Individuum oder Institution

Wo liegen die Wurzeln der Freiheit und wie gelangt sie zur Blüte?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die institutionelle Freiheit
1.1. Definition
1.2. Bedingungen
1.3. Grenzen6

2. Die individuelle Freiheit
2.1. Definition
2.2. Bedingungen
2.3. Grenzen

3. Individuum oder Institution
3.1. Theoretische Obereinkunft
3.2. Praktische Umsetzung16 Literaturverzeichnis

Einleitung

'Freiheit' — nur ein Wort; doch seine Bedeutung ist unermesslich.

Kein Stift dieser Welt kann beschreiben, was Freiheit wirklich ist. Doch er kann umschreiben, was sie fiir einen einzelnen Menschen ebenso wie fiir die Gesellschaft, in der er lebt, bedeuten kann. Warum ist sie so wichtig? Wo fiihrt sie den Menschen hin oder ist sie evtl. die Abwesenheit jeglicher Fiihrung? Kann jeder Mensch frei sein? Oder andersherum: Kann einem Menschen die Freiheit genommen werden?

Diese existentiellen Fragen lassen sich erst dann näher ergriinden, wenn man sich eingehend da-mit beschäftigt, wo die Freiheit iiberhaupt ihre Wurzeln hat. Eine bedeutende Kluft besteht dabei zwischen denjenigen Denkern, die die Institutionen unserer Gesellschaft als Geburtsstätte und zugleich notwendige Bedingung unserer Freiheit anfiihren, und denjenigen, die einzig im Indivi-duum und seinem rationalen Denken die wahre Freiheit begriindet sehen.

In dieser kleinen Schrift soll es nun darum gehen, diese beiden Positionen einmal näher vorzu-stellen und kritisch in Augenschein zu nehmen. AbschlieBend soll der Versuch einer voriiberge-henden Klärung angestellt werden, der iiber den Zwischenschritt theoretischer Uberlegungen in praktische Richtlinien miinden soll. SchlieBlich ist nur diejenige Philosophie dem Menschen wirklich niitzlich, die sich auch in pragmatischer Umsetzung bewährt und dem geneigten Leser anzudeuten vermag, wie er und seine Mitmenschen die Freiheit zur Bliite bringen können.

1. Die institutionelle Freiheit

Als einer der starksten Verfechter der institutionellen Freiheit kann Hegel angesehen werden.

In seiner Schrift Grundlinien der Philosophie des Rechts (Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlini-en der Philosophie des Rechts. Philosophie von Platon bis Nietzsche, Directmedia: Berlin, 1998; http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm), die erstmals um 1821 erschienen ist, entwickelte er sei­ne Moralphilosophie auf einer institutionsbezogenen Vorstellung von Sittlichkeit. Darin vertritt er den Standpunkt, dass alle menschlichen Personen sehr stark in ihren jeweiligen politischen und sozialen Institutionen verwurzelt sind und von ihnen geprägt werden.

1.1. Definition

„Die Sittlichkeit ist die Idee der Freiheit (...), der zur vorhandenen Welt und zur Na-tur des SelbstbewuJ3tseins gewordene Begriff der Freiheit." (Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: 1998, 42432)

GemaB Hegel lasst sich die Freiheit einzig und allein in unserer Sittlichkeit verwirklichen. Diese Sittlichkeit sieht er in unseren Institutionen verkörpert. Wobei er diese als Lebensformen auffasst und vor Allem die Familie, die burgerliche Gesellschaft und den Staat im Sinn hat:

„Nach Hegels Lesart dieser Auffassung ist mit Freiheit ein System politischer und so- zialer Institutionen gemeint, welche die Grundfreiheiten der Staatsbiirger garantieren

und ermöglichen." (Rawls, John: Geschichte der Moralphilosophie, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 2004, 4 54)

Er bestreitet somit vehement, dass der Mensch auBerhalb seines sozialen und politischen Rah-mens wahre Freiheit erlangen kann. Darüber hinaus sei individuelles Gluck in dieser Welt nicht garantiert; aber nur in einer solch engen Verflechtung mit den drei bedeutenden Institutionen, die zugleich auf einer rationalen Grundlage beruhen miissen, könne eine derartig persönliche Erf6l-lung uberhaupt erst erreicht werden. (vgl. Rawls, John: 2004, 429)

Auf dieser Grundlage lässt sich vorerst folgende Definition treffen:

· Freiheit im Sinne von Hegel ist die Verwirklichung der menschlichen Sittlichkeit in so-zialen und politischen Institutionen.

1.2. Bedingungen

„Auf die Frage eines Vaters nach der besten Weise, seinen Sohn sittlich zu erziehen, gab ein Pythagoreer (...) die Antwort: wenn du ihn zum B u rger eines Staats v o n g u -ten Gesetzen machst." (Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: 1998, 42442 f.)

Zur Realisierung dieser Freiheit fiihrt Hegel mehrere Bedingungen an, von denen hier im Fol-genden die vier Bedeutenden vorgestellt werden:

1. Die Vers o hnung des einzelnen Individuums mit dieser Welt:

„Sobald wir bei unseren Uberlegungen verstehen, daB die gegebene soziale Welt unsere Freiheit zum Ausdruck bringt und uns dazu befahigt, diese Frei-heit im Alltag zu verwirklichen, versohnen wir uns mit dieser Welt." (Rawls, John: 2004, 428)

Dabei komme der Philosophie eine ganz besondere Bedeutung zu. Weit davon entfernt, ein bloB akademisches Fach zu sein, solle sie uns Aufschluss iiber uns geben und uns zu der Erkenntnis fiihren, dass wir unsere Willensfreiheit einzig und allein durch Institutio-nen erreichen konnen.

2. Hegel will eine neue Ethik einfiihren. In dieser sollen moralische Verpflichtungen ver-mieden werden, da sie fiir sich allein und auBerhalb der Institutionen keine wirkliche Giiltigkeit haben konnen:

„Der grundlegende Wechsel findet sich in der Idee der Sittlichkeit. Dies ist der Ort des Ethischen, das Gesamtensemble der rationalen (...), Freiheit er-moglichenden politischen und sozialen Institutionen: Familie, biirgerliche Ge-sellschaft und Staat." (Rawls, John: 2004, 429)

Auf diese Weise will Hegel die autonome 'Ethik des Sollens', die moralisch betrachtet in der Gesellschaft zu keinem wirklichen Erfolg gefiihrt habe, durch eine Einflechtung des einzelnen Individuums in diese Gesellschaft und die daraus erwachsende Verantwortung fiir deren Institutionen ablosen.

3. In der Ont o l o gie seiner metaphysischen Weltsicht spricht sich Hegel dafiir aus, dass es eigenstandige Substanzen sowie deren Akzidenzien gibt. Unter dem Begriff 'Akzidens' lasst sich etwas Zufalliges, nicht notwendig einer Substanz Zukommendes, unselbstandig Seiendes verstehen. Nach Hegel kCnne nur eine Substanz — wie z.B. die rationale Welt der Institutionen — wirklich frei sein. Dementsprechend „konnen Individuen die vollendetste Freiheit, die ihnen zu Gebote steht (...), allein dadurch erlangen, daB sie zu selbstreflektierten und bejahenden Akzi-denzien (...) einer verniinftigen sozialen Welt werden." (Rawls, John: 2004, 430)

Daraus wird ersichtlich, dass das einzelne Individuum fiir Hegel nichts weiter als ein un-selbständiges Akzidens ist und somit von sich aus iiberhaupt nicht den Zustand der Frei-heit erreichen kann. Erst durch die Bindung an die Welt der Sittlichkeit kCnne ein Mensch wirklich frei werden.

4. AbschlieBend weist Hegel auch darauf hin, dass der korrekte Umgang mit und in den Institutionen erst durch entsprechende Institutionen gelehrt und gefordert werden miisse:

,,Zu den Faktoren, die ihre Verwirklichung beeinflussen, gehoren auch soziale Einstellungen der Ermutigung und Unterstiitzung sowie das Vorhandensein von Institutionen, die sich mit ihrer friihzeitigen Schulung und Anwendung befassen." (Rawls, John: 2004, 473)

· Hegel geht es somit um die Versöhnung des Individuums mit seiner sozialen und politi-schen Welt. Dies will er durch eine neue Form der Ethik erreichen, die die scheinbar untaugliche Ethik der autonomen Vorschriften und Handelsmaximen ablösen soll. Das Ganze fuBt auf seinem ontologischen Modell der sozialen und politischen Welt als ei-genständiger Substanz und den einzelnen Individuen als unselbständigen Akzidenzien, die nur durch ihre Verwirklichung in den Institutionen Freiheit erlangen können. Damit dies in der Praxis auch umsetzbar ist, miissen wiederum förderliche Verhaltensweisen angeeignet und spezielle Institutionen errichtet werden, die dieses System im Allgemei-nen und Besonderen erhalten und verstärken.

1.3. Grenzen

Zu Anfang lässt sich natiirlich das ontologische Weltbild Hegels in Frage stellen. Hegel sieht in der Entwicklung der Welt einen fortschrittlichen Verlauf, in dem sich sukzessive seine Vorstel-lung vom 'Weltgeist' entfaltet. In Bezug auf die Freiheit schreibt Hegel:

,,Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im BewuBtsein der Freiheit" (Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Philosophie der Geschichte, Reclam: Stuttgart 1961, 61)

Jacob Burckhardt hingegen nimmt diesen Ausspruch in seinen Weltgeschichtlichen Betrach-tungen (Kroner: Stuttgart, 1978) als Ausgangspunkt fiir seine Kritik an Hegels Fortschrittsgläu-bigkeit. Fiir ihn gleicht die Geschichte einer beständigen Wiederkehr von Wachsen, Bliihen und Vergehen, welches durch die Institutionen von Staat, Kultur, Religion und vor Allem historischen Krisen angekurbelt werde. Ob die jeweilige Entwicklung zum Positiven oder Negativen tendiere, stehe dabei vollig offen. Im Gegensatz zu Hegels Vorstellung vom Weltgeist hebt er das Recht des einzelnen eigenständigen Individuums hervor. Dieses Recht grenzt er jedoch auch von Kierkegaards Idee vom radikal vereinzelten Selbstsein zugunsten des offenkundigen Einflusses des allgemeinen Geschehens ab.

Zusatzlich weist Ernst Cassirer auf die folgenreiche Verklarung des Staates als hoherem Aus-druck des 'Weltgeistes' hin:

„es war das tragische Schicksal Hegels, dass er unbewusst die irrationalsten Machte entfesselte, die jemals im politischen und sozialen Leben des Menschen erschienen. Kein anderes philosophisches System hat so viel zur Vorbereitung des Faschismus und Imperialismus getan, als Hegels Lehre vom Staate — 'von dieser gottlichen Idee, wie sie auf Erden existiert'." (Cassirer, Ernst: Der Mythos des Staates (198 5), Meiner: Hamburg, 2002, 3 56)

Die Mythologisierung politischer Institutionen gleicht Cassirer zufolge einem Verfall in vorratio-nale Zeiten, in denen sich die Menschen anhand von mythischen Vorbildern und Grundsatzen orientiert haben.

Da die jeweilige Wahl des metaphysischen Rahmens, in den ein Philosoph sein Bild von der Welt einordnet, schlussendlich weniger eine Frage des Wissens, sondern vielmehr eine Angelegenheit des personlichen Glaubens ist, soll sie hier nicht weiter behandelt werden. Es soll jedoch ange-merkt sein, dass ihr ebenso wie auch allen anderen Glaubensfragen mit Skepsis zu begegnen ist. Wenn man sich mit Hegels Vorstellung, dass der einzelne Mensch nur ein unselbstandiges Akzi-dens ist, eingehender befasst, dann erweckt diese Annahme ganz klar den Kritikpunkt, dass der Wert und die Innovationsfahigkeit des einzelnen Individuums verkannt zu werden droht. Dieser Anschein mag zwar offenkundig sein, trifft Hegel jedoch zu unrecht. Er selbst strebt eine fort-schrittliche Entwicklung auf der Grundlage der Freiheit an, die sich an verniinftigen Gewohnhei-ten und Brauchen orientiert:

„denn in der neuzeitlichen Welt miissen die sozialen Institutionen Subjektivitat, Indi-vidualitat und Besonderheit bzw. die (alle drei Bereiche abdeckende) 'Substantialitat' fordern, wie es bei Hegel heiBt." (Rawls, John: 2004, 430)

Hegels System darf somit zwar durchaus als konservativ bezeichnet werden, fortschritts- oder autonomiefeindlich ist es jedoch nicht:

„Wahrend also rationale soziale Institutionen den notwendigen Hintergrund der Frei-heit und der echten Autonomie der Individuen bilden, sind Reflexion, Urteil und ra­tionales (...) Betragen auf seiten der Individuen notig, um die Substantialitat und Freiheit ihrer sozialen Welt hervorzubringen." (Rawls, John: 2004, 431)

Ein weiterer Kritikpunkt offenbart sich in der Vermeidung der Ethik nach Idealen und der Ver-sohnung mit der realen sozialen und politischen Welt. Ideale diirfen namlich durchaus als Fort-schrittstreibstoff betrachtet werden. Auf den Verlust von Idealen, folgt zumeist eine stagnierende Entwicklung. Auch eine Versohnung mit der derzeitigen Situation kann zu Stillstand fiihren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Individuum oder Institution
Untertitel
Wo liegen die Wurzeln der Freiheit und wie gelangt sie zur Blüte?
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V141770
ISBN (eBook)
9783640495511
ISBN (Buch)
9783640495399
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individuum, Institution, Wurzeln, Freiheit, Blüte
Arbeit zitieren
M.A. Christian Zippel (Autor:in), 2009, Individuum oder Institution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141770

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