Freiheit und andere Lüste. Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und das Prinzip der Libertinage als vollkommene Befriedigung


Hausarbeit, 2009

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Sex schreiben. Lust im Medium Text

2 Dystopia. Ich baue mir meine eigene Welt
2.1 von konstruierten Gesellschaften und ihrem Reiz
2.2 Porno im Alltag – Verlust des Erotischen?

Fazit

Literaturı und Quellenverseichnis

Einleitung

„ Den Sex ohne das Gesetz und die Macht ohne den König zu denken. “

(Michel Foucault)

Die Befreiung des Menschen aus der Repression unter Moral und deren Tugendhaftigkeit – ist sie so erstrebenswert? Bei Marquis de Sade wendet sich alles von der Moral ab und der Ausschweifung der Lüste hin. Die freie Entfaltung der eigenen Lust als die 'wahre' Freiheit des Menschen zu verstehen, mag auf den ersten Blick eigentümlich oder verwirrend klingen, zumal Perversionen en detail beschrieben werden, die mithilfe der Phantasie des Lesers schnell an die Geschmacksgrenzen des selbigen gehen können. Aber genau diesen Aspekt provoziert de Sade und soll in der folgenden Arbeit behandelt werden. Wie funktioniert Sex in de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und was bezweckt er mit seinen Schilderungen von verbotenen Gelüsten? Ist der Roman wirklich als rein pornographisch oder gar verwerflich zu lesen oder steckt doch mehr dahinter? Immer wieder dringen philosophische Überlegungen zwischen den Orgien hindurch, die das scheinbar triebgesteuerte Handeln dann doch qualitativ aufwerten. Es soll also im Folgenden versucht werden, darzustellen, welche Bedeutung die Beschreibung solcher Perversionen tragen kann und warum dazu der Kreis um die vier Libertins auf Schloss Silling geschlossen wird. Da seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert das Tabu des Themas Sex in der Kunst zunehmend verringert wurde, kam es auch zu einem freieren Umgang mit der Sexualität im Alltag. Ob und falls ja, wie sich diese Sexualisierung auf die Ästhetik der Erotik auswirkt, soll abschließend argumentiert werden.

Diese Arbeit soll nicht dazu dienen, „Die 120 Tage von Sodom“ nach zu erzählen, sondern beschäftigt sich mit der Frage nach Moral und gesellschaftlicher Ordnungsvorstellung in de Sade Werk und versucht darzustellen, in wie weit eine pornographische Explizität, Ordnungsstrukturen infrage stellen und sie somit neu ordnen kann. Wie also kann aus einem moralischen Chaos eine Grundordnung von Moral und Werten geschaffen werden? Hierzu ist es ebenso wenig aufschlussreich, de Sades beschriebene Perversionen en detail aufzugreifen und zu analysieren. Es geht um die perverse Lustempfindung an sich mit all ihren Facetten, nicht um einen speziellen Trieb oder Fetisch. Im Rahmen dieser kleinen Abhandlung wird es also effektiver sein, direkt auf gesellschaftliche Hintergrunde hinsichtlich ihrer Ordnungs- und Machttheorien einzugehen und etwaige Fälle aus de Sades Werk exemplarisch zu positionieren.

1 Sex schreiben. Lust im Medium Text

Jeder hat Begehren und jeder empfindet in irgend einem Sinne Lust.

Alles was außerhalb dieser individuellen Vorstellung von der Befriedigung von Lüsten liegt, empfindet man schnell als pervers. Eine Perversion ist also eine Vorliebe für etwas, die außerhalb von bestehenden, vorgeschriebenen gesellschaftlichen Tugenden, Werten und Normen geortet wird. Die Ausführung solcher Perversionen unterliegen dem Gesetz, welches wiederum einer Moralvorstellung der Allgemeinheit unterliegt. Somit entsteht bereits ein repressives Machtgefüge zwischen (politischem, sozialem, moralischem, gesellschaftlichem, kulturellem usw.) System und individueller Freiheit des begehrenden Subjekts.

Während der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert, kam es zur Aufhebung bestimmter gesellschaftlicher Ordnungen, da eine Verschiebung der Moralvorstellungen stattfand. Aber schon vorher, besonders im Absolutismus bestanden besondere Privilegien höher gestellter Klassen, die Vorlieben nachgingen, welche für andere unter Strafe standen.1 In diesem Sinne beschreibt de Sade also die Wirklichkeit in „Die 120 Tage von Sodom“ als Fiktion. Im Eigentlichen ist jedoch eher die gesellschaftliche Konstruktion und die Anhäufung von gewalttätigen und verbrecherischen Akten fiktiv. Die einzelnen Momente an sich sind alle real denkbar und auch existent. Michel Foucault selbst spricht von seinem „Dispositiv der Sexualität“ von einer „Fabel der »Indiskreten Kleinode«“, die er als Historie übertragen will.2 Er sieht also das Potential der fiktiven Erzählungen zu einer Übersetzung in die Wirklichkeit.

Durch die Aufklärung in Frankreich zum Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich zudem eine Haltung zu einer freien Entscheidungsfindung des Menschen. Während sie vollkommen vom Absolutismus unter einer Repression standen und völlig der Macht der Obrigkeit unterlagen, entstand allmählich der Drang nach der Möglichkeit, frei über das eigene Handeln entscheiden zu können. Dadurch jedoch muss es folglich zu Diskrepanzen in der eigenen Moralvorstellung kommen, die bis dahin mit der Ehrfurcht vor Gott unterdrückt wurden. Die Extrema einer solche Immoralität untersucht de Sade mithilfe seiner Beschreibung von Perversionen abseits jeder Moral, um über sie zu einer neuen Ordnungsform finden zu können.

Eine solche strikte Ordnung gibt schon der Roman vor, der nach de Sades eigenen Worten „mit der peinlichsten Genauigkeit durchgerechnet“ wurde.3

Es ist eine deutliche Steigerung der Intensität der Handlungen auszumachen, die von einer Überblick gebenden Einleitung, über die 'einfachen' zu den 'komplexen', den 'verbrecherischen' und schließlich zu den 'meuchlerischen Passionen' führt. Die Moral wird also konsequent von einem Teil zum nächsten immer stärker außer Kraft gesetzt, um zum Schluss in der Dramatik zu enden, dass nur 20 der 46 Beteiligten überleben.4

Sex ist nach Foucault Imperativ.5 Man kann nach ihm fragen, aber durch diese Frage nach ihm dringt stets eine Erwartung der Erfüllung. Geschriebener Sex ist manifestiert. Er gibt Dinge vor, wie sie sind und ist auf Details angewiesen. Zum Ende hin beschreibt de Sade nur noch skizzenhaft die wichtigsten Orgien und Vorgänge, die allein schon ausdrucksstarke Bilder hervorrufen und sich im Leser zu vollständigen Kapiteln weiterentwickeln, in dem er die kurz angerissenen Szenen mit den vorhergehenden und seiner eigenen Vorstellungskraft verknüpft.

Die vier Libertins in „Die 120 Tage von Sodom“ stehen als der Lust ergebenes Souverän gegenüber ihren begehrten Subjekten da. Eine Hierarchie, die dem Absolutismus ähnlich ist und wohl auch symbolisieren soll. Vor allem im vierten Teil der „meuchlerischen Passionen“6 wird ein nekrophiles und blutdürstiges Spiel deutlich, welches mit einem politischen Spiel von 'sterben machen und leben lassen '7 deutlich macht.

„Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“8

Hier zeigt sich das Zusammenspiel von Lust und das Begehren nach Lust bei de Sade. Keinesfalls treibt die pure Lust oder allein das Begehren die vier Libertins zu diesen Handlungen. Sie empfinden höchste Lust an den Handlungen an anderen Personen und/oder an den Personen selbst. Eine Interaktion zwischen Begehrenden und Begehrtem (vor allem durch die Beobachtungslust des Begehrenden) ist also zu dieser Form der Befriedigung notwendig – alles andere wäre Pornographie und diente zur reinen, schnellen und vor allem oberflächlichen Befriedigung eines Triebes.

2 Dystopia. Ich baue mir meine eigene Welt

Die vier Libertin ziehen sich mit ihrem zusammengestellten Stab an Bediensteten und Liebessklaven nicht ohne Grund auf das Schloss Silling zurück. Es ist allein schon prägnant genug, dass die vier Hauptpersonen des Romans die Machtapparate des Staates darstellen: der Herzog von Blangis, der als Landesherr Gesetze erlässt, denen er selbst nicht unterliegt (Absolutismus), dessen Bruder der Bischof, der als Kleriker großen Einfluss ausüben kann, der Richter Curval, der diese Gesetze anwendet (auch willkürlich) und schließlich Durcet der Steuerpächter (denn Geld heißt Macht).9 Durch diese Isolation dieser akribisch ausgewählten 'Gesellschaft' entsteht auf dem Schloss eine Art autonomer Staat ohne irgendwelche Eingrenzungen durch Moral oder Gesetze. Einzig und allein das zählt, was die Lust den Libertins vorgibt zu tun. Dabei setzt jedoch nicht die Vernunft aus, denn alle Handlungen bewahren ihre strikte Hierarchie und Ordnung innerhalb ds Systems. Sie geben sich zwar der Lust voll und ganz hin, genießen aber nur im Augenblick der bewussten Wahrnehmung der Geschehnisse. Die Kontrolle der Situation ist also von entscheidender Wichtigkeit bei der Freiheit des Tuns:

„Unter Macht [...] ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“10

Die Machtausübung auf Schloss Silling besteht also nicht darin, über das Gesamte Kontrolle zu besitzen, sondern die Macht über die Dinge so zu verteilen, dass sie allgegenwärtig und unumstößlich in allem Handeln ist. Somit funktioniert das Machtgefüge während der Orgien bei de Sade wie der Staatsapparat mit seinen Organen.

2.1 von konstruierten Gesellschaften und ihrem Reiz

Die Ordnung einer Gesellschaft wird von Moral provoziert und bedingt sich durch sie, wie sich die Moral selbst durch die Ordnung bedingt. Nach de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ kann man schlussfolgern, dass hier eine Differenzierung zwischen Moralität und Immoralität geschieht, wobei auf Schloss Silling natürlich die Immoralität vorherrscht und auch vorherrschen muss. Mit diesem Moment des Unmoralischen wird ein Dualismus konstatiert, der die Kontraste zwischen Tugenden und Lastern beinhaltet. Da die Moral in der konstruierten Gesellschaft um die vier Libertins völlig außer Kraft gesetzt wird und nur das zählt, was die Lust befriedigt, muss eben in diesem Moment der Immoralität wiederum zu einer Ordnung, mindestens aber zu einer Hierarchie11 gerufen werden.

De Sade beginnt seinen Roman mit Erläuterungen über Ludwig XIV. Damit bezieht er sich sogleich auf einen der Hauptvertreter des französischen Absolutismus und damit des ausschweifenden höfischen Lebens en gros. Allein an dieser Stelle kann man bereits die enge Beziehung zwischen Mikro- und Makrokosmos12, im Vorausblick auf die folgenden Geschehnisse, festmachen.

Mit den folgenden Inszenierungen pornographischer Ereignisse, die nahezu alle denkbaren Praktiken menschlicher Phantasien einbeziehen, setzt de Sade zunächst die Moralvorstellung des impliziten Lesers in der libertinen Gesellschaft auf Schloss Silling außer Kraft. Durch diese Abwendung von jeglicher Moral, die das Lustempfinden der Libertins begrenzen würde, definiert de Sade die Libertinage als Gesellschaftsform im engeren Kreis. Einerseits grenzt er somit den Figurenstab auf Schloss Silling von der allgemeinen Vorstellung einer Gesellschaft ab, andererseits schafft er durch die Hermetik13 des Ortes und die hierarchische Vorgehensweise der Libertin erneut eine Ordnung innerhalb dieses Figurenkreises und gelangt über diesen Weg zu einer eigenständigen Gesellschaftsform. In diesem Sinne der Bedingung von Lasterhaftigkeit und Ordnungsdrang lässt sich manifestieren, dass ohne jedes Laster keine Moral notwendig wäre und sich somit keine Ordnung bildete. Zunächst muss man mit dem moralischen Kontext des realen Lesers hinterfragen, was 'Verbrechen' für de Sade bedeutet. Er selbst ist sich der Themen sehr bewusst und auch, dass sie dem Gesetz nach verbrecherisch sind.14

Ziel ist es für ihn, so schreibt er einleitend, eine größtmögliche Auswahl an Möglichkeiten der Lust anzubieten, womit er den Beweisversuch antritt, zu veranschaulichen, dass Lust ein grenzenloses Mittel einer Gesellschaft mit dem Spiel um die Macht darstellt und allgegenwärtig in jedem Menschen steckt, wenn auch niemals in allen Ausmaßen, wie er sie aufzählt.

Marquis de Sade entgeht in seinem Roman bewusst dem Problem der Moral, in dem er sie von vornherein umstößt und ausschließt. Die Gruppierung um die vier Libertins schließen sich demnach hermetisch auf Schloss Silling ab, um eine Gesellschaft, fernab von jeder Moral zu gewährleisten. Da die Moral sowohl deskriptiven, als auch normativen Charakter besitzt, muss sie dem entsprechend einerseits aus den von de Sade beschriebenen Handlungen, aber vor allem auch aus der Beschreibung an sich, aus dem Text verbannt werden. Aufgrund dessen ist es notwendig, eindeutige Worte zu verwenden und kein Tabu bei der Wortwahl einzugehen.

Indem de Sade jedoch völlig unmetaphorisch die Dinge darlegt, wie sie geschehen, das Wort quasi der Sache angleicht und nicht anders herum, verteidigt er im Prinzip das Böse als Mittel der Lust. Durch das Moment der Lust wird also das Verbrechen legitimiert, durch welches das Begehren befriedigt werden kann. Die Lust steht somit für de Sade über dem Gesetz und scheint ebenso über jeder Ordnung zu stehen, da diese Lust die Ordnung erst bestimmt und nicht umgekehrt. Ein solcher ethnischer und sexueller Egoismus potenziert natürlich den Lustgewinn, sodass der Libertin immer intensivere Handlungen vollbringen muss, um das ebenso steigende Lustbedürfnis zu stillen. Somit wirkt sich die Steigerung der Lust auf die Steigerung im Handlungsablauf des Romans „Die 120 Tage von Sodom“ aus.

Indem die Gesellschaft in de Sades Roman bewusst konstruiert wird, um eine größtmögliche Distanz zur Moral eingehen zu können, wird es ebenso möglich, konsequent eine eigenständige Phantasie zu konstruieren. Diese freie Gedankenwelt erfährt ein Höchstmaß an Freiheit auf Schloss Silling, weil dort nicht nur grenzenlos gedacht, sondern auch ohne jede Eingrenzung offenbart und gelebt werden kann. Dies zeigt die 'wahre' Freiheit im Sinne der Libertinage. Die Praktiken der Libertin sind aus dem moralischen Grundsatz des realen Lesers natürlich eine unentwegte Grenzüberschreitung des Menschlichen. Dennoch zeigt sich hier reflektierend das Mögliche der menschlichen Natur. Ohne es als positiv oder negativ zu deuten15 wird hier die ureigenste Freiheit des menschlichen Wesens als Wesen der Natur offenbart und spiegelt den Drang nach freiem Handeln und dem freien Entscheiden über sein Handeln, der in jedem Menschen steckt.

2.2 Porno im Alltag – Verlust des Erotischen?

Marquis de Sade leitet seinen Roman mit dem höfischen Treiben um Ludwig XIV. ein. Zum Entstehungszeitpunkt seines Werkes „Die 120 Tage von Sodom“ (1785) war jedoch bereits der Nachfolger Ludwig XV. an der Macht, mit welchem es zu einer Abschwächung sittlicher Eingrenzung kam.16 Dadurch kam es auch zu einer Bedeutungsverschiebung der Libertinage von der einfachen 'Liebelei' hin zu einem größeren Spektrum von Koketterien bis zu gewaltsamen Akten im sexuellen Spiel. An dieser Stelle knüpft de Sade an und die Pornographie und sexuelle Themen dringen kontinuierlich in den Alltag ein.

Dem frei denken und handeln wollenden Menschen im Frankreich des 18. Jahrhunderts, wurde geboten das zu tun, was ihn glücklich und befriedigt macht; das eigene Glück steht an erster Stelle des Lebens:

„Mit der Erledigung des bedeutendsten sittlichen Regulativs, der Ehre, wird die moralische Unentschiedenheit zur Norm. Die Libertinage erfährt in dieser Argumentation eine Rechtfertigung, die von einer ausgeprägt pessimistischen Sichtweise des Menschen ausgeht.“17

Als 'ehrenvoll' kann man die von de Sade beschriebenen Praktiken der Libertin nun wirklich nicht nennen, aber 'ehrenvoll' in diesem Sinne wäre ja wiederum von einer moralischen Ordnung geprägt. Kann es aber sein, dass die sinnliche Erotik im moralischen Sinne der pornographischen und libertinen Auffassung von Lustempfinden unterliegen könnte?

Eine Sexualisierung des Alltags ist seit dem 18. Jahrhundert im Gange und heutzutage spricht man zuweilen bereits von einer Sexüberflutung.18 Dennoch war schon seit jeher das (moralisch) Verbotene besonders reizvoll und ist es bis heute. Oft macht gerade dieser Aspekt eine Situation erotisch, die ohne ein Verbot vielleicht anders wahrgenommen würde. So auch bei de Sade, der unentwegt moralische Grenzen überschreitet (Sodomie, Päderastie, Nekrophilie etc.) und gerade dadurch auch das Moralische unterstreicht, welches im Kontrast zum dargestellten Immoralischen beim Leser in gleicher Intensität hervortritt. Der Unterschied liegt in der Rezeptionsweise.

Die erotische Libertinage stellt keine Richtung in die bloße Pornographie dar, im Namen des Triebes, sie richtet sich gegen christlich-normative Vorgaben19, die auch auf politische Hintergründe (die nicht-erotische Libertinage) verweisen. Sie wenden sich gegen moralische Eingrenzungen der eigenen Phantasie und hin zur freien Entfaltung der Lust als Form höchster Freiheit des Menschen. Dennoch ist in „Die 120 Tage von Sodom“ zwischen den Libertins und ihren Sexualpartnern zu entscheiden, obgleich es alle Menschen sind. Für die vier Hauptpersonen gilt das Ausleben der Lust als das höchste Ziel; gegenüber den anderen beteiligten Personen der Orgien gilt der Trieb als das Absolute und „die Person ist nichts“20. Eine Liebe zu der Person selbst wird demnach völlig negiert, um den Trieb zu optimieren und der Lustbefriedigung des Libertins entgegen zu kommen:

„Das libertine Liebesverhältnis ist ein einseitig gewichtetes Arrangement zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung.“21

Die Immoralität wird bei de Sade ungeschönt, unmetaphorisch und mit klaren Worten geschildert, Detail für Detail. Das Moralische stellt dazu die implizite Gegenkraft im Denken des Lesers dar, der, wie es sich de Sade wünscht, auch Gefallen an einigen Details findet, weil diese mit seiner Moralvorstellung konform gehen. Die Abwendung von der Moral und von allen Tugenden geschieht quasi als Auflehnung gegen die Repression der Menschen durch Werte und Sittlichkeit. Sie ist Exempel für die Freiheit des natürlichen Menschen im Sinne der Libertinage.

Die Freiheit und Glückseligkeit des Menschen als oberstes Ziel seines Lebens zu sehen wirkt tugendhafter als christliche Leitbilder. Und dennoch zeigt de Sade, dass dieser Freiheitsdrang ins Unermessliche laufen kann – nämlich wenn es um die Freiheit der Lust geht. De Sades „Die 120 Tage von Sodom“ unterscheidet sich natürlich stark von leichten Erotik-Abenteuern. Dies nicht zuletzt, weil er ein Wechselspiel von Pornographie und philosophischen Überlegungen vollzieht, die mithilfe gewalttätiger und eben sadistischer Handlungen in ihren Bedeutungen potenziert werden. Das geschriebene Wort manifestiert sich durch das Medium und wird als solches unveränderlich. Lediglich seine Bedeutung kann durch den Rezipienten variieren. Und dies geschieht bei de Sade über die Phantasie. Die 'wahre' Freiheit liegt stets in der Phantasie des Menschen, da er in der Wirklichkeit immer irgendwelchen Normen und Werten und vor allem gesellschaftlichen Moralvorstellungen unterworfen ist. In seinen Gedanken aber kann er alles ausleben, was ihn im Geheimen befriedigt. Mit seinem Roman hinterfragt er bewusst die intimen Gedanken seiner Leser und gibt selbst an, dass jeder bei den folgenden Beschreibungen Praktiken fände, die ihm gefallen. Dazu konstruiert er eine Gesellschaft, die fiktiv eine Masse an Orgien veranstalten, um eine größtmögliche Auswahl an Praktiken zu bieten. Mit der Steigerung an Gewaltbereitschaft lässt er schließlich die Wahrnehmung des Vorangegangenen in eine Abschwächung des Empfindens gleiten und weist damit implizit auf einen kontinuierlichen Werteverfall des menschlichen Moralverständnisses hin.

Dieser Roman entstand vor über 220 Jahren und dennoch kann man behaupten, dass die Menschen sich nicht der absoluten Libertinage hingaben, sondern immer noch ein intaktes Moralsystem besitzen. Der Trieb leitet nicht das Handeln des Menschen, sondern seine Vernunft. Zwar wird das Handeln der Libertins bei de Sade immer von der Vernunft begleitet, durch den Egoismus bei der Lustempfindung jedoch, musste am Ende der größere Teil der Beteiligten ein Ende finden, da diese dem Bestreben nach höchster Lust und Freiheit nicht nachkommen konnten. Dies zeigt den feudalen Charakter in „Die 120 Tage von Sodom“. Nur die, in dieser fiktiven Gesellschaft höher gestellten Personen können von den unter ihnen stehenden zehren. Eine Beziehung zwischen den Libertins und deren Sexualpartnern kam nur in rein körperlicher Hinsicht infrage, niemals aber in einer geistigen Form der 'Liebe':

„Der Trieb [des Libertins] ist alles, die Person [der Sexualpartner] nichts.“ 22

- Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder: Die Schule der Libertinage, in: DE SADE. Auswahl, Merlin Verlag, Hamburg 1962.
- Deleuze, Gilles: Lust und Begehren, 1996.
- Duncan, Craig; Machan, Tibor R.: Libertarianism for and against, 2005.
- Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen, in: ders.: Sexualität und Wahrheit, erster Band, 1977.
- Prange, Peter: Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung, 1990.
- Reichardt, Rolf; Lüsebrink, Hans-Jürgen: Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820, Heft 13, 1992.

[...]


1 Zum Absolutismus: der absolutistische Herrscher unterliegt keinem Gesetz, er ist selbst das Gesetz und dem entsprechend seinen eigenen Handlungen gegenüber legitimierend flexibel.

2 Vgl.:Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen, in: ders.: Sexualität und Wahrheit, erster Band, 1977, S. 97.

3 Vgl.:Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder: Die Schule der Libertinage, in: DE SADE. Auswahl, Merlin Verlag, Hamburg 1962, ab S. 192.

4 De Sade macht hier explizit am Ende die Rechnung auf (S. 192), wodurch erneut eine strikte systematische Ordnung impliziert wird.

5 Vgl.: Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen, in: ders.: Sexualität und Wahrheit, erster Band, 1977, S. 99.

6 Vgl.: Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder: Die Schule der Libertinage, in: DE SADE. Auswahl, Merlin Verlag, Hamburg 1962, ab S. 169.

7 Vgl. hierzu: Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen, in: ders.: Sexualität und Wahrheit, erster Band, 1977, S. 162.

8 Siehe: ebd. S. 115.

9 Vgl.:Vgl.: Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder: Die Schule der Libertinage, in: DE SADE. Auswahl, Merlin Verlag, Hamburg 1962, ab S. 13 ff. („Einführung“)

10 Siehe: Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen: Sexualität und Wahrheit. Erster Band, 1983, S.113 f.

11 Die Unterscheidung zwischen Ordnung und Hierarchie wird hier bewusst gesetzt, da da eine allgemeine Ordnung einen demokratischen, eine Hierarchie jedoch immer repressiven Charakter besitzen muss.

12 Mikro- und Makrokosmos meint hier die Parallelen zwischen realem Leben des Individuums und der politischen Ereignisse dieser Zeit.

13 Gilles Deleuze spricht zu diesem Punkt über Foucaults „Der Wille zum Wissen“ aus „Sexualität und Wahrheit I“ und geht diesbezüglich auf eine, seines Erachtens deterritorialisierte Situation einer Machtorganisation zwischen Begehrendem und Begehrten aus. Vgl.: Deleuze, Gilles: Lust und Begehren, 1996, S. 32 f.

14 Vgl. Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder: Die Schule der Libertinage, in: DE SADE. Auswahl, Merlin Verlag, Hamburg 1962, S. 67.

15 Die Lust an sich ist für das Lust empfindende Subjekt natürlich immer positiv konnotiert.

16 Vgl.: Reichardt, Rolf; Lüsebrink, Hans-Jürgen: Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680- 1820, Heft 13, 1992, S. 17.

17 Siehe: Prange, Peter: Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung, 1990, S. 31.

18 Man denke nur an das 'Sex sells' der Werbebranche, Sexualstraftäter in Medien gehören aber genauso zur Thematisierung des Sexes in der Öffentlichkeit, wie das Spätprogramm im Fernsehen oder oftmals fehlender Jugendschutz und Spams im Internet.

19 Vgl.: Prange, Peter: Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung, 1990, S. 77.

20 Vgl.: ebd. S. 91.

21 Siehe ebd. S. 101.

22 Siehe: Prange, Peter: Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung, 1990, S. 91.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Freiheit und andere Lüste. Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und das Prinzip der Libertinage als vollkommene Befriedigung
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Lust und anderes. Pornographie und Gewalt als literarische Technik
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V141730
ISBN (eBook)
9783640495306
ISBN (Buch)
9783640495252
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sex, de Sade, Sodomie, Masochismus, Sodom, Lust, Freiheit, Libertinage, Literatur, Lüste, Begehren, und, Nekrophilie, Pädophilie, Libertin, Justine
Arbeit zitieren
Mathias Seeling (Autor), 2009, Freiheit und andere Lüste. Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und das Prinzip der Libertinage als vollkommene Befriedigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141730

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