Strategien des Intermedialen in The Far Side of the Moon von Robert Lepage


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Was ist Intermedialität?
2.2 Intermediale Strategien in The Far Side of theMoon
2.3 Intermedialität als Metapher
3. Schlußbemerkung

Bibliographie

1. Einleitung

Der kanadische Schauspieler und Regisseur Robert Lepage vollzieht in seinen Stücken bewußte Gratwanderungen zwischen unterschiedlichen Kulturen und den Ausdrucksformen verschiedener Medien. Tatsächlich bezeichnet Lepage Theater als "Journey of Discovery". Seine Produktionen nennt er "Travel Narratives", denn, so Lepage "A successfull production communicates a traveler's experience."[1]

Das dem Thema des Reisens inhärente Prinzip der Grenzüberschreitung wird zu einem Grundprinzip von Lepages Werk und findet seinen Ausdruck unter anderem in Lepages Umgang mit unterschiedlichen Medien, die er miteinander in Verbindung bringt, um so deren Grenzen und Möglichkeiten gegenseitiger Befruchtung auszuloten.

Aus der immer größeren Bedeutung, die Kino und Fernsehen, bei der Bildung von Rezeptionsgewohnheiten des Publikums erhalten, macht es sich Lepage zur Herausforderung, Konsequenzen für Darstellungsformen des Theaters zu ziehen:

"Mich interessiert es einfach, wie das Theater der Zukunft aussehen kann. Und dabei darf man das Vokabular des Kinos nicht ignorieren – etwa wie man mit den Mitteln des Kinos erzählt: Das Publikum hat dieses Wissen schließlich auch, hat sich durch Musikvideos daran gewöhnt, daß Geschichten sprunghaft erzählt werden. Dieser Stakkato-Rhythmus wird auch das Theater erreichen"[2]

Lepage stellt sich damit in die Tradition Brechts, der die Herausforderung, die die Entwicklung anderer Medien (in seinem Fall des Films) für die Literatur (bzw. das Theater) bedeutet, bereits 1931 in seinen theoretischen Schriften, erkannte: "Der Filmsehende liest Erzählungen anders. Aber auch der Erzählungen schreibt, ist seinerseits ein Filmsehender. Die Technifizierung der literarischen Produktion ist nicht mehr rückgängig zu machen." Lepage, der sich selbst intensiv mit Bertolt Brecht auseinandersetzte, baut auf dieser Beobachtung auf und appeliert an die plurale Medienkompetenz seiner Zuschauer, deren Sehgewohnheiten unabwendbar von Fernsehen, Film, Video, Internet etc. geprägt sind.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit dem im Februar 2000 im Théatre du Trident, Québec uraufgeführten Stück The Far Side of the Moon, in dem Lepage das Verhältnis zweier ungleicher Brüder und parallel dazu den Konkurrenzkampf zwischen den Weltmächten Amerika und Rußland um die erste Mondlandung zum Thema nimmt und auf vielfältige Weise die Kunstformen Theater und Film durch Techniken der Verknüpfung, Überlagerung und Koppelung miteinander in Beziehung setzt.

Am Anfang der Analyse steht zunächst der Versuch der Eingrenzung des Begriffes Intermedialität. Im Folgenden werden Strategien der Intermedialität in The Far Side of the Moon einer genaueren Betrachtung unterzogen. Hierbei sollen die unterschiedlichen Verknüpfungs-, Koppelungs- und Überlagerunsprinzipien an den Schnittstellen zwischen Film und Theater, mit denen Lepage in seinem Werk bevorzugt spielt, herausgearbeitet werden. Inwieweit die intermediale Vermischung theatraler und filmischer Formen bei Lepage ein grundsätzliches Prinzip der Grenzüberschreitung und Vereinigung scheinbar unvereinbarer Gegensätze, das sich auf allen Ebenen seines Werkes widerspiegelt, darstellt wird im Anschluß daran diskutiert.

2.1 Was ist 'Intermedialität'?

Bevor Robert Lepages Werk The Far Side of the Moon unter dem Aspekt der Intermedialität eingehender beleuchtet werden kann, tut es Not den Begriff der Intermedialität, der der folgenden Analyse zugrunde liegt, genauer einzugrenzen.

Seit den achziger Jahren rückt der Begriff der Intermedialität immer mehr ins Zentrum literatur-, kunst- und kulturwissenschaftlicher Diskussionen. Mangels einer bereits bestehenden Systematik ringen unterschiedliche Theoretiker auf diesem Gebiet um die Entwicklung eines analytischen Instrumentariums, mit dessen Hilfe die Phänomene der Intermedialität für die wissenschaftliche Diskurspraxis greifbar gemacht werden können.

Der Begriff Intermedialität steht zunächst im Kontrast zum Begriff der medialen Spezifität, die unter anderem in Deutschland von konservativen Theaterkritikern propagiert wird. Mediale Spezifität stellt die Forderung, jedes Medium auf die ihm eigenen Besonderheiten zu beschränken, diese auszunutzen und innerhalb der ihm eigenen Grenzen auszudehnen, ohne jedoch die Grenzen zwischen verschiedenen Medien zu überschreiten. Diese Art des Medienpurismus bildet einen extremen Gegenpol zum wissenschaftlichen Konzept der Intermedialität, das die Vorstellung von der Reinheit und Abgrenzbarkeit der Medien, die dem Begriff der medialen Spezifität zugrundeliegt, in Frage stellt. Geht man davon aus, daß alle Medien, sich durch Einflüsse aus anderen Medien formieren und die Trennlinien zwischen einzelnen Medien mehr als Denkkonstrukte als als tatsächliche hermetische Abgrenzungen existieren, stellt sich die Definition medialer Grenzen als Schwierigkeit dar.

Seit den achziger Jahren setzen sich jedoch immer mehr Theoretiker mit einer Theoriebildung der Intermedialität auseinander, die durch eine verstärkte Tendenz zunehmender Verflechtung unterschiedlicher Medien und Kunstgattungen notwendig erscheint. Die unterschiedlichen Ansätze stehen immer vor der Frage: Was macht ein Medium aus und wo beginnt Intermedialität und was grenzt sie ab von anderen Formen der Vermischung, wie z.B. der Intertextualität?

Um dem Begriff der Intermedialität näher zu kommen, muß zunächst geklärt werden, was unter dem Wort 'Medium' zu verstehen ist.

Die oft im selben Zusammenhang verwendeten Begriffe von Kunst und Medium, so Joachim Paech[3], könnten nicht miteinander gleichgesetzt werden. So bezeichne Medium den technisch-apparativen Anteil der Kunst, bzw. die Form die zum Ausdruck gewählt wird.

Eine ähnliche Trennung von Form und Inhalt, von technischer und kultureller Dimension vollzieht Yvonne Spielmann[4], wenn sie zwischen Mediatisierung und Medialisierung unterscheidet. Medialisierung bezeichnet in ihrer Theorie den technischen Aspekt der Medienvernetzung, während Mediatisierung dessen kulturelle Dimension meint. Intermedialität ist, laut Spielmann, demnach ein "formales Verfahren", das Medienprozesse als Transformationsprozesse zwischen künstlerisch oder technisch generierten Formen zur Geltung bringt, indem es sie in symbolischen Formen sichtbar werden läßt.[5] Intermedialität wird so zur Form einer Differenz und steht sozusagen im Zwischenraum zwischen zwei Medien.

In seinem Artikel Robert Lepage und die Zukunft des Theaters im Medienzeitalter unterscheidet Christopher Balme drei Formen, die den Begriff Intermedialität für sich beanspruchen, sich jedoch bei genauerem Hinsehen lediglich als der Intermedialität verwandte Phänomene entpuppen. Häufig würde der Begriff der Intermedialität, so Balme, auf die Transposition von Inhalten zwischen Medien – wie etwa die Verfilmung eines literarischen Stoffes - angewandt, die wohl richtiger mit dem Begriff Medienwechsel oder Medientransformation zu bezeichnen wäre. Auch sei Intermedialität nicht synonym mit Intertextualität zu verstehen. Den Begriff auf die bloße gleichzeitige Verwendung verschiedener Medien, bzw. den Einsatz anderer Medien wie Film-, Video- oder Diaprojektionen im Theater, anzuwenden, sieht Balme ebenfalls als zu kurz gegriffen an. Richtiger sei in diesem Fall die Bezeichnung Multimedialität. Der bloße Einsatz anderer Medien im Theater mache alleine noch kein Intermediales Theater aus, argumentiert Balme und definiert Intermedialität als "Realisierung medialer Konventionen eines oder mehrer Medien in einem anderen"[6]. Intermedialität beginne dort, wo die Strukturen und spezifischen Gestaltungsprinzipien der sich verbindenden Medien sich gegenseitig beeinflussen und verändern.

[...]


[1] Lepage, Robert, Connecting Flights. In Conversation with Remy Charest, 1998, S. 33.

[2] Balme, Christopher, Robert Lepage und die Zukunft des Theaters im Medienzeitalter, in: Erika Fischer-Lichte, Doris Kolesch, Christel Weiler (Hrsg.), Transformationen – Theater der Neunziger Jahre, in der Reihe Theater der Zeit 1999, Recherchen 2 (Berlin: 1999), S. 136.

[3] Paech, Joachim, Intermedialität, Mediales Differenzial und transformative Figurationen, in: Jörg Helbig (Hrsg.) Intermedialität: Theorie und Praxis eines interdisziplinären Forschungsgebiets (Berlin: Erich Schmidt, 1998), S.14-30.

[4] Spielmann, Yvonne, Intermedialität – Das System Peter Greenaway (München: Fink, 1994), S. 33 f.

[5] Spielmann, Yvonne, Intermedialität als symbolische Form, in: Ästhetik und Kommunikation, 24(1995): S.112.

[6] Balme, Christopher, Robert Lepage und die Zukunft des Theaters im Medienzeitalter, in: Erika Fischer-Lichte, Doris Kolesch, Christel Weiler (Hrsg.), Transformationen – Theater der Neunziger Jahre, in der Reihe Theater der Zeit 1999, Recherchen 2 (Berlin: 1999), S. 136.

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Details

Titel
Strategien des Intermedialen in The Far Side of the Moon von Robert Lepage
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Theaterwissenschaft und kulturelle Komunikation)
Veranstaltung
Global Players II - Robert Wilson und Robert Lepage
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V14204
ISBN (eBook)
9783638196727
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strategien, Intermedialen, Side, Moon, Robert, Lepage, Global, Players, Wilson
Arbeit zitieren
Ulrike Decker (Autor), 2001, Strategien des Intermedialen in The Far Side of the Moon von Robert Lepage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14204

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