Die Entfesselung des 1. Weltkrieges wird in der deutschen Wahrnehmung hauptsächlich mit dem Blankoscheck des Kaisers und der damit einhergehenden Kriegsschuld des Kaiserreiches in Verbindung gebracht, spätestens seit der Fischer-Kontroverse in den sechziger Jahren. Trotz der Unbestrittenheit des deutschen Anteils am Ausbruch des Krieges erscheint es ebenso ratsam den Fokus auf die Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn zu richten. Gerade das österreichische Ultimatum an Serbien kann als eine Art Meilenstein für den Kriegsausbruch gelten. Jedoch liegt zwischen dem Grund des Ultimatums, die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand am 28.06.1914 in Sarajevo, und der Aussendung des Ultimatums an die serbische Regierung fast ein ganzer Monat. Als Dreh- und Angelpunkt eines österreichischen Entscheidungsfindungsprozess ist qua definitionem der gemeinsame Ministerrat anzusehen. Ihm sass der vom Kaiser persönlich ernannte Außenminister vor, was natürlich eine in der Regel enge Beziehung zwischen beiden nahelegt. Häufige Teilnehmer waren weiterhin die beiden anderen gemeinsamen Minister Österreich-Ungarns, der Finanz- und der Kriegsminister. Ferner sprachen die beiden Ministerpräsidenten für ihre jeweiligen Länder. Je nach Verhandlungsgegenstand war es auch höheren Beamten oder sonstigen Beamten erlaubt an den Sitzungen teilzunehmen. Der Ministerrat war dazu gedacht, die Außenpolitik dem Kaiser als Prärogativ vorzubehalten.
Ziel dieser Arbeit wird es sein, die tatsächliche Bedeutung dieses Gremiums herauszuarbeiten. War der Ministerrat in der Julikrise 1914 eine noch vom Kaiser gelenkte Institution oder war dem Kaiser das Zepter bereits entglitten, sprich gaben schon andere Personengruppen die Richtung vor? Die Abhängigkeit des Ministerrates von Deutschland in bezug auf die vielfach vorgetragene Theorie, dass Österreich-Ungarn nur als ausführender Agent des deutschen Reiches zu sehen sei, soll zudem untersucht werden. Ebenso sollen die singulären Entscheidungsträger des Ministerrates beleuchtet werden. War die Stimmung im Ministerrat bereits kurz nach dem Attentat auf Krieg ausgerichtet, oder war die Entscheidung für das Vorgehen gegen Serbien ein eher konsensualer und rationaler Prozeß, der sich im Verlaufe des Julis mehr und mehr herauskristallisierte? Unterschiedliche Auffassungen, wechselnde Stimmungslagen und offen zutage tretende Differenzen sollen hervorgehoben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Lage Österreich-Ungarns am Vorabend des Attentats
3. Das Attentat und seine ersten Folgen
4. Die Hoyos Mission
5. Die Sitzung des Ministerrates am 07. Juli
6. Der Meinungsumschwung Tiszas
7. Die erste Fassung des Ultimatums
8. Der Ministerrat des 19. Juli
7. Die letzten Hürden
8. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den österreichisch-ungarischen Entscheidungsfindungsprozess während der Julikrise 1914. Im Zentrum steht dabei die Rolle des gemeinsamen Ministerrates sowie die Frage, inwieweit die kriegerische Entscheidung autonom getroffen wurde oder von deutschem Einfluss und internen Dynamiken zwischen den Akteuren geprägt war.
- Die Rolle des Ministerrates in der Julikrise 1914
- Einfluss des Deutschen Reiches auf die österreichische Politik
- Die individuelle Haltung und Wandlung von Entscheidungsträgern wie Tisza und Berchtold
- Der Prozess der Ultimatum-Erstellung und die Eskalation zum Krieg
Auszug aus dem Buch
5. Die Sitzung des Ministerrates am 07. Juli
Bereits vor der Sitzung meldete Graf Hoyos dem Außenminister40 den Empfang des Blankoschecks. Hoyos stellte hierzu fest, dass Deutschland eine österreichische „[...] Aktion gegen Serbien zu unterstützen gedenke [...]“41. Also quasi eine Art „[...] Rückenstärkung für die expansive Kriegspolitik [...]“42, welche auch für keinen regional begrenzten Krieg mehr gelte. Strachan bezichtigt Hoyos einer leicht subjektiven Wahrnehmung, da Hoyos vor den österreichischen Entscheidungsträgern den Eindruck erwecke, als würde Deutschland Österreich-Ungarn zum Agieren drängen. Die deutsche Antwort war jedoch nicht so klar gewesen, sie war um einiges vager was den Faktor Unterstützung angeht und die Serbien-Problematik wurde in Berlin als hauptsächliches Problem der Doppelmonarchie angesehen.
Mit dem von Hoyos dargestellten Lagebild ging Berchtold in die Sitzung des Ministerrates, der die beiden Ministerpräsidenten, der Finanzminister Leon Ritter von Bilinski, der Kriegsminister Krobatin, sowie die zu einem späteren Zeitpunkt eingetroffenen Befehlshaber der Teilstreitkräfte, darunter Generalstabschef Hötzendorf, angehörten. Berchtold eröffnete die Sitzung, indem er den anderen Teilnehmern die neue Ausgangssituation nach der Hoyos-Reise schilderte. Er kam zu dem Schluß, dass die Zeit für eine „[...] Abrechnung mit Serbien [...]“ in Zukunft nicht mehr so günstig sei. Hierauf wurde ihm von Tisza entgegnet, dass er seine Haltung zwar in Teilen geändert habe, aber ein diplomatisches Vorgehen begrüßen würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Kriegsschuldfrage im Ersten Weltkrieg und legt den Fokus auf die Rolle Österreich-Ungarns und des Ministerrates.
2. Die Lage Österreich-Ungarns am Vorabend des Attentats: Dieses Kapitel beschreibt die innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten der Doppelmonarchie vor dem Ausbruch der Krise.
3. Das Attentat und seine ersten Folgen: Es werden die unmittelbaren Reaktionen der österreichischen Entscheidungsträger nach der Ermordung von Franz-Ferdinand geschildert.
4. Die Hoyos Mission: Der Abschnitt behandelt die diplomatische Mission nach Deutschland, um Rückendeckung für ein Vorgehen gegen Serbien zu erhalten.
5. Die Sitzung des Ministerrates am 07. Juli: Hier wird die zentrale Sitzung analysiert, in der faktisch die Entscheidung für einen Krieg gegen Serbien fiel.
6. Der Meinungsumschwung Tiszas: Das Kapitel erläutert, wie der ungarische Ministerpräsident letztlich von einer ablehnenden zu einer zustimmenden Haltung zum Krieg bewegt wurde.
7. Die erste Fassung des Ultimatums: Es wird die Erarbeitung der Forderungen an Serbien und das Streben nach einer harten Linie dargestellt.
8. Der Ministerrat des 19. Juli: Dieses Kapitel widmet sich der finalen informellen Abstimmung über das Ultimatum und die Fragen der territorialen Ansprüche.
7. Die letzten Hürden: Hier werden die letzten administrativen Schritte und die finalen Weisungen vor der Übermittlung des Ultimatums behandelt.
8. Schlußbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse bezüglich der Entscheidungsautonomie und der Rollenverteilung der Akteure zusammen.
Schlüsselwörter
Julikrise, Österreich-Ungarn, Ministerrat, Leopold Graf Berchtold, István Tisza, Blankoscheck, Ultimatum, Serbien, Kriegsausbruch, Franz Conrad von Hötzendorf, Außenpolitik, Doppelmonarchie, Erster Weltkrieg, Kriegsentfesselung, Diplomatie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Österreich-Ungarn den Entscheidungsprozess während der Julikrise 1914 gestaltete, insbesondere innerhalb des gemeinsamen Ministerrates.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die innenpolitische Schwäche Österreich-Ungarns, die diplomatischen Versuche zur Absicherung gegenüber Deutschland und die internen Debatten der Minister über den Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die tatsächliche Bedeutung und Autonomie des Ministerrates als Entscheidungsgremium in der Julikrise zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf die Auswertung historischer Ministerratsprotokolle und eine kritische Rezeption der einschlägigen Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Entwicklung vom Attentat in Sarajevo bis zur Kriegserklärung an Serbien, inklusive der Rolle der Schlüsselpersonen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Julikrise, Ministerrat, Blankoscheck, Ultimatum, Österreich-Ungarn und die handelnden Akteure wie Berchtold und Tisza.
Welche Rolle spielte Graf Hoyos in der Krise?
Graf Hoyos war als Kabinettschef des Außenministeriums ein treibender "Falke", der die Initiative zur Rückversicherung in Berlin ergriff und den Entscheidungsprozess Richtung Krieg maßgeblich beeinflusste.
Wie verhielt sich István Tisza gegenüber der Kriegspolitik?
Tisza war zunächst gegen einen Krieg, um die Stabilität Ungarns und das Kräfteverhältnis zu wahren, stimmte jedoch nach Sicherung gegen Annexionen der harten Linie zu.
War der Kaiser Franz Joseph ein aktiver Entscheider?
Nach den Ergebnissen der Arbeit war der Kaiser in der Krise eher passiv, wirkte in der Außenpolitik wie ein Repräsentant und folgte den im Ministerrat getroffenen Entscheidungen.
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- Michael Gamperl (Author), 2008, Der Österreich-Ungarische Ministerrat und sein Wirken in der Julikrise 1914, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141920