Geschichtlichkeit und Modernität in einem Magazin aus der Republikzeit (1912-1949)

Anhand der Betrachtung einer Ausgabe der Zeitschrift Liangyou (良友) vom 30. Mai 1927


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum thematischen Aufbau von Liangyou (良友)
2.1 Einleitendes zum Aufbau
2.2 Fotoberichte
2.2.1 Politische Berichterstattung in Bildern
2.2.2 Kunst- und Kulturbetrachtungen
2.3 Textbeiträge
2.4 Anzeigen und Werbetexte

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dem Buch Global Shanghai von Jeffrey N. Wasserstrom, beschreibt der Autor an einer Stelle, dass das 1926 in Shanghai erstmals erschienene Magazin Liangyou [1] (良友) in einer Zeit auftrat, in der die Liebesbeziehung zwischen der chinesischen Bevölkerung Shanghais und den Filmen aus Hollywood zu einem Massenphänomen wurde und in der auch lokale Filmproduktionen großen Anklang zu finden begannen. Ferner vermerkt er, dass in dieser Phase Menschen mit Geld anfingen sich für festliche Tanzveranstaltungen und Jazzmusik zu interessieren. Sie trugen westliche und japanische Kleidung und tummelten sich in Cafés (Wasserstrom 2009, S.70) . Wasserstrom sieht das monatlich erscheinende Magazin Liangyou in dieser Hinsicht nicht nur als ein Produkt jener neuen kosmopolitischen Strömung, sondern auch als einen aktiven Mitgestalter dieses zeitgeschichtlichen Phänomens.

Dies ist freilich einer der hervorstechendsten Aspekte, wenn man Liangyou durchblättert. Der weltgewandte Charakter wird durch englischsprachige Sätze an vielen Stellen hervorgehoben, die immer wieder in die Texte und Anzeigen eingestreut werden. Auf zahllosen Abbildungen sieht man die Menschen einer Oberschicht in westlichen Anzügen oder in westlich anmutenden Uniformen (siehe Yuan Shikai auf Seite 3 der Ausgabe von 1927, um nur eines von unzähligen Beispielen zu nennen).

Unterstrichen wird diese Ausrichtung noch durch weitere periodische Veröffentlichungen des Liangyou Verlages, wie etwa durch die Filmzeitschrift Der Silberne Stern (銀星 Yinxing) oder durch die Sportzeitung Die Welt des Sports (體育世界 Tiyu shjie), welche die verschiedenen angesagten Themengebiete noch vertiefend behandelten.

Diese Aspekte liegen meines Erachtens jedoch an der Oberfläche dessen, was durch die Publikation dieser Magazine vermittelt wurde. Blickt man tiefer, so lassen sich bei Liangyou sicher noch komplexere Diskurse feststellen. So betrachtet William Shaefer in seinem Artikel Shanghai Savage beispielsweise, verschiedene Publikationen der Republikzeit unter dem Aspekt einer Konstruktion von barbarischen und modernen Gesellschaften (Schaefer 2003, S. 93). Seiner Meinung nach eröffnet unter anderem auch Liangyou eine Dialektik zwischen wild und modern bei der Darstellung von Menschen und Gesellschaften außerhalb Chinas, um vorrangig die Shanghaier Bevölkerung - da sie den Großteil der Leserschaft darstellten - in diesem Spektrum zu verorten. Es wird somit ein ethnisches und kulturelles Koordinatensystem entworfen, in dem man den Rezipienten dieser Publikationen einzutragen versucht.

Dies geschah meines Erachtens nicht aus der Überzeugung heraus, dass die eigene Kultur eine Überlegenheit ausstrahlte[2], sondern aus der tiefen Unsicherheit schwerwiegender gesellschaftlicher Brüche, die kennzeichnend für die Republikzeit zwischen 1911 und 1949 waren. Identitätskonstituierende Elemente, welche die Zeitschrift im Sinne Wasserstroms transportiert und die verschiedene Modeströmungen mit gestaltete, überdecken zum Teil die im Land vorherrschende Unordnung - ganz im chinesischen Sinne - in jener Phase. So geht es im Folgenden darum, verschiedene Beiträge einer Ausgabe von Liangyou zu betrachten und im Spiegel der geschichtlichen Entwicklung in China zu diskutieren.

2. Zum thematischen Aufbau von Liangyou (良友)

2.1 Einleitendes zum Aufbau

Auf der Vorderseite der ersten Ausgabe von Liangyou vom 30. Mai 1927 befindet sich - wie bereits auch auf dem ersten Exemplar des Magazins - eine junge und hübsche chinesische Frau, mit einem verträumten und in sich versunkenen Blick. Während die Erstausgabe in ihrer Aufmachung noch etwas spartanisch wirkt, so ist die spätere Publikation mit zeichnerisch dargestellten nackten Frauen- und Männerkörpern reich verziert. Das Emblem zweier sich zugewandter Schwäne am rechten Bildrand, soll eine innige Freundschaft symbolisieren was auch der Begriff Liangyou impliziert.

Unmittelbar darüber findet sich in großen und modernen Zeichen der Schriftzug 良友 (Liangyou). Neben der Erwähnung der Ausgabe und des Preises findet sich auch ein englischer Titel - The young companion - der junge Gefährte. Während die chinesischen Schriftzeichen noch die Übersetzung guter Gefährte zulassen würde, so ist der Begriff des jungen nicht darin enthalten. Der englische Titel transportiert somit noch zusätzlich den Verweis auf die moderne und jugendliche Ausrichtung des Magazins. Zudem wurde der englische Satz The most attractive and popular magazine in China - das attraktivste und populärste Magazin in China - hinzugefügt, der sich unmittelbar über dem englischen Titel befindet. Dies soll zusätzlich die Exklusivität des Magazins unterstreichen.

Letztendlich gibt eine Spalte auf der rechten Seite noch einen Überblick über den Inhalt. Dieser ist aufgeteilt in Bildberichte (圖畫) und Textbeiträge (文字), wobei erkenntlich wird, dass die Fotobeiträge einen wesentlich größeren Raum einnehmen, und die somit sicher auch Sinnbild für die moderne Ausrichtung sein sollen. Es ist die Bewegung hin zu einem in dieser Zeit vergleichsweise neuen Medium, womit man die Welt in einer anderen Weise darzustellen vermag, als die bei dem geschriebenen Wort der Fall ist.

Auf der Folgeseite ist ein Überblick über die verschiedenen Magazine des Liangyou Verlages, wie die bereits erwähnten Yinxing (Silberner Stern) und Tiyu Shijie (Sportwelt). Zudem findet sich hier mit Yishujie (藝術界) - der Kunstwelt - noch ein weiterer Titel.

Auf Seite 1 noch vor dem Inhaltsverzeichnis ist eine weitere chinesische Frau, ganz im Stile einer Filmschauspielerin der Zwanziger Jahre, die den Leser mit einem lasziven Blick betört. Ihre Unterschrift auf dem Foto legt die Vermutung nahe, dass sie einen gewissen Grad der Berühmtheit hatte. Daneben steht in Siegelschrift der Zeitschriftentitel Liangyou.

Seite 2 enthält das chronologische Inhaltsverzeichnis, während links daneben mit Everyday Flashlight eine amerikanische Marke für Taschenlampen beworben wird.

2.2 Fotoberichte

Dem folgt nun ein erster Block - Seite 1 bis 10 - mit Berichten, in denen die Fotografie ganz im Vordergrund steht. Ihnen ist gemein, dass die jeweiligen Beiträge unter einer Überschrift zusammengefasst sind. Unter, beziehungsweise neben dem Foto befindet sich eine kurze Beschreibung dessen, was zu sehen sein soll. Kurze Erläuterungen in Form eines Artikels sind zum Teil beigefügt.

Nehmen wir bei dieser Berichterstattung die Seite 10 heraus, welche Landschaftsbilder von Parks mit blühenden Blumen zeigt, und die dem Leser unter der Überschrift Unser Monat Mai (我們的五月) den schönen Frühling in China näher zu bringen versucht, so transportieren die anderen Beiträge eine andere, politische Nachricht.

2.2.1 Politische Berichterstattung in Bildern

Der einleitende Bericht trägt den Titel Die nicht vergessene Schande unseres Landes (毋忘國恥). Die Bilder zeigen zum einen Versammlungen am 5. Mai, womit man der Erniedrigung durch Japan gedachte, welches die Unterzeichnung des 21 Punkte Abkommens [3] mit sich brachte. Zum anderen werden die zentralen politischen Figuren dieses Ereignisses bildlich aufgeführt, während die Forderungen am Seitenende im Einzelnen genannt werden.

Dem folgt eine Gedenkseite für einen Revolutionär der Guomindang Namens Chen Yingshi (陳英士). Neben einem Porträt von Chen, ist er unter anderem auch auf einem Foto mit einem lachenden Chiang Kai-Shek (蔣介石) zu sehen . Ein Kurzabriss der wichtigsten Lebensstationen Chens findet sich wieder am Seitenende. Irritierend ist an dieser Stelle erstmals eine äußerst positive Darstellung der Guomindang, allem voran die Fotografie Chiang Kai-sheks, in Anbetracht der geschichtlichen Ereignisse zu jener Zeit. Überlegt man sich, dass Letzterer am 12. April - etwa sechs Wochen vor der Veröffentlichung dieser Bilder und vielleicht vier bis fünf Wochen vor Redaktionsschluss - eine Zerschlagung der sozialistisch geführten Shanghaier Gewerkschaften veranlasst hat, bei der vermutlich einige Tausende umgebracht wurden (Eastman 1986, S.132), so entsteht hierbei meines Erachtens ein verzerrtes Bild hinsichtlich der Situation in Shanghai und im Land. Wie verheerend diese Aktion tatsächlich war, unterstreicht eine zitierte Aussage in Eastmans Ausführungen zu den Vorfällen: Under no previous regime in modern times had Shanghai known such a reign of terror (zit. nach Eastman 1986, S.132).

Fast zynisch mutet es dann an, wenn sich auf Seite 8 der Ausgabe dann ein Bericht mit dem Titel Die Heiligkeit der Arbeit (勞工神聖) finden lässt. Neben Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit am 1. Mai, wird auch ein Bild gezeigt, auf dem die bewaffneten Truppen der Shanghaier Handelsvereinigung bei einer Übung zu sehen sind. Die dargestellte Gruppe gleicht allerdings eher einem recht willkürlich zusammengewürfelten Haufen in gewöhnlicher Straßenkleidung.

Eine weitere Fotostrecke soll einen Eindruck des Terrors in Shanghai (上海恐怖印象) vermitteln, wie die Überschrift titelt. Die Fotobelege zeigen Patrouillen von gepanzerten Fahrzeugen rund um die englische Konzession, Befestigungen der Japaner, sowie Geschütze und ein Aufklärungsflugzeug der Franzosen. Der bereits angesprochene weiße Terror der Guomindang (白色恐怖) in den Straßen Shanghais, findet keine Erwähnung. Anstatt dessen wird an anderer Stelle die Pfadfindergruppe der Guomindang noch näher vorgestellt (Seite 9), was im Fotoblock die einzige weitere Erwähnung der Nationalistischen Partei bleibt.

Ein weiterer Beitrag zu der Darstellung einer Bedrohung durch Fremdmächte hingegen, ist die Bluttat am 3. April in Hankou (漢口四三慘案) (Seite 5). Hierbei handelte es sich um einen betrunkenen japanischer Seemann, der nach einem Disput mit einem Rikschakuli seine Waffe gezogen hat und diesen erschossen hat (bei der Auseinandersetzung soll es um vier Yuan gegangen sein). Dem nicht genug, ging er auch gegen die Beobachter der Tat vor, indem er einige in der Menge verletzte und tötete. Die Bilder zeigen den getöteten Rikschakuli, einen verletzten Beobachter, sowie die anschließende Gedenkfeier.

Freilich ist dies ein erschreckendes Ereignis, über das ein Magazin durchaus Bericht erstatten kann. Generell sei allerdings zu sagen, dass die inneren Zerwürfnisse , wie etwa die Auseinandersetzungen der verschiedenen Kriegsherren etwa, oder aber die immer härtere Vorgehensweise der Guomindang in Shanghai, sicher mehr Todesopfer gefordert haben. Auch wenn man den Quantitativen Aspekt außer acht lässt, so gab es sicher zahllose vergleichbare Fälle, bei denen es zu sinnloser Gewalt kam.

So wird meiner Meinung nach in erster Linie versucht ein Bild der äußeren Bedrohung zu entwerfen, welches auf China einwirkte. Dies mag zu einem Teil gewiss der Fall gewesen sein aber sicher nicht ausschließlich. Nun stellt sich die Frage, ob dies der Zensur geschuldet ist, welche laut Lin Yutang nach den freieren Jahren bis 1925 wieder stärker zunahm, oder ob es eine bewusst gewählte Form der Repräsentation ist (Lin 1968, S.114).

Folgen wir den Ausführungen Lins, so ist eher Ersteres der Fall. Er argumentiert dahingehend, dass je stärker der Staat in China wurde, desto schwächer wurde die Presse, da die staatliche Kontrolle stark zunahm (ebd.). Dies würde auch in die Zeit passen, da Chiang Kai-shek - gestützt durch ausländische Mächte - am 18. April 1927 in Nanjing ein neues Regime gründete, was ihn zum mächtigsten aller Kriegsherren in China erhob, und wobei auch Shanghai ein von seiner Partei kontrolliertes Gebiet darstellte.

[...]


[1] Der Begriff Liangyou lässt sich mit guter oder guter Freundschaft übersetzen. Der englische Untertitel The young companion - der junge Gefährte - verweist auf diese Bedeutung, wenngleich jung in dem chinesischen Terminus nicht impliziert ist.

[2] Die großen Kolonialmächte agierten im Bezug auf andere Gesellschaften mit der Einstellung absoluter Überlegenheit. So liefern beispielsweise eine Vielzahl ethnologischer Werke aus jener Zeit ein beredtes Zeugnis von dieser Haltung ab, welche die westlichen Gesellschaften als höchste gesellschaftliche Entwicklungsstufe ansahen.

[3] Die Forderungen wurden im Januar 1915 von der japanischen Botschaft an Yuan Shikai übersandt. Zentral war hierbei, dass Yuan Shikai den japanischen Einfluss in der Mandschurei, in der Inneren Mongolei und in Shandong anerkennen musste (Gernet 1997, S. 528). Die Abtretung dieser Regionen wurde als große Schande empfunden.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Geschichtlichkeit und Modernität in einem Magazin aus der Republikzeit (1912-1949)
Untertitel
Anhand der Betrachtung einer Ausgabe der Zeitschrift Liangyou (良友) vom 30. Mai 1927
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Seminar für Sinologie)
Veranstaltung
Zwei Illustrierte Zeitschriften aus der frühen chinesischen Moderne
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V141722
ISBN (eBook)
9783640513901
ISBN (Buch)
9783640512485
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinologie, Geschichte, China, Republik, Identität, Gesellschaft, Transformation, Zeitschrift, Liangyou, Shanghai
Arbeit zitieren
Mike Bernd (Autor), 2009, Geschichtlichkeit und Modernität in einem Magazin aus der Republikzeit (1912-1949) , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141722

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