Personalität und Wert des Lebens bei Peter Singer


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Singers ethische Grundpositionen
2.1 Der universale Standpunkt der Ethik
2.2 Der Präferenzutilitarismus
2.3 Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung

3 Gleiches Recht für Tiere – Singers tierethische Position oder: Gegen die Heiligkeit des menschlichen Lebens

4 Ab wann ist ein Mitglied der Spezies Homo Sapiens eine Person? - Singers Personenbegriff und die Bedeutung für den Wert des Lebens

5 Abschließende Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen

1 Einleitung

„[…] the whole way we look at moral issues… needs to be altered, and with it, the way of life that has come to be taken for granted in our society… Discussion… is not enough.“[1]

Die Vorstellung, dass manches Leben „unwert“ und nicht würdig sei, gelebt zu werden, wurde mit dem Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkrieges konkret. Sie führte zur Tötung mehrerer hunderttausend Menschen mit einer Beeinträchtigung, deren Leben als „lebensunwert“ definiert wurde. Auch in den vergangenen Jahren bis heute im Jahr 2009 wird angesichts zahlreicher neuer Erkenntnisse in Biologie und Medizin gefordert, zu überdenken, ob menschliches Leben per se unantastbar sei, oder ob manche Schutzbestimmungen überdacht werden müssten, um den Entwicklungen Folge zu tragen. Diese und ähnliche Überlegungen sind nicht neu, doch nach 1945 wurden sie – vor allem in Deutschland - nicht öffentlich diskutiert. Aber der australische Ethiker Peter Singer fordert, „[…] sich nicht länger von (religiösen) Autoritäten den Alltag und das Denken vorschreiben zu lassen, sondern aufgrund rationaler Überlegungen Entscheidungen zu treffen.“[2] Diese seien umso mehr nötig, weil Fortschritte in Biologie, Biotechnologie sowie Medizin diese unerlässlich sein lassen. Indem Singer (immer noch) aktuelle Probleme und Fragestellungen polarisiert, macht er deutlich, dass über den Wert menschlichen Lebens neu nachgedacht werden muss.

Diese Arbeit, welche sich mit dem Thema der Personalität und des Wertes des Lebens bei Peter Singer befasst, basiert auf dem Werk Praktische Ethik von Peter Singer. Nachdem die ethischen Grundpositionen eingehend betrachtet wurden, soll das Ziel dieser Arbeit sein, darzustellen, nach welchen Kriterien bzw. Merkmalen Peter Singer Personalität definiert und wie er den Personenbegriff verwendet. Darüber hinaus wird erarbeitet, welchen Wert menschliches Leben bei Singer hat. Abschließend soll dann eine kritische Stellungsnahme mit der zuvor dargestellter Position erfolgen.

2 Singers ethische Grundpositionen

Um Singers Thesen darüber, ab wann ein Leben lebens- und somit schützenswert ist, nachvollziehen zu können, muss man seine ethischen Grundpositionen kennen. Singer selbst schreibt zu Beginn der Praktische[n] Ethik, dass er lediglich „[…] die Skizze einer Auffassung von Ethik, die der Vernunft eine wichtige Rolle in moralischen Entscheidungen zugesteht“[3], liefert. Er betont, dass diese „[…] nicht die einzig mögliche Auffassung von Ethik [ist], aber […] eine, die plausibel ist.“[4] In den folgenden Kapiteln sollen nun die Voraussetzungen, die die praktische Ethik Singers konstituieren, dargestellt werden. Sowohl das Prinzip der Gleichheit und der gleichen Interessenabwägung, das einen universalen Standpunkt impliziert, wie auch die darauf aufbauende Differenzierung zwischen den Begriffen Mensch und Person, sind essentiell für den praktisch-ethischen Entwurf Singers, welcher sich gegen „Tradition und Religion richtet“[5].

2.1 Der universale Standpunkt der Ethik

Der Begriff der Ethik enthält für Singer „die Vorstellung von etwas größerem, als es das Individuum ist“[6] und so muss sich von Handlungen - vor allem von denjenigen, deren Ausführung aus Eigeninteresse angestrebt wird - beweisen lassen, „[…]daß sie mit Prinzipien verträglich sind, die auf einer breiteren ethischen Basis beruhen, wenn sie moralisch vertretbar sein sollen“[7]. Folglich schließt sich Singer der Meinung an, die sich bereits seit Jahrhunderten[8] in der Philosophie wieder findet, dass ethisches Verhalten einen universalen Standpunkt impliziere.[9] Dies bedeutet nicht, dass ein einzelnes moralisches Urteil universal anwendbar sein muss. Es bedeutet vielmehr, dass man dort, wo man ein moralisches Urteil fällt, über seine eigenen Neigungen und Abneigungen hinausgehen muss. Singer formuliert dies folgendermaßen:

„Die Ethik verlangt von uns, daß wir über „Ich“ und „Du“ hinausgehen hin zu dem universalen Gesetz, den universalisierbaren Urteil, dem Standpunkt des unparteiischen Betrachters oder idealen Beobachters, oder wie immer wir es nennen wollen.“[10]

Für Singer liefert dieser universale Aspekt der Ethik „eine überzeugende, wiewohl nicht letztgültige Begründung dafür, eine utilitaristische Position im weiteren Sinne einzunehmen.“[11]

Beim Utilitarismus handelt es sich um eine Philosophie, welche häufig als „Nützlichkeitsmoral“ abgestempelt wurde. Sie hat sich aber in der englischsprachigen Welt zu „[…] einem Instrument der empirisch-rationalen Normenbegründung und Gesellschaftsreform entwickelt […]“[12]. Das Prinzip der Nützlichkeit, nach welchem jene Handlung sittlich geboten ist, deren Folgen für das Glück aller Betroffenen optimal sind, ist im Utilitarismus verbindlich. Im Unterschied zur deontologischen Ethik sind Handlungen also nicht von sich heraus, sondern von ihren Folgen her zu beurteilen (konsequenzialistisches Prinzip). Maßstab dieser Folgen ist der Nutzen für das in sich Gute (Utilitaritätsprinzip).[13] Als höchster Wert gilt die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse und Interessen sowie das Glück. Hierbei bleibt es jedem Einzelnen selbst überlassen, worin er sein Glück erwartet. Das Kriterium dafür ist das Maß an Freude, welches eine Handlung hervorruft, reduziert um das mit ihr verbundene Maß an Leid (hedonistisches Prinzip). Ausschlaggebend ist das Glück aller, von einer Handlung Betroffenen, da sich der Utilitarismus „auf das allgemeine Wohlergehen“[14] verpflichtet (Universalprinzip).

Indem man laut Singer nun akzeptiert, dass moralische Urteile von einem universalen Standpunkt aus getroffen werden müssen, akzeptiert man, dass eigene Interessen nicht nur deshalb, weil sie eigene Interessen sind, mehr zählen als die Interessen von irgendjemand anderem. Folglich muss man, sofern man moralisch denkt, nach Singer sein natürliches Bestreben, das für die eigenen Interessen gesorgt wird, ausdehnen auf die Interessen anderer.[15] Diese Form des Utilitarismus, welche Singer darstellt, unterscheidet sich vom klassischen Utilitarismus dadurch, „[…] daß „beste Konsequenzen“ das bedeutet, was per saldo die Interessen der Betroffenen fördert, und nicht bloß das, was Lust vermehrt und Unlust verringert.“[16]

Da es also um die Befriedigung von Interessen geht, nennt man diese Form Präferenzutilitarismus. Was genau man darunter versteht, wird im folgenden Kapitel näher erläutert.

Laut Singer ist die utilitaristische Position „[…]eine minimale, eine erste Grundlage […]“, zu der man kommt, indem man den von eigenem Interesse geleiteten Entscheidungsprozess universalisiert. Bezeichnete Singer seine Position zu Beginn der Praktische[n] Ethik noch als „[…]Skizze einer [Anm. d. Verf.: eigene Hervorhebung], Auffassung von Ethik […]“[17], neben der auch noch andere Auffassungen möglich wären, so formuliert er aus seiner Argumentation nun folgende Konsequenz:

„Wollen wir moralisch denken, so können wir uns nicht weigern, diesen Schritt [Anm. d. Verf.: gemeint ist, die Universalisierung des Entscheidungsprozesses] zu tun. Will man uns überzeugen, daß wir über den Utilitarismus hinausgehen und nichtutilitaristische moralische Regeln oder Ideale akzeptieren sollten, so muß man uns gute Gründe für diesen weiteren Schritt liefern. Bevor solche Gründe vorgebracht werden, haben wir einigen Grund, Utilitaristen zu bleiben.“[18]

2.2 Der Präferenzutilitarismus

Die Kennzeichen des Präferenzutilitarismus sind zwei methodische Grundannahmen: Zum einen bemisst sich die moralische Qualität einer Handlung daran, ob ihre Folgen die Interessen aller von ihr Betroffenen in der bestmöglichen Weise wahren und zum anderen legitimiert sich eine Handlung moralisch nie alleine aus ihrer Übereinstimmung mit überlieferten oder intuitiv geführten Normen. Vielmehr müssen sich diese selbst - wie die jeweils fragliche Handlung - dem „[…]rational-kritischen Verfahren einer Rechtfertigung vor der erstgenannten methodischen Maxime stellen: dem Forum der gleichen Berücksichtigung aller gleichartigen Interessen.“[19] In der Perspektive des Präferenzutilitarismus verschaffen weder Nationalität, Rasse, Hautfarbe noch Geschlecht, ja - in letzter Konsequenz - nicht einmal die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch gegenüber Tieren irgendeinen prinzipiellen Interessenvorrang. Dass eine solche Philosophie der nationalsozialistischen Rassendoktrin und all ihren Konsequenzen widerspricht, liegt auf der Hand. Allerdings kollidiert sie aber auch mit den Grundannahmen der christlichen Lehre, dass der Mensch über den Tieren stehe, also mit der Annahme der Heiligkeit des (menschlichen) Lebens.

[...]


[1] Jamieson, Dale: Singer and the Practical Ethics Movement. In: Ders. (Hrsg.): Singer and his critics. Blackwell Publishers, Malden/ Oxford 1999, S.2.

[2] Ahmann, Martina: Was bleibt vom menschlichen Leben unantastbar? Kritische Analyse des praktisch-ethischen Entwurfs von Peter Singer aus praktisch-theologischer Perspektive. LIT Verlag, Münster/ Hamburg/ London 2001, S.1.

[3] Singer, Peter: Praktische Ethik. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart ²1994, S.24.

[4] ebd.

[5] Ahmann, S.40.

[6] Singer, 1994, S.26.

[7] ebd.

[8] Zu nennen wären beispielsweise die christliche „Goldene Regel“ oder Immanuel Kants „Kategorischer Imperativ“ sowie die Theorie des idealen Betrachters in der Tradition der britischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, wie z.B. David Hume oder Adam Smith.

[9] vgl. Singer, 1994, S.27ff.

[10] ebd, S.28.

[11] ebd., S.29.

[12] Ahmann, S.41.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. ebd.

[15] vgl. Singer, 1994, S.29.

[16] ebd., S.31.

[17] ebd., S.24.

[18] ebd., S.31.

[19] Merkel, Reinhard: Der Streit um Leben und Tod. In: Bastian, Till (Hrsg.): Denken - schreiben - töten. Zur neuen „Euthanasie“-Diskussion und zur Philosophie Peter Singers. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft S. Hirzel (Edition UNIVERSITAS), Stuttgart 1990, S.127.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Personalität und Wert des Lebens bei Peter Singer
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Peter Singer, Praktische Ethik
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V141562
ISBN (eBook)
9783640513703
ISBN (Buch)
9783640512133
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Singer, Personenbegriff, Personalität, Menschenwürde, Wert des Lebens, Praktische Ethik, Philosophie
Arbeit zitieren
Nadine Heinkel (Autor), 2008, Personalität und Wert des Lebens bei Peter Singer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141562

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Personalität und Wert des Lebens bei Peter Singer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden