Mit der Aussage „Ich habe keine Ahnung, was das sein soll: Popliteratur“ antwortet der Schriftsteller und Jungautor Christian Kracht in einem Interview der ZEIT kurz nach der Veröffentlichung der Anthologie Mesopotamia auf die Frage, ob er Popliteratur schreibe. Sein Schriftstellerkollege und Interviewpartner Benjamin von Stuckrad Barre setzt sogleich die Antwort Christian Krachts wie folgt fort: „Jeder, der ein ernst zu nehmendes Verhältnis zu Pop hat, würde dieses nichts sagende Wort gebrauchen. Ich würde es nicht Popliteratur, sondern allenfalls Literatur-Pop nennen“. Derartige Aussagen der befreundeten Schriftsteller und Jungautoren Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre verweisen in aller Deutlichkeit auf die Schwierigkeit einer Definition der literarischen Strömung Popliteratur. Unwissenheit seitens Christian Kracht, Wortspiel seitens Benjamin von Stuckrad-Barre. Die Umkehrung des Kompositum Popliteratur zu Literatur-Pop trägt eher zum Wirrsal denn zur Klärung des Begriffes bei und präsentiert das immer noch vorhandene Dilemma eines literarischen Genres, dass sich unter dem Namen Popliteratur subsumieren lässt. Georg Paul Thomann erklärt die Abwendung der Autoren von dem institutionalisierten Format Popliteratur mit folgendem Argument: „Die Vagheit des Begriffs erklärt den Zwang notorischer „Popautoren“, sich die Bezeichnung zu verbitten“ und verweist auf den „gruseligen, selbstnegierenden Terminus“ selbst. Die vorliegende schriftliche Hausarbeit im Rahmen des ersten Staatsexamens präsentiert unter Einbeziehung historischer Aspekte die Entwicklung einer literarischen Strömung, die unter dem schillernden Begriff „Popliteratur“ avanciert. Diese wird, das belegen sowohl eine Fülle an Forschungsberichten als auch zahlreiche Rezensionen popliterarischer Texte selbst, in den Literaturwissenschaften heftig diskutiert. Mittels chronologischen Einordnung der Geschehnisse innerhalb des Literaturbetriebes von den sechziger Jahren bis heute soll die dem Begriff Popliteratur beiwohnende Konfusion organisiert und in einen historischen Kontext gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Entwicklung der literarischen Strömung Popliteratur
2.1 Cross the border, close the gap: Beat-Generation und Fiedler-Debatte
2.2 Postmoderne, Popkultur und Popliteratur
2.2.1 Mosaikbild Popliteratur
2.2.2 Hochkultur versus Popkultur (E und U Kultur)
3 Diedrich Diedrichsen: Kategorisierung Pop I und Pop II
3.1. Das Wandlungsphänomen Pop
3.1.1 Das Feld des Spezifischen Pop / Pop I
3.1.2 Das Feld des Allgemeinen Pop / Pop II
3.1.3 Analogien zwischen den Feldern
4 Literarische Texte innerhalb des Formats Popliteratur
4.1 Popliteratur avant la lettre: Die Poetologie Rolf Dieter Brinkmanns
4.2 Popliteratur der 90er Jahre: Christian Krachts Faserland
4.2.1 Zur Konstruktion des Romans
4.2.2 Sprachlicher Repräsentationsmodus
4.2.3 Oberflächliche Lektüre / Tiefenstruktur
5 Mediale Inszenierungen in der Popliteratur
5.1 Der Autor als Medium / Performance
5.2 Neue Medien / Labelkultur und mögliche Auswirkungen auf die (Pop) Literatur
6 Popliteratur im Kontext eines Paradigmenwechsels
7 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und Ausprägung der literarischen Strömung "Popliteratur" in Deutschland. Ziel ist es, die Konfusion um den Begriff zu ordnen, indem die Strömung in einen historischen Kontext gestellt und anhand des Theoriekonzepts von Diedrich Diederichsen in verschiedene Kategorien (Pop I und Pop II) unterteilt wird. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Analyse der Poetologie Rolf Dieter Brinkmanns und der Untersuchung von Christian Krachts Roman "Faserland" hinsichtlich seines Konstruktionsprinzips und seiner Sprachverwendung.
- Historische Herleitung über die Beat-Generation und die Fiedler-Debatte
- Theoretische Kategorisierung nach Diedrich Diedrichsens "Pop I" und "Pop II"
- Textimmanente Analyse von Christian Krachts "Faserland"
- Untersuchung der Selbstinszenierung von Autoren als Medium
- Kritische Betrachtung von Markenkult und Medienökonomie in der Literatur
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Zur Konstruktion des Romans
Christian Kracht lässt sich im Hinblick auf die dargestellte Theoriebildung Diederichsens in die zweite Phase der Popliteratur, den allgemeinen Pop, einordnen. In Kapitel 2 wurde der Versuch unternommen, das Format Popliteratur zu definieren und deren Merkmale zu sammeln und zu beschreiben. Elemente aus der Popkultur und der populären Kultur wurden genannt. Markenfetischismus ist neben anderen Merkmalen ein Signum der Popliteratur. Als Objekt der Massenkultur sollen im Folgenden die von Krachts Protagonisten ausgewiesenen Marken innerhalb seines Textes analysiert werden. Es soll einerseits analysiert werden, welchen Stellenwert die Signifikante „Marke“ der Popkultur innerhalb seines Denkens einerseits besitzt und andererseits, wie er sich dessen bedient.
Als ein der postadoleszenten Elitegruppe Zugehöriger, dessen Existenz gesichert ist und in dessen Horizont Geld als unerhebliches Maß fungiert, scheint sich der Protagonist innerhalb einer Subkultur der oberen Zehntausend zu bewegen, die den Unterschied von Ralph Lauren und Davies besser kennen als den von SPD und CDU. Innerhalb des Romans lassen sich mehr als siebzig Nennungen verschiedener Markennamen bzw. Markenprodukte zählen, was unweigerlich auf eine oberflächliche Lebenshaltung des Protagonisten deutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Schwierigkeit der Definition des Begriffs Popliteratur ein und umreißt die Zielsetzung der Arbeit, die historische Entwicklung dieser Strömung unter Einbeziehung von Brinkmann und Kracht zu präsentieren.
2 Historische Entwicklung der literarischen Strömung Popliteratur: Dieses Kapitel zeichnet die Ursprünge der Popliteratur in der amerikanischen Beat-Generation nach und beleuchtet die Rolle von Rolf Dieter Brinkmann sowie die theoretischen Impulse der Fiedler-Debatte.
3 Diedrich Diedrichsen: Kategorisierung Pop I und Pop II: Hier wird Diederichsens theoretisches Modell vorgestellt, das die Popliteratur in die beiden Phasen "Pop I" (spezifisch) und "Pop II" (allgemein) gliedert, um die Transformation des Phänomens zu beschreiben.
4 Literarische Texte innerhalb des Formats Popliteratur: Dieser Abschnitt widmet sich der konkreten Analyse der Texte, wobei die Poetologie Rolf Dieter Brinkmanns sowie Christian Krachts Roman "Faserland" im Zentrum der Betrachtung stehen.
5 Mediale Inszenierungen in der Popliteratur: Das Kapitel untersucht die Rolle des Autors als Medium und die Auswirkungen von Medien, Labelkultur und Vermarktungsstrategien auf die heutige Literaturproduktion.
6 Popliteratur im Kontext eines Paradigmenwechsels: Zusammenfassend wird die Entwicklung der Popliteratur als Spiegelbild gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und zunehmender Medialisierung interpretiert.
7 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert die Entwicklung der Popliteratur und schlägt basierend auf den Analysen eine Erweiterung des Kategorienmodells um "Pop III" vor, um die Metaebenen der Romane stärker zu berücksichtigen.
Schlüsselwörter
Popliteratur, Rolf Dieter Brinkmann, Christian Kracht, Faserland, Beat-Generation, Diedrich Diederichsen, Postmoderne, Markenfetischismus, Literaturbetrieb, Medieninszenierung, Pop I, Pop II, Pop III, Literaturtheorie, Gegenwartsliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung und theoretischen Einordnung der deutschen Popliteratur von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Hoch- und Popkultur, die mediale Inszenierung von Autoren sowie die Analyse von Markenfetischismus und Subjektkonstituierung in popliterarischen Werken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Konfusion um den Begriff Popliteratur durch eine chronologische Einordnung und die Anwendung von Diederichsens Kategorienmodell zu systematisieren und die Bedeutung hinter der vermeintlichen Oberflächlichkeit der Texte aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine historische Herangehensweise zur Einordnung der Strömung und eine textimmanente Analyse zur Untersuchung der literarischen Primärquellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Vorläufer (Beat-Generation), das Klassifizierungsmodell von Diedrichsen, die Poetologie Brinkmanns sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Roman Faserland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Popliteratur, Markenfetischismus, Subjektkonstituierung, Medialisierung, Pop I, Pop II und intermediale Inszenierung.
Warum wird Christian Krachts Roman "Faserland" so intensiv untersucht?
Da er als ein zentrales, wenn auch umstrittenes Werk der 90er-Jahre-Popliteratur gilt, eignet er sich hervorragend zur Analyse, wie das Genre vordergründige Oberflächlichkeit mit tieferliegenden gesellschaftskritischen Metaebenen verbindet.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Autors heute von der Zeit Brinkmanns?
Während Brinkmanns Selbstinszenierung auf Authentizität und Rebellion basierte, agieren zeitgenössische Autoren wie Kracht bewusster als Medienstars, bei denen der Lebensstil und die Selbstvermarktung untrennbar mit dem literarischen Werk verknüpft sind.
Was schlägt die Autorin als Erweiterung der Theorie vor?
Die Autorin schlägt die Kategorie "Pop III" vor, um Texte zu erfassen, die sowohl Pop-Elemente verwenden als auch komplexe, intertextuelle Metaebenen integrieren, was über das binäre Modell von Diederichsen hinausgeht.
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- Stefanie Udema (Author), 2006, Christian Kracht und die Entwicklung der Popliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141587