. Weit weniger als mit der Dramatik befasste sich die Brecht-Forschung lange Zeit mit der Lyrik Brechts, obwohl an ihrem hohen Rang nie gezweifelt wurde[1].

Brechts Lyrik wurde erst ab 1960 umfassender editiert, zunächst mit besonderem Augenmerk auf die frühere Lyrik. Eine umfassende und vollständig ausreichende Gesamtdarstellung fehlt bis heute[2].

Doch auch, wenn man an Brecht als Lyriker denkt, kommen einem nicht unmittelbar Liebesgedichte in den Sinn, sondern eher Kriegsgedichte, Städtelyrik oder Exilgedichte. Die Mehrheit der Gedichte Brechts widmet sich dem politischen Geschehen seiner Zeit und ist kritisch, sowohl gegen Politik, als auch Gesellschaft.

Dennoch hat Brecht immer wieder Liebesgedichte geschrieben, denen die Forschung lange Zeit keine Beachtung schenkte, da sie in weitaus größerem Maße am politischen Schriftsteller Brecht interessiert war.[3] Erst in jüngerer Zeit fand Brechts Liebeslyrik, vor allem durch die ungewöhnlichen Liebesgedichte aus der Augsburger Zeit, größere Aufmerksamkeit[4].

Ich werde mich in meiner Arbeit mit den Gedichten „Erinnerung an die Marie A.“ und „Terzinen über die Liebe“ (oder: „Die Liebenden“) auseinandersetzen und daraufhin anhand der Ergebnisse der Interpretationen versuchen, die Charakteristik von Brechts früherer Liebeslyrik herauszuarbeiten.

2. Erinnerung an die Marie A.

Das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ entstand, wie Brecht in seinem Notizbuch unter dem Gedicht vermerkte, am „21.11.20, abends 7h im Zug nach Berlin“[5], zunächst unter dem Titel „Sentimentales Lied“. Später fügte Brecht diesem Titel noch die Zahl „No.1004“ hinzu, bevor das Gedicht schließlich seinen heutigen Titel bekam.

2.1 Formale Analyse

Das Gedicht ist in drei Strophen zu je acht Versen unterteilt. Lediglich die Verse 2 und 4 sowie 6 und 8 jeder Oktave reimen sich (Reimschema: abcbdefe).[6]

Bei dem Metrum handelt es sich um einen fünfhebigen Jambus, der bis auf Vers 22 („Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind“), welcher sechs Hebungen aufweist, durchgehend eingehalten wird.

Auffallend ist die Klangfülle des Gedichts, die sich bereits in der ersten Strophe durch die Wiederholung des au-Diphthongs („blauen“ (V.1) – „Pflaumenbaum“ (V.2) – „Traum“ (V.4) – „aufsah“ (V.8)) bzw. des ei-Diphthongs („bleiche“ (V.3) – „meinem“ (V.4) – „weiß“ (V.7)) sowie durch das häufige Vorkommen des o-Lauts („Mond“ (V.1) – „holden“ (V.4) – „Wolke“ (V.6)) zeigt.

Assonanzen, wie z.B. bei „(Sommer)himmel“ (V.5), „nimmer“ (V.8,15), „immer“ (V.19,21) oder „holden“(V.4), „Wolke“(V.6), „oben“(V.7), „Monde“(V.9) sowie bei „vergessen“(V.17) und „(da)gewesen (V.18)“ bilden weitere Klangassoziationen außerhalb der Reime.

Wortwiederholungen sorgen ebenfalls für Zusammenklänge: der „Pflaumenbaum“ (bzw. die Pluralform) kommt in jeder Strophe (V.2,11,21) vor, das Wort „weiß“, sowohl als Farbadjektiv, wie auch als Verb eingesetzt, kommt sechsmal vor (V.7,14,15,16,19,20), „still“ wird dreimal wiederholt (V.2,3,10), „nimmer“ und „immer“ zweimal (V.8,15 bzw. V.19,21) und die Wolke findet man in Strophe 1 (V.6.) und 3 (V.23) .

Des Weiteren sind nur gering variierte Anaphern eingesetzt: „An jenem Tag“ (V.1), „Seit jenem Tag“ (V.9); „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben“ (V.7), „Sie war sehr weiß und kam von oben her“ (V.20) sowie „Doch ihr Gesicht“ (V.15), „Doch jene Wolke“ (V.23).

Neben den klanglichen Stilmitteln lassen sich auch symbolische finden. Brecht verwendet zu Beginn des Gedichts zwei typische Liebessymbole, den „blauen Mond“ (V.1) und den „Pflaumenbaum“ (V.2).

Zur Bedeutung dieser Symbole werde ich später unter 3.1. kommen.

Das Gedicht basiert auf dem französischen Schlager „Tu ne m’amais pas!“ von Léon Laroche, der vermutlich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde[7]. Durch Leopold Sprowacker, einen erfolgreichen Salonmusiker der damaligen Zeit, wurde es 1896 auf Deutsch bearbeitet und unter dem Titel „Verlornes Glück“ herausgebracht. Der Schlager erlangte nach dieser Bearbeitung als klischeebehaftete romantische Schnulze eine große Popularität. Brecht lernte das Lied später durch Karl Valentin kennen, welcher das Lied 1941 in einer seiner Komödien parodiert und somit als kitschig und albern enttarnt hatte.[8]

Brecht übernahm Strophenbau, Metrum und Reimschema des Schlagers. Außerdem übernahm er einige Formulierungen, wenn auch nicht wörtlich: „Zu jener Zeit“ (bei Brecht: „An jenem Tag“(V.1)), „Da hielt ich dich“ („Da hielt ich sie“(V.3)).

Allerdings änderte Brecht einiges, was den Inhalt betrifft: unter anderem wurde aus dem Frühling bei Valentin der September und aus den Weiden die Pflaumenbäume.

2.2 Inhalt und Interpretation

Inhalt des Gedichts ist - wie der Titel bereits ankündigt - eine Erinnerung. Jedoch nicht die Erinnerung an Marie A., was aufgrund des Titels nahe liegend wäre. Vielmehr als an jene Marie A., welche auf Brechts Jugendliebe Marie Rose Aman zurückgehen soll[9], erinnert sich das lyrische Ich an eine Wolke, die er während eines romantischen Beisammenseins beobachtet.

Das lyrische Ich erinnert sich in Strophe 1 an einen „Tag im blauen Mond September“ (V.1), an welchem es mit einer Geliebten unter einem Pflaumenbaum sitzt. Während es die „stille bleiche Liebe“ (V.3) im Arm hält, beobachtet es eine Wolke am Himmel.

Strophe 2 zeigt, dass das Erlebte lange zurückliegt („Seit jenem Tag sind viele, viele Monde // Geschwommen still hinunter und vorbei.“).

Das lyrische Ich antwortet in dieser zweiten Strophe auf die Frage eines Dus, dass es sich nicht mehr an die Liebe von damals und vor allem nicht mehr an das Gesicht der Geliebten erinnern kann. Einzig weiß das lyrische Ich von diesem Gesicht noch, dass es einst von ihm geküsst wurde.

Laut Strophe 3 hätte das lyrische Ich allerdings auch diesen Kuss vergessen, „Wenn nicht die Wolke dagewesen wär“. An diese Wolke wird es sich immer erinnern, obwohl sie nur wenige Minuten am Himmel zu sehen war. Die Frau hingegen, die im Vergleich zu Wolke vermutlich noch immer ist und „jetzt vielleicht das siebte Kind“ (V.22) hat, ist bereits in tiefe Vergessenheit geraten.

Zu Beginn der ersten Strophe gestaltet Brecht noch ein romantisches, ja, schon kitschiges Szenario, indem er zwei typische Liebessymbole verwendet.

Dass Leser unter dem „blauen Mond“ (V.1) „zunächst den Himmelskörper als das (durchaus kitschiges) Liebessymbol schlechthin verstehen, gehört offenbar zur irreführenden Strategie des Textes“[10], da das Wort, wie Strophe 2 spätestens zeigt, mit der Bedeutung Monat verwendet wird.

Der „Pflaumenbaum“, (bzw. die Pflaume als weibliches Sexual-Symbol) ist sexuell eingefärbt und assoziiert außerdem wie der Mond die Farbe blau. Diese wiederum ist „ein Versatzstück aus der Romantik“[11] und somit werden ihr entsprechende Gefühlswerte zugeschrieben.

Das Gedicht setzt also bereits geprägte Stimmungsqualitäten ein, was es erlebnishaft erscheinen lässt.

Schöne, der die Verse erstmals eingehend analysierte, betonte die „unwahrhaftige, verschwommene Pseudo-Romantik“[12] als zunächst irreführende Textstrategie der ersten fünf Verse. Diese Irreführung wird mit dem Wolkenbild, welches in Vers 6 eingeführt wird, aufgelöst. Der, mit „abgenutzten Farben der Sentimentalität aufgeputze[n] und geschminkte[n]“[13] Erinnerung an die Geliebte steht die „wirkliche (...), die nicht geheuchelte und vorgetäuschte“[14] Erinnerung an die Wolke gegenüber.

Müller schreibt über diese Differenz zwischen Erinnerung an damalige Geliebte und Wolke folgendes:

Die Begründung für den Kontrast zwischen der konventionellen Beschreibung der Ereignisse unter dem jungen Pflaumenbaum und der hyperbolischen Beschwörung der Erscheinung im schönen Sommerhimmel wird in der zweiten und dritten Strophe geliefert: Der Sprecher zeichnet das Bild einer so farb- wie sprachlosen Geliebten, weil er sich an sie – so behauptet er zumindest- schlicht nicht erinnern kann. Die Wolke vermag er demgegenüber eingehend zu würdigen, weil sie ihm noch immer gut in Erinnerung ist – ja, das Ich des Gedichts ist sich sogar sicher, daß dies auch in Zukunft so sein wird: Die weiß ich noch und wird ich immer wissen.[15]

[...]


[1] Jan Knopf: Bertolt Brecht. Ein kritischer Forschungsbericht. Fragwürdiges in der Brechtforschung, S.124

[2] Ebenda

[3] Hans-Harald Müller/ Tom Kindt: Brechts frühe Lyrik – Brecht, Gott, die Natur und die Liebe, S.71

[4] Ebenda

[5] Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, S.318

[6] Vgl. hierzu auch: Jan Knopf: Brecht Handbuch. Band 2. Gedichte, S.78-81

[7] erster Nachweis 1880; vgl. hierzu: Fritz Hennenberg: „An jenem Tag im blauen Mond September...“. Ein Brecht-Gedicht und seine musikalische Quelle. In: Neue Zeitschrift für Musik 7/8, S.24)

[8] Siehe hierzu auch: Jan Knopf: Brecht Handbuch. Band 2. Gedichte, S.78

[9] Siehe hierzu auch: Ebenda, S. 80; Hans-Harald Müller/ Tom Kindt: Brechts frühe Lyrik – Brecht, Gott, die Natur und die Liebe, S.86/87

[10] Jan Knopf: Brecht Handbuch. Band 2. Gedichte, S.81

[11] Ebenda

[12] Albrecht Schöne: Bertolt Brecht, Erinnerung an die Marie A.. In: Benno v. Wiese (Hg.): Die Deutsche Lyrik. Form und Geschichte. Interpretationen von der Spätromantik bis zur Gegenwart. Band 2, S.486

[13] Ebenda

[14] Ebenda

[15] Hans-Harald Müller/ Tom Kindt: Brechts frühe Lyrik – Brecht, Gott, die Natur und die Liebe, S.87/88

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Brechts frühe Liebeslyrik
Untertitel
Am Beispiel der 'Erinnerung an die Marie A.' und der 'Terzinen über die Liebe'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Lyrik in Theorie und Interpretation
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V141559
ISBN (eBook)
9783640504787
ISBN (Buch)
9783640504640
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt Brecht, Lyrik, Liebeslyrik, Gedichte, Erinnerung an die Marie A., Terzinen über die Liebe, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Nadine Heinkel (Autor:in), 2006, Brechts frühe Liebeslyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141559

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