Die Befreiung des Menschen aus der Repression unter Moral und deren Tugendhaftigkeit – ist sie so erstrebenswert? Bei Marquis de Sade wendet sich alles von der Moral ab und der Ausschweifung der Lüste hin. Die freie Entfaltung der eigenen Lust als die 'wahre' Freiheit des Menschen zu verstehen, mag auf den ersten Blick eigentümlich oder verwirrend klingen, zumal Perversionen en detail beschrieben werden, die mithilfe der Phantasie des Lesers schnell an die Geschmacksgrenzen des selbigen gehen können. Aber genau diesen Aspekt provoziert de Sade und soll in der folgenden Arbeit behandelt werden.
Wie funktioniert Sex in de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und was bezweckt er mit seinen Schilderungen von verbotenen Gelüsten? Ist der Roman wirklich als rein pornographisch oder gar verwerflich zu lesen oder steckt doch mehr dahinter? Immer wieder dringen philosophische Überlegungen zwischen den Orgien hindurch, die das scheinbar triebgesteuerte Handeln dann doch qualitativ aufwerten. Es soll also im Folgenden versucht werden, darzustellen, welche Bedeutung die Beschreibung solcher Perversionen tragen kann und warum dazu der Kreis um die vier Libertins auf Schloss Silling geschlossen wird. Da seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert das Tabu des Themas Sex in der Kunst zunehmend verringert wurde, kam es auch zu einem freieren Umgang mit der Sexualität im Alltag. Ob und falls ja, wie sich diese Sexualisierung auf die Ästhetik der Erotik auswirkt, soll abschließend argumentiert werden.
Diese Arbeit soll nicht dazu dienen, „Die 120 Tage von Sodom“ nachzuerzählen, sondern beschäftigt sich mit der Frage nach Moral und gesellschaftlicher Ordnungsvorstellung in de Sade Werk und versucht darzustellen, in wie weit eine pornographische Explizität, Ordnungsstrukturen infrage stellen und sie somit neu ordnen kann. Wie also kann aus einem moralischen Chaos eine Grundordnung von Moral und Werten geschaffen werden? Hierzu ist es ebenso wenig aufschlussreich, de Sades beschriebene Perversionen en detail aufzugreifen und zu analysieren. Es geht um die perverse Lustempfindung an sich mit all ihren Facetten, nicht um einen speziellen Trieb oder Fetisch. Im Rahmen dieser kleinen Abhandlung wird es also effektiver sein, direkt auf gesellschaftliche Hintergrunde hinsichtlich ihrer Ordnungs- und Machttheorien einzugehen und etwaige Fälle aus de Sades Werk exemplarisch zu positionieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Sex schreiben. Lust im Medium Text
2 Dystopia. Ich baue mir meine eigene Welt
2.1 von konstruierten Gesellschaften und ihrem Reiz
2.2 Porno im Alltag – Verlust des Erotischen?
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Werk "Die 120 Tage von Sodom" von Marquis de Sade, um zu untersuchen, wie die Darstellung von Perversionen und die Konstruktion einer libertinen Gesellschaft als radikale Auslebung von Freiheit und Macht fungieren.
- Analyse des Zusammenhangs zwischen Moral, Perversion und Machtstrukturen.
- Untersuchung der libertinen Gesellschaft als hermetischer Raum jenseits gesellschaftlicher Normen.
- Diskussion der Bedeutung von Pornografie und Sexualisierung in der Literatur.
- Hinterfragung der Rolle von Lust als Mittel zur Ausübung absoluter Macht.
Auszug aus dem Buch
1 Sex schreiben. Lust im Medium Text
Jeder hat Begehren und jeder empfindet in irgend einem Sinne Lust.
Alles was außerhalb dieser individuellen Vorstellung von der Befriedigung von Lüsten liegt, empfindet man schnell als pervers. Eine Perversion ist also eine Vorliebe für etwas, die außerhalb von bestehenden, vorgeschriebenen gesellschaftlichen Tugenden, Werten und Normen geortet wird. Die Ausführung solcher Perversionen unterliegen dem Gesetz, welches wiederum einer Moralvorstellung der Allgemeinheit unterliegt. Somit entsteht bereits ein repressives Machtgefüge zwischen (politischem, sozialem, moralischem, gesellschaftlichem, kulturellem usw.) System und individueller Freiheit des begehrenden Subjekts.
Während der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert, kam es zur Aufhebung bestimmter gesellschaftlicher Ordnungen, da eine Verschiebung der Moralvorstellungen stattfand. Aber schon vorher, besonders im Absolutismus bestanden besondere Privilegien höher gestellter Klassen, die Vorlieben nachgingen, welche für andere unter Strafe standen. In diesem Sinne beschreibt de Sade also die Wirklichkeit in „Die 120 Tage von Sodom“ als Fiktion. Im Eigentlichen ist jedoch eher die gesellschaftliche Konstruktion und die Anhäufung von gewalttätigen und verbrecherischen Akten fiktiv. Die einzelnen Momente an sich sind alle real denkbar und auch existent. Michel Foucault selbst spricht von seinem „Dispositiv der Sexualität“ von einer „Fabel der »Indiskreten Kleinode«, die er als Historie übertragen will. Er sieht also das Potential der fiktiven Erzählungen zu einer Übersetzung in die Wirklichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, inwiefern die Darstellung von Perversionen bei de Sade als Reflexion über Macht und die Befreiung von moralischen Zwängen interpretiert werden kann.
1 Sex schreiben. Lust im Medium Text: Dieses Kapitel erörtert das Verhältnis zwischen individuellem Begehren, gesellschaftlicher Normsetzung und der literarischen Manifestation von Lust.
2 Dystopia. Ich baue mir meine eigene Welt: Hier wird die Konstruktion des Schlosses Silling als ein von der Außenwelt isolierter, machttheoretisch organisierter Raum für die Libertins analysiert.
2.1 von konstruierten Gesellschaften und ihrem Reiz: Dieser Abschnitt untersucht den bewussten Bruch mit moralischen Vorgaben und die Etablierung eines neuen Ordnungssystems innerhalb des Romans.
2.2 Porno im Alltag – Verlust des Erotischen?: Es wird diskutiert, wie sich durch den Wegfall des Sittenkodex eine Verschiebung der Wahrnehmung von Sexualität und Erotik vollzieht.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die libertine Freiheit bei de Sade zwar als radikaler Bruch mit dem Moralverständnis erscheint, aber letztlich in eine neue, grausame Hierarchie und den totalen Machtanspruch mündet.
Schlüsselwörter
Marquis de Sade, Die 120 Tage von Sodom, Libertinage, Machttheorie, Sexualität, Moral, Perversion, Aufklärung, Repression, Machtgefüge, Erotik, Fiktion, Dispositiv der Sexualität, Schloss Silling, Begehren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk "Die 120 Tage von Sodom" von Marquis de Sade unter besonderer Berücksichtigung der darin dargestellten libertinen Lebensweise und deren Verhältnis zu Macht und Moral.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Repression, die Konstruktion von künstlichen Gesellschaftsformen sowie die literarische Darstellung von Lust und Gewalt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, welche Bedeutung die detaillierte Beschreibung von Perversionen bei de Sade hat und wie diese Handlungen zur Ausübung absoluter Macht innerhalb der fiktiven Ordnung beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die philosophische und machttheoretische Ansätze, insbesondere von Michel Foucault, zur Interpretation des Romans heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst das Schreiben von Lust im literarischen Medium beleuchtet, gefolgt von einer Analyse der räumlichen und sozialen Isolation auf Schloss Silling und deren Auswirkungen auf die Libertins.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Libertinage, Machttheorie, Moral, Perversion und die Analyse des Werks von Marquis de Sade charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst der historische Kontext der Aufklärung die Interpretation des Romans?
Der historische Kontext ist wesentlich, da er die Verschiebung von Moralvorstellungen und das Entstehen neuer Diskurse über Sexualität in Frankreich im 18. Jahrhundert markiert, auf die de Sade in seinem Werk reagiert.
Welche Rolle spielt das Schloss Silling innerhalb der Argumentation?
Das Schloss fungiert als hermetisch abgeriegelter, dystopischer Raum, der es den vier Libertins ermöglicht, ein "freies" System jenseits der gesellschaftlichen Gesetze zu etablieren, um ihre Macht und Lust ungestört auszuleben.
Wie steht der Autor zur "wahren Freiheit" im Kontext der Libertinage?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die vermeintliche "wahre Freiheit" in der Libertinage bei de Sade paradoxerweise zu einer totalen Objektifizierung führt, in der das Subjekt der "Person" zugunsten des reinen Triebs negiert wird.
- Quote paper
- Mathias Seeling (Author), 2009, Freiheit und andere Lüste. Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ und das Prinzip der Libertinage als vollkommene Befriedigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141730