Fernao Lopes - Erster moderner Romancier und Historiker Portugals


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
31 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Biographischer Hintergrund
2.3 Geschichtsschreibung und Wahrheit: Fernão Lopes – erster moderner Historiker Portugals
2.4 Geschichtsschreibung und Literatur: Fernão Lopez – erster moderner Literat Portugals

3. Fernão Lopes – Pai da Contra-epopeia portuguesa

Bibliographie

1. Einleitung

Nimmt man auf der Suche nach portugiesischen Historikern das Internet zur Hilfe, so stößt man immer wieder auf einen Namen, der sowohl bei Altavista als auch bei Google und Yahoo fest unter dem Stichwort verzeichnet ist: Fernão Lopes. Sucht man nach den Lebensdaten des Genannten, stellt man schnell fest, daß der portugiesische Geschichtsschreiber, der an mancher Stelle als "Pai da História Portuguesa" bezeichnet wird, vor ca. 600 Jahren, an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert lebte, und sein Einfluß auf die portugiesische Geschichtsschreibung sowie auf die portugiesische Literatur unschätzbar groß ist.

Wer war dieser Mann, dessen Name aus dem 15. Jahrhundert bis ins Zeitalter des Internet erhalten blieb? In was für einer Zeit lebte er und worin bestand sein Beitrag zur portugiesischen Geschichtsschreibung und Literatur? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die folgende Arbeit in der Hoffnung, Antworten auf einige von ihnen zu finden und dem Werk eines bemerkenswerten Mannes ein Stück näher zu kommen.

Um das Werk Fernão Lopes zeitgeschichtlich einordnen zu können und Einblick in die Entwicklungen, Ereignisse und Persönlichkeiten zu erhalten, die seine Zeit prägten, beschäftigt sich der erste Teil der Arbeit mit den Königen Portugals, die Lopes Werk beeinflußten und zum Teil Inhalt seiner Crónicas wurden. Im zweiten Teil werden die spärlichen Daten, die über das Leben und die Werke des Historikers bekannt sind, zusammengetragen. Ein kurzer Überblick über die von Lopes verfaßten Chroniken erleichtert ihre zeitliche und inhaltliche Einordnung. Der große innovative Einfluß des Chronisten auf die portugiesische Geschichtsschreibung wird im Folgenden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet. Im vierten Teil der Arbeit wird die literarische Bedeutung Fernão Lopes in den Mittelpunkt der Analyse gerückt. Anhand von Textbeispielen, die die außerordentliche literarische Qualität seiner Texte hervorheben, wird Lopes Verwendung von fiktiven Elementen, Stilmitteln und Methoden der Charakterisierung nachgewiesen. Um Fernão Lopes Bedeutung im Hinblick auf die moderne Geschichtsschreibung und Literatur nachzuvollziehen, erlaube ich mir, am Ende der Arbeit den Bogen zu den Autoren des 20./21. Jahrhunderts zu spannen, Lopes Pionierleistung auf dem Gebiet der anti-epischen Geschichtsschreibung bzw. der portugiesischen contra-epopeia zu betonen und ihn somit in ein weiteres Bezugsfeld, das sich von Camões bis Saramago erstreckt, zu rücken.

2.1 Geschichtlicher Hintergrund

Um das Werk Fernão Lopes untersuchen und verstehen zu können, ist es unerläßlich, sich mit den politischen und sozialen Entwicklungen seiner Zeit und vorhergehender Epochen auseinanderzusetzen, mit denen sich sein Werk beschäftigt.[1] Der Chronist war Zeitzeuge einer der glorreichsten und verwirrendsten Epochen der portugiesischen Geschichte. Zum einen stand im Zeichen der Entdeckung eines neuen Kontinents, zum anderen im Zeichen der Dispute um die Regentschaft Portugals während der Minderjährigkeit Afonso V. Nehmen wir an, daß Lopes um 1380 geboren wurde, war er bereits in den frühesten Tagen seiner Kindheit Zeuge eines der größten Aufstände der Geschichte Portugals. Lopes Crónicas setzen jedoch mit den seiner Zeit vorhergehenden Königen ein.

Dom Pedro I

Geboren in Coimbra 1320, wurde Dom Pedro nach dem Tod seines Vaters Dom Afonso IV mit 37 Jahren König von Portugal. Seine Regierungszeit dauerte lediglich 10 Jahre, wurde aber von seinen Zeitgenossen als friedliche und gute Zeit angesehen, die der König durch seinen Gerechtigkeitssinn und seine große Sensibilität zu fördern wußte. Fernão Lopes beschreibt ihn in seiner Crónica de Dom Pedro I als großen Liebhaber der Jagd und wiedersprüchliche Persönlichkeit, die sowohl mit dem Beinamen "o Cruel" als auch dem "o Justiceiro" von Zeitgenossen charakterisiert wurde. Ob grausam oder gerecht oder beides, war Dom Pedro der erste König nach langen Jahren, der keinen Krieg mit Kastilien, der ständig bedrohlichen Macht, führte und das Land 10 Jahre lang in Frieden regierte.

Dom Fernando und Dona Leonor Teles

Das angenommene Geburtsjahr Fernão Lopes 1380 fiel noch in die Regierungszeit Dom Fernandos, Sohn Dom Pedros I., der 1367, 22-jährig den Thron Portugals bestiegen hatte und trotz zahlreicher politischer Fehlentscheiungen durch seine Menschlichkeit und seinen Gerechtigkeitssinn beim Volk äußerste Beliebtheit erlangte, wie Fernão Lopes in seiner Crónica do Senhor Rei Dom Fernando, nono Rei destes Reinos[2] schreibt:

"Mançebo vallente, ledo, e namorado, amador de molheres, e achegador a ellas. Avia bem composto corpo e de razoada altura, fremoso em parecer e muito vistoso; tal que estando açerca de muitos homens, posto que conheçido mom fosse, logo o julgavam por Rei dos outros. Foi gram criador de fidallgos, e muito companheiro com elles; e era tam amavioso de todollos que com elle viviam, que nom chorava menos por hum seu escudeiro quendo morria, com se fosse seu filho. De nenhuum a que bem quizesse podia creer mal que lhe delle fosse dito, mas amava el e todas suas cousas muito de vontade. Era cavallgamte e torneador, grande justador, e lamçador atavollado. Era muito braceiro, que nom achava homem que o mais fosse; cortava muito com huma espada, e remessava bem a cavallo. Amava justiça e era prestador, e graado muito liberal a todos, e grande agasalhador dos estramgeiros. Fez muitas doaçoões de terras aos fídalgos de seu reino, tantas e muitas mais que nenhum Rei que antele fosse. Amou muito seu poboo, e trabalhava de o bem reger; e todallas cousas que por seu serviço e defensom do reino mandava fazer, todas eram fundadas em boa razom e muito justamente hordenadas. "

Mit allen Vorzügen und Gütern ausgestattet, gelang es Dom Fernando nicht, seine Gaben im Sinne des Volkes einzusetzen. Er ließ sich in zahlreiche unglückliche Kriege mit Kastilien ein und stand stark unter dem Einfluß seiner Gemahlin Dona Leonor Teles, Tocher des Königs von Kastilien. Dona Leonor, die bereits in erster Ehe mit einem portugiesischen Grafen verheiratet war und durch ihre Dienste als Hofdame der Infanta Dona Beatriz an den Königshof gekommen war, zog den König so in ihren Bann, daß er sie gegen die Warnungen seiner Berater, die Ablehnung durch das Volk und den Zorn ihres ersten Ehemannes zur Frau nahm. Leonor Teles ihrerseits verfolgte ehrgeizige Pläne, die Königreiche Kastilien und Portugal zu vereinen.

Don João I, Mestre de Avis

Als Dom Fernando 1383 nach längerer Krankheit starb, hinterließ er keinen Sohn. Dona Beatriz, die inzwischen mit dem kastilischen König Dom João I verheiratet worden war, hatte ebenfalls noch keine Kinder, die die Thronnachfolge übernehmen hätten können. Dona Leonor nutzte das Machtvakuum und übernahm kurzerhand die Regentschaft. Das Volk, das der Köngigin niemals viel Sympatie entgegengebracht hatte und Portugal in ihrer Macht, unter Einfluß ihres Günstlings João Fernandes Andeiro in Gefahr sah, revoltierte. Einige Adelige hatte bereits Pläne geschmiedet, den Günstling der Königin zu ermorden. Zur Tat schritt schließlich Dom João, illegitimer Sohn Dom Pedros und Mestre des Ordens de Avis, der João Fernandes Andeiro mit Hilfe einiger bewaffneter Männer tötete.

Die Anwesenheit Dom Joãos beruhigte das aufgeregte Volk, das jedoch aus Haß gegen die Königin brutal gegen kastilische Bewohner des Landes vorging. Lediglich durch den Einsatz Dom Joãos konnte verhindert werden, daß sich der Haß auch auf die in Lissabon ansäßigen Juden ausbreitete. Das Volk erwählte Dom João schließlich zum Verteidiger des Landes und Oberbefehlshaber der portugiesischen Truppen.

In der Zwischenzeit hatte Dona Leonor, die nach Santarem geflohen war, den König von Kastilien um Hilfe gerufen. 1384 invadierten die kastilischen Truppen daraufhin Portugal und stießen bis Lissabon vor. Die Situation für Dom João wurde ernst. Der Großteil der portugiesischen Städte ergab sich widerstandslos den Kastiliern. Von März bis September 1384 dauerte die Belagerung Lissabons durch das kastilische Heer. Schließlich gelang es Dom Joãos Feldherren Nuno Álvares und dem Mestre selbst, die feindlichen Truppen zurückzuschlagen und die Belagerung der Hauptstadt, die große Opfer unter der Bevölkerung gekostet hatte, zu beenden.

Da die legitime Reihe der Nachfolge auf dem portugiesischen Thron, Portugal wieder in die Macht Kastiliens gebracht hätte, wurde von den Gelehrten des Landes im Frühjahr 1385 in Coimbra über die Frage der Regierungsübernahme diskutiert, um schließlich den Weg freizumachen, Dom João Mestre de Avis zum legitimen König Dom João I. von Portugal zu wählen, der somit die Dynastie de Avis begründete.

Die Rückeroberung des portugiesischen Gebiets aus den Händen der Kastilier dauerte an, da die kastilische Krone auf ihr legitimes Recht auf den portugiesischen Thron beharrte, und fand erst mit der Schlacht von Aljubarrota im August 1385 ein Ende.

Während seiner langen, 48 Jahre dauernden Regierungszeit, gelang es Dom João I, Portugal zu vereinen und seine politische Position – unter anderem durch die Allianz mit England – zu stabilisieren. Auf den Thron folgte nach dem Tod Dom Joãos sein Sohn Dom Duarte aus der Ehe mit Dona Filipa, Tochter des Barons von Lancaster.

Dom Duarte

Eines der wesentlichsten Ereignisse zu Lebzeiten Fernão Lopes war der Kampf um die Regentschaft, der mit dem Tod Dom Duartes, dem Nachfolger Dom João I (Regierungszeit: 1384/85-1433), einsetzte und eine Regierungskrise heraufbeschwor. Dom Duarte war ein reifer Mann, der auf eine reiche politische Erfahrung zurückblicken konnte, da er bereits in jungen Jahren, vor der Eroberung von Ceuta, vom Vater mit rechtlicher und wirtschaftlicher Verantwortung betraut worden war. Seine recht kurze Regentschaft (1433-1438) entpuppte sich als kontinuierlicher Entwicklungsprozeß, als Fortschritt ohne Einbrüche. Besonders in einigen Bereichen, wie etwa seinen Unternehmungen in Marokko, der Atlantikseefahrt, der Nutzung der Inseln, dem Pozeß der politischen Zentralisierung des Reiches und der Außenpolitik, erzielte Dom Duarte bedeutende Erfolge. Seinen Beinahmen "O Rei-Filósofo" hatte sich Dom Duarte durch einige philosophische Traktate verdient, die er als Ratgeber in Lebensfragen für seine Gattin Dona Leonor und zur Erziehung junger Ritter geschrieben hatte und die von großer Klugheit zeugen; wie etwa der Leal Conselheiro und A Arte de Bem Cavalgar toda Sela.

Am 9. September 1438 starb Dom Duarte an Pest in Torres Novas.

Dom Pedro

Der legitime Nachfolger auf dem Thron, Dom Afonso V. zählte zu dieser Zeit lediglich sechs Jahre. Die Regentschaft fiel deshalb zunächst an Dona Leonor, Witwe Dom Duartes und bisherige Königin. Dona Leonor hatte jedoch zwei Fehler: Sie war Frau und Aragonesin, das hieß Ausländerin. Während der Adel Dona Leonor unterstützte, in der Hoffnung, sie leicht zu seinen Zwecken manipulieren zu können, begann das Volk, das sich noch gut an die Krise von 1383/85 erinnern konnte, zu revoltieren. Es bemächtigte sich der Stadt Lissabon und setzte den Infanten Dom Pedro, den Stief-Bruder Dom Duartes, an die Spitze des Landes.

Dom Pedro (geboren am 9. Dezember 1392 in Lissabon, Ergebnis einer außerehelichen Beziehung Dom Joãos I) besaß hervorragende Voraussetzungen als Regent, galt er doch als kultivierter, kluger Mann, von dem Fernão Lopes in seiner Crónica de Dom Pedro schreibt: "O infante D. Pedro nasceu em Lisboa no dia 9 de Dezembro de 1392. Foi um homem muito rico, muito viajado e muito culto. Aos 33 anos revela-se um político maduro e moderno, com opiniões seguras sobre o modo de governar o Pais."[3] Als umsichtiger Staatsmann stellte Dom Pedro den Fortschritt der gesamten Bevölkerung des Landes über das Privatinteresse einiger weniger Reichen und Mächtigen, sowie über kriegerische Eitelkeiten. Bürgertum und urbane Bevölkerung standen ganz auf seiner Seite. Als König von Volkes Gnaden hatte er gerade auch diesen Bevölkerungsgruppen, die sich 1439 für seine Übernahme der Regentschaft eingesetzt hatten, seine Macht zu verdanken. Alleine gute Ideen und Überzeugungen jedoch machen noch keinen guten Regenten. Als Übergangsregent befand Dom Pedro sich in einer äußerst prekären, unsicheren Position, die er lediglich bis 1448 halten konnte, dem Jahr der Volljährigkeit des jungen, rechtmäßigen Königs. Dom Pedro wurde gezwungen, zurückzutreten, um dem sechzehnjährigen Dom Afonso den Thron zu überlassen.

[...]


[1] Informationen zur Geschichte Portugals sind entnommen: - Birmingham, David, Historia de Portugal (Cambridge: 1995). - Veríssimo Serrão, Joaquim, História de Portugal (Lissabon: Editorial VERBO, 1979), Bd.I+II.

[2] Lopes, Fernão, Crónica do Senhor Rei Dom Fernando, nono Rei destes Reinos, mit einer Einführung von Salvador Dias Arnaut (Porto: 1966), Kap. I, S. 3-4.

[3] Lopes, Fernão, Crónica de D. Pedro I, Giulio Macchi (Hrsg.), (Rom: 1966), S. 24.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Fernao Lopes - Erster moderner Romancier und Historiker Portugals
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Portugiesische Literaturgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V14203
ISBN (eBook)
9783638196710
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernao, Lopes, Erster, Romancier, Historiker, Portugals, Portugiesische, Literaturgeschichte
Arbeit zitieren
Ulrike Decker (Autor), 2001, Fernao Lopes - Erster moderner Romancier und Historiker Portugals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14203

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