Analyse von „Jakob der Lügner“ als Roman von Jurek Becker und Film von Peter Kassovitz

Nach hermeneutischen und inhaltsanalytischen Verfahren


Hausarbeit, 2006
74 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Methoden der Textanalyse
1.1 Hermeneutik
1.2 Inhaltsanalyse
1.3 Verfahren
1.3.1 Hermeneutisches Verfahren
1.3.2 Inhaltsanalytisches Verfahren

2 Analyse des Romans „Jakob der Lügner“ und dessen filmischer Adaption
2.1 Jurek Becker: Jakob der Lügner
2.1.1 Der Autor
2.1.2 Der Roman
2.2 Ausgewählte Textpassagen
2.2.1 Die Anfangssequenz – Analyse nach hermeneutischen Gesichtspunkten
2.2.1.1 Erstes Leseverständnis
2.2.1.2 Bewusstwerden des eigenen Kontextes und Formulieren einer Auslegungshypothese
2.2.1.3 Analyse des Textabschnitts
2.2.1.4 Erschließung der Kontexte der Textpassage
2.2.1.5 Verknüpfung und Vergleich der bisherigen Ergebnisse – Zusammenfassung
2.2.2 Die Anfangssequenz – Untersuchung nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten
2.2.2.1 Entwickeln der Hypothese und Fragestellung
2.2.2.2 Überprüfung anhand statistisch ermittelter Ergebnisse
2.2.2.3 Verifizierung
2.2.3 Eine Märchenstunde für Lina – Analyse nach hermeneutischen Gesichtspunkten
2.2.3.1 Erstes Leseverständnis
2.2.3.2 Bewusstwerden des eigenen Kontextes und Formulieren einer Auslegungshypothese
2.2.3.3 Analyse des Textabschnitts
2.2.3.4 Erschließung der Kontexte der Textpassage
2.2.3.5 Verknüpfung und Vergleich der bisherigen Ergebnisse – Zusammenfassung
2.2.4 Eine Märchenstunde für Lina – Untersuchung nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten
2.2.4.1 Entwickeln der Hypothese und Fragestellung
2.2.4.2 Überprüfung anhand statistisch ermittelter Ergebnisse
2.2.4.3 Verifizierung
2.3 Die Verfilmung „Jakob der Lügner“ (Jakob the Liar) von Peter Kassovitz
2.3.1 Die Produktion
2.4 Ausgewählte Sequenzen
2.4.1 Die Anfangssequenz – Analyse nach hermeneutischen Gesichtspunkten
2.4.1.1 Formulieren des ersten Filmverständnisses
2.4.1.2 Bewusstwerden des eigenen Kontextes
2.4.1.3 Analyse der Anfangssequenz
2.4.1.4 Erschließung der Kontexte der Sequenz
2.4.1.5 Verknüpfung und Vergleich der bisherigen Ergebnisse – Zusammenfassung
2.4.2 Die Anfangssequenz – Analyse nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten
2.4.2.1 Entwickeln der Hypothese und Fragestellung
2.4.2.2 Überprüfung anhand statistisch ermittelter Werte
2.4.2.3 Verifizierung
2.4.3 Eine Radioshow für Lina (Sequenz Nr. 39) – Hermeneutische Analyse
2.4.3.1 Formulieren des ersten Filmverständnisses
2.4.3.2 Bewusstwerden des eigenen Kontextes
2.4.3.3 Analyse von Sequenz Nr. 39
2.4.1.4 Erschließung der Kontexte der Sequenz
2.4.1.5 Verknüpfung und Vergleich der bisherigen Ergebnisse – Zusammenfassung
2.4.4 Eine Radioshow für Lina – Analyse nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten
2.4.4.1 Entwickeln der Hypothese und Fragestellung
2.4.4.2 Überprüfung anhand statistischer Werte
2.4.4.3 Verifizierung

3 Zusammenfassung

Anhang

Quellenverzeichnis

Einleitung

Stellt man die Frage, ob zuerst das Buch oder der Film erfunden wurde, erhält man meist die vorhersehbare Antwort „Natürlich das Buch!“, undenkbar, dass sich das Massenmedium Film ohne die wertvolle Vorarbeit der Schriftsteller entwickelt hätte. Im speziellen Fall von Jurek Becker ist dies anders, die erste Fassung seines Romans „Jakob der Lügner“ schrieb er als Fernsehdrehbuch, und erst nach der Ablehnung durch die DEFA gestaltete er es zu einem Roman um. Achtundzwanzig Jahre später wurde es als Vorlage für einen amerikanischen Kinofilm adaptiert.

Sowohl das Buch als auch der Film sind bereits mehrfach und sehr ausführlich analysiert worden. Die Literaturwissenschaft und die Film- und Fernsehanalyse bedienen sich dabei ähnlicher Methoden, zum einen der interpretierenden Hermeneutik, zum anderen der quantifizierbare Werte ermittelnden Inhaltsanalyse.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, ausgewählte Episoden des Romans und des Films vergleichend zu untersuchen, um, darauf basierend, Aussagen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Adaptionen des Stoffes treffen zu können. Dabei werden zunächst, getrennt voneinander, hermeneutische und inhaltsanalytische Methoden angewendet. In einem letzten Schritt sollen dann alle Ergebnisse miteinander verknüpft und verglichen werden, sodass nicht nur Aussagen über Buch und Film, sondern auch die Effektivität und Wissenschaftlichkeit der strickt trennenden Anwendung dieser verschiedenen Analysemethoden getroffen werden. Da bei der Analyse zuerst beide Formen in gleicher Art und Weise auf die zu untersuchenden Texte angewendet werden, gilt es zudem noch zu bedenken, ob man nicht zusätzlich die Unterschiede berücksichtigen sollte, die durch den verschiedenen medialen Charakter der Werke entstehen. Und vielleicht wird dann zwar die Reihenfolge ihrer Entstehung, nicht aber die Hierarchie, die wertend zwischen ihnen unterscheidet, erhalten bleiben.

1 Methoden der Textanalyse

Sowohl in der Literatur- als auch in der Film- und Fernsehanalyse werden zwei wesentliche Arten der Herangehensweise unterschieden. Dies ist zum einen die nach qualitativen Gesichtspunkten urteilende hermeneutische Analyse, zum anderen die auf quantifizierbare Ergebnisse abzielende Inhaltsanalyse. Obwohl Vertreter beider Seiten für sich beanspruchen, den einzig richtigen Weg zu relevanten Ergebnissen zu verfolgen, blieb eine endgültige Entscheidung in der jahrzehntelang andauernden Diskussion über die zu bevorzugende Methode bisher aus. Nicht nur dies ist ein Indiz dafür, dass eine Textanalyse, die sich ausschließlich auf eine der beiden, im Folgenden beschriebenen Methoden stützt, nur ein begrenztes Spektrum an Resultaten erzielen kann. Auch die Tatsache, dass die beiden Methoden aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit automatisch nur bestimmte Aspekte des untersuchten Werks berücksichtigen können und demzufolge andere Aspekte vernachlässigen müssen, unterstützt die These, dass nur eine Kombination beider Methoden zu einer umfassenden Analyse führen kann.

In den folgenden Abschnitten sollen beide Ansätze kurz vorgestellt sowie auf ihnen beruhende Methoden beschrieben werden.

1.1 Hermeneutik

Der Begriff „Hermeneutik“ wurde in Anlehnung an den griechischen Götterboten Hermes, dem Mittler zwischen Göttern und Menschen, geprägt. Das griechische Verb „hermeneuein“ bedeutet etwa „auslegen, erklären, übersetzen“. Obwohl der interpretierende Aspekt der hermeneutischen Methodik somit schon allein durch den Begriff impliziert ist, wurde das heute mit ihm assoziierte Konzept der Textauslegung erst zu Beginn der Neuzeit geprägt. Mit der Aufklärung verlor die Hermeneutik ihren dogmatischen Charakter und zielte nicht mehr darauf ab, bei der Textinterpretation den einen, überlegenen Sinn zu erhalten, wie ihn antike Autoren oder die vorherrschende religiöse Einstellung vorgaben. Stattdessen strebte sie nun an, dass Bewusstsein für die historischen Entstehungsbedingungen des Textes und damit für seine geschichtliche Relativität zu schärfen.

Aus diesem Gedanken entwickelte sich die Hermeneutik als geisteswissenschaftliche Methode, wie sie heute angewendet wird. Theoretiker wie Schleiermacher, Dilthey und Gadamer vollzogen die Wandlung der Hermeneutik von einer bloßen Reproduktion der Schaffenssituation (Schleiermacher) zu einer Betonung der geschichtlichen Eigendynamik des kreativen Rezipienten als eine die Schaffenssituation nachvollziehende und dadurch das Werk interpretierende Instanz (Dilthey). Gadamer schließlich betonte die historische Relativität des Textverstehens, die sich durch die Vorurteile des Interpreten, die Auslegung gemäß spezieller Auslegungsregeln und die Anwendung auf die gegenwärtige Situation durch den Interpreten bedingt.

So tritt nach und nach der Text als dominante Instanz in den Hintergrund, während das interpretierende Subjekt an Bedeutung gewinnt. Dieses ist Teil des hermeneutischen Zirkels, der ein zirkuläres Verhältnis zwischen Vorverständnis und Gegenstandsverständnis, den Teilen untereinander und den Teilen des Ganzen und zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen beschreibt, welches sukzessiv zu einem Erkenntnisgewinn führen soll.

Aufgrund der Betonung der subjektiven Wahrnehmung des Interpreten wurde die Hermeneutik stark von Vertretern der kritischen Theorie und des kritischen Realismus kritisiert. Und genau diese Eigenschaft bildet auch den stärksten Gegensatz zur quantifizierenden Inhaltsanalyse.

1.2 Inhaltsanalyse

Die Inhaltsanalyse geht u. a. auf frühe hermeneutische Formen der Textanalyse zurück, z.B. die Auslegung klassischer Texte in der Antike, die sich nur auf formale Inhalte bezog und den interpretierenden Aspekt außer Acht ließ. Im 20. Jahrhundert wurde die Inhaltsanalyse als Methode zur Untersuchung von Massenmedien entwickelt, besonderen Einfluss übten hier Harold D. Lasswell und Bernhard Berelson mit ihren Untersuchungen zur Kriegspropaganda im Zweiten Weltkrieg aus. Dieser geschichtliche Hintergrund macht es verständlich, dass die Inhaltsanalyse auf eine Reduzierung des zu untersuchenden komplexen Textes abzielt, in der Absicht, dieses zu objektivieren und dadurch rational erfassbare Textelemente sichtbar zu machen, welche die Aussage des Textes konstituieren.

Im Gegensatz zur Hermeneutik soll also nicht der Sinngehalt des Textes ermittelt werden, sondern allein quantifizierbare Elemente, die dann als empirischer Beleg für sozialtheoretische Thesen, speziell Theorien der Kommunikationswissenschaft, dienen. Außerdem unterscheidet sich die Inhaltsanalyse von der Hermeneutik in der Berücksichtigung des Rezipienten; wo die Hermeneutik diesen mindestens als kreativ die Schaffensbedingungen des Textes rekonstruierendes Individuum und maximal als den Text durch seine Interpretation verändernden Koautor versteht, berücksichtigt die Inhaltsanalyse den Rezipienten nicht. Dadurch soll ausgeschlossen werden, dass der Rezipient den zu untersuchenden Gegenstand durch seine Interpretation verändert oder die Ergebnisse ihre objektive Glaubhaftigkeit verlieren, da so die Analyse nur in Anwesenheit desselben Rezipienten beliebig oft wiederholbar bliebe.

Dies macht das Vorhandensein eines zirkulären Verhältnisses, das ja durch den Wissenshintergrund und die fortschreitende Horizonterweiterung des Rezipienten bedingt ist, unmöglich und begünstigt stattdessen ein lineares Verfahren.

1.3 Verfahren

In den obigen Abschnitten wurde bereits deutlich, dass sich die Hermeneutik und die Inhaltsanalyse sowohl in ihren Grundgedanken als auch ihren Zielstellungen unterscheiden. Aufgrund dessen ist es nahe liegend, dass sich die beiden Analysemethoden auch unterschiedlicher Verfahren bedienen, die nun im Folgenden kurz erläutert werden sollen.

1.3.1 Hermeneutisches Verfahren

Die Entstehensgeschichte der Hermeneutik mit ihren Anfängen in der Romantik, in der noch die Freiheit des Subjekts, textinhärente Sinne wiederzuentdecken, im Vordergrund stand, und ihrer Neubegründung durch Gadamer, der betont, dass das interpretierende Subjekt stets durch seine Vorgeschichte beeinflusst ist und damit nicht vorurteilsfrei interpretieren kann, macht es schwierig, eine klar definierte Vorgehensweise anzuwenden. Gadamer geht davon aus, dass der ideale Interpretationsverlauf die Verschmelzung zweier Wissenshorizonte, des historisch geprägten und den des aktuellen Verständnisses, bewirke, lässt aber auch die Möglichkeit zu, dass dies nicht gelingen könne. Damit setzt er den Verstehensbegriff der Hermeneutik dem erkenntnisorientierten Ideal der analytischen Wissenschaften entgegen.

Obwohl sich daraus ergibt, dass es kein standardisiertes Verfahren der hermeneutischen Analyse geben kann, ergibt sich als Quintessenz, dass bei einer hermeneutischen Vorgehensweise die Subjektivität des Interpretierenden nicht außer Acht gelassen werden sollte. Zudem wurde aus der Beschreibung der hermeneutischen Theorie deutlich, dass ein zirkuläres Verfahren, nahe liegt. Deswegen könnte eine hermeneutische Textanalyse wie folgt gestaltet werden[1]:

Den Anfang der Analyse sollte das Formulieren eines ersten Verständnisses des Werkes bilden, das nicht Verstandenes oder Missverstandenes einschließt und so die Subjektivität der Interpretation deutlich macht. Diese ist Anlass für den Analysierenden, sich seines eigenen Kontextes bewusst zu werden, da dieser die Ergebnisse maßgeblich beeinflussen wird und diese aufgrund dessen nur als spezifische Lesart artikuliert werden können. Auf dieser Grundlage formuliert man nun eine erste Auslegungshypothese. Die Richtigkeit dieser Hypothese wird im Folgenden durch die Analyse des Textes überprüft, wobei seine Struktur, die ästhetische Gestaltung und Ausdrucksformen und der Bezug des Textes zur literarischen oder filmischen Tradition untersucht und anschließend in Bezug zum aktuellen Hintergrund gesetzt werden. Des Weiteren sollen dabei mögliche Bedeutungspotentiale entschlüsselt werden. Im Anschluss daran ermittelt man die Entstehens- und Rezeptionskontexte des Textes unter Zuhilfenahme von Sekundärliteratur über den Text.

Die so ermittelten Ergebnisse sollen in einem letzten Schritt miteinander verknüpft und verglichen werden; das dabei angestrebte Endresultat ist die Horizonterweiterung des Analysierenden, welche gleichzeitig die Bildung eines neuen Vorverständnisses ist und so den Ausgangspunkt für eine neue Analyse bildet.

Somit steht bei der hermeneutischen Analyse ein subjektiver Erkenntnisgewinn im Vordergrund, der durch das Verfahren erreicht werden kann, aber nicht dessen darstellen muss, da er nur Teil des hermeneutischen Zirkels ist. Diese Zielstellungen bilden einen starken Gegensatz zur Inhaltsanalyse, die ein lineares Verfahren mit intersubjektiv nachvollziehbaren Resultaten bevorzugt.

1.3.2 Inhaltsanalytisches Verfahren

Da die Inhaltsanalyse quantifizierbare und damit objektiv nachvollziehbare Ergebnisse bevorzugt, hat ihr Verfahren eine finale Struktur, bei der der Erkenntnisgewinn im Vordergrund und das rezipierende Subjekt im Hintergrund steht.

Am Beginn des Verfahrens steht eine genau entwickelte Fragestellung, die im Sinne der erwünschten Ergebnisse „operationalisiert“ (Hickethier) wird. Die auf den bisherigen Erkenntnissen zum Sachverhalt beruhenden Hypothesen werden nun anhand einer nach statistischen Methoden ausgewählten Fallsammlung überprüft und im Anschluss daran verifiziert bzw. falsifiziert. Abhängig davon, ob die Hypothesen bestätigt werden konnten, können sie in einem letzten Schritt neu formuliert werden.

Die so ermittelten und faktisch bestätigten Ergebnisse können die Grundlage für weitere Untersuchungen oder Diskussionen bilden, wodurch sukzessiv Weltwissen konstruiert werden soll.

Die hier beschriebenen Verfahrensweisen scheinen auf den ersten Blick sowohl auf die Literaturanalyse, als auch auf die Film- und Fernsehanalyse anwendbar. Ob dies der Wahrheit entspricht, oder ob bei der Analyse der verschiedenen Medien auch die Analysemethode an deren unterschiedliche Eigenschaften angepasst werden müssen, soll im Folgenden an der Analyse von Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ sowie den beiden filmischen Adaptionen von Frank Beyer und Peter Kassovitz ermittelt werden.

2 Analyse des Romans „Jakob der Lügner“ und dessen filmischer Adaption

Um die Voraussetzungen sowohl für die Inhaltsanalyse als auch für die hermeneutische Methodik zu schaffen, sollen in den nächsten Abschnitten sowohl das Buch als die Adaption durch Peter Kassovitz vorgestellt werden.

2.1 Jurek Becker: Jakob der Lügner

2.1.1 Der Autor

Jurek Becker wurde vermutlich 1937 in Lodz geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, da ihn sein Vater im Getto älter gemacht hatte, um ihn vor der Deportation zu bewahren. Nach dem zweiten Weltkrieg, den der ab dem 5. Lebensjahr zuerst im KZ Ravensbrück und dann Sachsenhausen verbracht hatte, musste er erfahren, dass 20 Mitglieder seiner Familie dem Genozid zum Opfer gefallen waren und nur er, sein Vater und eine Tante überlebt hatten. An diese Zeit hat Jurek Becker allerdings kaum eigene Erinnerungen, sein Wissen über das Leben im Getto hat er sich durch jahrelange Recherche angeeignet. Auch sein Vater war ihm keine Hilfe, das verlorene Wissen wiederzugewinnen; Max Becker schien stets bemüht, die belastende Vergangenheit zu tilgen, und zog aus diesem Grund mit seinem Sohn 1945 nach Ost-Berlin. 1955 machte Jurek Becker trotz anfänglicher Anpassungsprobleme sein Abitur, leistete daraufhin seinen Dienst in der NVA und begann danach ein Studium der Philosophie. Gleichzeitig wurde er Mitglied der SED.

Seit 1960 ist Jurek Becker freier Schriftsteller, dem ging der Ausschluss von der Universität aufgrund politischer Differenzen voraus. Er arbeitete u. a. als Drehbuchautor für die DEFA, dabei entstand auch das Drehbuch „Jakob der Lügner“, dass allerdings abgelehnt und erst verfilmt wurde, nachdem er es zu einem Roman umgearbeitet hatte. Er veröffentlichte im Folgenden noch fünf Romane, darunter „Der Boxer“ und „Irreführung der Behörden“, sowie eine Sammlung von Erzählungen, und arbeitete weiterhin fürs Fernsehen.

1977 zog er nach Westberlin, nachdem er aus dem Schriftstellerverband ausgetreten war und sich zuvor schon politisch engagiert hatte, beispielsweise gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR.

Jurek Becker starb 1997 an Darmkrebs und hinterließ seine Frau Christine und drei Söhne. Für sein künstlerisches Werk war er mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Bayrischen Fernsehpreis.

2.1.2 Der Roman

In seinem 1969 entstandenen Roman „Jakob der Lügner“ schildert Jurek Becker das Leben im polnischen Getto kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive des ehemaligen Imbissbesitzers Jakob Heym. Dieser erhascht aufgrund einer Verkettung ungünstiger Zufälle einen Blick auf die Nachrichten zum Kriegsverlauf in Polen und erfährt dabei, dass die russische Front kurz vor Bezanika, und damit in der Nähe seines Gettos ist. Die Zufallskette setzt sich fort und bald nimmt das ganze Getto an, Jakob Heym besitze ein Radio. So wird er zum unfreiwilligen Hoffnungsträger nicht nur für ihm unbekannte Menschen, sondern auch für seinen besten Freund Kowalski, seinem ehemaligen Boxschüler Mischa und seiner Pflegetochter Lina. Die Nachricht von der möglichen Befreiung wirkt sich unterschiedlich auf die Gettobewohner aus, die neu gewonnene Hoffnung führt einerseits dazu, dass wieder Pläne für die nahe Zukunft gemacht werden, z. B. bittet Mischa um die Hand von Rosa Frankfurter, zum anderen zu riskanten, hoffnungsbeschwingten Handlungen, die oft die verheißungsvolle Zukunft des Einzelnen mit einem Schlag vernichten; so wird Herschel Schtamm bei dem Versuch, die frohe Botschaft an die Insassen eines Deportationszuges weiter zu tragen, erschossen. Aber die Lüge vom Radio kann auch Leben retten, so hat seit Bekanntmachung der guten Neuigkeiten kein einziger Gettobewohner Selbstmord begangen.

Also lässt Jakob das Radio für die anderen Menschen im Getto weiter existieren und beginnt, eigene Nachrichten zu erfinden. Die Schwierigkeit, jeden Tag neue Nachrichten berichten zu können, und die Polarisierung der Gettobewohner in ein Lager für und eines gegen das Radio belasten Jakob zusehends. Doch er erkennt auch, wie viel vom Fortbestehen des Radios abhängt, besonders hart trifft ihn der Selbstmord Kowalskis, nachdem er diesem von seiner Lüge erzählt hat.

Die Lage spitzt sich weiter zu, als die ersten Bewohner des Gettos deportiert werden und das tragische Ende des Romans bereits erkennbar wird. Dieser ausweglosen Situation widersetzt sich der Autor aber, indem er dem Leser zwei Fassungen präsentiert: In der ersten Fassung wird Jakob mit den anderen Juden deportiert und erzählt im Zug dem Ich-Erzähler seine Geschichte, die dieser nach einigen Recherchen im Roman niederschreibt. In der zweiten Fassung stirbt Jakob bei einem Fluchtversuch, aber das Getto wird befreit.

Die Existenz des Ich-Erzählers deutet bereits darauf hin, dass der Roman eine Rahmenhandlung besitzt. Allerdings bleibt diese Konstruktion für den Leser sehr unübersichtlich, da während der Erzählung oft zwischen der Perspektive des Ich-Erzählers, der Jakobs oder der kollektiven Perspektive der Gettobewohner gewechselt wird, manchmal sogar mitten im Satz. Gleichzeitig aber verbindet die Figur des Ich-Erzählers, der im Präsens und damit ursprünglich während der Entstehungszeit des Buches berichtet, die Geschehnisse von 1944 mit der Auffassung der 1968er Generation, die u. a. den damaligen Gettobewohnern vorwirft, keinen Widerstand geleistet zu haben. Dies ist auch die Motivation des Ich-Erzählers, die Geschichte von Jakob Heyms unfreiwilligem Widerstand zu erzählen und so die Vorwürfe zu widerlegen. Gleichzeitig kommt er der zeitgenössischen Haltung nahe, die Erlebnisse im Getto nicht hören zu wollen, indem er sich von diesen durch Ironie distanziert und auch durch seine Kommentare Jakobs Schilderungen relativiert und so doch den entmenschlichenden Alltag im Getto erzählbar macht.

Jurek Becker arbeitet in seinem Roman viel mit Symbolen, z. B. wird immer wieder auf Bäume angespielt, die im Getto verboten waren. So wird dem Leser deutlich gemacht, dass ein unfreier Mensch oft für selbstverständlich gehaltene, unsere Welt konstituierende Dinge entbehren muss. Zum besseren Verständnis des Sachverhalts setzt der Autor auch Allegorien ein. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von der Prinzessin, die er Lina als vermeintliche Radiovorstellung erzählt und innerhalb der er mit einer Allegorie von einer Wolke Linas und seine Situation wiedergibt.

Im Folgenden werden die Anfangssequenz und diese für den Roman wichtige Stelle kurz nach hermeneutischen und inhaltsanalytischen Methoden untersucht werden.

2.2 Ausgewählte Textpassagen

2.2.1 Die Anfangssequenz – Analyse nach hermeneutischen Gesichtspunkten

Den ersten Abschnitt des Romans bildet ein Exkurs des Ich-Erzählers über die Relevanz von Bäumen. Dabei beginnt er damit, in einem fiktiven Dialog mit Skeptikern, die nicht verstehen können, weshalb für ihn Bäume so wichtig sind, deren mögliche Begründungen (besondere Eigenschaften, historische Relevanz, Ästhetik, Nutzwert) von der Hand zu weisen und schildert daraufhin sein Leben, dessen Wendepunkte immer mit einem Baum im Zusammenhang standen. Schließlich gibt der Ich-Erzähler einen weiteren Grund an, warum er immer an den Baum denke: Bäume sind im Getto verboten, wie auch viele andere alltägliche Dinge, z.B. „Ringe und sonstige Wertgegenstände, Tiere zu halten, nach acht auf der Straße zu sein“ (S. 8). Der Ich-Erzähler kann zwar verstehen, weshalb die eben aufgezählten Verbote bestehen, wenn er die Einstellung der Nazis gegenüber den Juden bedenkt, aber das Verbot der Bäume ist für ihn nicht nachvollziehbar. Die mit Wort „Baum“ inszenierte Redewendung „ein Mann wie ein Baum“ bringt den Ich-Erzähler schließlich zu Jakob Heym, von dem er sagt, er besitze solche Qualitäten nicht sondern sei „viel kleiner, er [gehe] dem Kerl wie ein Baum höchstens bis zur Schulter. Er hat Angst wie wir alle, er unterscheidet sich eigentlich durch nichts von Kirschbaum oder von Frankfurter oder von mir oder von Kowalski. Das einzige, was ihn von uns allen unterscheidet, ist, dass ohne ihn diese gottverdammte Geschichte nicht hätte passieren können. Aber sogar da kann man geteilter Meinung sein“ (S. 9).

2.2.1.1 Erstes Leseverständnis

Nach dem ersten Lesen fällt die Assoziationskette des Ich-Erzählers auf: Er beginnt damit, zu erzählen, dass Bäume für ihn wichtig seien, dies aber von den meisten Leuten nicht verstanden werde. Deswegen begründet er dies damit, dass Bäume immer ihn prägenden Abschnitten seines Lebens eine Rolle gespielt haben. Dies bringt ihn dazu, festzustellen, dass sie im Getto verboten sind. Die Schlussfolgerung liegt für mich nahe, dass, wenn wichtige Lebensinhalte eines Menschen aus dessen Lebensraum ausgeschlossen werden, dieser nicht mehr lebt, sondern nur noch existiert. Die Bäume waren Symbol und Teil von Erlebnissen, die den Charakter des Ich-Erzählers geprägt haben; nun werden sie und damit die Erinnerung daran aus dem Getto, seinem begrenzten Erfahrungsraum, ausgeschlossen, sodass auch ein Teil seiner Persönlichkeit verbannt wurde. Dass „alle“ (S. 7) Menschen das nicht verstehen, zeigt dass wie sehr dadurch Freiheit und Würde des Menschen beschnitten werden. Dem Ich-Erzähler ist somit die Distanz, welche die heutige Generation davon abhält, die Erlebnisse im Getto nachvollziehen zu können oder zu wollen, bewusst. Dass Distanz auch Oberflächlichkeit bedeuten kann, wird deutlich, wenn der Ich-Erzähler nun damit beginnt, von Jakob zu erzählen, und betont, dass er keine besonderen Eigenschaften habe und nicht einmal das Attribut „ein Kerl wie ein Baum“ verdiene; und trotzdem ist er der Protagonist des Romans. Die Menschen, die einen Baum nur dann für wertvoll halten würden, wenn er sich durch eine besondere Eigenschaft auszeichnete, würden auch Jakob nach demselben Kriterium beurteilen und ablehnen. Die Assoziation mit der Ideologie des Nationalsozialismus liegt nahe, welche die Vernichtung eines Volkes mit der Überlegenheit des anderen rechtfertigte. Außerdem ist mir die Frustration des Ich-Erzählers aufgefallen, der es bisher nicht geschafft hat, „diese verfluchte Geschichte loszuwerden […] Entweder es waren nicht die richtigen Leute […] oder es waren, wie gesagt, nicht die richtigen Leute […] Ich darf nicht so viel trinken, jedes Mal denke ich, es werden schon die richtigen Leute sein“ (S. 9).

Allerdings gibt der Ich-Erzähler keine Gründe an, weshalb es „nicht die richtigen Leute“ (ebenda) seien, und dem Leser bleibt nur die Vermutung aufgrund des bisher Erzählten.

2.2.1.2 Bewusstwerden des eigenen Kontextes und Formulieren einer Auslegungshypothese

Ich habe dieses Buch gelesen, etwa ein Jahr, nachdem ich die Hollywood-Adaption gesehen hatte. In dieser gibt es keinen Ich-Erzähler, sodass sich die Frage der Erzählmotivation nicht so stark aufdrängt wie bei der Lektüre des Romans. Ich hatte den Film in die Sparte „Hollywood nimmt Stellung zum Holocaust“ eingeordnet und die Erlebnisse von Jakob Heym als exemplarische Schilderung der Erlebnisse im polnischen Getto verstanden. Nach der Lektüre des Buches erscheint mir dieser Rahmen aber nun zu begrenzt. Der Vergleich zwischen der Figur Jakob Heym im Film (der gleichzeitig der Ich-Erzähler ist) und dem Ich-Erzähler des Romans drängt sich mir auf. Wo im Film vorwiegend mit der Fiktionalität des Erzählten gespielt wird, scheint sich hier auch die Intention des Autors, mindestens aber die des Ich-Erzählers, wiederzuspiegeln. Deswegen deute ich den ersten Abschnitt des Romans als Darlegung der Motivation, die Geschichte Jakob Heyms zu erzählen: Der Ich-Erzähler möchte die Besonderheit des Einzelnen, am Beispiel Jakob Heyms, einer Welt zeigen, die 20 Jahre nach dem Holocaust nur allzu geneigt ist, die Vorgänge dieser Zeit abschätzend und vermeintlich aufgeklärt als kollektiven Fehler, auch auf der Seite der nicht Widerstand leistenden Juden, zu beurteilen.

2.2.1.3 Analyse des Textabschnitts

Die Anfangssequenz des Romans gliedert sich in vier Abschnitte: 1. Die Feststellung des Ich-Erzählers, dass für ihn Bäume sehr wichtig seien und die Auseinandersetzung mit den Einwänden der anderen in Form eines fiktiven Dialogs, 2. Die Begründung für diese Haltung mit der Schilderung verschiedener Lebensabschnitte, in denen ein Baum eine wichtige Rolle gespielt hat, 3. Der Bezug zur Situation im Getto, in dem u. a. Bäume verboten sind und die Artikulation seines Unverständnisses für dieses spezielle Verbot durch den Ich-Erzähler, 5. Die Aussage des Ich-Erzählers, dass er die nun folgende Geschichte noch nie erzählen konnte, v. a. deswegen, weil er immer das falsche Publikum gehabt habe, 6. Der Bezug zu Jakob Heym, ohne den „diese gottverdammte Geschichte nicht hätte passieren können“ (S. 9).

Dieser logische Aufbau, der, durch die Assoziationen des Ich-Erzählers bestimmt, den Leser von dessen persönlicher Motivation zur Figur Jakob Heym und damit dem Beginn der Geschichte führt, wird durch die gleich bleibende Verwendung der ästhetischen Mittel in seiner Linearität unterstützt: Diese zeichnet sich durch ihre hypotaktische Konstruktion aus, wie z. B.: „Erstens haben Bäume in meinem Leben eine gewisse Rolle gespielt, die möglicherweise von mir überbewertet wird, doch ich empfinde es so“ (S. 7). Die so entstehende enge Verknüpfung der Aussagen wird durch Anaphern - „Oder meinst du vielleicht einen besonderen Baum […] Oder ist an ihm jemand Besonderer aufgehängt worden? […] Oder die Anzahl an Nutzmetern Holz […] Oder du meinst den berühmten Schatten, den er wirft?“ (ebd.) – und Wiederholungen wie „Entweder es waren nicht die richtigen Leute […] oder es waren, wie gesagt, nicht die richtigen Leute […] es werden schon die richtigen Leute sein“ (S. 9) verstärkt. Die so erzeugte Kohärenz wird durch einen kontinuierlich eingesetzten umgangssprachlichen Stil unterstützt, so finden sich immer wieder elliptische Sätze wie „Alles falsch“ (S. 7), Auslassungen wie „wenn’s hochkommt“ (ebd.) oder umgangssprachliche Wendungen und Einschübe wie „warum weiß der Teufel“ (S. 8) oder „übrigens“ (S. 7). Die Einhaltung dieser Stilebene in Kombination mit der linearen Struktur der Aussagen, die noch durch die Gliederung der Argumente – „Erstens haben Bäume in meinem Leben eine gewisse Rolle gespielt“ (ebd.), „Und jetzt der zweite Grund“ (S. 8) verleiht der Textpassage die Authentizität der Erzählung eines Zeitzeugen. Diese wird noch durch das Zitieren eines glaubwürdig wirkenden amtlichen Dokuments, der „Verordnung Nr. 31: ‚Es ist strengstens untersagt, auf dem Territorium des Gettos Zier- und Nutzpflanzen jedweder Art zu halten. Das gleiche gilt für Bäume. Sollten beim Einrichten des Gettos irgendwelche wildwachsenden Pflanzen übersehen worden sein, so sind diese schnellstens zu beseitigen. Zuwiderhandlungen werden…’“ (ebd.), unterstützt und auch das gelegentliche Abschweifen des Erzählers, z. B. das Sinnieren darüber, „was mit einem geschieht, der einen Ring am Finger hat und mit einem Hund nach acht auf der Straße angetroffen wird“ (ebd.) unterstreicht zwar nicht dessen perfekte Eignung zum rationalen Erzählen, wohl aber schafft es eine authentische Erzählsituation aufgrund des nur menschlich erscheinenden, von der linearen Struktur abschweifenden, Erzählens. Vergleiche wie „damit sich deine Blicke verklären wie die einer hungrigen Ziege, der man ein schönes fettes Grasbüschel zeigt“ (S. 7) oder das Aufgreifen eines bereits verwendeten Vergleichs wie „Jakob ist viel kleiner, er geht dem Kerl wie ein Baum höchstens bis zur Schulter (S. 9) lassen das Erzählte noch plastischer, eindrücklicher und damit glaubhafter erscheinen.

Obwohl also die Subjektivität des Erzählten durch das Vorhandensein des Ich-Erzählers im Vordergrund steht, wird diese durch die Authentizität vermittelnden stilistischen Gestaltungsmittel widerlegt. Der Roman gliedert sich damit einerseits in die Romantradition ein, in der die Vermittlung individueller Schicksale im Vordergrund stand, andererseits schließt er sich auch frühen Romanformen bzw. –vorgängern wie der religiösen Autobiographie an, in denen allgemeingültige Wahrheiten am Schicksal des Einzelnen exemplarisch dargelegt werden sollen. Das Beharren des Ich-Erzählers auf der subjektiven, unüblich wirkenden Affinität zu Bäumen kann als Symbol für die Wichtigkeit des Alltäglichen für den Einzelnen gedeutet werden, so wie analog der durchschnittlich wirkende Jakob Heym zum Hoffnungsträger für jeden einzelnen Gettobewohner wurde.

2.2.1.4 Erschließung der Kontexte der Textpassage

Der biographische Hintergrund des Autors, der Inhalt des Romans und die Einordnung der Textpassage wurden bereits in den vorangehenden Abschnitten behandelt. Dem bleibt noch hinzuzufügen bzw. hervorzuheben, dass es einige Parallelen zwischen dem Autor und dem Ich-Erzähler sowie Jakob Heym gibt. So schildert sich der Ich-Erzähler als Gettobewohner, der sich in einer Zeit wieder findet, in der die Unterdrückung der polnischen Juden durch die Nationalsozialisten mit distanzierter Rationalität betrachtet wird. In derselben Situation findet sich der ehemalige Gettobewohner Jurek Becker wieder, als er 1968 das Drehbuch „Jakob der Lügner“ verfasst. Auch er hat schon „tausendmal versucht, diese verfluchte Geschichte loszuwerden“, aber sie wurde erst nach der Umarbeitung zum Roman als Vorlage für einen Film akzeptiert. So wie Jakob Heym zugibt, er sei nicht gläubig, aber Jude, bezeichnete Jurek Becker sich als Atheist, antwortet aber, auf seine Religion angesprochen, „Meine Eltern waren Juden“ (wikipedia), betont also sowohl persönlich als auch durch sein Werk die oberflächliche Kategorisierung nach der Glaubensrichtung, das allzu leicht die Abstammung höher bewertet als die Gläubigkeit. Diese Kritik an oberflächlicher Urteilsbereitschaft wird, wie bereits beschrieben, auch schon im Anfangsabschnitt des Romans deutlich.

2.2.1.5 Verknüpfung und Vergleich der bisherigen Ergebnisse – Zusammenfassung

Abschließend findet sich die Ausgangshypothese bestätigt, der Abschnitt diene dazu, die Motivation des Ich-Erzählers darzulegen, von Jakob Heym zu berichten. Auch die Vermutung, dies geschehe, um das leicht gefällte Urteil über die Irrelevanz des Einzelnen für den Verlauf der Geschichte, zu kritisieren und widerlegen, hat sich meiner Meinung nach bewahrheitet. Die Wahl der stilistischen Mittel deutet darauf hin, dass der Erzähler seiner subjektiven Wahrnehmung die größtmögliche Authentizität verleihen will; die Verwendung der Baum-Allegorie ermöglicht eine subtile Vermittlung der o. e. Botschaft und unterläuft so das oberflächlich urteilende System, das kritisiert wird – liefert damit selbst den Beweis für die Richtigkeit der Kritik.

Das Buch ist als kritisches Zeitdokument des Holocaust sowie der geschildert sowie seiner Entstehungszeit zu betrachten, hat aber für mich durch die erfolgte Analyse an Gehalt gewonnen, da es mir aufgrund der Parallelen zwischen Autor, Ich-Erzähler und der Figur des Jakob Heym nahe liegend erscheint, dass der Autor mit diesem Werk auch die Erschließung oder Aufarbeitung seines persönlichen Schicksals angestrebt hat. Die analysierte Textstelle halte ich nun für besonders signifikant, da sie bereits die wesentlichen Elemente der durch das Buch vermittelten Botschaft, wie bereits erläutert, enthält.

Vertreter der Inhaltsanalyse allerdings würden meine Deutungen, besonders in Hinblick auf den autobiographischen Anteil, als faktisch nicht zu bestätigende Vermutungen bewerten, sodass es nun sinnvoll erscheint, in Erfahrung zu bringen, zu welchen Ergebnissen eine Inhaltsanalyse derselben Textstelle führt.

2.2.2 Die Anfangssequenz – Untersuchung nach inhaltsanalytischen Gesichtspunkten

2.2.2.1 Entwickeln der Hypothese und Fragestellung

Es wurde bereits ermittelt, dass der Autor das Wort „Baum“ als Schlüsselwort, als die allgemeine Aussage illustrierende Metapher, gebraucht. Eine besonders häufige Verwendung dieses Wortes liegt daher nahe.

Demzufolge erscheint es sinnvoll, den Text einer Frequenzanalyse zu unterziehen und zu ermitteln, wie oft das Wort „Baum“ im Vergleich zu anderen Wörtern verwendet wurde.

2.2.2.2 Überprüfung anhand statistisch ermittelter Ergebnisse

Der erste Abschnitt des Buches wurde nun digitalisiert. Mittels des Programms „Hamlet II“ wurde daraus eine Frequenzliste erstellt. Ein Auszug mit den zehn häufigsten Wörtern soll hier gezeigt werden:

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Type/Token Ratio 0.492

Aus dieser Liste wird ersichtlich, dass das am häufigsten erwähnte Wort das Pronomen “ich” ist; da es sich in dem Roman um einen Ich-Erzähler handelt, ist dies nicht weiter verwunderlich. Weitere häufig verwendete Wörter ist das Pronomen „es“, die Artikel „der“ und „die“ und „ein“, der Negationspartikel „nicht“ und das Verb „habe“, das in der ersten Person Singulär Präsens Aktiv steht und somit mit dem Vorhandensein des Pronomens „ich“ in Zusammenhang steht. Die eben aufgezählten Wörter sind also zum einen durch die Erzählperspektive erklärbar, zum anderen sind es häufig verwendete, keine besondere Bedeutung tragende Wörter, die in den verschiedensten Situationen verwendet werden können.

An sechster Stelle allerdings steht das Wort „Baum“, es wurde fast halb so oft verwendet wie das Wort „ich“. Die große Häufigkeit der aufgelisteten Wörter wurde bereits erklärt; die Verwendung des Wortes „Baum“ sowie der flektieren Form „Bäume“ bleibt daher umso auffälliger, als dass sie keinen rein funktionalen Charakter haben kann.

2.2.2.3 Verifizierung

Aus der Untersuchung hat sich ergeben, dass das Wort „Baum“ eine ähnlich hohe Frequenz hat wie sonst nur funktionale Wörter. Daraus lässt sich folgern, dass diesem Wort ein Schlüsselwortstatus zukommt. Die in 2.2.2.1 aufgestellte Hypothese hat sich daher bewahrheitet; eine Neuformulierung ist nicht nötig.

2.2.3 Eine Märchenstunde für Lina – Analyse nach hermeneutischen Gesichtspunkten

Jakob hat Linas Suche nach dem Radio nachgegeben und sie in den Keller geführt, wo er ihr das Radio – unter strengster Geheimhaltung, denn Radiohören ist im Getto für Kinder eigentlich verboten! – vorführen will. Er beginnt mit einem Interview von Winston Churchill, der besonders gute Neuigkeiten über den Kriegsverlauf nahe Bezanika verkündet, improvisiert dann mit einer alten Kanne und einem Eimer ein Orchester. Zum Schluss erzählt er Lina, die Jakob als eigentliches „Radio“ bereits identifiziert hat, als „Märchenonkel“ (S. 171) das Märchen von der kranken Prinzessin. Diese ist so betrübt darüber, dass sie keine Wolke besitzt, dass sie ihr Bett nicht mehr verlässt und krank und allein in ihrem Zimmer liegt. Alle Gelehrten und wichtige Persönlichkeiten des Landes versuchen vergebens, ihr eine Wolke vom Himmel zu holen. Der Gärtnerjunge allerdings, mit dem sie früher jeden Tag gespielt hat, schleicht sich zu ihr ins Zimmer. Die Prinzessin erzählt ihm von ihrem Kummer und beschreibt, von ihm dazu aufgefordert, eine Wolke als ein etwas kopfkissengroßes Gebilde aus Watte. Der Junge bringt ihr ein Stück Watte, das ungefähr so groß wie ihr Kopfkissen ist, und die Prinzessin wird wieder gesund. Die Belohnung dafür schlägt der Junge aus und nimmt lieber die Prinzessin zur Frau, und alle leben glücklich bis an ihr seliges Ende.

[...]


[1] Ich beziehe mich hierbei v.a auf Hickethiers Angaben zur hermeneutischen Film- und Fernsehanalyse.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Analyse von „Jakob der Lügner“ als Roman von Jurek Becker und Film von Peter Kassovitz
Untertitel
Nach hermeneutischen und inhaltsanalytischen Verfahren
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Literatur und Film - Vergleich narrativer Strukturen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
74
Katalognummer
V141648
ISBN (eBook)
9783640513789
ISBN (Buch)
9783640511549
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Romans, Lügner“, Jurek, Becker, Films, Liar), Peter, Kassovitz, Verfahren
Arbeit zitieren
M.A. Claudia Jahn (Autor), 2006, Analyse von „Jakob der Lügner“ als Roman von Jurek Becker und Film von Peter Kassovitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141648

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