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Ingenio malo pravoque? - Die Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust

Titel: Ingenio malo pravoque? - Die Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust

Magisterarbeit , 2008 , 105 Seiten , Note: 2,1

Autor:in: M.A. Nicholas Gudrich (Autor:in)

Latinistik - Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

In vorliegender Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Darstellung Catilinas in den catilinarischen Reden Ciceros mit der Darstellung in Sallusts Monographie Bellum Catilinae übereinstimmt.
Ich werde zunächst zeigen, dass die Darstellung Catilinas in beiden Fällen von einer Topik bestimmt ist, die aus der rhetorischen Tradition der Invektive stammt. Obwohl es sich also um zwei vollkommen verschiedene Textsorten handelt, wird die jeweils zentrale Figur mit denselben Mitteln dargestellt. Es ergibt sich die Frage, ob diese Übereinstimmung in der Technik der Beschreibung bedeutet, dass die Zielsetzung der Werke ebenfalls übereinstimmt.
Ich möchte also hinterfragen, ob das Verhältnis der beiden Werke so eindeutig ist, wie es zunächst den Anschein hat: Cicero verfasst als Konsul eine politische Invektive gegen seinen politischen und persönlichen Feind, Sallust nutzt die catilinarische Verschwörung um ein Exemplum für den Niedergang des Staates zu konstituieren. Doch wie viel von Sallusts Anliegen steckt bereits in den Reden Ciceros? Und inwiefern folgt die Darstellung Catilinas bei beiden Autoren ein und demselben Schema, nämlich dem der Invektive? Und handelt es sich also um Invektiven? Oder schreibt Cicero vielleicht trotz invektivischer Metaphorik gar keine Invektive?
Im Hintergrund steht dabei auch die Frage, was diese Texte uns über den historischen Catilina verraten können – dürfen sie mit Recht als Quellen zu Catilina gelesen werden oder verbietet sich dieser Ansatz?
Zunächst werde ich einen Überblick über die Darstellung Catilinas in den Catilinarien bieten und zunächst diskutieren, ob es sich bei diesen um Invektiven handelt oder nicht. Ich werde in diesem Kontext vor allem die Entpersonalisierung der angewandten Invektivtopoi untersuchen, die Cicero in den vier Catilinarien vornimmt.
Ich werde außerdem betrachten, ob es sich möglicherweise schon bei Cicero um die Statuierung eines politischen Exemplums handelt und Cicero sich somit der Zielsetzung Sallusts annährt.
In der Folge werde ich mich der Darstellung Catilinas bei Sallust widmen. Hierbei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, inwiefern Sallust die ciceronische Darstellung Catilinas für seine Monographie übernimmt und was er der Catilina-Figur hinzufügt.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Topoi als beherrschendes Element der Darstellung Catilinas

3. Die Reden gegen Catilina

3.1. Die erste Rede gegen Catilina

3.2. Die zweite Rede gegen Catilina

3.3. Catilina und Reflexe Catilinas in der dritten und vierten Rede

3.3.1. Die dritte Rede gegen Catilina

3.3.2. Die vierte Rede gegen Catilina

4. Invectivae in Catilinam?

5. Die Catilinarien als Rechtfertigungsreden

6. Catilina als Exemplum

7. In Toga Candida – Die echte Invectiva in Catilinam

8. Catilina als Reflex Sullas – Die Entstehung eines neuen Typus?

8.1. Parallelen zwischen Sulla und Catilina

8.2. Cicero/Marius vs. Catilina/Sulla

8.3. novitas periculi – Von Sulla bis Caesar via Catilina

9. Catilina in den philippischen Reden

10. Exemplum + Invektive = Rüge?

11. Fehlende Individualisierung der Topoi

11.1. Standartbeschimpfungen

11.2. Der Mord an Sohn und Ehefrau

11.3. Das Aussehen

11.4. Der Name

11.5. Aurelia Orestilla

12. Der Catilina Sallusts

13. Ciceros Catilina-Figur in Sallusts Bellum Catilinae

14. Eine historische Monographie als ‚Tadelrede’?

15. Die Reden Catilinas – Ein Zerrbild römischer Grundtugenden

15.1. Die Agitationsrede

15.2. Die Feldherrenrede

16. Die Briefe Catilinas – simulator ac dissimulator

17. boni und improbi bei Sallust

18. Übereinstimmungen zwischen Ciceros und Sallusts Catilina – Eine Bilanz

19. Die Darstellung Catilinas bei Cicero außerhalb der Catilinarien

19.1. Catilina in der Rede pro Murena

19.2. Catilina in der Rede pro Sulla

19.3. Catilina in der Rede pro Caelio

20. Die Literarisierung Catilinas

21. Nomen est omen?

22. Cum tacent, clamant? – Catilina zwischen den Zeilen

23. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, inwiefern die Darstellung des Catilina in den catilinarischen Reden Ciceros mit der in Sallusts Monographie Bellum Catilinae korrespondiert. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass Catilina bei beiden Autoren nicht als Individuum, sondern als ein durch rhetorische Topoi konstruierter literarischer Typus fungiert, der zur Reflexion über den moralischen Verfall und die Gefährdung der römischen Republik dient.

  • Rolle rhetorischer Topoi aus der Invektive bei der Charakterisierung Catilinas.
  • Die Funktion von Catilina als politisches Exemplum und Staatsfeind bei Cicero und Sallust.
  • Die Entindividualisierung der Figur zur Schaffung eines universalen, abschreckenden Typus.
  • Der Vergleich von Ciceros Reden und Sallusts historischer Monographie im Hinblick auf ihre Zielsetzungen.
  • Die Verbindung zwischen Catilina und Sulla sowie deren Bedeutung für das Verständnis der "neuen Gefahr" (novitas periculi).

Auszug aus dem Buch

3.1. Die erste Rede gegen Catilina

In der ersten Catilinaria lässt sich ein deutlicher Bruch zwischen konkreten Anschuldigungen, die Catilinas politische Umtriebe betreffen, und privaten Schmähungen feststellen. Zunächst etabliert Cicero die tatsächliche politische Gefährlichkeit seines Gegners, dann wendet er sich seinem verdorbenen Charakter zu. Es ist in der politischen Invektive üblich, den Gegner sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene anzugreifen. Nur so war die völlige gesellschaftliche Isolation, die das Ziel der Invektive bildet, zu erreichen: Da man in der römischen Republik streng zwischen Privatmann und Politiker unterschied, erreicht Cicero eine Diskreditierung seines Gegners auf beiden Ebenen, wenn er Catilina zunächst auf politischer, dann auf persönlicher Ebene demontiert: Catilina wird so sowohl zum hostis als auch zum inimicus.

Die Rede beginnt mit einer Anrede des außer Kontrolle geratenen Politikers Catilina, der sich durch seinen furor und seine audacia (1.1) vom Senat entfremdet hat, der zwar pro forma noch an der Senatssitzung teilnimmt, während er jedoch im Geiste bereits die Ermordung (1.2: caedes) der Senatoren plant. Cicero bezeichnet Catilina als dux hostium und zeichnet das paradoxe Bild eines feindlichen Heerführers, der sich allerdings intra moenia und sogar in senatu befindet (1.5) und so täglich das Allgemeinwesen bedrohe.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Übereinstimmung der Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust und führt in die Methode der Invektiven-Analyse ein.

2. Topoi als beherrschendes Element der Darstellung Catilinas: Dieses Kapitel erläutert die rhetorischen Gemeinplätze, die aus der griechischen Schmähtopik übernommen und zur Charakterisierung Catilinas angewandt werden.

3. Die Reden gegen Catilina: Hier wird Ciceros schrittweise Konstruktion der Catilina-Figur über die vier Catilinarien hinweg untersucht.

4. Invectivae in Catilinam?: Die Frage nach dem Gattungscharakter der Catilinarien wird diskutiert, wobei die rhetorische Form der Invektive gegen die politische Intention abgewogen wird.

5. Die Catilinarien als Rechtfertigungsreden: Die Untersuchung legt dar, wie Cicero die Reden nutzte, um sein umstrittenes Vorgehen gegen die Verschwörer legitim zu rechtfertigen.

6. Catilina als Exemplum: Die Analyse zeigt, wie die historische Person Catilina hinter dem literarischen Modell eines Staatsfeindes zurücktritt, um als Exemplum für den moralischen Zerfall zu dienen.

7. In Toga Candida – Die echte Invectiva in Catilinam: Dieser Abschnitt vergleicht die Fragmente der In Toga Candida mit den Catilinarien, um die Entwicklung der Charakterisierung aufzuzeigen.

8. Catilina als Reflex Sullas – Die Entstehung eines neuen Typus?: Das Kapitel beleuchtet die literarische Verbindung zwischen Sulla als Verfallsauslöser und Catilina als dessen personifiziertem Endprodukt.

9. Catilina in den philippischen Reden: Die Verwendung Catilinas in den späten Reden Ciceros als Maßstab für Antonius wird thematisiert.

10. Exemplum + Invektive = Rüge?: Hier wird der Gattungsbegriff "Rüge" eingeführt, um Ciceros Vorgehen als moralischen Akt der Staatsführung zu definieren.

11. Fehlende Individualisierung der Topoi: Die Arbeit argumentiert, dass die bewusste Vermeidung individueller Details der Konstruktion eines allgemeinen Typus diente.

12. Der Catilina Sallusts: Es folgt die Analyse von Sallusts Monographie, die den Catilina-Typus in einen historischen, aber ebenfalls von Verfall geprägten Kontext einbettet.

13. Ciceros Catilina-Figur in Sallusts Bellum Catilinae: Sallusts Übernahme der vorgefertigten Catilina-Konstruktion Ciceros wird hier belegt.

14. Eine historische Monographie als ‚Tadelrede’?: Die rhetorische Struktur der Tadelrede wird als Basis für Sallusts historische Darstellung identifiziert.

15. Die Reden Catilinas – Ein Zerrbild römischer Grundtugenden: Die Analyse der sallustischen Reden zeigt, dass Catilinas Sprache als Pervertierung römischer Werte entlarvt wird.

16. Die Briefe Catilinas – simulator ac dissimulator: Catilinas Briefe werden als Werkzeuge zur Inszenierung seiner doppelzüngigen Rolle analysiert.

17. boni und improbi bei Sallust: Die sozialen Frontlinien der Krise werden untersucht, in denen Catilina als Anführer der improbi fungiert.

18. Übereinstimmungen zwischen Ciceros und Sallusts Catilina – Eine Bilanz: Eine Zusammenfassung der identifizierten Topoi, die beide Autoren zur Konstruktion ihres Catilina verwenden.

19. Die Darstellung Catilinas bei Cicero außerhalb der Catilinarien: Die Konstanz des Catilina-Bildes in anderen Reden (z.B. pro Caelio) trotz unterschiedlicher Verteidigungsstrategien wird dargelegt.

20. Die Literarisierung Catilinas: Der Prozess wird reflektiert, wie Catilina erstmals durch Cicero zur literarischen Figur wurde.

21. Nomen est omen?: Die etymologische und symbolische Bedeutung des Namens Catilina wird unter Berücksichtigung keltischer und römischer Konnotationen diskutiert.

22. Cum tacent, clamant? – Catilina zwischen den Zeilen: Das Kapitel befasst sich mit der Analyse der ausgelassenen Topoi, die Rückschlüsse auf das historische Konzept ermöglichen könnten.

23. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das historische Individuum hinter dem literarischen Multifunktions-Catilina verloren gegangen ist.

Schlüsselwörter

Catilina, Cicero, Sallust, Invektive, Exemplum, Topik, Staatsfeind, Verschwörung, Rhetorik, Literaturgeschichte, Romanistik, Tadelrede, dominatio, Rüge, Typisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Magisterarbeit untersucht die literarische Darstellung von L. Sergius Catilina in den Schriften von Cicero und Sallust, mit dem Ziel nachzuweisen, dass es sich dabei um eine artifizielle Konstruktion handelt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf der rhetorischen Invektivtradition, der Konstruktion politischer Exempla, der literarischen Entindividualisierung historischer Persönlichkeiten und dem Vergleich von Reden und historiographischen Monographien.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Hauptziel ist zu zeigen, dass Catilina durch die Autoren in ein literarisches Schema gepresst wurde, das ihn als Prototypen des staatsgefährdenden Politikers etabliert und historische Individualität systematisch ausblendet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine philologische Analyse rhetorischer Topoi und vergleicht diese mit den Gattungsvorgaben der antiken Invektive und Tadelrede (z.B. nach der Rhetorica ad Herennium).

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert detailliert die vier Catilinarien Ciceros, Sallusts Bellum Catilinae sowie ergänzende Schriften Ciceros, um aufzuzeigen, wie konsequent die Invektivtopik auf Catilina angewandt wurde.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Catilina, Cicero, Sallust, Invektive, Exemplum, Typisierung, Staatsfeind, Literaturgeschichte, dominatio.

Warum wird Catilina bei Cicero in der Rede pro Caelio plötzlich positiver dargestellt?

Der Autor argumentiert, dass dies keine historische Korrektur ist, sondern eine prozessuale Notwendigkeit: Um den Mandanten Caelius zu verteidigen, musste Cicero die Identifikation des Mandanten mit dem "Staatsfeind Catilina" rhetorisch entkräften.

Welche Rolle spielt Sulla für das Verständnis der Figur Catilina?

Sulla dient als literarische Folie und "Verfallsauslöser". Catilina wird als dessen direktes Produkt und als verkörperte novitas periculi inszeniert, um die Gefahr der totalitären dominatio in der späten Republik greifbar zu machen.

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Details

Titel
Ingenio malo pravoque? - Die Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,1
Autor
M.A. Nicholas Gudrich (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2008
Seiten
105
Katalognummer
V141816
ISBN (eBook)
9783640514106
ISBN (Buch)
9783640515134
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Catilina Cicero Sallust Exemplum römische Republik Invektive catilinarische Verschwörung Verschwörung des Catilina Invektivtopoi Topoi Charakterisierung Catilina Lucius Sergius Catilina Aurelia Orestilla Reden gegen Catilina
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
M.A. Nicholas Gudrich (Autor:in), 2008, Ingenio malo pravoque? - Die Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141816
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  105  Seiten
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