Der Österreich-Ungarische Ministerrat und sein Wirken in der Julikrise 1914


Seminararbeit, 2008
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Lage Österreich-Ungarns am Vorabend des Attentats

3. Das Attentat und seine ersten Folgen

4. Die Hoyos Mission

5. Die Sitzung des Ministerrates am 07. Juli

6. Der Meinungsumschwung Tiszas

7. Die erste Fassung des Ultimatums

8. Der Ministerrat des 19. Juli

7. Die letzten Hürden

8. Schlußbetrachtung

9. Quellenverzeichnis

10. Literaturverzeichni

1. Einleitung

Die Entfesselung des 1. Weltkrieges wird in der deutschen Wahrnehmung hauptsächlich mit dem Blankoscheck des Kaisers und der damit einhergehenden Kriegsschuld des Kaiserreiches in Verbindung gebracht, spätestens seit der Fischer-Kontroverse in den sechziger Jahren. Trotz der Unbestrittenheit des deutschen Anteils am Ausbruch des Krieges erscheint es ebenso ratsam den Fokus auf die Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn zu richten. Gerade das österreichische Ultimatum an Serbien kann als eine Art Meilenstein für den Kriegsausbruch gelten. Jedoch liegt zwischen dem Grund des Ultimatums, die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand am 28.06.1914 in Sarajevo, und der Aussendung des Ultimatums an die serbische Regierung fast ein ganzer Monat. Als Dreh- und Angelpunkt eines österreichischen Entscheidungsfindungsprozess ist qua definitionem der gemeinsame Ministerrat anzusehen. Ihm sass der vom Kaiser persönlich ernannte Außenminister vor, was natürlich eine in der Regel enge Beziehung zwischen beiden nahelegt. Häufige Teilnehmer waren weiterhin die beiden anderen gemeinsamen Minister Österreich-Ungarns, der Finanz- und der Kriegsminister. Ferner sprachen die beiden Ministerpräsidenten für ihre jeweiligen Länder. Je nach Verhandlungsgegenstand war es auch höheren Beamten oder sonstigen Beamten erlaubt an den Sitzungen teilzunehmen.[1] Der Ministerrat war dazu gedacht, die Außenpolitik dem Kaiser als Prärogativ vorzubehalten.[2]

Ziel dieser Arbeit wird es sein, die tatsächliche Bedeutung dieses Gremiums herauszuarbeiten. War der Ministerrat in der Julikrise 1914 eine noch vom Kaiser gelenkte Institution oder war dem Kaiser das Zepter bereits entglitten, sprich gaben schon andere Personengruppen die Richtung vor? Die Abhängigkeit des Ministerrates von Deutschland in bezug auf die vielfach vorgetragene Theorie, dass Österreich-Ungarn nur als ausführender Agent des deutschen Reiches zu sehen sei, soll zudem untersucht werden. Ebenso sollen die singulären Entscheidungsträger des Ministerrates beleuchtet werden. War die Stimmung im Ministerrat bereits kurz nach dem Attentat auf Krieg ausgerichtet, oder war die Entscheidung für das Vorgehen gegen Serbien ein eher konsensualer und rationaler Prozeß, der sich im Verlaufe des Julis mehr und mehr herauskristallisierte? Unterschiedliche Auffassungen, wechselnde Stimmungslagen und offen zutage tretende Differenzen sollen hervorgehoben werden.

Bewerkstelligt werden soll dies zum einen durch die Auswertung der verfügbaren Ministerratsprotokolle[3] und zum anderen durch die Rezeption der Sekundärliteratur. Eine möglichst chronologische Vorgehensweise, vom erfolgten Attentat bis zum Ultimatum, erscheint zweckmäßig. Grundlagenwerke für diese Arbeit stellen das bereits 1979 herausgebene, aber sehr detaillierte, Werk von József Galántai[4] und die Monographie von Günter Kronenbitter[5] dar, dessen Hauptforschungsgebiet die letzten Jahre von Österreich-Ungarn sind. Außerdem wurde auf Arbeiten weiterer Koryphäen der Geschichte des Ersten Weltkriegs, wie beispielsweise Hew Strachan[6], zurückgegriffen. Allgemein ist anzuführen, dass gerade über die Julikrise 1914 eine Fülle von Literatur vorhanden ist. Viele Werke sind auch von großer Aktualität und erst in den letzten Jahren entstanden.

2. Die Lage Österreich-Ungarns am Vorabend des Attentats

Die allgeime Lage der Doppelmonarchie darzustellen erscheint unabdingbar, wenngleich aufgrund der Vielzahl der Handlungen und Einflüße überaus schwierig. Österreich-Ungarn konnte im Jahr 1914 nur noch als formale Großmacht angesehen werden. Es wurde von innenpolitischen Spannungen, welche sich einerseits aus zahlreichen nationalistischen Aufwallungen, aber andererseits auch aus unterschiedlichen Meinungen zwischen Österreich und Ungarn selbst zusammensetzten, geplagt.[7] Dies kombiniert mit einer inneren Reformunfähigkeit liess Österreich-Ungarn zum „[...] Klientelstaat [...]“[8] Deutschlands verkommen. Auch außenpolitisch geriet die Doppelmonarchie mehr und mehr unter Druck. Nachdem Serbien 1878 offiziell anerkannt worden war, erweiterte dieses stetig seine Machtposition auf dem Balkan. Das bereits seit der bosnischen Annexionskrise ohnehin gestörte Verhältnis[9] zu Serbien wurde mit dem serbischen Machtzuwachs in den Balkankriegen der Jahre 1912 und 1913 weiter gesteigert.[10] Obwohl bereits während der Balkankriege einige österreichische Entscheidungsträger zum Präventivkrieg gegen Serbien rieten, hatte sich Österreich-Ungarn dennoch ruhig verhalten.[11] Das strukturelle Problem der Doppelmonarchie mit Serbien war kein rein außenpolitisches: Zwar erwuchs mit Serbien eine neue Balkanmacht, zusätzlich erweckte der serbische Nationalismus aber auch Begehrlichkeiten dieser Art bei anderen Nationen, sei es nun in der Nachbarschaft des Vielvölkerstaates oder im Landesinneren.[12] Diese Fakten waren dem österreichischen Thronfolger bewusst, infolgedessen beauftragte er den Außenminister Leopold Graf Berchtold mit der Ausarbeitung einer neuen Strategie, welche Österreich-Ungarns Macht stärken und Serbien die Bündnispartner auf dem Balkan entziehen sollte.[13] Berchtold beauftragte wiederum einen Sektionsrat im Außenministerium, Franz Freiherr von Matscheko, eine Denkschrift auszuarbeiten. Der Tenor dieses Memorandums war darauf ausgelegt Deutschland stärker an die Doppelmonarchie zu binden indem es die Gefahren, die von einer stetigen Machterweiterung der Balkanstaaten einerseits und von Russland und Frankreich andererseits ausgingen, beschwor.[14] Weiterhin sollte den Deutschen ihre eigene bedrohliche, zur Handlung drängende, Lage vor Augen geführt werden.[15] Dass mit diesem Dokument versucht werden sollte, Deutschland enger an die Seite Österreich-Ungarns zu ziehen, ist in der Literatur unbestritten, jedoch bleibt es weiterhin fraglich ob dieses Memorandum primär eine diplomatische Lösung favorisierte: Strachan sieht zwar ein „[...] in schrillen Tönen [...]“[16] verfasstes Schriftstück, welches aber hauptsächlich diplomatischer Natur war. Jürgen Angelow betont hingegen die militärische Option, die sich die Doppelmonarchie in diesem Dokument bewusst offenließ, er weist aber auch auf „[...] eine letzte Alternative zum Krieg [...]“[17] hin. Unabhängig hiervon wird deutlich, dass die österreichischen Entscheidungsträger den Druck zum Handeln erkannten. Dies sollte jedoch in enger Abstimmung mit Deutschland geschehen.

3. Das Attentat und seine ersten Folgen

Erzherzog Franz-Ferdinand, der ursprüngliche Auftraggeber dieser Denkschrift, bekam selbige nicht mehr zu lesen. Er wurde am 28. Juni 1914 von einem serbischen Studenten ermordet. Auf die Umstände des Attentats soll hier nicht näher eingegangen werden, es bleibt jedoch anzuführen, dass wohl kaum von einem von höchster serbischer Stelle ausgeheckten Anschlagsplan die Rede sein kann, wenngleich auch nicht von völliger Unwissenheit einiger Regierungsmitglieder auszugehen ist.[18] In Wien und in den meisten anderen Hauptstädten hielt man Serbien für schuldig. Daher sprach sich der österreichische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf in Einklang mit Kriegsminister Alexander von Krobatin für einen sofortigen militärischen Revancheakt aus. Außenminister Berchtolds ursprüngliche Haltung scheint eher abwartend gewesen zu sein. In seinen Aufzeichnungen scheint er zu diesem frühen Zeitpunkt noch keinen Entschluß gefasst zu haben.[19] Jedoch scheint Berchtold bereits einen Tag später auf die Linie Hötzendorfs eingeschwenkt zu sein, da er an diesem Tag ebenfalls zu einem entschlossenen Handeln aufrief. Ob dies seine eigentliche Grundhaltung war und er zunächst andere Meinungen einholen wollte oder ob er von den Berichten aus Belgrad, wonach das Attentat dort bejubelt worden sei[20], beeinflußt wurde, bleibt unklar. Dass Berchtold von seinen eigenen Mitarbeitern zum Krieg gedrägt wurde ist ebenfalls nicht auszuschliesen. Alles in allem war Berchtold nach zwei Tagen des Zauderns auch für eine Militäraktion.[21] Die Position des ungarischen Ministerpräsidenten István Tisza war abwartender. Er rief zu nochmaligen diplomatischen Bemühungen auf und wollte zunächst Beweise für eine serbische Verstrickung gesichert wissen.[22] Tiszas Ansinnen war elaboriert und von Rationalität geprägt, er forderte eine umgehende diplomatische Mission nach Deutschland ein. Erst nach Scheitern dieser Bemühungen wäre an Krieg zu denken, so Tisza in einem Schreiben an den österreichischen Kaiser.[23] Die Haltung des österreichischen Ministerpräsidenten Graf Karl Stürgkh war der von Berchtold ähnlich, auch er schlug säbelrasselnde Töne an, war jedoch erstmals an einer genauen Untersuchung des Anschlags interessiert.[24] Des Weiteren warnte Graf Stürgkh vor eventuellen innenpolitischen Rückwirkungen auf in Österreich lebende Serben, welche durch außenpolitische Schwäche gegen Serbien entstehen könnten.[25] Die Reaktion des Kaisers wird teilweise sehr widersprüchlich geschildert, es wird dazu geneigt, ihm auch eine abwartende Haltung zu attestieren.[26]

[...]


[1] Evelyn Kolm: Die Ambitionen Österreich-Ungarns im Zeitalter des Hochimperialismus. Frankfurt/Main 2001, hier S. 274-275.

[2] Ebenda, S. 274.

[3] Miklós Komjáthy (Hg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Budapest 1966.

[4] József Galántai: Die Österreichisch-Ungarische Monarchie und der Weltkrieg. Budapest 1979.

[5] Günter Kronenbitter: Krieg im Frieden. München 2003.

[6] Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg. München 2003.

[7] Imanuel Geiss: Deutschland und Österreich-Ungarn beim Kriegsausbruch 1914, in: Ungleiche Partner, hrsg. v. Michael Gehler, Rainer E. Schmidt, Harm-Hinrich Brandt, Rolf Steininger. Stuttgart 1996, S. 375-395, hier S. 386-387.

[8] Ebenda.

[9] An welchem genauen Punkt sich nun das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn arg verschlechterte gibt weiterhin Fragen auf: Beispielsweise ist es laut David Stevenson (The Outbreak Of The First World War. London 1997, hier S. 5.) die bosnische Annexionskrise, jedoch sieht Z. A. B. Zeman( The Balkans and the Coming of War, in: The Coming Of The First World War, hrsg. v. R. J. W. Evans u. Hartmut Pogge von Strandmann, Oxford 1988, S. 19-32, hier S. 27.) den Grund im 1903 in Serbien erfolgten Putsch und der darauf folgenden Absetzung des Königs.

[10] Samuel R. Williamson Jr. u. Russel van Wyk: July 1914: Soldiers, Statesmen, and the Coming of the Great War. Bedford 2003, hier S. 15.

[11] David Stevenson: The Outbreak Of The First World War. London 1997, hier S. 5.

[12] Strachan 2003, S. 23.

[13] Ebenda, S. 25.

[14] Ales Skrivan: Schwierige Partner. Hamburg 1999, hier S. 379-380.

[15] Ebenda.

[16] Strachan 2003, S. 25.

[17] Jürgen Angelow: Kalkül und Prestige. Köln 2000, hier S. 440.

[18] Niall Ferguson: Der falsche Krieg. München 2001, hier S. 191.

[19] Vgl. Leopold Berchtold: Notes on His Meeting with Franz Conrad von Hötzendorf, 29.06.14, in: Williamson 2003, hier S. 57.

[20] Vgl. Brief des Legatiosrates Ritter von Storck an Graf Berchtold vom 29.06.14, in: Österreichisch-Ungarisches Rotbuch. Wien 1915, hier S. 8-9.

[21] Kronenbitter 2003, S. 465.

[22] Skrivan 1999, S. 382.

[23] Kronenbitter 2003, S. 466.

[24] Ebenda.

[25] Galántai 1979, S. 233.

[26] Vgl. Skrivan 1999, S. 382 oder Franz Herre: Kaiser Franz Joseph von Österreich. Köln 1978, hier S. 443-444. Im weiteren Verlauf soll auf den Kaiser nur marginal eingegangen werden, da das Verhalten des Ministerrates das hauptsächliche Thema dieser Arbeit ist.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Österreich-Ungarische Ministerrat und sein Wirken in der Julikrise 1914
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Julikrise 1914 - Kriegsentfesselung oder Systemkrise
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V141920
ISBN (eBook)
9783640496549
ISBN (Buch)
9783640496341
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz-Ferdinand, Tisza, Graf Berthold, Kaiser Franz-Joseph, Ausbruch 1. Weltkrieg, Attentat von Sarajevo, Conrad von Hötzendorf
Arbeit zitieren
Michael Gamperl (Autor), 2008, Der Österreich-Ungarische Ministerrat und sein Wirken in der Julikrise 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141920

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