Diese Bachelorarbeit wird der Frage nachgehen, inwiefern das zuständige System der Kinder- und Jungendhilfe durch emotionale Überforderung und Selbstschutz selbst zu der Entstehung und Entwicklung von „Systemsprengern“ beiträgt. Darauf bezugnehmend werden Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die den Umgang mit „Systemsprengern“ erleichtern und positive Entwicklungen hervorrufen sollen. Es wird deutlich, dass es nicht „das Erfolgsrezept“ für die Arbeit mit „Systemsprengern“ gibt, jedoch existiert eine gewisse Anzahl an Möglichkeiten, die die Wahrscheinlichkeit für ein Verfestigen des „Systemsprenger“-Daseins verringert.
"Systemsprenger" sind ein Phänomen, welches aus einem dynamischen Zusammenspiel zwischen dem jungen Menschen, dem System der Familie, dem System der Kinder- und Jugendhilfe und anderer Sozialer Systeme wie Peergroups entsteht. Die Kinder und Jugendlichen, die dieser Gruppe zugeordnet werden, weisen schwere Traumatisierungen, Bindungsstörungen sowie emotionale und soziale Entwicklungsstörungen auf. Daraus bilden sich ein tiefes Unvermögen zu vertrauen sowie Bewältigungsstrategien für schwierige Situationen, die von Außenstehenden als abweichendes Verhalten wahrgenommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition Systemsprenger
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Verhaltensweisen
2.3 Verbreitung
3 Abweichendes Verhalten
3.1 Abweichendes Verhalten im Zusammenhang der „Systemsprenger“
4 Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der „Systemsprenger“
4.1 Hilfe zur Erziehung
4.2 §35a in der Hilfe zur Erziehung
4.3 Arbeit mit „Systemsprengern“
4.4 Welche Probleme/Schwachstellen gibt es?
4.4.1 Institutionelle Probleme
4.4.1.1 Exkurs Schule
4.4.2 Interpersonelle Probleme
5 Handlungsmöglichkeiten zum Umgang mit „Systemsprengern“
5.1 Selbstsorge
5.2 Sicheres Handeln in prekären Situationen
5.3 Fallverstehen
5.4 Originelle und flexible Setting Gestaltung
5.4.1 Das Falk-Haus
6. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht das Phänomen der sogenannten „Systemsprenger“ in der Kinder- und Jugendhilfe. Das primäre Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwiefern das Hilfesystem selbst durch strukturelle Probleme, Überforderung und mangelndes Fallverstehen zur Entstehung und Verfestigung dieses Phänomens beiträgt, sowie Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die einen professionelleren und weniger exkludierenden Umgang ermöglichen.
- Begriffsbestimmung und Merkmale von „Systemsprengern“ im Kontext von Traumatisierung und Bindungsstörungen.
- Analyse systembedingter Schwachstellen innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe sowie angrenzender Institutionen wie der Schule.
- Untersuchung der psychologischen Dynamiken und Kommunikationsprobleme zwischen Fachkräften und den betroffenen Kindern und Jugendlichen.
- Vorstellung von Konzepten für eine flexiblere Setting-Gestaltung (z.B. das "Falk-Haus") und Methoden zur Selbstsorge von Fachkräften.
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung von „Systemsprengern“
Die Bedeutung von „Systemsprengern“ geht jedoch noch viel tiefer und soll an einem Beispiel von Stahlmann verdeutlicht werden:
„Systemsprenger sind zunächst einmal Kinder (bzw. Jugendliche), die mit ihrem Verhalten Fragen an uns Erwachsene stellen: Wie verlässlich bist du? Kann ich auf dich zählen, egal wie oft ich ausraste? Kann ich dir vertrauen?“ (Stahlmann, 2020, S.7)
Nach Baumann (2019) könnte man auch vereinfacht sagen, dass Kinder und Jugendliche, die für Schwierigkeiten sorgen, eben auch selbst von Problemen geplagt sind. Was an beiden Aussagen deutlich wird ist, dass es sich bei „Systemsprengern“ nicht einfach nur um Kinder und Jugendliche handelt, die das System aus Boshaftigkeit stören. Es sind meist Kinder und Jugendliche, die aus armen Verhältnissen kommen, viel Gewalt und Ablehnung erfahren haben und oft schon mit diversen Traumatisierungen sowie psychischen und physischen Beeinträchtigungen und sozialen und emotionalen Defiziten in eine Einrichtung kommen (Schiemann, 2021, S.5.).
Das Verhalten, welches sie in diesen Einrichtungen zeigen, folgt dabei einem inneren und subjektiven Sinn (Baumann, 2020, S.9). Demnach handelt es sich bei diesen extremen Verhaltensweisen nach Baumann um Bewältigungsstrategien. Diese haben die Kinder und Jugendlichen sich selbst angeeignet, um ihre vergangene, hochbelastete Lebenswelt zu meistern. Bewährt sich dieses Verhalten, so wird es in aktuellen Lebensbedingungen übernommen und wieder angewandt. Hier treffen sie dann auf Normen und Regeln in den Hilfesystemen, die dem Entgegenstehen. Dadurch stehen die Kinder und Jugendlichen in einem steten Spannungsfeld zwischen Autonomie und Zugehörigkeit. So kommt es häufig zu Konflikten mit den jeweiligen Institutionen und deren Mitarbeiter*innen. Diese schaukeln sich gegenseitig immer höher ohne Aussicht auf Besserung. Dies geht bis zu einem Punkt an dem sich Mitarbeiter*innen und Institution an ihre Grenzen geführt sehen und die Hilfe beendet wird (Baumann, 2020, S. 47).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der persönlichen Motivation durch ein Praktikum, sowie Erläuterung des Forschungsanliegens und der Begriffswahl.
2 Definition Systemsprenger: Theoretische Herleitung des Begriffs, Beschreibung typischer Verhaltensweisen und Zusammenfassung quantitativer Daten zur Verbreitung.
3 Abweichendes Verhalten: Betrachtung der Vielschichtigkeit abweichenden Verhaltens und dessen spezifische Funktion als Bewältigungsstrategie im Kontext der „Systemsprenger“.
4 Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der „Systemsprenger“: Analyse der rechtlichen Grundlagen und Darstellung systemischer Probleme in Institutionen und der Zusammenarbeit mit betroffenen Jugendlichen.
5 Handlungsmöglichkeiten zum Umgang mit „Systemsprengern“: Erarbeitung von Strategien zur Selbstsorge, zum sicheren Handeln in Krisen (Deeskalationsmodelle) und zur Notwendigkeit von Fallverstehen und flexiblen Settings.
6. Zusammenfassung und Fazit: Synthese der Erkenntnisse und Betonung der Notwendigkeit von langfristiger Beziehungsarbeit statt vorschneller Abbruchpraxis.
Schlüsselwörter
Systemsprenger, Kinder- und Jugendhilfe, Bindungsstörungen, Fallverstehen, Deeskalation, Beziehungsarbeit, Bewältigungsstrategien, institutionelle Probleme, stationäre Hilfen, Selbstreflexion, pädagogische Fachkräfte, Traumatisierung, Verhaltensauffälligkeiten, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Kindern und Jugendlichen, die als „Systemsprenger“ bezeichnet werden, und untersucht, wie das Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe mit diesen herausfordernden Biografien interagiert und dabei oft an Grenzen stößt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entstehungsursachen von Systemsprengung, die kritische Analyse institutioneller Strukturen, der Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen und die Entwicklung von pädagogischen Handlungskonzepten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum das System der Kinder- und Jugendhilfe oft zur Entstehung von Systemsprengern beiträgt, statt Hilfe zu leisten, und wie professionelle Ansätze aussehen können, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf Basis aktueller Fachliteratur und Studien (u.a. von Menno Baumann) eine Literaturanalyse und systematische Reflexion der pädagogischen Praxis vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie institutionelle und interpersonelle Probleme in Wohngruppen und Schulen zu einer Abwärtsspirale führen und stellt Methoden vor, um diese Dynamiken durch bessere Selbstsorge und Fallverstehen zu entschärfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Schlüsselbegriffe sind Systemsprenger, Kinder- und Jugendhilfe, Fallverstehen, Beziehungsarbeit, Deeskalation und Bewältigungsstrategien.
Welche Rolle spielt das „Pitbull“-Modell in der Arbeit?
Im Rahmen der Deeskalationsstrategien beschreibt das „Pitbull“-Modell einen bestimmten Eskalationstypus, bei dem der Jugendliche kaum noch handlungsgesteuert agiert, was spezielle Ansätze der Deeskalation erforderlich macht.
Was ist das Besondere am „Falk-Haus“ als Setting?
Das Falk-Haus ist ein Beispiel für ein niedrigschwelliges, stationäres Wohnprojekt, das durch weniger Regeln und Zwänge Jugendlichen eine stabile Umgebung bietet, in der sie sich freier für Hilfe entscheiden können.
Warum ist das "Fallverstehen" für die Autorin so wichtig?
Fallverstehen gilt als Schlüssel, um das abweichende Verhalten nicht nur als Störung zu betiteln, sondern als Ausdruck von Not und Trauma zu begreifen, was eine passgenauere und somit erfolgreichere Hilfeplanung erst ermöglicht.
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- Paul-Friedrich Heuer (Author), 2022, Systemsprenger in der Kinder- und Jugendhilfe. Herausforderungen und Handlungsstrategien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1419298