Wie kommt Wissen und Erkenntnis zu Stande? Wodurch zeichnen sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus und was eigentlich bedeutet Wissenschaft und was nicht? Dies alles sind -mitunter kontroverse - Fragen mit der sich die Wissenschaftstheorie im Allgemeinen und die vorliegende Aufsatzsammlung im Speziellen anhand ausgewählter Blickwinkel befasst.
Das die Frage nach der Definition und dem Geltungsraum von Wissenschaft eben nicht nur wissenschaftlich-objektiv betrachtet werden kann, sondern ihr immer auch eine subjektive Sichtweise eingeschrieben ist, die zu Kämpfen um die Deutungsmacht von Wissenschaft führen, wird mit Foucault im ersten Aufsatz thematisiert. Daran anschließend wird mit Kuhn im zweiten Aufsatz dargelegt, wie und warum wissenschaftliche Erkenntnisse in bedeutender Weise von dem Paradigma abhängt, in dessen Deutungsrahmen Wissenschaft und Forschung eingebettet sein können. Mit Glasersfeld radikalen Konstruktivismus wird die konstruktivistische Leitthematik der Aufsatzsammlung schließlich gesteigert und jeglicher Anspruch auf einen objektiven Standpunkt negiert. Dies führt unweigerlich zu der polarisierenden Frage, die die Aufsatzsammlung umtreibt: Was überhaupt können wir sicher wissen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Wissenschaftstheorie
2. Foucault - Macht ist (auch) Wissen
3. Kuhn - Die Wissenschaft und ihr Paradigma: Eine Beziehung auf Augenhöhe?
4. Glasersfeld - Konstruierte Wirklichkeiten: Sinn und Unsinn des radikalen Konstruktivismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht wissenschaftstheoretische Grundlagen und hinterfragt kritisch die Bedingungen, unter denen Wissen und Erkenntnis generiert werden. Ziel ist es, die Spannung zwischen objektivem Wahrheitsanspruch und subjektiver Perspektivität aufzuzeigen.
- Die Analyse der Diskursmacht nach Foucault.
- Die Untersuchung wissenschaftlicher Paradigmenwechsel bei Kuhn.
- Die Dekonstruktion objektiver Wirklichkeit durch den radikalen Konstruktivismus.
- Das Spannungsfeld zwischen Freiheit der Wissenschaft und moralischer Verantwortung.
- Die kritische Reflexion über die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnisfähigkeit.
Auszug aus dem Buch
4. Glasersfeld - Konstruierte Wirklichkeiten: Sinn und Unsinn des radikalen Konstruktivismus
Wer kennt es nicht? Die Idylle bunter Blumenwiesen im Frühling oder die Farbenpracht der Gemälde französischer Impressionisten: Das menschliche Auge kann etwa 200 verschiedene Farbtöne unterscheiden (Spektrum 2018). Aber wissen wir wirklich, ob die betrachteten Objekte unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung rot, blau oder grün sind? Ist die Wahrnehmung der Farben nur eine Interpretation der menschlichen Wahrnehmung, die durch die biologischen Gegebenheiten ermöglicht und zugleich begrenzt wird? Am deutlichsten zeigt sich diese Begrenzung bei Menschen, die eine rot-grün-Schwäche aufweisen. Plötzlich erscheinen Objekte, die von anderen Menschen als rot oder grün wahrgenommen werden, grau (Lubbadeh 2013).
Ernst von Glasersfeld nimmt in seinem Text Einführung in den radikalen Konstruktivismus eine eindeutige Position gegenüber diesem Beispiel ein: Für ihn steht fest, dass eine rein objektive Wahrnehmung der Welt nicht möglich ist. Weiter noch: Die Welt in der wir leben, mit ihr alles Wissen und Handeln, ist nach Glasersfeld nicht an eine rein objektive Wahrheit gekoppelt. Sie ist stattdessen Ausdruck menschlicher Konstruktionen. Damit ist Glasersfeld dem sogenannten radikalen Konstruktivismus zuzuordnen (Glasersfeld 1985, S.17).
Als radikal wird der von Glasersfeld beschriebene Konstruktivismus bezeichnet, weil er mit der traditionellen Vorstellung bricht, dass Wissen nur dann wahr ist, wenn es mit einer unabhängigen und objektiv zu beobachtenden Wirklichkeit übereinstimmt. Dieser Vorstellung setzt Glasersfeld ein komplementäres Konzept entgegen. Nicht Erkenntnisse sondern Erfahrungen, nicht gesichertes Wissen, sondern kognitive Strukturen, die unseren Erwartungen an sie entsprechen und angepasst werden, sobald sie ihnen nicht mehr entsprechen, bestimmen unsere Lebenswirklichkeiten. Kurzum: Wissen ist funktional und kann aus Sicht des radikalen Konstruktivismus als Anpassung verstanden werden (Glasersfeld 1985, S. 19, 23, 31).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Wissenschaftstheorie: Die Einleitung steckt den theoretischen Rahmen ab und führt in die zentrale Fragestellung ein, ob und wie objektives Wissen überhaupt möglich ist.
2. Foucault - Macht ist (auch) Wissen: Dieses Kapitel erläutert, wie Wissen innerhalb diskursiver Praktiken kontrolliert und selektiert wird und in welcher Verbindung es zur Machtausübung steht.
3. Kuhn - Die Wissenschaft und ihr Paradigma: Eine Beziehung auf Augenhöhe?: Der Autor untersucht, wie Paradigmenwechsel wissenschaftliches Denken und die Wahrnehmung von Welt durch Revolutionen verändern.
4. Glasersfeld - Konstruierte Wirklichkeiten: Sinn und Unsinn des radikalen Konstruktivismus: Hier wird die radikal-konstruktivistische Auffassung dargelegt, dass Wirklichkeit stets ein funktionales Konstrukt des menschlichen Geistes ist.
Schlüsselwörter
Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie, Macht, Diskurs, Paradigma, Konstruktivismus, Wirklichkeit, Wahrheit, Wahrnehmung, Erkenntnisgewinn, Subjektivität, Dekonstruktion, Funktionalismus, Wissen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftstheoretischen Übersicht?
Die Arbeit befasst sich mit der grundlegenden Frage, wie menschliche Erkenntnis entsteht und inwieweit wissenschaftliche Forschung objektive Wahrheitsansprüche tatsächlich erfüllen kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Felder sind die Diskursanalyse, die Dynamik wissenschaftlicher Paradigmenwechsel sowie die erkenntnistheoretischen Maximen des radikalen Konstruktivismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale, die Arbeit leitende Frage lautet: Was überhaupt können wir sicher wissen, wenn die objektive Wahrheit durch Perspektivität und Konstruktion beeinflusst wird?
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine systematische wissenschaftstheoretische Aufarbeitung, die auf der Analyse zentraler Texte bedeutender Denker (Foucault, Kuhn, Glasersfeld) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Analyseschritte, die die Machttheorie von Foucault, die Paradigmentheorie von Kuhn und das konstruktivistische Modell nach Glasersfeld kritisch gegenüberstellen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind hierbei Diskurs, Paradigma, Radikaler Konstruktivismus, Wahrheit, Erkenntnistheorie und Macht.
Inwiefern setzt Foucault Macht in Relation zu Wissen?
Foucault argumentiert, dass Wissen nicht neutral ist, sondern innerhalb von Diskursen geformt und selektiert wird, wodurch Machtverhältnisse erst entstehen und legitimiert werden.
Wie unterscheidet sich Kuhns Paradigmenbegriff von einer rein linearen Wissensentwicklung?
Kuhn beschreibt den wissenschaftlichen Fortschritt nicht als stetigen Zuwachs, sondern als bruchhafte Entwicklung, bei der alte Weltbilder durch Revolutionen infolge von Krisen ersetzt werden.
Warum wird der radikale Konstruktivismus als "funktional" bezeichnet?
Nach Glasersfeld ist Wissen funktional, da es kein Abbild der Welt ist, sondern ein kognitives Instrument zur Anpassung und Bewältigung von Lebenserfahrung.
Ist der radikale Konstruktivismus mit der modernen Sinnsuche vereinbar?
Ja, der radikale Konstruktivismus bietet in einer als komplex und unsicher empfundenen Moderne einen Sinn an, indem er den Menschen selbst zum Architekten seiner Wirklichkeit macht.
- Arbeit zitieren
- Tobias Hamm (Autor:in), 2018, Wissenschaftstheorie. Von Foucault über Kuhn zum Konstruktivismus Glasersfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1416892