Internetoptimisten und das soziale Online-Netzwerk StudiVZ im Bundestagswahlkampf 2009 - Ein „Mehr an Demokratie“?


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Internetoptimisten und das soziale Online-Netzwerk StudiVZ im Bundestagswahlkampf 2009: Ein „Mehr an Demokratie“?
1. Einleitung
2. StudiVZ – das größte soziale Netzwerk in Deutschland
3. Theoretische Standpunkte: Internetoptimisten vs. Internetpessimisten
4. Veränderungen im StudiVZ im Zuge des Bundestagswahlkampfes
4.1 Einführung neuer Angebote für Parteien und Politiker, Medienorgane und Nutzer
4.2 Potenziale im StudiVZ durch die politischen Angebote
4.3 Unterschiede zwischen politischen Edelprofilen und Gruppen mit politischer Thematik
5. Bestätigung und Relativierung der Standpunkte der Internetoptimisten
5.1 Politische Edelprofile
5.2 Gruppen mit politischer Thematik
6. Fazit

II. Anhang
1. Nummer 1: Beispiele für ein „Edelprofil“, ein normales Nutzerprofil sowie eine Gruppe mit politischer Thematik.
2. Nummer 2: Übersicht über die „Anhänger“-/ Mitgliederstärken für „Edelprofile“ und Gruppen der Parteien, Kandidaten und Jugendorganisationen

III. Bibliografie

I. Internetoptimisten und das soziale Online-Netzwerk StudiVZ im Bundestagswahlkampf 2009: Ein „Mehr an Demokratie“?

1. Einleitung

Politik ist ohne Kommunikation nicht denkbar. Und Wahlkampfzeiten sind vermutlich die Höhepunkte politischer Kommunikation. Bereits in den 1990er Jahren wurden dafür erste Online-Wahlkampagnen in Deutschland getestet, aber erst mit dem „Obama-Hype“ des Jahres 2008 tat sich eine neue Dimension des Internet-Wahlkampfes auf (Güldenzopf 2009: 5). Das Internet übt bezüglich Information, Wähleransprache und Mobilisierung entscheidenden Einfluss auf die gesamte politische Wahlkampagne aus, weil es vielfältige Formen der politischen Kommunikation zeit- und raumunabhängig sowie schnell und kostengünstig ermöglicht (Zimmermann 2006: 22). Nach einer Phase der Vorüberlegungen und des Experimentierens mit den Möglichkeiten des Web 2.0 haben sich nun auch deutsche Parteien im Bundestagswahlkampf 2009 entschieden, aktiv diese Potenziale zu nutzen und dabei auf verschiedene Tools, die das Internet bietet, zurückzugreifen. In der vorliegenden Arbeit soll daher auf ein Beispiel dieses Web 2.0 -Wahlkampfes konkret eingegangen werden: Die Veränderungen im größten sozialen Netzwerk Deutschlands, dem StudiVZ (Studentenverzeichnis), im Zuge des Bundestagswahlkampfes 2009.

Nach einer kurzen Vorstellung des Unternehmens und seiner Dienstleistung folgt eine theoretische Betrachtung der bisherigen Entwicklung in diesem speziellen Bereich des Internets sowie der gegenüberstehenden Standpunkte der sogenannten Internetoptimisten und Internetpessimisten. Danach werden die beobachteten Entwicklungen bezüglich des Bundestagswahlkampfes 2009 im StudiVZ beschrieben und die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten analysiert. Das Hauptaugenmerk liegt anschließend auf der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Potenzialen. Es soll untersucht werden, inwiefern die Position der Internetoptimisten durch die bisherigen Veränderungen im StudiVZ gestützt oder relativiert wird. Abschließend soll ein Urteil über den aktuellen Stand auf der Plattform StudiVZ und das „Mehr an Demokratie“ durch dieses soziale Netzwerk gefällt werden. Der Hauptteil der Arbeit umreißt insgesamt den Zeitraum des Jahres 2009 bis Ende Juli und bezieht den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Stand der Entwicklungen im StudiVZ ein.

2. StudiVZ – das größte soziale Netzwerk in Deutschland

StudiVZ ist als soziales Online-Netzwerk (Social Network) im Jahre 2005 gegründet und ursprünglich nur für Studierende[1] im deutschsprachigen Raum konzipiert worden. Auch der rasante Zuwachs an Nutzerzahlen veranlasste schließlich im Jahre 2007 eine Tochter des Holtzbrinck -Verlages das Netzwerk für die enorme Summe von 85 Millionen Euro vollständig zu übernehmen (Sievers 2007). Zusammen mit dem 2008 konzipierten MeinVZ (Plattform für Absolventen und Berufstätige) gelang erstmalig die direkte Verknüpfung von zwei sozialen Netzwerken über eine Schnittstelle, die Nutzern den Zugriff auf beide Netzwerke gleichzeitig ermöglicht. Zusammen mit dem dritten Netzwerk für Schüler, dem SchülerVZ, spricht die StudiVZ Ltd. über 14 Millionen Nutzer an und steht damit in Deutschland mit Abstand auf dem ersten Platz der Social Networks. Die Plattform nimmt zudem mit fünf Millionen Unique Usern (erstes Quartal 2008) nach E-Mail-Konten-Anbietern wie T-Online oder Web.de sowie Fernsehsendern wie RTL eine führende Position in der Bundesrepublik ein (Statista 2009: „Besucher sozialer Onlinenetzwerke“, Statista 2009: „Die größten Online-Medien“).

Mit einer eigenen E-Mail-Adresse kann man sich auf www.studivz.net registrieren und ein Profil mit verschiedenen Angaben zur Person, dem Studium, dem Beruf, den Interessen etc. anlegen. Der Nutzer hat die Möglichkeit, Privatsphäre-Einstellungen (wie personalisierte Werbung oder die Sichtbarkeit des Profils für andere Nutzer) individuell zu konfigurieren. Das Netzwerk dient in erster Linie zum Kontakteknüpfen mit Kommilitonen, Arbeitskollegen oder Menschen mit gleichen Interessen. Durch bidirektionale[2] Kontakte entstehen Freundeslisten, welche auch die Verbindungen zwischen verschiedenen Nutzern visuell auf den Profilseiten präsentieren. Außer dem Erstellen eigener Fotoalben, dem gegenseitigen Verlinken von Freunden auf Fotos sowie der einfachen Nachrichtenfunktion (ähnlich einer netzwerkinternen E-Mail) bildet die Mitgliedschaft in Gruppen und die Teilnahme an deren Diskussionsforen das Hauptmerkmal des StudiVZ[3]. Zusätzliche Funktionen sind die „Pinnwand“ auf der Seite jedes Nutzers (ähnlich einem Gästebuch auf Webseiten), das Auswählen von „Lehrveranstaltungen“, welche ein Netzwerkmitglied besucht, das „Gruscheln“ anderer Nutzer (Kombination der Wörter „grüßen“ und „kuscheln“ als freundschaftliches „Anstupsen“), der „Plauderkasten“ (einem netzwerkinternen Instant Messengers/ Chat mit Freunden ähnlich) sowie der „Buschfunk“ (Kurzmeldungen ähnlich dem Twitter -Dienst). Das Netzwerk an sich bietet zudem Event-Hinweise, kurze Videoclips, Umfragen und anderes an.

3. Theoretische Standpunkte: Internetoptimisten vs. Internetpessimisten

Die vorangegangene Beschreibung zeigt bereits auf, dass Social Networks, aber auch das World Wide Web insgesamt, technisch an Quantität und Qualität in den letzten Jahren rasant zunahmen (Grunwald 2005). Die Intermedialität, also die Kombination aller klassischen Zeichensysteme, wie sie exemplarisch im StudiVZ praktiziert wird, lässt neue Möglichkeiten der Kommunikation entstehen. Im Zuge dessen hat sich auch die Medien- und Kommunikationswissenschaft mit den bahnbrechenden Veränderungen auseinandergesetzt und versucht, die Entwicklungen theoretisch und empirisch zu fassen. Im Zusammenhang mit der Politik entwickelten sich Vorstellungen und bereits in Ansätzen realisierte Ideen von der elektronischen Demokratie (E-Democracy) und des virtuellen Regierens (E-Government) (Beck 2006: 204). Hierbei standen sich frühzeitig zwei Positionen gegenüber: die der Internetoptimisten und die der Internetpessimisten. Es galt, die demokratietheoretische Frage zu beantworten, ob und inwiefern das Internet die politische Gleichheit fördern und die Chancen auf Information, Diskussion und Partizipation der Bürger stärken kann (Hoecker 2002).

Medienwissenschaftler wie Zimmermann (Yang 2008: 3) schreiben den Internetoptimisten das Demokratisierungstheorem zu: Die Gesellschaft wird durch das Internet demokratisiert, weil sowohl die Quantität als auch die Qualität der politischen Partizipation erhöht werden. Ein freier Raum für den Diskurs der Bürger wird ermöglicht und das neue Medium bietet vor allem gering institutionalisierten und ressourcenschwachen Akteuren bessere Chancen der Information, Diskussion und Partizipation. Ziel ist es, die Demokratie durch die Potenziale des Internets zu stützen und zu stärken und schließlich den Bürgern zusätzlich zu Wahlen mehr Entscheidungsbefugnisse zu offerieren (Binkhoff 2002: 50ff.).

Dem gegenüber stehen die Internetskeptiker beziehungsweise Internetpessimisten, welche das Internet nur als weitere, neue Form für bestehende Ungleichheiten einschätzen. Ihnen wird das Potenzierungstheorem nach Zimmermann zugeschrieben (Yang 2008: 3), das heißt, dass das Internet die Schere zwischen den Teilhabenden und den Abgehängten in der Demokratie nur noch weiter vergrößert (Digital Divide) oder zumindest der Status quo erhalten bleibt (Reproduktionsthese). Internetskeptikern zufolge schätzen die Optimisten die partizipationsfördernden Potenziale des World Wide Web utopisch ein, indem sie die bisherige Nichtteilnahme als lediglich technisches Problem verklären (Hoecker 2002).

4. Veränderungen im StudiVZ im Zuge des Bundestagswahlkampfes 2009

4.1 Einführung neuer Angebote für Parteien und Politiker, Medienorgane und Nutzer

Diese konträren Ansichten sollen nun am Beispiel der Veränderungen im StudiVZ im Zuge des Bundestagswahlkampfes 2009 untersucht werden[4]. Dabei hat die StudiVZ Ltd. als politisch neutrales Social Network seit dem Frühjahr 2009 den sechs im Bundestag vertretenen Parteien, ihren Kandidaten und den dazugehörigen Jugendorganisationen die Möglichkeit gegeben, kostenlose „Edelprofile“ anzulegen. Es ist allerdings zu erwähnen, dass die Begrenzung der Profile ausschließlich auf natürliche Personen auch vorher nicht konsequent umgesetzt wurde, da sich Jugendorganisationen wie die Junge Union bereits Profile entwerfen konnten. Durch Gruppen mit politischer Thematik spielten zudem politische Diskussionen bereits vor diesen Änderungen eine Rolle im Netzwerk (Heise 2009).

Nun erhalten die Kandidaten beziehungsweise Parteien aber „Edelprofile“ von StudiVZ mit „Echtheitssiegel“ („Offizielles Profil – von StudiVZ geprüft“) zur klaren Kennzeichnung und können auf zusätzliche Features zurückgreifen. So können die StudiVZ -Nutzer mit der Schaltfläche „Finde ich gut“ ihrer Sympathie für einen Kandidaten, eine Partei oder Jugendorganisation Ausdruck verleihen und sich als „Anhänger“ dieser positionieren. Die „Edelprofile“ bieten größere Freiheiten in der Gestaltung. Es ist zum Beispiel möglich, Videoclips, Links zu anderen Internetseiten, Werbung für Wahlkampfveranstaltungen sowie weitergehende persönliche Informationen einzubinden[5].

Zusätzlich richtete das StudiVZ eine „Wahlzentrale“ ein und gewann namhafte Medienpartner (ZDF, Spiegel Online, Zeit Online, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Cicero, YouTube, politik.de) für dieses politische Element des Netzwerkes. Im Juli folgte eine interaktive Interview-Reihe mit den Vertretern der Jugendorganisationen der Parteien und für August ist eine „Deutschland-Wahlkarte“ zum Auffinden der Wahlkreiskandidaten geplant (Meedia 2009). Zusätzlich wurde die Aktion „Meine Stimme zählt!“ gestartet. Dazu der StudiVZ -CEO, Markus Berger-de León: „Mit unserer Aktion ‚Meine Stimme zählt!‘ wollen wir Millionen junger Wähler mobilisieren, politische Inhalte neuartig vermitteln und den Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern und unseren Mitgliedern deutlich erhöhen.“ (Meedia 2009). Dabei haben sowohl das Engagement der Kandidaten und Parteien als auch die Resonanz der Nutzer seit der Europawahl im Juni deutlich zugenommen (Der Stern 2009: 04.05.2009). Durch ihren überraschenden Erfolg bei dieser Wahl wurde zudem die Piratenpartei als siebte Partei nach einem deutlichen Entscheid der StudiVZ -Mitglieder für die „Edelprofile“ zugelassen.

[...]


[1] Der Einfachheit halber wird im Folgenden die maskuline Form verwendet. Dabei sind sowohl die weiblichen als auch männlichen Personen gemeint. Dies gilt auch für Bezeichnungen wie zum Beispiel „Nutzer“ und „Mitglied“.

[2] Das heißt, dass eine Freundschaft immer von beiden beteiligten Personen bestätigt werden muss.

[3] Die kategorisierten Gruppen decken dabei unterschiedlichste Interessensgebiete ab. Beispiele: „Rock am Ring“ (16.606 Mitglieder, Kategorie Musik), „New York is awesome“ (2.296, Geographie), „Mathe ist ein Arschloch und Physik ist sein kleiner Bruder“ (12.889, Gemeinsame Interessen), „Deutsches Rotes Kreuz“ (5.776, Organisationen), „FC Bayern München“ (28.394, Sport & Freizeit), „GZSZ“ (5.061, Unterhaltung & Kunst), „Prüfungen kann man wiederholen – Partys nicht!“ (6.608, Campus Leben), „Kumm loss mer fiere – es lebe der KÖLSCHE Karneval!!!“ (16.757, Spaß & Unsinn), „Best of YouTube“ (1.897, Tech & Internet)

[4] Da die beiden Netzwerke StudiVZ und MeinVZ durch eine Schnittstelle miteinander gekoppelt sind, gelten die folgenden Ausführungen immer für beide Netzwerke, die quasi zusammen eine Plattform bilden. Der Lesbarkeit halber wird diese, gemäß der gängigen Bezeichnung in der Berichterstattung, StudiVZ genannt.

[5] Siehe Anhang Nummer 1: Beispiele für ein „Edelprofil“, ein normales Nutzerprofil sowie eine Gruppe mit politischer Thematik.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Internetoptimisten und das soziale Online-Netzwerk StudiVZ im Bundestagswahlkampf 2009 - Ein „Mehr an Demokratie“?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Medientheorien im Überblick
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V141675
ISBN (eBook)
9783640494743
ISBN (Buch)
9783640494927
Dateigröße
1932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internet, studi, vz, wahl, wahlkampf, online, netzwerk, social, network, community, demokratie, 2009, partei, optimist, web, 2.0, holtzbrinck, meinvz
Arbeit zitieren
Renard Teipelke (Autor), 2009, Internetoptimisten und das soziale Online-Netzwerk StudiVZ im Bundestagswahlkampf 2009 - Ein „Mehr an Demokratie“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141675

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