Das Frömmigkeitsideal der Heiligen Elisabeth von Thüringen

Willenslenkung durch Konrad von Marburg?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
25 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Gliederung

1. Vorbetrachtungen

2. Die Religiösität im Mittelalter
2.1. Der Mönch
2.2. Das Streben nach „wahrer“ Christlichkeit
2.3. Ketzer und Machtkirche

3. Das Leben im Mittelalter
3.1. Frauen
3.2. Die Heiligen
3.3. Aberglaube und Erscheinungen
3.4. Frömmigkeitswandel und reformerische Absichten

4. Quellen

5. Die heilige Elisabeth von Thüringen
5.1. Die Landgräfin Elisabeth
5.2. Von der Adligen zur Heiligen
5.3. Die Bindung an Konrad von Marburg
5.4. Franziskanische Einflüsse
5.5. Einflüsse von Frauenbewegungen und Bettelmönchen

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1.Vorbetrachtung

Elisabeth von Thüringen hatte ursprünglich eine weltliche Bestimmung, die sie für den Rest ihres Lebens an einen herrschaftlichen Hof binden sollte. Sie entzog sich diesem Schicksal und richtete ihr Augenmerk auf die Religiösität. Es stellt sich die Frage, warum eine junge Landgräfin, erzogen nach adligen Prämissen, das geistliche Leben bevorzugte und sich auf asketische Weise der vertrauten Welt entsagte. Waren es vielleicht die Einflüsse des Gehörten über die Bettelmönche oder die starke Dominanz eines Konrad von Marburg?

Die Ursprünge der tiefen Sehnsucht nach Frömmigkeit liegen im Dunkeln. Zwar ist die Quellenlage zu Elisabeth von Thüringen überaus aufschlussreich, dank ihrer damaligen Dienerinnen und vieler Zeitgenossen, doch sprechen Sekundärliteratur und Quellen immer nur von einer jungen Frau, die wohl plötzlich zur Heiligkeit bestimmt war.

Der Weg der Elisabeth war steinig und entbehrungsreich. Viele Konflikte mussten überstanden und gelöst werden. Aber in ihrer Festigkeit im Glauben an den „rechten“ Weg christlichen Lebens blieb sie stets unbeirrt auf der Suche nach den Idealen der Frömmigkeit. Die Frage ist, inwieweit der heilige Franziskus und seine Brüder Einfluss auf die junge Frau nahmen? Oder folgte Elisabeth anderen Leitbildern, vielleicht auch keinen?

Elisabeth von Thüringen lebte zweifelsfrei in einer Zeit, in der die Menschen Heilige oder Erscheinungen durchaus als Normalitäten begriffen. Die Religiösität bestimmte das Denken und Handeln. Elisabeth´ s Lebensweg, ihre Sehnsüchte und Handlungsweisen kann man daher nur nachvollziehen, wenn der Leser Kenntnis über die gesellschaftlichen Strukturen des Mittelalters besitzt und das Kirchenverständnis der Menschen begreift.

Der Prozess des Aufkeimens Elisabeths Sehnsüchte und die mentale Entwicklung der Fürstin zum angestrebten Frömmigkeitsideal sollen deshalb zentrale Fragestellungen dieser Ausarbeitung sein. Wo lagen die Wurzeln ihrer individuellen Lebensweise? Und hatte die Erziehung des Kindes von der ungemein frommen Landgräfin Sophia einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

2. Die Religiösität im Mittelalter

2.1. Der Mönch

Schon den mittelalterlichen Menschen war es durchaus bewusst, dass der Mönch eine zentrale Figur ihrer Zeit darstellte. Er sonderte sich von der Masse ab, richtete sein Leben nach dem Gebet aus, tat Buße für die Menschen und für sein eigenes Heil. Er allein besaß die gottgegebene geistige Macht, um sein Leben in der Oase des Ordens streng danach auszurichten. Kurz- er befand sich in einem innigen Sonderverhältnis zu Gott. In einer Zeit in der sämtliche gesellschaftliche Strukturen von der Religion definiert wurden, nehmen Theologen, Heilige, Wanderprediger und zeitweise Ketzer gewichtige Rollen für die Menschen ein. Ungläubige, sogenannte Außenseiter, lassen sich daher kaum finden. Moulin definierte das Mittelalter erstmals nicht als ein Zeitalter des Glaubens[1], sondern schilderte es als ambivalentes Zeitalter, das sich durch Aberglauben, Pilgerzüge, religiösen Wahn, apokalyptische Erwartungen, Hysterien, Prophezeiungen u. v. m. auszeichnete.

Die Mönche selbst sahen sich an der Spitze der sittlichen Hierarchie als die einzig wahren Erben der Urkirche. Die Ideale von Gehorsam und Leibeszucht waren vor allem ihnen zuzuschreiben, die sich nur so auf die Gottessuche begaben und in der Einsamkeit das Heil der Menschheit erbaten. Trotz der ersuchten Einsamkeit war der Mönch in der alltäglichen Lebenswelt stark vertreten. Vor allem bei teuflischen Heimsuchungen wurde seine Hilfe erfordert. Auch hielt er ja die Totenmessen ab und hatte den großen Vorteil, kein Analphabet zu sein, so dass er als kultivierter Mensch oft zu Rate gezogen wurde. Doch den immerfort größer werdenden Städten blieb er fern. Das „Sündenpfuhl“[2] der Menschheit, das lasterhafte Treiben störte ihn in seiner heimischen Einsamkeit. Die mittelalterlichen Menschen hatten sehr genaue Vorstellungen von der Lasterhaftigkeit. Die Laster waren die Töchter des Satans. Mit der Hingabe zum lasterhaften Treiben wurden angeblich die Sünden heraufbeschwört. So besagte es die Religion.

2.2. Das Streben nach „wahrer“ Christlichkeit

Die christliche Gesellschaft strebte also je nachdem, welches Bild der Menschheit zu Gott aktuell war, nach der Erfüllung des perfekten Christenlebens. Dabei musste die hierarchische Ordnung korrekt eingehalten werden, denn Gott wies jedem Menschen die rechte Stellung zu, die er gehorsam einnimmt und nie wieder verlässt.

Im 12. und 13. Jahrhundert[3] bedeutete dies, das Menschsein nach Gottes Ebenbild zu befolgen und auf das Engste mit der Schöpfung in Verbindung zu treten. In Bildern fand erstmals der leidende Mensch als Jesus Christus seine Gestalt. Fortan prägten die Bilder der Geißelung, der Kastei oder der Kreuzigung die Kunst des Mittelalters. Der leidende Mensch wurde zum Gott der Menschwerdung.[4]

Die Buße ist eines der zentralsten Schlagwörter der Zeit. In dieser christlich durchstrukturierten mittelalterlichen Welt war der Mensch ein Büßer. Die eingetrichterten Vorstellungen von der Sünde, ließen ihn nicht mehr los. Täglich unterlag er dem Zwang, in der Arbeit Buße zu tun, die ihn von den Sünden der Welt reinwäscht und beschützt. Ständig befürchteten die Menschen Böses würde sich ereignen und ein schreckliches Los des Elends würde über sie hereinbrechen, so dass vor allem die Bußtätigkeit zur Pflicht eines jeden Christen wurde, um das bittere Schicksal erwartungsgemäß zu ertragen.

2.3. Ketzer und Machtkirche

Besondere Aufmerksamkeit erhalten aber die Ketzer des Mittelalters. Sie traten seit dem Jahre 1000[5] punktuell stark in unterschiedlicher Breite und Heftigkeit in der mittelalterlichen Welt auf. Die Kirche verabscheute diese Gruppierungen. Ihre Anklage, nämlich die Unterstellung, Ketzer untergraben die ideologische, institutionelle und gesellschaftliche Substanz der herrschenden Religion, hatte grauenvoll blutige Folgen. Das Aufkommen solcher „Andersgläubigen“ liegt in der Ursache, dass alle Menschen, jede Schicht versuchte den rechten Glauben zu finden. Die Macht der Kirche wurde schnell kritisiert und die Kluft zwischen den armen Geistlichen und den reichen Klerikern wurde immer tiefer. Zudem geriet die Kirche durch die Investitur immer mehr unter die Botmäßigkeit des Adels.

Unter Benutzung der evangelischen Zeugnisse suchten Ketzer oder Häretiker die wahre Kirche und entsagten den Lehren und Richtlinien der „Machtkirche“[6]. Jedes Abweichen von der Ideologie der christlichen Kirche wurde streng geahndet. Für die meisten Häretiker und Ketzer bedeutete jenes den Gang zum Scheiterhaufen.

3. Das Leben im Mittelalter

3.1. Frauen im Mittelalter

Frauen des Mittelalters blieben zunächst ein notwendiges Übel in der christlichen Gemeinschaft. Erst später im Zuge der Marienverehrung erhalten sie eine gewichtige Rolle. Die Weiblichkeit wurde zunächst in eine Bestimmung gedrängt, die keineswegs schmeichelhaft schien. Zwar schlüpfte sie in die Haut des Eheweibs, der Witwe, der Jungfer oder der Haushälterin und erhielt dadurch eine bedeutende Funktion in der bestehenden Gesellschaft, doch als eigenständiges Individuum existiert sie nicht. Jacques Le Goff konstatiert eindrucksvoll, die Frau ist Bauch. Als eine Figur im dynastischen Ringelreihen der Oberschichten ist sie bestenfalls eine gute Mitgift und festigt das hohe Haus, oder sie verdingt sich als Wirtschafterin für die Familie.

3.2. Die Heiligen

Die Heiligen allerdings waren lebensnotwendig. Zunächst war ein Heiliger ein Märtyrer, doch später wurde er durch Bischöfe, Mönche, Könige und Adlige verkörpert. Im 12. und 13. Jahrhundert hing die Heiligsprechung nicht mehr vom Habitus ab. Es vollzog sich allmählich ein Wandel, indem die Heiligkeit durch die Nachahmung Christi erlangt wurde. Vorerst rekrutierten sich die Heiligen natürlich aus der klerikalen Schicht, bald konnte auch das gemeine Volk sich ihrer annehmen. Die gesellschaftliche Stellung wurde zweitrangig, so dass auch die untersten Schichten dem Ideal des apostolischen Lebens und der Vollkommenheit des Evangeliums nacheiferten. Der Lebenswandel wurde entscheidend, indem man „dem nackten Christus nackt zu folgen“[7] versuchte. Nur dann wurde die wahre Heiligkeit symbolisiert. Im Zuge der Bettelmönchsbewegung um 1230 bedurfte es keiner Wundertaten mehr. Am Ende des Mittelalters häuften sich schließlich die Visionen. Mit erhitzten Gemütern und aufregenden Reden sprachen diese Heiligen zu Volk und Adel und machten auf sich aufmerksam. Dabei blieben sie keinesfalls eine Randfigur der Gesellschaft, sondern etablierten sich - durch die Kirche abgesegnet - als Gestalten des Christentums. Die Akzeptanz solcher „Auserwählten“ war vor allem deshalb so groß, weil der Mensch des Mittelalters ständig von „Erscheinungen“[8] betroffen war. Die Existenz der Phänomene wurde nicht im Geringsten angezweifelt, sondern eher in Frage gestellt, ob sie göttlicher oder teuflischer Natur waren. Sowohl die faszinierenden Erscheinungen , als auch mystische Zahlen, Farben, Bilder, Symbole und Träume verfolgten die Menschen auf Schritt und Tritt. Das Leben war vollständig in diesem Denkschema verankert. Das Unsichtbare und Sichtbare, Begreifliche und Unbegreifliche oder der Schein und die Wirklichkeit unterliegt göttlicher Lenkung, um die Menschen heimzusuchen.

3.3. Aberglaube und Erscheinungen

Insgesamt war das gemeine Volk, vornehmlich die Bauern, vom Aberglaube besessen. Noch im Jahre 1000 erwartete die Mehrheit der Menschen das Weltende und hatten allgemein große Angst vor Unwetter, Dunkelheit und Seuchen. Dagegen verlachten Mönche diese Dummheiten und argumentierten schon fortschrittlich mit rationalen Verstand. Der Gegensatz von Glauben und Rationalität konnte nie aufgehoben werden. Der Glaube an Magie[9] schien zu fest verankert. Und besonders die Personen, in denen sie göttliche Kräfte vermuteten, wurden gepriesen. So verehrten die Leute Asketen, die vorwiegend bei schlimmen Krankheiten weiterhelfen konnten oder sie bewunderten die Einsiedler, die sich ständig kasteiten und allen Entbehrungen nachkamen. Zunächst bestaunte das Volk allerlei Wundertaten derer und erkannte ehrfürchtig die göttliche Gabe an. Der Wunsch nach überirdischer Macht und Wunder wurde schnell zur Sucht. Das Volk schuf sich, obwohl die Kirche das „Heiligendasein“ kontrollierte, eigene Helden. So kam es vor, das ein Dorf, welches lange keinen Heiligen mehr hatte, also einen Neuen ausrief, auch wenn keine eindeutigen Beweise dafür vorlagen[10]. Der Kirche kamen solche „Heiligenerschaffungen“ gerade recht. Konnte man doch gut an den Pilgerfahrten verdienen.

Jeder einzelne dachte in religiösen Kategorien, so dass das soziale Handeln der Menschen von Ritualen, Schwüren, Zeremoniellen u. Ä. beherrscht wurde.

[...]


[1] Vgl. Werner / Erbstößer: Ketzer und Heilige, S. 9

[2] Vgl. Le Goff, J.: Der Mensch des Mittelalters, S. 25

[3] Vgl. Le Goff, J.: Der Mensch des Mittelalters, S. 11

[4] Id., S. 13

[5] Id., S. 23

[6] Vgl. Werner / Erbstößer:, S. 13

[7] Id., S. 34

[8] Id., S. 39

[9] Vgl. Werner/ Erbstößer, S. 10

[10] Id., S. 12

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Frömmigkeitsideal der Heiligen Elisabeth von Thüringen
Untertitel
Willenslenkung durch Konrad von Marburg?
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Frauen im europäischen Mittelalter
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V14186
ISBN (eBook)
9783638196550
ISBN (Buch)
9783638643306
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frömmigkeitsideal, Heiligen, Elisabeth, Thüringen, Frauen, Mittelalter
Arbeit zitieren
Stephanie Lorenz (Autor), 2002, Das Frömmigkeitsideal der Heiligen Elisabeth von Thüringen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14186

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