Richard Thurnwald - Leben und Werk


Hausarbeit, 2009

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Leben
2.1 Kindheit, Jugendjahre und Studienzeit
2.2 Erste berufliche Erfahrungen
2.3 Die Gesellschaft für Rassenhygiene
2.4 Erste Forschungsreise
2.5 Zweite Forschungsreise
2.6 Auslandsaufenthalte und Lehrtätigkeiten
2.7 NS-Zeit
2.8 Nachkriegsjahre

3. Werk
3.1 Einfluss
3.2 Theoretische Positionierung und Erkenntnisse
3.2.1 Theoretische Einordnung
3.2.2 Reziprozität
3.2.3 Kultur
3.2.4 Siebung
3.2.5 Kulturwandel
3.2.6 „Kultur- und Naturvölker“
3.3 Kolonialismus

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Leben und dem Werk Richard Thurnwalds (1869-1954), welcher als einer der „bedeutendsten deutschsprachigen Ethnologen überhaupt“[1] gilt. Zu dieser Bedeutung gelang er insbesondere durch seine umfangreichen Feldforschungen, von denen er insgesamt vier in den Jahren zwischen 1906 und 1932 in Melanesien, Neuguinea und Ostafrika durchführte und auf denen aufbauend er seine umfassenden theoretischen Erkenntnisse gewann. Außerdem hatte er aufgrund seiner Studienzeit einen enormen, wissenschaftlichen „Background“, den er stets mit seinen Erfahrungen zu verknüpfen wusste. Seine Studien zeichnen sich daher aus durch die Integration ethnologischer, soziologischer, psychologischer sowie rechts- und wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse.

Für das Fach leistete er Pionierarbeit auf dem Gebiet der Feldforschung und darüber hinaus auch in der Erschließung noch unbekannter Regionen. Außerdem war er einer der ersten Wissenschaftler, der sich intensiv mit Fragen der Rechts- und Wirtschaftsethnologie beschäftigte. Zudem gilt er als der Begründer der deutschen Ethnosoziologie. Neben Lehrtätigkeiten an deutschen und amerikanischen Universitäten veröffentlichte Thurnwald auch die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“, die später in „Sociologicus“ umbenannt wurde, hielt darüber hinaus Kontakt zu prominenten Ethnologen wie Franz Boas, Branislaw Malinowski, Leonard Adam und Robert H. Lowie.

Ähnlich der British Social Anthropology vertrat Thurnwald eine Auffassung des Gesellschaftlichen, die „vom System-. Struktur- und Funktionsgedanken ausging und zudem das Prozesshafte des sozialen Lebens betonte“[2]. Dies ist in vielen seiner zahlreichen Publikationen, insbesondere in seinem fünfbändigen Hauptwerk „Die menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen“ (1931-1935) festzustellen. Mit seiner funktionalistischen Ausrichtung stellte er sich auch gegen die vorherrschenden Theorien seiner Zeit, wie beispielsweise die Wiener „Kulturkreislehre“. Seine intensiven empirischen Untersuchungen des Kulturwandels bei „primitiven“ Völkern und die daraus resultierenden Erkenntnisse nutzte Thurnwald auch zur Rechtfertigung des Kolonialismus.

All diese Tatsachen sprechen für eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Werk des Gelehrten. Wurde Thurnwald u.a. von Bronislaw Malinowski als „leading german anthropologist“[3] bezeichnet, so gilt sein Einfluss auf die Ethnologie im Vergleich zu anderen Fachvertretern dennoch als relativ gering.

So entstand, entgegen der Aussage Hauschilds[4], keine Schule um Thurnwald, wie sie sich beispielsweise um Leo Frobenius (Frobenius-Institut) oder um Pater Schmidt (Wiener Schule) bildete.[5] Auch werden seine Publikationen bis heute kaum zitiert. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Thurnwald zwar zahlreiche Aufsätze und Bücher geschrieben hat, seine Forschungsergebnisse jedoch nie vollständig publiziert wurden. In der Literatur findet man daher neben oftmals knappen Informationen wenig zur wissenschaftlichen Arbeit Thurnwalds: Manfred Gothsch analysierte das Verhältnis von Thurnwald zum Kolonialismus. Marion Melk-Koch, auf deren Recherchen sich der erste Teil der Arbeit bezieht, hat eine umfangreiche Darstellung seines Lebens und insbesondere seiner Forschungsreisen geliefert.

Die vorliegende Arbeit soll daher versuchen eine Brücke zu schlagen zwischen der deskriptiven Darstellung des Lebens und der Analyse seiner wesentlichen theoretischen Konzepte. Darüber hinaus sollen jene Aspekte des Lebens und des Werkes Thurnwalds aufgezeigt werden, die nach Meinung des Verfassers in der Sekundärliteratur nicht oder nur beschränkt behandelt werden. Die Arbeit gliedert sich daher in zwei wesentliche Abschnitte: Zunächst soll im ersten Teil das Leben des Ethnologen dargestellt,[6] im Anschluss daran dessen Werk anhand seiner theoretischer Überlegungen und Konzepte zusammengefasst werden. Bewusst wird hier nicht von der Theorie gesprochen, da Thurnwald vielmehr von einzelnen Gedankengängen beeinflusst wurde, als sich einer Theorie oder einer „Schule“ zu verschreiben. Insbesondere weil Thurnwald sich stets um eine interdisziplinäre Analyse seiner Ideen bemühte, wird sich hier auf die Zusammentragung seiner wichtigsten Erkenntnisse beschränkt. Am Beispiel des Kolonialismus soll abschließend deren praktische Anwendung verdeutlicht werden. Stellvertretend durch die Person Thurnwald stellt dieser Teil auch die Auseinandersetzung mit der Verstrickung und der Rechtfertigung vieler Ethnologen in die Zusammenhänge des Kolonialismus und Nationalsozialismus während dieser Zeit dar.

2. Leben

2.1 Kindheit, Jugendjahre und Studienzeit

Richard Thurnwald wird am 19. September 1896 als Sohn eines Fabrikdirektors in Wien geboren. Als Einzelkind wächst er in der „Geborgenheit eines wohlhabenden Bürgerhauses“[7] auf und profitiert sowohl von den guten materiellen Lebensbedingungen der Familie als auch von der Förderung durch seine Eltern, die seine „Neigungen und Interessen anerkannt und später in jeder Weise unterstützt“[8] haben. Den Drang in die weite Welt zu reisen verspürt Richard Thurnwald bereits als fünfzehnjähriger Gymnasiast. So unternimmt er selbständig Ausflüge in das Wiener Umland und beobachtet die ein- und ausfahrenden Züge am nahe gelegenen Wiener Hauptbahnhof. Aber vielmehr als der Ausdruck romantischer Abenteuerlust ist es bereits die frühzeitige Planung eines zukünftigen Forscherlebens, die ihn dazu veranlassen sich Reiserouten auszudenken, sich schwierigen Wetterverhältnissen auszusetzen und „gleichzeitig die Art des Siedelns und Arbeitens von Menschen auf dem Lande kennenzulernen.“[9]

Im Jahr 1889 legt Thurnwald seine Maturitäts-Prüfung ab und wird im gleichen Jahr in den dreijährigen Militärdienst berufen. Thurnwald, der an einer „militärischen Laufbahn […] ganz deutlich nicht interessiert“[10] ist, wird diesen insgesamt für ein Jahr ableisten.

Im Wintersemester 1890/91 nimmt er sein Studium an der Universität Wien in den Fächern Jura und Nationalökonomie auf. Die Wahl seiner Studienfächer spiegelt sein Interesse an soziologischen und ethnologischen Fragestellungen wieder: Ihm schwebt „in deutlichen Umrissen das vor, was heute die Sozialwissenschaft ist“[11]. Zudem studiert er orientalische Sprachen unter der Annahme, dass diese ihm später auf Forschungsreisen nützlich sein könnten. Außerhalb der Universität zeichnet sich Thurnwald vor allem durch sein soziales Engagement aus. Zusammen mit seinem Studienkollegen Rudolf Pöch gründet er den „Verein der Abstinenten in Wien, eine Bewegung, die sich strikt gegen Alkoholkonsum ausspricht und aktiv dagegen einsetzt. Für Thurnwald, der ein Leben lang abstinent bleibt, spielt zudem eine persönliche Einstellung dabei eine große Rolle:

„Der tiefere Anlaß lag bei Thurnwald in seinem angeborenen Verlangen, »nüchtern« zu sein und zu bleiben, um die Menschen und ihre Umwelt so unvoreingenommen als möglich zu erfassen. Mit dieser Einstellung ist eng verschwistert seine Ehrfurcht vor dem Leben und seine Fähigkeit und Übung auch den schwierigsten Bedingungen, wie sie später die Tiefen des tropischen Urwaldes und dessen Bewohner stellten, geduldig weiter zu forschen und der Verschiedenartigkeit menschlichen Verhaltens Verständnis entgegenzubringen.“[12]

Im Jahr 1895 schließt Richard Thurnwald das Studium nach wiederholtem Versuch ab und promoviert anschließend. Seine Noten sind dabei eher unterdurchschnittlich. Melk-Koch vermutet, dass Thurnwald wohl mehr an Inhalten als an äußerer Form läge.[13]

2.2 Erste berufliche Erfahrungen

Es folgt ein fünfmonatiges Praktikum am „Landesgericht in Strafsachen Wien“. Inzwischen beherrscht Thurnwald mehrere Sprachen, darunter Französisch, Lateinisch, Griechisch, Arabisch, Ungarisch und Serbisch. Seine vielfältigen Sprachkenntnisse sind zugleich „die ideale Voraussetzung für seine kommende berufliche Aufgabe.“[14] 1896 tritt er als „Conceptions Praktikant“ in den Dienst der bosnischen Landesverwaltung. Diese ist sehr daran interessiert ein bosnisches Nationalgefühl zu entwickeln, was sich durch die Umstände einer österreichischen Besatzung seit 1878 als schwierig erweist. Thurnwald erhält die Aufgabe traditionelle bosnische Handwerks- und Handelsbetriebe zu untersuchen. Seine erste berufliche Erfahrung stellt daher auch gleichzeitig seine erste Feldforschung dar. Seine Erfahrungen schreibt er in drei Aufsätzen nieder. In diesen Aufsätzen setzt er sich u.a. mit der wirtschaftlichen Situation der Landbevölkerung auseinander und stellt erste Überlegungen zur Lösung sozialer Missstände an. Auch erste Ansätze einer Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus sind zu erkennen, wenn er einerseits die Einführung moderner Verwaltung und Produktionsweisen lobt, gleichzeitig aber vor der plötzlichen Modernisierung Bosniens durch das Aufdrängen modernen staatlichen Lebens österreichischer Natur warnt. Melk-Koch erkennt in den Aufsätzen „schon grundlegende Züge von Thurnwalds Lebenswerk.“[15] Die in Bosnien gemachten Erfahrungen werden Thurnwald, ebenso wie die Erfahrungen während des Studiums, in besonderen Maße prägen und sich in seinen späteren Werken, insbesondere in denen zum Kolonialismus, wiederfinden. Außerdem charakterisiert Richard Thurnwald diese Zeit als „entscheidend für seinen Wechsel zur Ethnologie.“[16] Nach Beendigung seiner Forschung reist Thurnwald 1898 nach Ägypten. Es folgt anschließend eine Anstellung in der „Handels- und Gewerbekammer“ Graz als Anwaltsassessor. Inspiriert durch seine Reise nach Ägypten zieht Thurnwald 1901 gemeinsam mit Rudolf Pöch nach Berlin, um an der Universität Ägyptologie und Assyriologie zu studieren. Dort trifft er auf Felix Ritter von Luschan, der ihm eine Stelle als „Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ in der „Afrikanisch-Ozeanischen Abteilung“ des Berliner Museum für Völkerkunde anbietet. Thurnwald wird Mitglied in der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“. Außerdem veröffentlicht er den Aufsatz „Staat und Wirtschaft im alten Ägypten“, in dem er sich mit der Entwicklung Ägyptens bis zur Ptolemäerzeit auseinandersetzt. Als Mitarbeiter am Museum für Völkerkunde, das seinerzeit das wichtigste in Deutschland ist, beschäftigt er sich weiter mit dem Staat und der Wirtschaft Ägyptens und befasst sich mit der Entstehung und Geschichte des Geldes. Er veröffentlicht die Studie „Staat und Wirtschaft in Babylon zu Hammurapis Zeit“. Sein Ziel ist es „»ein beiläufiges Bild der damaligen Gesellschaftsordnung« zu gewinnen.“[17] Aus den Schlussfolgerungen Thurnwalds lassen sich bereits erste rassenideologische Ansätze ziehen, wenn er behauptet, „die Gesetze Hammurapis haben auf eine Vermischung der Starken mit den Schwachen gezielt.“[18] Zum ersten Mal setzt sich Thurnwald im Aufsatz „Was ist uns Hammurabi?“ auch mit psychologischen Fragestellungen auseinander.

2.3 Die Gesellschaft für Rassenhygiene

1903 nimmt Thurnwald zum dritten Mal am internationalen Kongress gegen den Alkoholismus statt. Ein radikaler Vertreter der Anti-Alkoholbewegung ist Alfred Ploetz, den Thurnwald im Rahmen eines Vortrages kennen lernt. Bereits in seinen ersten Arbeiten setzt dieser sich mit Themen wie „Rassentüchtigkeit“ und „Rassenhygiene“ auseinander. Obwohl seine Arbeiten offensichtlich evolutionistische und sozialdarwinistische Tendenzen aufweisen, merkt Melk-Koch an, „daß Ploetz' Rassenhygiene, wenigstens zunächst, »nicht mit dem identisch (ist), was im Dritten Reich darunter verstanden wurde, im Gegenteil«.“[19] So bezeichnet Ploetz „Rassenhygiene“ zunächst schlicht als die „Lehre von den Bedingungen der Erhaltung und Vervollkommnung einer Rasse“, nach der alles vermieden werden solle, was „die menschliche Rasse verschlechtert“, ohne dabei das Wort „Rasse“ einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zuzuordnen.[20] Von Ploetz beeinflusst setzt sich auch Richard Thurnwald mit diesen Themen auseinander. Daraufhin gründen u.a. Ploetz und Thurnwald die „Gesellschaft für Rassenhygiene“, nachdem Thurnwald zu einer Mitherausgeberschaft des „Archivs für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ überredet werden konnte. Die Gesellschaft ist die „erste rassenhygienische Vereinigung überhaupt. Zunächst geht es ihnen um die Rekrutierung neuer Mitglieder, wobei »nur gesunde und wirtschaftlich aussichtsreiche Leute« in Frage kommen.“[21] Zu ihnen soll auch Hans Zache gehören, der einen Vortrag über „Koloniale Eingeborenenpolitik“ hält. Thurnwald und die anderen Mitglieder teilen Zaches Meinung, dass „Entwicklung“ allgemein bedeute, die „niedere Kultur durch die höhere zu ersetzen.“[22]

[...]


[1] Rössler, Die deutsche Ethnologie bis ca. 1960, S.18, Z.24

[2] Ebd., S.18, Z.25 ff

[3] Gothsch, Die deutsche Völkerkunde und ihr Verhältnis zum Kolonialismus, S.139, Z.8

[4] Hauschild, Christians, Jews, and the Other in German Anthropology, S.747, Z.16 ff.

[5] Gothsch, S.139, Z.19 ff.

[6] Eine detaillierte Darstellung seines Lebens ist aus Platzgründen nicht möglich und kann nur in ihren Grundzügen dargestellt werden. Daher sei an dieser Stelle an das Buch von Marion Melk-Koch verwiesen.

[7] Thurnwald, Richard Thurnwald - Lebenswerk und Weg, S. 9, Z.8 ff.

[8] Ebd., S.9, Z.26 f.

[9] Ebd., S.9, Z.24 f.

[10] Melk-Koch, Auf der Suche nach der menschlichen Gesellschaft: Richard Thurnwald, S.15, Z.1 f.

[11] Thurnwald, S. 10, Z.7 f.

[12] Thurnwald, S. 10, Z.22 ff.

[13] Vgl. Melk-Koch, S.18, Z.25

[14] Ebd., S.19, Z.1 f.

[15] Ebd., S.21, Z.39 f.

[16] Ebd., S.21, Z.37

[17] Ebd., S.34, Z.31 f.

[18] Ebd., S.35, Z.37 f.

[19] Ebd., S.33, Z.39 ff.

[20] Ebd., S.33, Z.22 f.

[21] Ebd., S.46, Z.32

[22] Ebd., S.47, Z.13 f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Richard Thurnwald - Leben und Werk
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V142104
ISBN (eBook)
9783640523399
ISBN (Buch)
9783640524051
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnologie, Völkerkunde, Kolonialismus, Nationalsozialismus, deutscher Ethnologe
Arbeit zitieren
Martin Schröter (Autor:in), 2009, Richard Thurnwald - Leben und Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142104

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