Banlieues - Die Vorstädte von Paris


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
20 Seiten, Note: 2
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Banlieue – was ist das?
2.1 Begriffsbedeutung
2.2 Historische Entwicklung der Banlieue
2.3 Banlieue heute
2.4 Kriminalität
2.5 Phänomen Kollektiv
2.6 Amerikanisierung der Banlieue?

3 Marginalisierung
3.1 Segregation
3.2 Soziale Exklusion und Reaktionen
3.3 Territoriale Stigmatisierung
3.4 Fortgeschrittene Marginalität

4 Die Cité: Les Quatre mille

5 Politique de la Ville

6 Fazit

Quellen

1 Einleitung

Bekannt sind die Pariser Banlieues den meisten Lesern wohl weniger durch ihre städtebaulichen und historisch-strukturellen Entwicklungen sondern eher aus den von Medien- und Pressewelt stammenden Schlagzeilen über Aufstände und Unruhen in den Banlieues. Auch ist vielen das Aufsehen um die Rede des damaligen Innenminister und heutigen Staatspräsident Nicolas Sarkozy aus dem Jahre 2005 in Erinnerung. Als dieser aufgrund der Krawallen und Unruhen über die Banlieue La Courneuve meinte, sie müsse man „[...] mit dem Kärcher reinigen.“[1].

Ziel der Arbeit ist es, Merkmale und Kennzeichen einer Banlieue hervorzuheben, insbesondere in Verbindung zu marginalisierenden Prozessen. Im Laufe der Arbeit wird auf die Genese der Banlieues eingegangen. Die Begriffskonnotation sowie ihre Entstehung werden erläutert. Es wird versucht, aktuelle Kennzeichen der Banlieue darzustellen, mit kurzem Ausblick auf Kriminalität und Kollektivierung sowie einer Gegenüberstellung mit dem amerikanischen Getto. Im anschließenden Kapitel werden Marginalisierungsprozesse näher erläutert und zur Erklärung der Lebenssituation in der Banlieue herangezogen. Das vierte Kapitel geht näher auf einer der Problemzonen, die Banlieue La Courneuve, ein, da sie oft als Sinnbild der Misere französischer Großstädte gilt.

2 Banlieue – was ist das?

2.1 Begriffsbedeutung

Der Begriff Banlieue [bã'ljø] entstand im Mittelalter und bezeichnete sowie begrenzte das umliegende Areal eines Ortes. Dieses Gebiet unterlag de facto und später auch de jure (19. Jahrhundert) der Stadt, welche auf das Areal in allen Angelegenheiten ihren Einfluss ausüben konnte. Die Banlieue erstreckte sich eine bis mehreren Meilen um eine Stadt. Innerhalb dieser Bannmeile war es Fremden nicht erlaubt, ohne Genehmigung Handel bzw. Gewerbe zu betreiben.[2] /[3]

Der räumliche Begriff Banlieue hat sich erst später heraus gebildet, als die Industrieanlagen des 19. Jahrhunderts anfingen, sich aufgrund der attraktiven Grundstückspreise in Vororten

von Paris und anderen Großstädten zu konzentrieren. Die Banlieue „[…] est synonyme de zone urbaine ou périurbaine.“[4], schrieb George, Pierre 1950.

Heute hat der Begriff Banlieue eine eher unerfreuliche Konnotation eingenommen. Bis zur Schwelle der 1990er blieb die vom Soziologen Stanley Cohen so genannte „moralische Panik“[5] in Frankreich noch aus. Jedoch innerhalb weniger Jahre wurden die Banlieues, die nun wegen verschiedener Vorfälle immer öfter Thema von Medien und Politikern waren, zu einem „Volksteufel“ stigmatisiert. Früh fing man damit an, von einer Amerikanisierung der Banlieues, von einer Gettoisierung, zu sprechen: „Lang lebe das Getto“ titelte 1990 die Wochenzeitung Politis, der Architekt und Mitbegründer der Mission Banlieue 89[6], Roland Castro, schätzte 1990 in einem Interview „600 Ghettos“ in ganz Frankreich. Der Soziologe Alain Touraine sprach 1990 gar vom „Amerikanischen Syndrom“, das sich auf europäische Städte ausbreite.[7]

Aufgrund der ersten, seit dem Beginn der achtziger Jahre auftretenden und seitdem unregelmäßig wieder kehrenden Unruhen und Ausschreitungen von Jugendlichen ist der Begriff bis heute negativ behaftet:

„In den letzten Jahrzehnten hat sich der ursprüngliche eher wertneutral benutzte Begriff in einen fast ausschließlich mit negativen Inhalten besetzten Terminus verwandelt. Es ist ein kollektives Bild entstanden […]. Dieses Patchworkbild der Banlieue wird dann zum Beispiel mit den Hochhaussiedlungen und ihren Bewohnern, mit Kleinkriminalität, Armut, sich langweilenden und herumlungernden Jugendlichen mit Migrationshintergrund, mit Straßenkämpfen mit der Polizei und Tournantes (Kollektivvergewaltigungen) assoziiert.“[8]

2.2 Historische Entwicklung der Banlieue

Das von einer Stadtmauer umgebene mittelalterliche Paris bestehend aus der Ile de la Cité, der Seine-Insel, und den zwei halb-kreisförmigen Ansiedlungen am nördlichen Ufer, rive droite, und südlichen Ufer, rive gauche, nahm um 1580 ungefähr eine Fläche von 439 Hektar ein.[9] Vor der Stadt lag Ödland, die damalige Banlieue. Die Besiedlung der zu diesem Zeitpunkt noch außerhalb der Stadtmauern gelegenen Banlieue nahm in den folgenden Jahren stetig zu, so dass 1670 unter Befehl Louis XIV die Stadtmauer abgerissen und somit eine offene Stadt angestrebt wurde. 1672 wurden die Besiedlungen in 20 quartiers (Vierecke) eingeteilt. 1784 nahm Paris bereits eine Fläche von 3280 Hektar ein, die quartiers waren mittlerweile so dicht besiedelt, dass sich an ihnen weitere Vororte ansiedelten, die so genannten faubourgs. Paris` Altstadt und die an ihr gewachsenen Umkreise wurden 1790 in 20 Arrondissements unterteilt.

1850 bezeichnete man inzwischen das um die Stadt herum erschlossene Hinterland als Banlieue.[10]

Die niedrigen Immobilienpreise und die im Jahre 1837 im Betrieb genommene „[...]erste Versuchsbahn in der Region von Paris [...]“[11] förderten auch diese Hinterlanderschließung, so dass sich - 1856 hinter den faubourgs bereits Mittelstädte wie Batignolle (44.000 Einw.) oder La Chapelle (33.000 Einw.) herausbildeten. Da Paris 1841 von der Enceinte, einer Umwallung, umgeben war, veranlasste 1860 Kaiser Napoléon III, das von einem massiven Festungsring umgebene Land einzugemeinden[12]: Paris´ Fläche wuchs auf 7088 Hektar, die Bevölkerung stieg von 1,2 Millionen auf 1,6 Millionen und das erschlossene Gebiet wurde wiederum in 20 spiralförmig angeordnete Arrondissements, die jeweils in 4 quartiers unterteilt sind, gegliedert. Die alte Banlieue war nun Paris` Stadtrand und die „neue“ Banlieue begann hinter dem Festungsgürtel. Diese Anordnung wurde bis zur Gegenwart beibehalten. Heute ist die Primatstadt Paris durch den Boulevard périphérique, die ringförmig um Paris gebaute Stadtautobahn, von den Vororten abgegrenzt.

Die Vororte waren Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Industrie geprägt. Sie erfuhren in dieser Zeit Bevölkerungszuwächse, die zu einer hohen Verdichtung führten, so dass Mitte des 20 Jahrhundert ein staatliches Bauprogramm mit Großwohnsiedlungen, grands ensembles, entwickelt wurde.

2.3 Banlieue heute

Banlieues sind Vororte in den Großstädten, die durch die Administration auch ZUS (zone urbaine sensible) genannt werden. Von ihnen gibt es in Frankreich 751 mit ungefähr 4.5 Millionen Einwohnern, also 7.6 % Prozent der französischen Bevölkerung. Kennzeichen der Banlieues sind Großwohnsiedlungen mit mehreren tausend Wohneinheiten, die sogenannten Cités, die sich teilweise in derangierten und veralteten Zustand befinden. Sie wurden in den Nachkriegsjahren zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Trente glorieuses (1945-75), gebaut. Zwischen 1950 und 1970 wurden in ganz Frankreich, besonders im Pariser Raum, rund 2 Millionen Wohneinheiten vom Staat zur Verfügung gestellt. Ziel der Bauunternehmungen war es, die Nachfrage nach Wohnungen, welche bedingt durch die verstärkte Landflucht, Heimkehrer aus dem Algerienkrieg und Aufnahme von Immigranten

entstanden war, abzudecken. Die ersten Gebäude waren räumlich noch nach der Charta von Athen ausgelegt, wo für die Stadtplaner noch eine Trennung der Funktionen wünschenswert war. Daher herrscht dort generell ein Ungleichgewicht zwischen den Funktionen Wohnen

und Arbeit vor. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 % bis 60 %, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 25 %. Die Distrikte sind zudem von starken Abwanderungstendenzen betroffen.[13] [14]

Die räumliche Einordnung der Banlieue lässt sich am ehesten aus der Administration der Metropolregion Paris herleiten, die sich aus Kernstadt, innerem und äußerem Wachstumsring zusammen setzt. Das Pariser Département liegt innerhalb des Boulevard périphérique. Außerhalb der Stadtautobahn grenzt der innere, hoch verdichtete Wachstumsring mit drei Départements an: Hauts-de Seine, Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne, die sogenannte Petite Couronne. Jenseits dieser Départements im Grand Couronne, dem äußeren Wachstumsring, befinden sich vier weitere Départements: Seine-et-Marne, Yvelines, Essone, Val d`Oise. Alle Verwaltungen zusammen bilden die Region Île -de-France.[15]

Die Banlieues befinden sich in dem hoch verdichteten Wachstumsring und waren historischen Segregationsmustern ausgesetzt gewesen, so dass sich räumliche Polarisierungen ergeben haben. Die statushöheren Gebiete, dies zeigen Unterschiede in den Haushaltseinkommen, befinden sich im Westen und Südwesten der Metropolregion und sind die bürgerlichen Wohnvororte, Banlieue Residentielle. Die Gemeinden mit höherem Arbeiteranteil befinden sich traditionell bedingt im Nordosten der Metropolregion, in den Industrievororten. Diese Vororte werden auch Banlieue Industrielle oder wegen ihrer politischen Neigung oft auch Banlieue rouge genannt.[16]

[...]


[1] Karin Finkenzeller. Gewalt in den Pariser Vorstädten. In: Rheinische Post. Düsseldorf. 09.06.09.

[2] Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden (1967): Band 2. Wiesbaden. S.290.

[3] Daus, Ronald (2002): Banlieue. Freiräume in europäischen und außereuropäischen Großstädten. Europa: Paris, Berlin, Barcelona. Berlin. S.20.

[4] George, Pierre (1950): Êtudes sur la Banlieue Paris. Paris. S. 13.

[5] moral panic is a 'condition, episode, person, or group of persons emerges to become defined as a threat to societal values and interests' Cohen, Stanley (1973): Folk Devils and Moral Panics. St Albans. S.9.

[6] „Grundidee von |>Banlieue 89< war es, urbane Reizpunkte zu schaffen, die Banlieue mit attraktiven Elementen zu bereichern“: Liehr, Günter (2007): Frankreich. Eine Nachbarschaftskunde. Ch. Links Verlag. S.102 f.

[7] Wacquant, Loic (2008): Urban Outcasts. A Comparative Sociology of Advanced Marginality. Cambridge. S.137ff.

[8] Ottersbach, Markus (2009): Die Jugendunruhen in den Banlieues als Herausforderung für die französische Integrationspolitik. In: Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Integration als Herausforderung von Kommunen. Wiesbaden. S. 637.

[9] Daus, Ronald (2002): Banlieue. Freiräume in europäischen und außereuropäischen Großstädten. Europa: Paris, Berlin, Barcelona. Berlin. S.17 ff.

[10] Daus, Ronald (2002): Banlieue. Freiräume in europäischen und aussereuropäischen Grossstädten. Europa: Paris, Berlin, Barcelona. Berlin. S.23f.

[11] Ebd. S.25ff.

[12] Ebd. S.30f.

[13] Avenel, C.: Sociologie des „quartiers sensibles“. Paris. 2007.

[14] Guiter-Hohl, Franziska (2008): Les quartiers sensibles: Probleme französischer Banlieues. In: Praxis Geographie Band 38, Heft 12, S. 24-28.

[15] Coy, Martin (2003): Paris – aktuelle Entwicklungstendenzen und Ansätze der Stadterneuerung in einer europäischen Megastadt. In: Petermanns Geographische Mitteilungen Bd. 147, Heft 4, S. 60-69.

[16] Burdack, Joachim (2004): Die Ville de Lumières und ihre Schatten. Wirschafts- und sozialräumliche Differenzierungen in der Pariser Metropolregion. In: Geographische Rundschau Band 56, Heft 4, S. 32-39.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Banlieues - Die Vorstädte von Paris
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Fakultät für Humangeographie)
Veranstaltung
Soziale Geographien von Städten
Note
2
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V142020
ISBN (eBook)
9783640498147
ISBN (Buch)
9783640497768
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Merkmale und Kennzeichen einer Banlieue werden hervorgehoben. Die Genese der Banlieues wird erörtert. Die Begriffskonnotation sowie ihre Entstehung werden erläutert. Es wird versucht, aktuelle Kennzeichen der Banlieue darzustellen, mit kurzem Ausblick auf Kriminalität und Kollektivierung sowie einer Gegenüberstellung mit dem amerikanischen Getto. Marginalisierungsprozesse werden näher erläutert und zur Erklärung der Lebenssituation in der Banlieue herangezogen. Als Exempel wird zudem auf die Banlieue La Courneuve eingegangen.
Schlagworte
Pariser Banlieue, Vorstädte, Marginalisierung, Sozialgeographie, Humangeographie, Banlieues, Cité, Fortgeschrittene Marginalisierung, Gettoisierung, Amerikanisierung, les quatre mille, Regionalgeographie, Bevölkerungsgeographie, Stadtgeographie, Suburbaner Raum, Segregation, Exklusion, Stigmatisierung, Banlieue, Paris, politique de la ville
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Anonym, 2009, Banlieues - Die Vorstädte von Paris, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142020

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