Bemerkungen zur Männlichkeitskonstitution und der Rolle der Frau im Mittelalter anhand des ‚Erec’ Hartmanns von Aue


Hausarbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom juncherre zum Ritter
2.1 Der weiblich definierte Held
2.2 „Aufbruch in die Männlichkeit“
2.3 „Männlichkeit bedarf der Performanz“

3. Die Rolle Enites als Frau
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Das verligen in Karnant
3.3 Enites Schuld und das auferlegte Schweigen
3.3.1 Enites Schuld
3.3.2 Das auferlegte Schweigen
3.4 Die Frau als Quelle der Ritterlichkeit

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ausgehend von Dorothea Kleins Aufsatz „Geschlecht und Gewalt. Zur Konstitution der Männlichkeit im ‚Erec’ Hartmanns von Aue“ möchte ich den Gedankengang nachzeichnen, den die Autorin zugrunde legt, um im Weiteren darauf einzugehen, wie sich, neben den Kriterien für das Mann-Sein, die damaligen Vorstellungen der Weiblichkeit zusammensetzten. In diesem Zusammenhang ist unter anderem die Frage interessant, welche Schuld Enite trifft, als es in Karnant zum berühmten verligen kommt. Es wird darauf zu achten sein, wie sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau gestaltet, damit eine Rollentrennung so stattfinden konnte, wie sie im Mittelalter praktiziert wurde.

Am Ende der Arbeit wird erkennbar werden, worauf sich die Rolle der Frau, im Beitrag zum männlichen Selbstverständnis, im Wesentlichen richtete. Die Frau, die Männlichkeitskonstitution betreffend, als immer in Relation zum Mann stehender Mensch, war in ihren Rechten zwar weitgehend eingeschränkt gewesen und unterlag strengen Auflagen, sowohl der Gesellschaft, als auch des Mannes, jedoch war ihre Funktion unbedingt notwendig, wenn es darum ging, mäßig und vorbeugend zu handeln. Diese Mittelwegs-Findung bezog sich sowohl auf die Erotik, als auch auf alle Regulierungen der männlichen Triebhaftigkeit. Somit war die Frau trotz persönlichen Einschränkungen immer unumgänglich, um in den Kriterien Liebe und Gewalt das rechte Maß zu halten und dadurch gleichzeitig das Beste für den Mann zu leisten, der durch diese Einschränkungen im Kontext der höfischen Konventionen den Mittelweg zwischen Liebe und „Performanz-Zwang“ bestmöglich beschreiten konnte.

2. Vom juncherre zum Ritter

2.1 Der weiblich definierte Held

Im ‚Erec’ Hatmanns von Aue wird Erec zuerst erwähnt, als er sich mit der Königin Ginover und deren Hoffräulein im Freien befindet und die Königin einen fremden Ritter in Begleitung einer Dame und eines Zweiges sieht. Sie möchte den Namen des Rittes erfahren und schickt zuvorderst ihr Hoffräulein, danach Erec zum getwerc (11), der sie jedoch verweist, indem er beide schlägt und ihnen die Antwort verwährt. Durch diesen Schlag gekränkt, will Erec nicht mehr im Dienst der Königin verweilen und Rache nehmen: ir gesehet mich nimmer mêre,/ ichn gereche mich an disem man/ von des getwerge ich mâl gewan (135ff.).

Bei näherer Betrachtung der Szene fällt auf, dass Erec als junge man (18) und juncherre (150) eingeführt wird, d.h. er wird nicht als Mann eingeführt, der sich schon durch ritterliches Benehmen ausgezeichnet hat. Bumke schreibt: „Bei ihm [Hartmann von Aue] ist Erec ein unerfahrener jungelinc (757), der noch keinen ernsthaften Kampf bestritten und an keinem Turnier teilgenommen hat.“[1] Durch den Schlag des Zwergen kommt es dazu, dass Erec sich vor den Damen gedemütigt sieht und Schande in dem Sinne erfahren musste, dass er sich und die Frauen nicht sogleich verteidigen konnte. Klein meint, Erecs erlittene Verletzung „ist nicht nur eine physische, sie hat auch symbolhafte Bedeutung: Für das Opfer Erec bedeutet sie Verletzung seiner Ehre, seines Ansehens, bedeutet sie Gesichtsverlust“[2]. Dass Erec sich jedoch nicht sofort zur Wehr setzen konnte, rührt daher, dass er keine passende Rüstung trug, die ihn im Kampfesfall geschützt hätte: Êrec was blôz als ein wîp (103). In diesem Ausrüstungsmangel und dem direkten Vergleich mit einer Frau sieht Klein einen Hinweis darauf, dass Erec zwar biologisch gesehen ein Mann ist, ihm im sozialen Kontext aber noch eine entscheidende Qualifizierung fehlt, um sich der Männlichkeit rühmen zu können: „die Fähigkeit, sich und andere gegen Aggressivität zu verteidigen und zu schützen“, woraus sie die Schlussfolgerung zieht, „daß Erec noch nicht als Mann definiert ist.“[3] Um dieser in der höfischen Gesellschaft defizitären Rolle zu entgehen, trifft Erec den Entschluss, auszuziehen und seine Ehre wiederherzustellen.

2.2 „Aufbruch in die Männlichkeit“

Nach den oben gemachten Ausführungen zur Exposition von Hartmanns ‚Erec’ und unter Berücksichtigung der von Klein vertretenen Auffassung, dass Erec einen „Aufbruch in die Männlichkeit“[4] startet, soll diese Konstitution der Männlichkeit betrachtet werden, wie sie sich vollzieht und im Text ausdrückt.

Erste Station nach dem Aufbruch Erecs ist Tulmein. Dort begegnet er Koralus, als er vergeblich ein Lager für die Nacht sucht. Dieser erzählt ihm, was es mit dem fremden Ritter auf sich hat und erwähnt bei dieser Gelegenheit den bald stattfinden Sperberkampf. Erec ist entschlossen, ihm, dem fremden Ritter, den Titel abzunehmen und sich so zu rächen und seine Ehre wiederherzustellen. Nur fehlen ihm für diese Aufgabe zwei wesentliche Dinge: eine Frau und eine Rüstung. Beides stellt Koralus kurzerhand zur Verfügung (495-515, 588-52). Falls Erec den Kampf mit Koralus’ Rüstung gewinnt, so kann seine Tochter von ihm geheiratet werden.

Auf die Rüstung, welche er von Koralus übergeben bekommt, ist dabei besonderes Augemerk zu richten. Gerade die Rüstung war es ja, die Erec fehlte, als er sich konfrontiert sah mit dem Zwerg und sich nicht verteidigen konnte, was ihn in letzter Konsequenz als weiblich definiert dargestellt zurückließ. Nun erhält er jedoch noch das letzte Stück, dass ihm zur Mannwerdung ermangelte und stellt fest, dass es ideal für ihn geeignet ist (dô was ez behende unde guot, 618). In der Übergabe und dem Anlegen der Rüstung sieht Klein „Erecs Prädestination zum Rittermann“[5], die dann auch vom Erzähler bestätigt wird (757f.).

Nach einem langen Kampf, der unter dem Vorzeichen geführt wurde, dass Iders, Erecs Gegner, keine Gnade mit Erec haben werde, falls er ihn besiege, schlägt Erec Iders, lässt ihn jedoch am Leben und gewinnt damit den Sperber. Auffallend ist, dass, wieder im Gegensatz zum vorher vom Erzähler Erwähnten, nun Beschreibungen auf Erec angewandt werden, welche ihn bewusst vom Status des Jünglings abgrenzen und die Prädestination als nun vollzogene darstellen. So war der beiden Fechten manlîch (845) und Iders merkt an einer Stelle an, dass sie besser ausruhen sollten, da ir slege wîplîchen sigen (894) und dies gezimt niht guoten knechten (903). Erec wird sozusagen im Kampf schon von Iders als Mann, als Ritter erkannt, womit Erec das erreicht hat, was er eigentlich wollte: Männlichkeit beweisen und Rache nehmen.

Seinem Erfolg im Kampf entspricht der Gewinn des Sperberpreises. Dieser Sperberpreis erfüllt jedoch zwei verschiedene Rollen: er dient einerseits dazu, stellvertretend die Frau des Helden als die Schönste auszuzeichnen, auf der anderen Seite ziehen die mittelalterlichen Dichter

„den Sperber wie die zur Jagd abgerichteten Raubvögel überhaupt gern zum Vergleich heran, um Anmut, Adel und Unvergleichbarkeit eines Helden, insbesondere aber auch seine Schnelligkeit und sein Ungestüm, Kampfesmut und Kühnheit, Überlegenheit, Gefährlichkeit und furchteinflößendes Wesen herauszustellen. Wer den Sperber errungen hat, ist damit auch im Besitz jener Eigenschaften, die man dem Sperber gemeinhin zuschreibt. Es sind dies allesamt Eigenschaften, die zum Code feudal-kriegerischer Mannhaftigkeit gehören.“[6]

Erec hat mit dem Sperber also alles gewonnen, was ihn in einer von höfischen Konventionen und Wertvorstellungen geprägten Welt als Mann auszeichnet. Seine verlorene Ehre ist wieder hergestellt und er hat an Iders Rache genommen, indem er ihn besiegte, Enite als schönste Frau auszeichnete und sie mit Koralus Erlaubnis zur Frau nehmen wird.

Bis zu diesem Punkt der Arbeit wurde nur darauf eingegangen, wie Erec seine Männlichkeit durch Gewalt, d.h. durch Kampf, erlangen konnte. Nach Dorothea Klein ist dies ein wichtiger Aspekt, der die Männlichkeitskonstitution im Mittelalter auszeichnete. Doch, wie ich weiter unten ausführen werde, ist dies, Kleins Meinung nach, nicht der einzige, die Liebe erfüllt ebenfalls eine wichtige Rolle, die des Korrektivs[7].

Bevor jedoch Näheres dazu gesagt werden soll, wie die Liebe die Funktion des Korrektivs ausfüllt und warum dies gerade so wichtig ist, um die Männlichkeitskonstitution erfolgreich, nicht in Extremen endend, zu gewährleisten, muss ein weiterer wichtiger Punkt erwähnt werden, der nicht direkt unter die Kategorie Gewalt fällt, jedoch diese – weitestgehend – zum Gegenstand hat, da sie konstitutiv für das Männlichkeitsbild im Mittelalter ist. Es ist hier die Rede vom Handeln, vom aktiven Zeigen, zur Schau stellen, vom beweisen des Vorhandenseins der Tapferkeit, der Schnelligkeit, d.h. der Attribute, welche durch den Sperber zugeschrieben wurden.

[...]


[1] Bumke: Der ‚Erec’ Hartmanns von Aue, 96.

[2] Klein: Geschlecht und Gewalt, 437.

[3] Ebd.: 439.

[4] Ebd.: 441.

[5] Ebd.: 442.

[6] Ebd.: 444.

[7] Vgl. Ebd.: 435.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Bemerkungen zur Männlichkeitskonstitution und der Rolle der Frau im Mittelalter anhand des ‚Erec’ Hartmanns von Aue
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V141854
ISBN (eBook)
9783640604401
ISBN (Buch)
9783640604883
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dozent schrieb: "Überzeugende Interpretation."
Schlagworte
Bemerkungen, Männlichkeitskonstitution, Rolle, Frau, Mittelalter, Hartmanns
Arbeit zitieren
Sebastian Schmidt (Autor), 2007, Bemerkungen zur Männlichkeitskonstitution und der Rolle der Frau im Mittelalter anhand des ‚Erec’ Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141854

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