Corporate Social Responsibility aus politikwissenschaftlicher Sicht

Zu einem umsetzungsorientierten Umgang mit Corporate Citizenship


Bachelorarbeit, 2008
48 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Grundlegende Kritik an Corporate Social Responsibility
2.1 Ro"e der Eigentümer
2.2 Mangelnde Legitimation
2.3 Mangelnde Expertise und fehlende Informationen

3 Zu den Begriffen Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship
3.1 Definitionen und Abgrenzung
3.2 Kritik

4 Politisches System und soziale Ordnung
4.1 Zur Zuschreibung gese"schaflicher Verantwortung an Unternehmen
4.2 Zur sozialen Ordnung im Kontext von Corporate Citizenship
4.3 Zum politischen System und seiner Funktion im Kontext von Corporate Citizenship

5 Corporate Citizenship in der politischen Realität
5.1 Negativbeispiel
5.2 Positive Beispiele

6 Zum politischen Umgang mit Corporate Citizenship
6.1 Integrativ, überprü(ar und anpassungsfähig
6.2 Verantwortlichkeit, Selbstbindung und Nutzen
6.3 Funktionswandel des politischen Systems und Legitimität
6.4 Zu einer dynamischen Definition von Corporate Citizenship
6.5 Das Problem der Freiwi"igkeit

7 Fazit - „Wirklichkeiten, in denen wir leben“

8 Que"enverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Fußnoten

1 Einleitung

Der Begriff der sozialen Verantwortung erlebt seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Kennzeichnend für diese Diskussion ist neben dem abnehmenden Einfluss des Nationalstaates und der zunehmenden Professionalisierung der Zivilgesellschaft die Zuschreibung von Verantwortung an Unternehmen.[1] Ob die unmoralischen Zumwinkeleien[2] der Manager, zunehmend wortgewaltigegesellschaftliche Anspruchsgruppen wie etwa Nicht-Regierungs-Organisationen oder derDruck durch Investoren und Rating-Agenturen - Unternehmen sind in diesem Kontext imFokus der medialen Öffentlichkeit und finden sich im Spannungsfeld zwischen Moral undKerngeschäft wieder.

Vor diesem Hintergrund erläutere ich zunächst die Problemfelder von unternehmerischer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft anhand von Milton Friedmans Grundsatzkritik. Anschließend erst führe ich in die aktuelle Begriffsbestimmung von Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship ein, um zugleich die geringe Operationalisierbarkeit der diskutierten Ansätze darzulegen.

Ziel der Arbeit ist die Umschreibung eines handlungsorientierten Umgangs der Politik mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Hierfür ist der Blick auf die politische Praxis ebenso notwendig wie die Erklärung der Zuschreibung gesellschaftlicher Verantwortung an Akteure jenseits der Politik und was dies für die soziale Ordnung und die politische Funktion bedeutet.

In meiner Arbeit beziehe ich mich auf die nationale Dimension dieser Diskussion und auf das politische System Deutschlands.

2 Grundlegende Kritik an Corporate Social Responsibility

“ The only social responsibility of business is to increase its profits ” [3] Im Herbst 1970 veröffentlichte Milton Friedman in der New York Times seine Doktrin,in welcher er die Idee von Corporate Social Responsibility ablehnt. Die einzige sozialeVerantwortung von Unternehmen ist die Erzielung von Profiten innerhalb der „rules of thegame, which is to say, engages in open and free competition without deception or fraud.”[4] Es sind im Wesentlichen drei Argumente, die Friedman gegen Corporate Social Repsonsibilityanbringt und die in unterschiedlichen Fortführungen bis heute die Diskussion um sozialeVerantwortung von Unternehmen bestimmen. Folgend skizziere ich diese drei Problemfelder,die das Profitkalkül der Eigentümer[5], die mangelnde Legitimation zum Eingriff vonUnternehmen in gesellschaftliche Probleme sowie die mangelnden Informationen überWirkungen sozialen Engagements beschreiben.

2.1 Rolle der Eigentümer

Die Grundstruktur eines Unternehmens setzt sich zusammen aus Eigentümern bzw.Shareholdern (Prinzipal) und ausführendem Personal (Agent). In diesem Prinzipal/AgentVerhältnis hat der Eigentümer die Weisungsbefugnis und überträgt an das geschäftsführendePersonal die Aufgabe, entsprechend der Kernkompetenz des Unternehmens mit seinem Geldgewinnbringend zu wirtschaften. Hat das Unternehmen ein ‚eleemosynary purpose“[6], geht esetwa um Schulen oder Krankenhäuser, ist die Social Responsibility durch denUnternehmenszweck gegeben. Das Problem entsteht, wenn ein Unternehmen Aufwendungenim Namen einer sozialen Verantwortung tätigt, deren Kernkompetenz nicht imgemeinnützigen Bereich liegt. Setzt in diesem Fall ein Manager Corporate SocialResponsibility[7] auf die Unternehmensagenda, gibt er das Geld des Eigentümers für etwas aus,was den (monetären) Profit schmälert und damit nicht im Interessen der Anteilseigener ist.

Grundsätzlich ist der Prinzipal einer Unternehmung ausschließlich an monetärem Profit orientiert. Für den Fall, dass der Prinzipal den Agent ausdrücklich anweist, sein Geld für soziale Zwecke auszugeben, ist das Prinzipal-Agent Problem bei CSR aus der Welt geräumt: Jedoch entsteht ein Legitimationsproblem.

2.2 Mangelnde Legitimation

Die Übernahme sozialer Verantwortung ist ein gesellschaftliches Thema für welches dasSystem der Politik verantwortlich zeichnet. Hier herrschen Prinzipien des demokratischenSystems, vor allem jene der Gewaltenteilung und Legitimation. Daraus ergibt sich dieKonsequenz, dass die Bürger die Entscheidungen der von ihnen gewählten Vertreterdemokratisch mittragen.

Im System der Wirtschaft hingegen ist der Agent einzig den Geldgebern bzw. Eigentümern verantwortlich, nicht der Gesellschaft. Wird eine CSR-Agenda in einem Unternehmen eingeführt, fehlt die gesellschaftliche Legitimation, die der Geschäftsführung erlaubt, in gesellschaftliche Belange einzugreifen. Zum einen führt sie durch CSR-Maßnahmen eine Quasi-Steuer ein. Die notwendigen Ressourcen für das CSR-Projekt müssten an anderer Stelle eingenommen werden: Gewinne der Eigentümer oder Löhne der Mitarbeiter werden gekürzt oder der Preis für die Konsumenten erhöht.

Zum anderen entscheidet der Manager neben der Erhebung auch über die Verwendungsrichtung und die Durchführung dieser Steuer. So unterläuft er nicht nur die Legitimation für einen solchen gesellschaftlichen monetären Eingriff, sondern durchkreuzt auch die entsprechende Gewaltenteilung hierfür.

2.3 Mangelnde Expertise und fehlende Informationen

Schlussendlich attestiert Friedman dem CSR-affinen Manager die mangelnde Kenntnis notwendiger Information und die mangelnde Kompetenz, soziale Entscheidungen adäquat treffen zu können. Da der Manager kein Experte in sozialen, sondern explizit nur in seinen geschäftlichen Bereichen ist, kann er die Wirkungen seiner Tat nicht abschätzen und unvorhergesehene externe Kosten nicht einkalkulieren.

Vor diesem Hintergrund kommt Friedman zu dem Schluss, dass es nur eine einzige soziale Verantwortung seitens der Unternehmen gegenüber der Gesellschaft gibt: im Rahmen von moralischen und rechtlichen Sitten[8] der unternehmerischen Fähigkeit des Profit-Erzielens nachzugehen und sich der „open and free competition“ zu verschreiben.[9] Dieses ökonomisch und politisch liberale Verständnis von Friedman sieht im gesellschaftlich geteilten Wert der Eigenverantwortung das notwendige Regulativ für ein soziales Miteinander.[10] Die freie Marktwirtschaft zu leben, ist somit der einzige (und bereits ein sehr großer) Beitrag eines Unternehmens zu gesellschaftlicher Verantwortung.

3 Zu den Begriffen Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship

“ Corporate citizenship is not about how a company gives money away.It's about how it makes its money, and how it manages its money. ” [11]

Das Thema der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen, welches sich imSpannungsfeld von Wirtschaft, (Zivil-) Gesellschaft, Kultur und Politik aufspannt, ist in derdeutschen Wissenschaftslandschaft noch relativ jung.[12] Das Feld ist empirisch noch nichtdurchdrungen[13], sorgt aber nichtsdestoweniger für allerhand produktiven Output in denunterschiedlichsten Diskursen. Im Zusammenhang mit unternehmerischer Verantwortung inder Gesellschaft findet sich ein philosophischer Diskurs über (Governance-) Ethik undVerantwortung[14] sowie ein juristisch-politikwissenschaftlicher Diskurs zum ThemaKorporatismus, Staatstheorie und Dritten Sektor[15]. Hinzu kommen Diskurse überPersonalentwicklung, Marketing-Strategien und Unternehmenskultur[16] sowie über kulturelleAspekte unternehmerischer Verantwortung.[17]

Dabei wird das Thema uneinheitlich und größtenteils mit synonym verwendeten Begriffenbezeichnet wie Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship, CorporateSust]ainability, Sustainable Development oder Corporate Responsibility. Diese Begriffsvielfaltoffenbart nicht nur die interdisziplinären und interdependenten Bezüge zu wirtschaftlichen(corporate), soziologischen (social), politischen (citizenship) sowie philosophischen(responsibility) Konzepten. Die fehlenden Definitionen und der Mangel an griffigenÜbersetzungen für eine deutsche Variante dieser Begriffe sind Anzeichen der hohenKomplexität des Themas.

Da ich in meiner Arbeit auf die regionale politische Bedeutung gesellschaftlichenEngagements von Unternehmen in der deutschen Gesellschaft abstelle und weniger eingeheauf betriebswirtschaftliche (Strategie-) Komponenten oder weltweite Aspekteunternehmerischer Verantwortung, operiere ich im weiteren Verlauf der Arbeit mit demBegriff Corpoate Citizenship[18]. Dies begründet sich in der Definition sowie in derAbgrenzung des Begriffs zum universell verwendeten Ausdruck Corporate SocialResponsibility für gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Folgend führe ich indie wissenschaftliche Diskussion zur Begriffsbestimmung ein, um diese anschließend kritisch zu hinterfragen.

3.1 Definitionen und Abgrenzung

Der Wirtschafs- und Sozialrat der United Nations Organization[19] definiert CSR als ein „werte- und normengeleitetes Management zur Lösung sozialer und ökologischer Problemlagen“.[20] Diese Problemlagen definieren sich sowohl über gesellschaftliche Standards wie vor allem die Grundrechte, als auch über die Umwelt und Stakeholder des Unternehmens und sind damit auch global verortet.

Das Management zur Lösung dieser Problemlagen, so die Europäische Kommission, ist ein freiwilliges Konzept der Unternehmen zur Integration sozialer und ökologischer Belange in ihre unternehmerische Tätigkeit und in die Wechselbeziehung zu ihren Stakeholdern.[21] Die Ausrichtung dieses Managements an Werten und Normen bedeutet für Unternehmen[22], „über die bloße Gesetzkonformität hinaus ‚mehr‘ [zu] investieren in Humankapital, in die Umwelt und in die Beziehung zu anderen Stakeholdern.“[23]

Ein solch integratives Management der Investition in soziale und ökologische Belange ist konstitutiv für CSR[24] und führt zu einer Win-Win-Situation, in welcher sich gesellschaftliche Verantwortung und unternehmerisches Ziel gewinnbringend für Unternehmen und Gesellschaft ergänzen.[25]

Für die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz konkreter Übernahme gesellschaftlicherVerantwortung eines Unternehmens, bedarf es einer Verankerung von Werten und Normen ininnerbetrieblichen Strukturen und damit in der Unternehmensstrategie. Denn dieDurchsetzung dieses integrativen Managements vollzieht sich über die „Ausgestaltungbetrieblicher Prozesse und Strukturen“ und umfasst damit alle Geschäftsbereiche einesUnternehmens.[26] So stellt CSR ein strategisches Dach dar, eine „übergeordnete Idee mitglobalem Anspruch“ für das gesellschaftliche Unternehmens-Engagement.[27]

Die Umsetzung des strategischen Konzepts CSR, also der integrativen „Beziehungen zwischen einem Unternehmen und dessen lokalem, nationalem und globalem Umfeld“[28], vollzieht sich als gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Dieses Aktiv-Werden ist die konkrete Ausgestaltung von CSR, das als gesellschaftliches Engagement mit Corporate Citizenship[29] bezeichnet wird. So wie eine natürliche Person zum ‚engagierten Bürger‘ wird, wenn sie ehrenamtliche Tätigkeiten übernimmt, erhebt gesellschaftliches Engagement das Unternehmen zum ‚unternehmerischen Bürger‘.

Die wesentlichen Merkmale der in der Literatur variierenden Definitionen vonCorporate Citizenship fassen Westebbe und Logan in drei Sätzen gut zusammen.Dort heißt es erstens, dass CC „das gesamte über die eigentliche Geschäftstätigkeithinausgehende Engagement des Unternehmens“ sei.[30] Damit stellen sie klar, dass CC mehrsein muss als nur das schlichte Einhalten von marktwirtschaftlichen Wettbewerbsregeln, dieauf Konkurrenzfähigkeit abzielen statt auf Verantwortung: z.B. Kunden- und Mitarbeiter-Bindung oder das Einhalten von Gesetzen. CC sei vielmehr die Investition in dasgesellschaftliche Umfeld, die konkrete Aktion mit der Intention ordnungspolitischerMitverantwortung.[31]

Überdies sei CC zweitens „der Versuch, ein Unternehmen auf möglichst vielfältige Weise positiv mit dem Gemeinwesen zu verknüpfen, in dem es tätig ist.“[32] Damit ist neben der Innovationsfunktion[33] von Unternehmen auch verwiesen auf Kooperationsprojekte mit anderen Akteuren aus dem Gemeinwesen, von denen beide Parteien profitieren. Denn der unternehmerische Bürger interessiert sich für „maximizing private sector contributions to social development without undermining business practices.“[34] Ein solches Positivsummenspiel ist konstitutiv für CC.[35]

Und schließlich soll drittens das Unternehmen „sich wie ein guter Bürger für dieGemeinschaft engagieren“, wobei das Engagement „zur Lösung gesellschaftlicher Probleme“beitragen soll. [36] Dieser demokratietheoretische Ansatz impliziert eine „active role for privatesector entities as ‚citizens‘, having both rights and responsibilities.“[37] Dabei ist der Begriffdes Bürgers mit seinen Rechten und Pflichten weniger als rechtlicher Status zu verstehen,sondern eher metaphorisch als ein „concept of citizenship-as-a-desirable-activity“.[38]

Durch das ‚Recht‘ zur Mitgestaltung am gesellschaftlichen Leben und der Partizipation am Wohlstand einer Gesellschaft erwartet die Gesellschaft von Unternehmen auch die ‚Pflicht‘ zur (Mit-) Verantwortung bei gesellschaftlichen Problemen in Form von Beiträgen „zum Erhalt und zur Förderung der Gesellschaft“.[39]

Alle drei Charakteristika von CC spielen damit an auf die Erkenntnis und die Freiwilligkeit zur moralischen Selbstbindung der Unternehmen.[40]

Zugleich lassen sich die drei Merkmale von CC einordnen in die obige CSR-Definition der UN und zwar als aktive Momente des Beitrags zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, als integratives Management der Kooperation zum Nutzen für alle Beteiligten sowie als freiwillige Bindung an Werte und Normen.

Der Tenor der wissenschaftlichen Diskussion ist, dass Unternehmen über effektive undeffiziente Ressourcen wie etwa Know-how, Netzwerke und Zeit zur Bewältigunggesellschaftlicher Herausforderungen verfügen. Der Einsatz dieser Ressourcen sei dergesellschaftliche Nutzen von CC, genannt ‚Social Case‘. Die meisten Beiträge zielen jedochdarauf ab, vom ‚Business Case‘ zu überzeugen, also vom Nutzen des PositivsummenspielsCC für das Unternehmen, der sich zumeist über Reputation bestimmt.[41] Dies beweist etwa derPreisträger des diesjährigen Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik, Guido Palazzo. Palazzostellt in seiner Arbeit über CSR ab auf eine Selbstregulierung der Unternehmen überglaubwürdige Kontrollen und hohe Transparenz. Dabei richtet er den Fokus auf die Analyseder Nebenfolgen unternehmerischen Handelns und weitet den Verantwortungsbegriff aus aufWertschöpfungsketten.[42]

Bevor ich die politikwissenschaftliche Dimension des in der Literatur eher undifferenzierten Social Case betrachte, sei zunächst noch auf die kritischen Momente in der dargelegten Bestimmung von CC verwiesen.

3.2 Kritik

Um CC in Deutschland empirisch tiefergehend zu erforschen, wurden in den vergange-nen Jahren einige Studien aufgesetzt.[43] Nach einer Studie von Maaß und Clemens engagierensich 82,4 Prozent der deutschen Unternehmen gesellschaftlich und laut forsa gar 94 Prozentaller inhabergeführten Unternehmen mit mindestens 100 T€ Jahresumsatz.[44] Diese Zahlenverheißen eine proaktive Kultur unternehmerischer Verantwortung. Doch die Problematik desThemas CC verdeutlicht sich mit Blick auf die geringe Rücklaufquote von lediglich 6 Prozentbei Maaß und Clemens sowie die unklare bzw. nicht näher bestimmte Ausgestaltung des En-gagements in der forsa-Studie.[45] Dort verorten sich 70 Prozent der engagierten Unternehmenals gesellschaftlich verantwortlich aufgrund nicht näher bestimmter „Geldspenden desUnternehmens“.[46] Die geringe Rücklaufquote mag auf diverse Gründe zurückzuführen sein,doch unbestimmte monetäre Spenden als CC auszugeben, verweist auf ein unscharfesVerständnis des Begriffs CC.

Einen entscheidenden Grund hierfür sehe ich in der oben skizzierten Diskussion über dieBegrifflichkeit und Definition von CC. Diese bergen zwei Fallstricke in sich, die dafür sorgen,dass es in Deutschland bislang keine ausgeprägte bzw. eindeutige Kultur unternehmerischenEngagements gibt.

Zum einen setzt schon die CSR-Definition der UN, von der sich nahezu sämtliche CC-Definitionen als praktische Varianten ableiten lassen, die Unmöglichkeit einer Definitionvoraus. Die drei Aspekte gesellschaftliche Problemlagen, (integratives) Management sowiedie Ausrichtung an Normen und Werte sind keine statischen, sondern höchst dynamischePhänomene. Gesellschaftliche Problemlagen ändern sich permanent, mitunter stündlich,Unternehmen reagieren spontan auf gesellschaftliche Entwicklungen mit einem individuellenManagement und die Globalisierung sorgt für eine Struktur- und Wertewandeldiskussion,deren Ende nicht in Sicht ist.

Da sich diese Phänomene stets in Entwicklung befinden, muss auch die Definition von CSR und CC stets anpassungsfähig sein an aktuelle Entwicklungen und kann weniger eine starre Definition als vielmehr eine offene Beschreibung von Merkmalen sein.

Zum anderen bergen die beschriebenen Merkmale von CC Probleme in sich, die einegelungene Umsetzung gesellschaftlichen Engagements erschweren. Wenngleich modifiziert,so gestalten sich die Kritikpunkte an der aktuellen Begriffsbestimmung von CC analog zu denKritikpunkte Milton Friedmans. Zu jeder der drei oben kategorisierten Merkmale von CC seiein Beispiel gegeben[47]:

1. Ein Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme über reine Gesetzestreue hinausist die Bereitstellung von Sozialkapital.[48] Wenn Unternehmen Sozialkapital bereitstellen, wirddieses Kapital zu einem öffentlichen Gut. Charakteristisch für öffentliche Güter ist, dass sievon allen Mitgliedern der Gesellschaft genutzt werden können, ohne dass eine erkennbareoder messbare Rendite entsteht für denjenigen, der es bereitstellt. DieseTrittbrettfahrerproblematik unterläuft die für CC konstitutive Win-Win-Situation undschmälert aufgrund unklarer Ertrags-Aufwands-Relationen die Bereitschaft der Unternehmenin Sozialkapital bzw. CC zu investieren. Dieses Problem ist eine Variante von FriedmansKritikpunkt, der Geldgeber erwarte stets einen konkreten Nutzen bzw. Profit seinerGeldanlage, was hier nicht erfüllt ist.

2. Ein sich integrativ vollziehendes Management bezieht Stakeholder-Interessen in seineGeschäftsentscheidungen ein.[49] Abgesehen von einer möglichen ideologischen, nichtneutralen Färbung von Interessen-Hierarchien gibt es bislang keine intersubjektiv gültigeTheorie für ein Stakeholder-Management, das diesen Namen verdient hätte.[50] Offen bleibenstets die Fragen, wer auf welche Weise bestimmt, welche Stakeholder gehört werden undwarum deren Interessen verfolgt werden. Wie bestimmt sich unter den Stakeholder- Ansprüchen, die mitunter gegenläufig sind, eine Hierarchie der Dringlichkeit oderWichtigkeit? Da Manager spontan Entscheidungen treffen müssen, stellt der Stakeholder-Ansatz keine operationalisierbare Grundlage für CC dar. Dieses Problem modelliertFriedmans Kritikpunkt, unternehmerisches Engagement entbehre in der Gesellschaft einergesellschaftlichen Legitimation, also hier der Zustimmung der Betroffenen aufdemokratischer Grundlage.

3. Höchst streitbar gestaltet sich auch das Merkmal der Freiwilligkeit zur moralischen Selbstbindung an Werte und Normen. Wer sich freiwillig engagiert kann sich ebenso freiwillig wieder zurückziehen aus sozialen Partnerschaften, Kooperationen und Leistungen. Auch können moralische Versprechen instrumentalisiert werden und als PR oder Marketing Konzept durch ‚green-‘ oder mittlerweile ‚blue-wahsing‘ von Marken und Unternehmen dienen.[51] Auf internationaler Ebene kommen noch die Unterschiede nationaler Rechtsstandards hinzu. Soll CC über reine Gesetzeskonformität hinausgehen, ist unklar, welche Gesetze hierfür die Grundlage darstellen?

Dieses Problem korreliert mit der Friedmanschen Kritik zur Unüberprüfbarkeit von unternehmerischer Verantwortung, dass es schwierig ist, entsprechende Normen und Werte für CC zu definieren und nahezu unmöglich, ihre Durchsetzung zu kontrollieren.

Zwar erklären die Merkmale jeweils, was CC sein soll, doch zugleich ist die geringe „konzeptionelle Konsistenz“ dieser Merkmale von CC auch die Antwort auf die Frage nach der nur mäßigen Durchsetzung und mangelnden Kultur gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen in Deutschland.[52]

Das einzig konsistente aller Diskussions-Ansätze zum Thema CC ist die Beobachtungzunehmender Zuschreibung von sozial- und gesellschaftspolitischen Aufgaben anUnternehmen.

Woher diese Zuschreibung kommt, was dies für die soziale Ordnung und die Funktionen des politischen Systems bedeutet, sei folgend behandelt.

4 Politisches System und soziale Ordnung

“ Business Cannot Succeed in Societies That Fail ” [53]

4.1 Zur Zuschreibung gesellschaftlicher Verantwortung an Unternehmen

Trotz der in Kapitel 3b aufgezeigten Unschärfe des CC-Begriffs und trotz oder wegender Korruptionsfälle[54], der Steuerhinterziehungen[55] oder sonstigen wenig verantwortungs-affinen Unternehmenstätigkeiten[56] lebt die Idee unternehmerischer Verantwortung auf undbekommt durch von der Bundesregierung aufgesetzte Programme[57] immer mehr Aufmerk-samkeit. Dies begründet sich in den Herausforderungen, vor denen die aktuelle politischeLandschaft der Bundesrepublik Deutschland steht. Um zu verdeutlichen, worin sich dieGründe für die Zuschreibung von gesellschaftlicher Verantwortung auf andere Akteure wieNicht-Regierungs-Organisationen und Unternehmen finden, mache ich vor allem drei Prob-lemfelder aus.

Zunächst ist hier der marodierende Sozialstaat zu nennen. Der Familien- bzw. derSinglehaushalt ist die Basis der individuellen und kollektiven sozialstaatlichen Versorgung.Als Leistungsgeber sichert der Sozialstaat die Erwerbstätigen und ihre Familien gegenübersozialen Risiken ab und ist Kosten- und Gewährleistungsträger. In prosperierenden Zeiten mitkonstanten Einnahmezuwächsen ist dieses soziale Sicherungssystem stabil, der Sozialstaatwächst und soziale Leistungen professionalisieren und institutionalisieren sich.[58] Ein starkerund sozialer Staat macht ehrenamtliches oder freiwilliges Engagement dabei unnötig.[59] Dochhat der deutsche Staat in den vergangenen Jahren, insbesondere nach der Wiedervereinigung,einen starken Schuldenzuwachs zu verzeichnen, so dass eine monetäre Lücke in den Budgetszur Verteilung sozialer Ausgaben klafft.[60] Dieses Problem wird flankiert von derdemographischen Entwicklung. Das Bonmot Konrad Adenauers „Kinder kriegen die Leuteimmer“, hat sich als falsch herausgestellt. Gegenwärtig liegt die Zahl der Kinder je Frau bei1,4 und damit ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern.[61] DieseEntwicklung unterläuft den Generationenvertrag, auf dem die Alterssicherung als eines derwichtigsten Merkmale des deutschen Sozialsystems fußt.

Neben diesen beiden eher hausgemachten Problemen durch sowohl politische als auch privateEntscheidungen findet sich der dritte Grund im gesellschaftlichen Wandel bzw. Fortschritt.

[...]


[1] Vgl. Beschorner (2008), S. 69

[2] Tichy (2008), S.3

[3] Friedman (1970)

[4] Friedman (1970)

[5] Friedman verwendet den englischen Begriff Stockholder für Eigentümer bzw. Anteilseigner. Heute ist der Begriff Shareholder gebräuchlich.

[6] Friedman (1970)

[7] Folgend abgekürzt mit CSR

[8] „…the basic rules of the society, both those embodied in law and those embodied in ethical custom.“ Friedman (1970)

[9] Friedman (1970)

[10] Damit bezieht sich Friedman auf Adam Smith, der mit seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ die Wohlfahrt einer Gesellschaft vor allem über Arbeitsteilung und freien Wettbewerb erklärt. Jeder Akteur kann seinen individuellen Nutzen maximieren, wenn er sein Gegenüber und dessen Bedürfnisse in sein Kalkül einbezieht. Vgl. Smith (2006)

[11] Brad Googins, Executive Director Center for Corporate Citizenship, http://www.bc.edu/ clubs/scc/, abgerufen am 19.09.08 um 19:15 Uhr

[12] Mit Westebbe/Logan (1995) ist die aktuelle Diskussion in Deutschland angekommen, nachdem Dierkes bereits in den 1970ern veränderte gesellschaftliche Erwartungen an Unternehmen ausgemacht hat, die sich vor allem in externen Kosten rein ökonomischen Verhaltens begründen. Vgl. Dierkes (1974)

[13] Dresewski/Lang (2005), S. 95

[14] Vgl. Jonas (1979)

[15] Vgl. Birkhölzer et al. (2007)

[16] Vgl. Liebl (2002)

[17] Vgl. Beschorner et al. (2007)

[18] Folgend abgekürzt mit CC

[19] Folgend abgekürzt mit UN

[20] Wieland (2008a), S. 90. Wieland fasst mit diesem Zitat ein Diskussionspapier der 41. Sitzung des Economic and Social Council der UN vom 21. Dezember 2002 zusammen, dort heitß es unter Punkt 68: „Corporate social responsibility is a widely used concept to describe specific decision-making policies of the business community that are: linked to ethical values; in fully compliance with existing legal requirements; and show respect for people and the priorities of local communities, including environmental protecting .This social responsibility (...) to a range of stakeholders, notably consumers, employees and their representatives, investors and shareholders, is assessed in terms of meeting a growing range of standards.“

[21] Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2001), S. 8 und Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2006), S. 3

[22] Und die Bundesregierung erweitert dies auf „andere Organisationen und Institutionen, die freiwillig gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, http://www.csr-in- deutschland.de/portal/generator/3638/ was ist csr.html), abgerufen am 19.09.08 um 20:47 Uhr

[23] Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2001), S. 8

[24] Vgl. Fuchs-Gamböck (2006), S. 11

[25] Vgl. Grewe/Löffler (2005), S. 4; Vgl. Habisch/ Schmidpeter (2007), S. 67

[26] Backhaus-Maul et al. (2008), S. 20

[27] Kirchhoff (2005), S. 17

[28] Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2001), S. 28

[29] Vgl. etwa Backhaus-Maul et al. (2008), S. 20 oder Kopp (2007), S. 431

[30] Westebbe/Logan (1995), S. 13

[31] Vgl. etwa Kirchhoff (2005), S. 16

[32] Westebbe/Logan (1995), S. 13

[33] Vgl. Hamel/Breen (2007)

[34] Diskussionspapier der 41. Sitzung des Economic and Social Council der UN vom 21. Dezember 2002, Punkt 69, zitiert nach Wieland (2008a), S. 90

[35] Vgl. etwa Dresewski/Lang (2005), S. 95 sowie Backhaus-Maul (2004), S. 23

[36] Westebbe/Logan (1995), S. 13

[37] Diskussionspapier der 41. Sitzung des Economic and Social Council der UN vom 21. Dezember 2002, Punkt 69, zitiert nach Wieland (2008a), S. 90

[38] Wood/Logsdon (2002), zitiert nach Wieland (2008a), S. 90

[39] Gazdar et. al (2005), S. 163

[40] Ein derzeit populäres Instrument ist Corporate Governance bzw. Compliance-Regeln, die im Unternehmen zu Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten installiert sind. Hierdurch soll die notwendige Transparenz und Sicherheit zur Einhaltung rechtlicher Regeln gewährleistet sein. Siehe etwa: http:// www.corporate-governance-code.de/ oder http://www.oecd.org/topic/ 0,2686,en_2649_37439_1_1_1_1_37439,00.html, abgerufen am 10.09.2008, 08:30 Uhr

[41] Vgl. Habisch/Schmidpeter (2007), S. 67 oder Dresewski/Lang (2005), S. 98, die hier vor allem Personalentwicklung, Marketing/Vertrieb (Kundenbindung/Neukunden), Reputationsmanagement, Standort- und Regionalentwicklung nennen

[42] Vgl. Roos (2008), S. 9

[43] Für eine Übersicht der Studien siehe Polterauer (2008), S. 176ff

[44] Vgl. Maaß/Clemens (2002), S. 61 sowie forsa (2005), S. 9

[45] Maaß/Clemens, S. 53

[46] forsa (2005), S. 13

[47] Vgl. hierzu Wieland (2008a), S. 89

[48] Vgl. Coleman (2000)

[49] Vgl. Davenport (2000)

[50] Vgl. Wieland (2008a), S. 89

[51] Zu den Begriffen green- und blue-washing siehe Seele (2007)

[52] Vgl. Wieland (2008a), S. 88f

[53] Odd S. Gullberg, Chief Operating Officer, World Business Council for Sustainable Development. Dieses Zitat ist der Titel einer Rede, die Gullberg auf dem SETAC World Congress in Portland, USA, am 16.November 2004 gehalten hat, http://www.wbcsd.org/ plugins/docsearch/details.asp? DocTypeId=35&CharValList=35;26;&DateStart= 01.01.2004&DateEnd=01.01.2005&ObjectId= MTIxNDQ&URLBack=result%2Easp% 3FDocTypeId%3D35%26CharValList%3D35% 3B26%3B%26DateStart%3D01%2E01% 2E2004%26DateEnd%3D01%2E01%2E2005% 26SortOrder%3D%26CurPage%3D1, abgerufen am 19.09.08 um 08:00 Uhr

[54] Im Herbst 2006 beginnen die Ermittlungen der Münchener Staatsanwaltschaft gegen das deutsche Traditionsunternehmen Siemens AG wegen Korruptionsverdachts. Heute steht fest, dass Siemens seit über 50 Jahren Schmiergeldzahlungen an Geschäftspartner getätigt hat, http://www.manager-magazin.de/ unternehmen/artikel/0,2828,578075,00.html, abgerufen am 14.09.08 um 15:05 Uhr bzw. http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/ unternehmen/:Chronik-Die-Siemens- Schmiergeld-Aff%E4re/587445.html, abgerufen am 14.09.08 um 15:06 Uhr

[55] Im Februar 2008 holen die Bochumer Staatsanwaltschaft und Steuerfahnder den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Post, Klaus Zumwinkel, wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung medienwirksam in seiner Kölner Villa ab. Zumwinkel tritt darauJin zurück, http://www.wiwo.de/unternehmer- maerkte/post-chef-zumwinkel-trotz- ermittlungen-vollstaendig- handlungsfaehig-265743/, abgerufen am 14.09.08 um 15:09 Uhr

[56] Im Januar 2008 kündigte Nokia an, den Produktionsstandort Bochum zu schließen und aus Wettbewerbsgründen diesen nach Rumänien zu verlegen. Die Arbeitsplätze von über 2.000 Mitarbeitern sind betroffen, http:// www.spiegel.de/wirtschaft/ 0,1518,528713,00.html, abgerufen am 14.09.08 um 15:12 Uhr

[57] Etwa www.csr-in.deutschland.de, abgerufen am 14.09.08 um 15:32 Uhr

[58] Vgl. Backhaus Maul (2004), S. 25

[59] Vgl. Braun/Klages (2000), zitiert nach Backhaus-Maul (2004), S. 25. Wenngleich optimale Voraussetzungen für soziales Engagement gegeben sind, engagieren sich nur wenige und wenn, so zeigen die Ergebnisse der Studie, übernehmen vorwiegend Mitglieder aus besser verdienenden Haushalten Ehrenämter.

[60] Im aktuellen Koalitionsvertrag der CDU, CSU und SPD wird die Lage der öffentlichen Haushalte als „außerordentlich“ ernst eingestuft, deren Ausgaben „zum Teil dramatisch über den regelmäßig fließenden Einnahmen“ liegt, vgl. Koalitionsvertrag (2005), S. 76 Zu einer differenzierten Betrachtung wachsender Staatsausgaben vgl. Dahme (2008)

[61] Vgl. Kröhnert (2006)

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Corporate Social Responsibility aus politikwissenschaftlicher Sicht
Untertitel
Zu einem umsetzungsorientierten Umgang mit Corporate Citizenship
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
48
Katalognummer
V142017
ISBN (eBook)
9783640516728
ISBN (Buch)
9783640516544
Dateigröße
1598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corporate, Social, Responsibility, Corporate Citizenship, Unternehmensethik, CSR, CC
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Guido Hardieck (Autor), 2008, Corporate Social Responsibility aus politikwissenschaftlicher Sicht , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142017

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