Der kanadische Schauspieler und Regisseur Robert Lepage vollzieht in seinen Stücken bewußte Gratwanderungen zwischen unterschiedlichen Kulturen und den Ausdrucksformen verschiedener Medien. Tatsächlich bezeichnet Lepage Theater als "Journey of Discovery". Seine Produktionen nennt er "Travel Narratives", denn, so Lepage "A successfull production communicates a traveler's experience."
Das dem Thema des Reisens inhärente Prinzip der Grenzüberschreitung wird zu einem Grundprinzip von Lepages Werk und findet seinen Ausdruck unter anderem in Lepages Umgang mit unterschiedlichen Medien, die er miteinander in Verbindung bringt, um so deren Grenzen und Möglichkeiten gegenseitiger Befruchtung auszuloten.
Aus der immer größeren Bedeutung, die Kino und Fernsehen, bei der Bildung von Rezeptionsgewohnheiten des Publikums erhalten, macht es sich Lepage zur Herausforderung, Konsequenzen für Darstellungsformen des Theaters zu ziehen:
"Mich interessiert es einfach, wie das Theater der Zukunft aussehen kann. Und dabei darf man das Vokabular des Kinos nicht ignorieren – etwa wie man mit den Mitteln des Kinos erzählt: Das Publikum hat dieses Wissen schließlich auch, hat sich durch Musikvideos daran gewöhnt, daß Geschichten sprunghaft erzählt werden. Dieser Stakkato-Rhythmus wird auch das Theater erreichen"
Lepage stellt sich damit in die Tradition Brechts, der die Herausforderung, die die Entwicklung anderer Medien (in seinem Fall des Films) für die Literatur (bzw. das Theater) bedeutet, bereits 1931 in seinen theoretischen Schriften, erkannte: "Der Filmsehende liest Erzählungen anders. Aber auch der Erzählungen schreibt, ist seinerseits ein Filmsehender. Die Technifizierung der literarischen Produktion ist nicht mehr rückgängig zu machen." Lepage, der sich selbst intensiv mit Bertolt Brecht auseinandersetzte, baut auf dieser Beobachtung auf und appeliert an die plurale Medienkompetenz seiner Zuschauer, deren Sehgewohnheiten unabwendbar von Fernsehen, Film, Video, Internet etc. geprägt sind.
ie vorliegende Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit dem im Februar 2000 im Théatre du Trident, Québec uraufgeführten Stück The Far Side of the Moon, in dem Lepage das Verhältnis zweier ungleicher Brüder und parallel dazu den Konkurrenzkampf zwischen den Weltmächten Amerika und Rußland um die erste Mondlandung zum Thema nimmt und auf vielfältige Weise die Kunstformen Theater und Film durch Techniken der Verknüpfung, Überlagerung und Koppelung miteinander in Beziehung setzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Was ist Intermedialität?
2.2 Intermediale Strategien in The Far Side of theMoon
2.3 Intermedialität als Metapher
3. Schlußbemerkung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Einsatz intermedialer Strategien in Robert Lepages Inszenierung „The Far Side of the Moon“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die bewusste Verknüpfung von Theater und Film die Grenzen beider Medien erweitert werden, um neue Ausdrucksformen und komplexe Erzählstrukturen zu schaffen.
- Analyse des Begriffs der Intermedialität im theaterwissenschaftlichen Kontext.
- Untersuchung der formalen Verknüpfungsstrategien (Prologe, Projektionen, Schnitttechniken) in Lepages Werk.
- Erörterung der Intermedialität als inhaltliche Metapher für Pluralismus und Grenzüberschreitung.
- Diskussion des Verhältnisses von filmischen Konventionen und traditionellen theatralen Elementen.
Auszug aus dem Buch
Filmische Erzählstruktur
Nicht nur im Bezug auf die Einheit des Orts ignoriert Lepage die aristotelischen Einheiten. Auch mit Zeit und Handlung geht er frei um und erzählt in filmischer Diskontinuität.
So springt er von einem Handlungsstrang zum nächsten, von der Vergangenheit in die Gegenwart, von der Imagination in die Realität, von Moskau nach Montreal oder Quebec, vom Weltall zur Erde, ohne lange Übergänge. Mit filmischer Erzählweise verflicht er unterschiedliche Handlungen in rascher Szenenabfolge miteinander und erzählt parallel mehrere Geschichten: die des verträumten Wissenschaftlers Philipe, der an einer Doktorarbeit schreibt und gleichzeitig an einem Außerirdischenprojekt teilnimmt; die zweier sehr unterschiedlicher Brüder, die sich durch den Tod der Mutter wieder näher kommen; die Geschichte der ersten Mondlandung und der Konkurrenz zwischen Amerikanern und Russen, um nur die wichtigsten darunter zu nennen.
Diese Art der Strukturierung von Beziehungen und Handlungen auf unterschiedlichen Ebenen durch Mehrfachplots geschieht nach dem Prinzip der Bifurkation, bei dem sich die unterschiedlichen Handlungsebenen gegenseitig spiegeln. Durch Sprünge zwischen den verschiedenen Ebenen der Handlung werden Elemente, die per se nichts miteinander verbindet, in Beziehung gesetzt und zu einem neuen Bedeutungszusammenhang verwoben. Die Art des sprunghaften Erzählens nimmt Lepage offensichtlich aus dem Repertoir filmischer Erzählstrukturen. Und erst die Einbindung filmtechnischer Mittel macht die extreme Bandbreite verschiedener Schauplätze und Handlungsstränge möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Arbeitsweise von Robert Lepage ein und formuliert das zentrale Erkenntnisinteresse an den medienübergreifenden Strategien in seinem Werk.
2.1 Was ist 'Intermedialität'?: In diesem Kapitel wird der theoretische Begriff der Intermedialität definiert und gegen Konzepte wie den Medienpurismus oder die Intertextualität abgegrenzt.
2.2 Intermediale Strategien in The Far Side of the Moon: Hier werden die konkreten künstlerischen Techniken wie Raumgestaltung, Schnitttechnik, Musik und die Imitation filmischer Kamerabewegungen im Stück analysiert.
2.3 Intermedialität als Metapher: Dieses Kapitel interpretiert die formale Verschränkung der Medien als inhaltliche Spiegelung der Themen Pluralismus und menschliche Verbundenheit.
3. Schlußbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Lepage durch den intermedialen Einsatz die Ausdrucksmöglichkeiten des Theaters zwar erweitert, die Vorherrschaft der theatralen Form jedoch stets beibehält.
Schlüsselwörter
Robert Lepage, The Far Side of the Moon, Intermedialität, Theaterwissenschaft, Filmische Erzählstruktur, Mediale Spezifität, Inszenierung, Bühnenraum, Multimedialität, Grenzüberschreitung, Medienkompetenz, Dramaturgie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Regisseur Robert Lepage in seinem Stück „The Far Side of the Moon“ mediale Grenzen zwischen Theater und Film bewusst überschreitet und neu kombiniert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die theoretische Bestimmung von Intermedialität sowie die praktische Analyse filmischer Techniken innerhalb einer Theaterinszenierung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, wie Lepage durch formale Verknüpfungsstrategien die Sehgewohnheiten des Publikums herausfordert und eine neue Form der Bühnenästhetik schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine medientheoretische Analyse, ergänzt durch theaterwissenschaftliche Konzepte, um Lepages Inszenierung systematisch in Bezug auf mediale Austauschprozesse zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die detaillierte Untersuchung spezifischer Techniken wie Montage und Projektion sowie die Deutung dieser Mittel als metaphorische Ebene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Intermedialität, Medialisierung, filmische Erzählstruktur, Grenzverschiebung und die spezifische Ästhetik von Robert Lepage.
Wie setzt Lepage die „Umschnitttechnik“ ein?
Lepage nutzt Lichteffekte und Videoüberblendungen, um auf der Bühne schnelle Szenenwechsel zu erzeugen, die filmischen Schnitten ähneln, ohne physische Bühnenumbauten vorzunehmen.
Welche Rolle spielt der Spiegel in der Inszenierung?
Der Spiegel fungiert als Kamera-Ersatz, der durch Reflexionen der Schauspieler auf dem Boden die Illusion von Schwerelosigkeit erzeugt und so die Schwerkraft des Theaters optisch aushebelt.
- Quote paper
- Ulrike Decker (Author), 2001, Strategien des Intermedialen in The Far Side of the Moon von Robert Lepage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14204