Aktuelle Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Galicien


Examensarbeit, 2009

73 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ziele und Grundlagen der Arbeit
1.2 Hinweise zum Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsstand: Untersuchungen zu Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Galicien

2 Die galicische Sprache: ein sprachhistorischer Überblick
2.1 Ursprung und Blütezeit der galicischen Sprache
2.2 Die séculos escuros
2.3 O Rexurdimento: Rosalía de Castro, Curros Enríquez und Eduardo Pondal
2.4 Galicisch im 20. und 21. Jahrhundert
2.4.1 Galicisch in Zahlen
2.4.2 Galicisch als Erstsprache
2.4.3 Sprachliche Kompetenz

3 Sprachpolitik im Wandel: von der transición bis heute
3.1 Begriffsklärung: Was ist Sprachpolitik?
3.1.1 Sprachplanung: eine Untersuchung von Michaela Luyken
3.1.2 Korpusplanung
3.2 Die Anfänge der Sprachpolitik in Galicien und ihre Entwicklung
3.3 Der Status der Sprachpolitik in Galicien und sozial-politische Rahmen- bedingungen
3.4 Aktuelle Sprachpolitik
3.4.1 Das galicische Bildungswesen im Wandel
3.4.2 Sprachliche Normalisierung im Bildungswesen des 21 Jahrhunderts

4 Schlussbetrachtungen

5 Bibliographie

Abbildungen

Abbildung 1: Sprachliche Kompetenz des Galicischen

Abbildung 2: Erstsprachenerwerb in Galicien nach MSG-04

Abbildung 3: Vergleich der Erstsprache zwischen 1992 und 2004

Abbildung 4: Erstsprache nach Geburtsort 1992

Abbildung 5: Erstsprache nach Geburtsort 2004

Abbildung 6: Erstsprache in den sieben Städten Galiciens

Abbildung 7: Soziale Profile der Sprecher mit Galicisch als L1

Abbildung 8: Vergleich der sprachlichen Kompetenz des Galicischen zwischen 1992 und 2004

Abbildung 9: Vergleich der Spracherwerbsbereiche zwischen 1992 und 2004

Abbildung 10: Administrative Einheiten des Sekretariats für Sprachpolitik der Xunta de Galicia 2009

1 Einleitung

1.1 Ziele und Grundlagen der Arbeit

Die spanische Sprache erfreut sich besonders in den letzen Jahrzehnten einer enormen Beliebtheit. Durch die Hinwendung Spaniens zu Europa wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch in den übrigen europäischen Staaten das Interesse an Spanien, seiner Kultur und auch seiner Sprache geweckt. Die offizielle Landessprache Spaniens ist das Kastilische. Jedoch impliziert der Status des Kastilischen als offiziell anerkannte Gemeinsprache nicht, dass sich jeder Einwohner Spaniens ausschließlich des Kastilischen bedient. Es existieren neben der offiziellen Landessprache weitere Sprachen und Dialekte auf der iberischen Halbinsel. Das Baskische, das Katalanische und das Galicische stellen weitere drei Sprachen des Landes dar, die den Status der Kooffizialität neben dem Kastilischen in der jeweiligen autonomen Region inne haben. Die autonome Region Galicien bildet den äußersten Nordwesten Spaniens und grenzt im Süden an Portugal, im Osten an Asturien, Kastilien und León sowie im Norden an das Kantabrische Meer und im Westen an den Atlantik (vgl. Pérez Bouza 1996: 1). Die vorliegende Arbeit hat das Ziel die Sprache Galiciens im Kontext einer Sprachpolitik zu untersuchen, die besonders in jüngster Zeit vielen Veränderungen ausgesetzt ist. Auch das Sprachbewusstsein der Galicier und die Beziehung zu ihrer Sprache sollen mit Hilfe soziolinguistischer Materialien beleuchtet werden.

Wohl in keinem europäischen Land wird so intensiv und unterschiedlich Sprachpolitik innerhalb der Landesgrenzen in den einzelnen autonomen Regionen betrieben wie in Spanien. Einer dieser „Problemfälle“ ist der des Galicischen. Ungefähr 4000 Sprachen auf der Welt gelten als gefährdet und vom Aussterben bedroht. Das Galicische zählt zu den 300 Sprachen, die sich, dank seiner Sprecherzahlen, einer gewissen linguistischen Gesundheit erfreuen (vgl. Bouzada Fernández 2005: 81 f.). Diese Tatsache ist jedoch kein Anlass zur Euphorie, denn die quantitativen Studien zum Galicischen zeigen, dass das Galicische im aktiven Sprachgebrauch stetig weniger benutzt wird. Im Jahr 2008 wurde unter dem Titel „Ser lingua non é fácil“ von der Abteilung für sprachliche Normalisierung der Regierung Galiciens, derXunta de Galicia, eine öffentliche Vortragsreihe in Ourense abgehalten. Hierbei ging es um linguistische Probleme von Minderheitensprachen und die Problematik ihrer Anerkennung. Die Kategorisierung einer Sprache zu einer A-Sprache oder einer B-Sprache sowie der Weg der linguistischen Normalisierung von Minderheitensprachen, wie zum Beispiel in England oder Italien, wurden dort aufgegriffen und diskutiert. Auf das Galicische trifft das Motto „Ser lingua non é fácil“ in der Tat zu. Das Galicische hat bereits einen langen und steinigen Weg der Sprachpolitik beschritten1. Besonders in den letzten Jahren geben die Statistiken zum Gebrauch des Galicischen Anlass zur Sorge und rufen einen relativ starken Pessimismus hinsichtlich des Erhaltes der galicischen Sprache hervor. Jedoch nicht nur die Statistiken zu den Sprecherzahlen sind Besorgnis erregend, sondern ebenfalls die Umsetzung der Sprachpolitik in Galicien lässt die Frage aufkommen, welches Interesse mehr im Vordergrund steht: das Interesse an der Sprache oder das Interesse der Politiker an der Umsetzung eines Nationalismus, sei es eines galicisch oder spanisch orientierten. Beim spanischen Nationalismus handelt es sich um einen Nationalismus, der nur Spanien als die legitime Nation betrachtet und die Stärkung dieser Einheit in jeder Hinsicht verfolgt und außerdem davon ausgeht, dass die Stärkung der peripheren Nationalismen eine Schwächung dieser nationalen Einheit bedeutet. Beobachtet man die Sprachpolitik der letzten Jahre und besonders den Regierungswechsel der jüngsten Vergangenheit in Galicien drängt sich die Frage nach dem Sinn einer Sprachpolitik auf, die unter permanenten Änderungen und Polemiken geführt wird. Welche Änderungen sich in der Sprachpolitik Galiciens nach den Wahlen im März 2009 und mit dem daraus folgenden Regierungswechsel von den Sozialisten zur konservativen Volkspartei ergeben, und welche Auswirkungen diese haben werden, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht und zusammenfassend dargestellt werden. Der Bereich der Schulbildung wird im Hinblick auf die sprachliche Normalisierung besondere Beachtung finden, denn in diesem Umfeld ist Sprache nicht nur das Medium der Kommunikation, sondern auch Gegenstand und Ausdruck des Normenkonflikts sowie des Weiteren Teil einer Institution, deren Aufgabe die Alphabetisierung und Vermittlung von Bildung ist. Das Schulsystem stellt vor dem Hintergrund der Hypothese, dass die Zukunft des Galicischen im Plurilinguismus liegt eine wichtige sprachplanerische Instanz dar. Auf die Perspektiven, die die aktuelle Sprachpolitik dem Galicischen bietet wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit eingegangen werden.

1.2 Hinweise zum Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen historischen (vgl. Kapitel 2) und einen theoretischen Teil (vgl. Kapitel 2.4.1 - 3). Im Anschluss an einen Überblick zum Forschungsstand zur aktuellen Sprachpolitik in Galicien (vgl. Kapitel 1.3), werden in Kapitel 2 die sprachhistorisch relevanten Entwicklungen des Galicischen vorgestellt. Das sprachhistorische Kapitel ist chronologisch gegliedert und stellt zunächst beginnend im Mittelalter den Ursprung und die Blütezeit (vgl. Kapitel 2.1) des Galicischen dar. Weiter werden der Verfall des Galicischen (vgl. Kapitel 2.2) und das darauf folgende Wiederaufleben der Sprache im 19. Jahrhundert (vgl. Kapitel 2.3) geschildert. Abschließend wird die Situation des Galicischen vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart (vgl. Kapitel 2.4) betrachtet. Hierzu wird ein Überblick über die aktuellen Sprecherzahlen des Galicischen gegeben. Berücksichtigt werden hier Untersuchungen zum Galicischen als Erstsprache (L1) und zur sprachlichen Kompetenz.

Das Kapitel 3 konzentriert sich auf die Sprachpolitik Galiciens und liefert einen Überblick über die sprachpolitischen Maßnahmen, ausgehend von der Zeit der transición, die in sprachpolitischer Hinsicht viele innovative Möglichkeiten eröffnete. Als angemessen erschien es, einleitend eine kurze theoretische Übersicht zur Disziplin der Soziolinguistik zu geben, da diese Arbeit auf soziolinguistischen Grundlagen basiert. Anschließend folgt eine Abgrenzung der Termini zur Sprachpolitik, wobei eine Untersuchung von Michaela Luyken (1994) zur Sprachplanung in Galicien die Vorgehensweise der sprachlichen Normalisierung von Minderheitensprachen verdeutlichen soll. Der Stellenwert der Sprachpolitik in Galicien und das Sprachbewusstsein sind Bestandteil des Kapitels 3.3, welches zur genaueren Betrachtung und Analyse der aktuellen Sprachpolitik (vgl. Kapitel 3.4) überleitet. Die Analyse der aktuellen Sprachpolitik wird im Kapitel zur sprachlichen Normalisierung im galicischen Bildungswesen (vgl. Kapitel 3.4.2) vertieft. Dem geht eine Darstellung zur Entwicklung des galicischen Bildungssystems voraus, um die aktuellen Tendenzen im galicischen Schulwesen einordnen und vor dem historischen Hintergrund beurteilen zu können. Eine Schlussbetrachtung der vorliegenden Arbeit findet sich in Kapitel 4.

1.3 Forschungsstand: Untersuchungen zu Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Galicien

Die Anzahl der Analysen zur Sprachpolitik und zum Sprachbewusstsein in Galicien hat besonders in jüngster Zeit stetig zugenommen. Dies gilt allerdings lediglich für soziolinguistische Arbeiten in Galicien oder ganz Spanien. Untersuchungen deutscher Linguisten wie Kabatek oder Esser zur sprachlichen Situation in Galicien stammen aus den neunziger Jahren. Arbeiten über die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre aus der Feder deutscher Linguisten bleiben somit ein Desiderat. Umso vielseitiger und zahlreicher sind die galicischen Publikationen. In den letzten dreißig Jahren hat die Sprachwissenschaft zur Galicistik eine bemerkenswerte Entwicklung erfahren und im Kontext der Sprachpolitik sowie des Sprachbewusstseins der Galicier sind hochwertige sowohl quantitative als auch qualitative Studien entstanden. Im Folgenden finden hauptsächlich soziolinguistische Arbeiten Beachtung, die sich mit der aktuellen sprachpolitischen Situation und der Entwicklung des Sprachbewusstseins in Galicien befassen. Zur Sprachdynamik des Galicischen sind in jüngerer Zeit ebenfalls wichtige Untersuchungen realisiert worden. In diesem Zusammenhang ist die quantitative Studie der Xunta de Galicia hervorzuheben, welche von der Real Academia Galega durchgeführt wurde. Das Ergebnis der Studie, der Mapa sociolingüístico de Galicia (MSG), bietet wertvolles Material über diaphasische, diastratische und diatopische Entwicklungen des Galicischen und bildet die theoretische Grundlage für die Überlegungen zu den Entwicklungen der Sprecherzahlen des Galicischen (vgl. Kapitel 2.4.1). Der MSG wurde zuletzt 2007 veröffentlicht und stellt einen Vergleich zu den 1992 gewonnen Daten zur sprachlichen Kompetenz und zum Erstsprachenerwerb in Galicien her. Daraus geht hervor, dass das Galicische zwar quantitative Einbußen zu verzeichnen hat, jedoch qualitative Fortschritte macht. Diese Tendenz lässt sich auf die sprachliche Normalisierung im Bildungswesen der letzten dreißig Jahre zurückführen. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem MSG erfolgt in Kapitel 2.4.1 bis Kapitel 2.4.3. Eine weitere Informationsquelle für makrosoziolinguistische Daten stellt das Instituto Galego de Estatística (IGE) dar. So zeigen zum Beispiel die Daten des IGE von 2003 starke Schwächen bei den Sprechern des Galicischen im Hinblick auf sprachliche Kompetenzen auf. Besonders die schriftliche Kompetenz ist gering. Die Zahlen stellen deutlich heraus, dass die Alphabetisierung in galicischer Sprache gefördert werden muss und die sprachliche Normalisierung im Schulwesen von hoher Bedeutung für die Zukunft ist. So zeigt die folgende Abbildung, dass lediglich 28,08% der galicischen Gesamtbevölkerung angeben, eine hohe linguistische Kompetenz im schriftlichen Gebrauch des Galicischen zu haben, wobei aber fast die Hälfte (47,11%) der Galicier die galicische Orthografie wenig oder gar nicht beherrscht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Sprachliche Kompetenz des Galicischen2

Eine vielseitige Informationsquelle zu aktuellen linguistischen Untersuchungen und soziolinguistischen Veröffentlichungen bietet die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift Grial. Revista Galega de Cultura, die seit 1963 von dem galicischen Verlagshaus Galaxia publiziert wird. In dieser Zeitschrift erscheinen unter anderem wertvolle Beiträge zur Situation der galicischen Sprache in historischen, politischen und sozialen Kontexten. Auch zur Sprachpolitik und soziolinguistischen Entwicklungen gibt es Artikel von namhaften Linguisten wie Xan Bouzada Fernández oder Anxo Lorenzo Suárez.

Zur Behandlung des Themenkomplexes der sprachlichen Normierung des Galicischen sind die Arbeiten von Johannes Kabatek (1992) zum Normenstreit in Galicien und die Fallstudie zur Verschriftlichungsproblematik des Galicischen von Michaela Luyken (1994) eine wertvolle Quelle. Beide Arbeiten bieten einen Überblick zu sprachplanerischen Maßnahmen im Bezug auf das Galicische und stellen die Problematik der Uneinigkeit bezüglich einer orthographischen Norm in den Vordergrund. Arbeiten zur sprachlichen Normalisierung und Sprachpolitik in Galicien jüngeren Datums stellen die Beiträge von Xosé Luís Regueira (2006) „Política y lengua en Galicia: La “normalización“ de la lengua gallega“, erschienen in „Las Lenguas de España“, herausgegeben von Castillo und Kabatek (2006), dar. Regueira erläutert hier nicht nur das Verhältnis von Nationalismus und Sprache, sondern bietet auch einen Überblick zur Sprachpolitik Galiciens seit dem Ende der Diktatur. Des Weiteren erläutert er den Stellenwert des Galicischen in der heutigen Gesellschaft und setzt die erzielten Resultate in Beziehung zu möglichen Zukunftsperspektiven der galicischen Sprache. Ebenfalls zu den aktuellen Beiträgen in der galicischen Soziolinguistik gehören die Arbeiten von Lorenzo Suárez (2000/2005/2008), der sich mit dem Verlauf der sprachlichen Normalisierung in Galicien und der sprachlichen Dynamisierung des Galicischen befasst. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der sprachlichen Normalisierung im Bildungswesen und in den Medien. Ebenso interessante Einsichten zum Prozess der sprachlichen Normalisierung seit 1980 liefert die Arbeit von Monteagudo und Bouzada Fernández (2003).

Die obige Darstellung lässt zumindest schon die Schlussfolgerung zu, dass die Zahl der Publikationen aus dem spanischsprachigen Raum zur Sprachpolitik in jüngster Zeit zugenommen hat und somit das Interesse an sprachpolitischen Geschehnissen vorhanden ist und in sozialer, politischer und wissenschaftlicher Hinsicht an Importanz gewonnen hat. Auch die quantitativen Studien der Xunta und des IGE sind vielversprechend und bieten hoffentlich Anlass zu weiteren Untersuchungen, die ein Urteil über die Entwicklung der Sprecherzahlen des Galicischen zulassen. Zu den aktuellen Maßnahmen der galicischen Sprachpolitik, besonders im Kontext des Bildungswesens, und zu den möglichen Auswirkungen des Regierungswechsels im April 2009 erscheint ebenso eine genauere Untersuchung angebracht.

2 Die galicische Sprache: ein sprachhistorischer Überblick

Die galicische Sprache hat eine bemerkenswerte Entwicklung, geprägt von Blütezeiten und Krisen, vorzuweisen. Geschichte und Ursprung des Galicischen, sowie die Einflüsse des Portugiesischen, seine Entwicklung im Verlauf der Jahrhunderte und nicht zuletzt die heutige Betrachtungsweise im Kontext einer Sprachpolitik lassen diese Sprache nicht minder interessant und betrachtungswürdig erscheinen. Die galicische Sprache weist eine enge Verwandtschaft sowohl zum Portugiesischen als auch zum Spanischen auf. Auf Grund der engen Beziehung zum Portugiesischen, welche durch geographische als auch historische Einflüsse bedingt ist, wurde das Galicische lange Zeit dem Portugiesischen beigeordnet (vgl. Kabatek 2000: 285).

Heutzutage erfährt das Galicische eine Stellung als autochthone Sprache, was jedoch ein langer und mühsamer Weg war, der durch bedeutende Ereignisse, wie die Verfassung von 1978 und die Gründung der Real Academia Galega vorangetrieben wurde. Nicht zu vergessen bedeutende Gelehrte wie zum Beispiel der Benediktinermönch Martín Sarmiento und, aus jüngerer Zeit, Antón Santamarina, die sich mit linguistischen Studien zum Galicischen beschäftigten und dessen Forschung sowie autonome Stellung verteidigten. Im Folgenden wird zunächst ein sprachhistorischer Überblick zur galicischen Sprache gegeben werden, der sich auf die Blütezeit des Galicischen im Mittelalter, auf die benachteiligte Stellung im 16. und 17. Jahrhundert und auf das darauf folgende Wiederaufleben des Galicischen sowie auf das Galicische der Gegenwart im 20. und 21. Jahrhundert bezieht.

2.1 Ursprung und Blütezeit der galicischen Sprache

Die galicische Sprache und ihre heutige offizielle Stellung und Anerkennung blicken auf eine lange und bewegende Entwicklung zurück. Im Gegensatz zu anderen Gebieten der iberischen Halbinsel setzte die Romanisierung in Galicien verhältnismäßig spät ein, was ohne Zweifel auf die geographische Lage im äußersten Nordwesten der iberischen Halbinsel zurückzuführen ist. Erst in der Zeit um 29 bis 19 v. Chr. erfuhr diese Region eine Eroberung durch die Truppen des Kaisers Augustus. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts entsteht die Provinz Callaecia (vgl. Kabatek 2000: 285). Das Lateinische bildet somit die Wurzel für das Galicische und es zählt somit zur Sprachfamilie der romanischen Sprachen. Da sich die Invasion der Araber ab dem 8. Jh. hauptsächlich auf den Süden der Halbinsel konzentriert und sich kaum bis in den Norden des Landes erstreckt, sind hier nur wenige arabische Einflüsse erkennbar.

Eine entscheidende Phase für das Galicische stellt die des Mittelalters dar. Das Mittelalter ist eine durch den Feudalismus geprägte Zeit und Galiciens Gesellschaft ist stark zweigeteilt zwischen arm und reich. Zwar existiert das Königreich Galicien, aber der König hat wenig Macht inne und die sozioökonomische Situation wird durch den Adel bestimmt. Der Adel selbst war jedoch in Galicien relativ schwach und auf die Unterstützung der angrenzenden Regionen wie Asturien und León angewiesen. Die Klöster spielten zu jener Zeit eine wichtige Rolle in Galicien. Sie galten als Kulturzentren, denn dort wurden Manuskripte und Dokumente verfasst. Besonders im 12. und 13. Jahrhundert erfreut sich Santiago de Compostela eines kulturellen Wachstums (vgl. Mariño Paz 1998: 56). Die Sprache und Literatur erleben ihre Blütezeit in Form der Cántigas in galicisch-portugiesischer Sprache. Diese Form der Troubadour-Lyrik gelangte über den viel beschrittenen camino francés nicht nur nach Galicien, sondern verbreitete sich über die gesamte zentrale und westliche iberische Halbinsel (vgl. Bröking 2002: 55). Die sprachliche Situation in dieser Epoche war zunächst durch eine monolinguale Gesellschaft von Galicischsprechern geprägt. In der Tat ist hier zunächst vom mündlichen Gebrauch der Sprache die Rede. Während des Mittelalters wurde das gallego-portugués in sämtlichen Kontexten angewandt. Nicht nur die einfache Bevölkerung, sondern auch der Adel und der König bedienten sich dieser Sprache. Das Kastilische wird zunächst nur benutzt, um mit dem Machtzentrum Kastilien zu kommunizieren. Hier liegen die Wurzeln einer funktionalen Diglossie. Zu dieser Zeit tauchen dennoch die ersten Schriften in galicischer Sprache auf. War zuvor noch das Lateinische einzige Schriftsprache offizieller Dokumente, so werden im 13. Jahrhundert ebenfalls Dokumente in gallego-portugués verfasst. Hierzu zählen zum Beispiel Dokumente von Notaren, die Besitztümer oder Eheschließungen festhalten. Kulturell wichtige Dokumente sind die bereits oben erwähnten Cántigas (vgl. Kabatek 2000: 286). Die Sprache genießt ein hohes Ansehen das sich in der Lyrik widerspiegelt. Als Beispiel seien hier die Cántigas de Santa Maria von König Alfons X. genannt. Dies ist eine Sammlung von Cántigas, in diesem Fall von König Alfons (1252-1283) in Auftrag gegeben, die die Jungfrau Maria ehren. Ihren Höhepunkt erreicht die galicische Sprache also in der Zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert:

Die Blütezeit der galicischen Sprache fällt in die Zeit von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. In diesem Zeitraum ersetzt das Galicische allmählich das Lateinische in allen formell-mündlichen und schriftsprachlichen Gebrauchskontexten und wird in Galicien zum alltäglichen Kommunikationsmittel, das keinerlei situationsspezifischer Beschränkung unterliegt. (Bröking 2002: 54)

Bröking (2002: 55 f.) betont hier die Entwicklung des Galicischen zur Unabhängigkeit und die Etablierung zu einer selbstbewussten und anerkannten Sprache. Dies beschränkt sich nicht ausschließlich auf literarische Werke. Auch im Zweig der Öffentlichkeit, z.B. im Bereich der Justiz und im klerikalen Kontext bediente man sich des Galicischen. Zusammenfassend hebt Bröking (ibid.: 56) ausdrücklich hervor, dass das Galicische im 14. und 15. Jahrhundert gängige Kommunikationssprache sowohl im schriftlichen als auch im mündlichen Bereich war und von allen Klassen der Population genutzt wurde:

En resumen, al final de la Edad Media, el gallego era una lengua con la categoría que hoy llamaríamos de lengua oficial de un país. El gallego servía de vehículo de expresión oral a poderosos y humildes, a burgeses y labriegos y tenía la consideración de lengua normal usada en la documentación notarial y administrativa civil y eclesiástica y en la composición de obras literarias. (zitiert nach Bröking 2002: 57)

Die Trennung des Galicischen vom gallego-portugués ist auf das 12. Jh. zurückzuführen, als das Königreich Portugal unabhängig wurde und eine Orientierung nach Süden für das Galicische unmöglich machte (vgl. Mariño Paz 1998: 56). Der Fluss Miño gilt nunmehr als politische Grenzlinie zwischen Galicien und Portugal und Galicien wendet sich den Regionen Kastiliens zu:

O feito de que nos séculos da formación das linguas románicas existiu un tronco común que chamamos galego-portugués é algo evidente, pero é tamén evidente que desde a separación política de ámbolos pobos no século doce foi producíndose igualmente unha separación cultural e lingüística.

(García 1994: 22)

Ein historisches Ereignis des 15. Jahrhunderts hat ohne Zweifel dazu beigetragen, dass das Galicische einen Teil seiner Position einbüßen musste. Die Rede ist hier von der Reichseinigung, d.h. vorwiegend einer politischen Einheit, hervorgerufen durch die Heirat von Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien im Jahre 1469. Diese hatte zur Folge, dass Kastilien eine politische Vormachtstellung zu Teil wurde und somit auch die Forderung nach dem Gebrauch des Kastilischen laut wurde. Lange Zeit fanden beide Sprachen in bestimmten Kontexten Verwendung. So nutzte man das Galicische weiterhin in der eigenen Region hauptsächlich im mündlichen Sprachgebrauch, handelte es sich aber um Angelegenheiten die die kastilische Regierung betrafen bediente man sich des Kastilischen (vgl. Bröking 2002: 58). Diese, bis zu diesem Zeitpunkt noch funktionale Diglossie etabliert sich im Laufe des 15. Jahrhunderts noch stärker, da Galicien immer mehr seine politische Unabhängigkeit verliert. Der kastilische Adel weitet seine Macht mehr und mehr aus und verdrängt das Galicische aus der Schriftsprache (vgl. ibid.).

2.2 Die séculos escuros

In den Jahren des 16. bis 18. Jahrhunderts spricht man von einer Verdrängung des Galicischen, besonders in der Schriftsprache. Diese Phase wird allgemein als die der séculos escuros betitelt (vgl. Kabatek 2000: 286). Das Selbstbewusstsein der Galicisch sprechenden Bevölkerung leidet ungemein, da ausschließlich das Kastilische als Sprache anerkannt ist und in allen Bereichen Verbreitung gefunden hat. In Kirche und Administration wird das Kastilische angewandt und es etabliert sich ein kastilischer Adel in Galicien. Das Galicische verschwindet aus dem schriftlichen Gebrauch und lediglich die einfache Landbevölkerung, die in Galicien die Mehrheit ausmacht, spricht weiterhin Galicisch. Es beginnt eine sprachliche Trennung der Gesellschaft nach sozialer Klasse (vgl. Mariño Paz 1998: 202 f.). Mariño Paz (ibid.: 203) spricht hier von einer strikten Trennung zwischen „vida lingüística cotiá e a vida lingüística oficial“. In dieser Zeit entsteht im restlichen Spanien ein negatives Bild Galiciens, das auf Grund seiner abgelegenen geographischen Situierung dem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehen im übrigen Spanien nachsteht. Die Galicier werden als ungebildete Bauern mit einem schlecht klingenden Dialekt stigmatisiert (vgl. Bröking 2002: 59). Diese Vorurteile halten sich im Laufe der Geschichte hartnäckig und selbst heute existieren noch Standpunkte, die das Galicische als Sprache der unteren sozialen Schichten ansehen und dem Kastilischen weitaus mehr Prestige zusprechen. Doch zum heutigen Sprachbewusstsein soll später noch ausführlicher berichtet werden (vgl. Kapitel 3.3).

Das Kastilische konnte sich durch die Gründung der Real Academia de la Lengua Española (RAE)im Jahr 1713 noch mehr festigen und erhielt durch das Entstehen einer solchen Institution die Möglichkeit sich organisiert zu normieren und als offizielle Sprache zu etablieren. Im Jahr 1780 kam es zu einem Erlass, der besagte, dass in sämtlichen Schulen des Königreichs ausschließlich die Grammatik der RAE Gültigkeit habe und keine andere Sprache als das Kastilische unterrichtet bzw. als Unterrichtssprache verwendet werden dürfe (vgl. Mariño Paz 1998: 221 ff.). Bereits im 18. Jahrhundert fand also im Königreich Spanien eine repressive Sprachpolitik statt, die ausschließlich das Kastilische als offizielle Sprache des Landes zuließ. Auch an den Höfen und in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens war es untersagt sich einer anderen Sprache als der des Kastilischen zu bedienen (vgl. ibid.: 223). Doch es gab auch Stimmen aus dem Klerus und den Kreisen der Gebildeten, die sich für eine Besinnung auf die galicische Sprache einsetzten. Das Europa des 18. Jahrhunderts war geprägt durch die Aufklärung und veranlasste Personen wie zum Beispiel Martín Sarmiento dazu seinen Ideologien und der Bewahrung des Galicischen eine Stimme zu verleihen. Er verteidigte den Gebrauch und die Untersuchung der galicischen Sprache und gründete die Basis für linguistische Studien des Galicischen. So äußert sich Sarmiento folgendermaßen:

Los Gallegos de hoy tienen su propio dialecto, diferente del Castellano. Háblanle todos, así señores, como rústicos. Pero en quanto á comunicación por escrito, unos, y otros usan del Castellano, ó afectanlo posible para escribir en ese idioma dominante (Sarmiento 1775: 119). (zitiert nach Mariño Paz 1998: 225)

Dass sich das Galicische nicht auf eine ähnliche Weise festigen und vor allem normieren konnte wie das Kastilische ist auf die fehlenden Mittel zurückzuführen. Durch die geringen Möglichkeiten des Bekleidens wichtiger Ämter durch Galicier stieg die Emigration der Gebildeten stark an. Diejenigen, die sich weiter des Galicischen bedienten gehörten zu den unteren sozialen Schichten und waren nicht alphabetisiert und hatten somit weder das Potenzial, noch die soziale Stellung sich für eine Normierung des Galicischen einzusetzen. So nahm also die Kastilianisierung ihren Lauf. Stimmen von Gebildeten, wie von Sarmiento, waren also dringend notwendig um dem Galicischen den nötigen Rückhalt zu geben. Es tritt gegen Ende des 18. Jahrhunderts langsam eine Phase ein, in der man sich des Galicischen besinnt und ihm wieder eine größere Bedeutung zukommen lassen will. Die Renaissance des Galicischen, oder auch das Rexurdimento, schenken der Sprache wieder mehr Aufmerksamkeit. Im folgenden Kapitel soll hierauf genauer eingegangen werden.

2.3 O Rexurdimento: Rosalía de Castro, Curros Enríquez und Eduardo Pondal

Das Wiederaufleben des Galicischen äußert sich zunächst verhalten durch den Benediktinermönch Martín Sarmiento (1695-1772), erreicht jedoch schließlich seinen Höhepunkt im 19. Jh. mit der Veröffentlichung der Cantares Gallegos von Rosalía de Castro (1837-1885) (vgl. Santamarina 1994: 55). Sie zählt neben M. Curros Enríquez (1851-1908) und Eduardo Pondal (1835-1917) zu den drei Musterautoren, den „tres coroas da literatura galega moderna“ (ibid.). Obwohl der Buchdruck bereits im 15. Jahrhundert erfunden wurde lassen sich während der séculos escuros kaum schriftsprachliche Zeugnisse in galicischer Sprache finden und erst 1863 wird das Werk Rosalía de Castros mit dem Titel Cantares gallegos veröffentlicht, welches das erste vollständig in galicischer Sprache gedruckte Buch ist (vgl. Bröking 2002: 61). In demselben Jahr erscheint in A Coruña das erste galicisch-kastilische Wörterbuch von Francisco Javier Rodríguez (vgl. Mariño Paz 1998: 387). Im 19. Jahrhundert beginnt nun also der lang ersehnte Prozess der „rehabilitación social da lingua galega“ (ibid.). In einem kleinen Kreis von Intellektuellen manifestiert sich die Notwendigkeit den sozialen Stellenwert des Galicischen zu fördern, sowie ein Bewusstsein für den Reichtum dieser Sprache zu unterstützen. Es werden Stimmen nach der Verbreitung des galicischen Sprachgebrauchs und einer einheitlichen Norm der Sprache laut (vgl. ibid.: 390). Ursula Esser (1990) widmet sich in ihrer Fallstudie zur Entwicklung des Galicischen in detaillierter Weise dieser Phase und führt das Wiederaufleben der galicischen Sprache auf die Romantik, also die Besinnung auf früheres Kulturgut und auf die Identität Galiciens, zurück. Das Rexurdimento vollzog sich ihrer Ansicht nach in verschiedenen Etappen. Die Forderung Sarmientos, dem Galicischen wieder mehr Auftrieb zu verleihen und wieder ein Bewusstsein für diese Sprache zu erlangen, damit sie nicht verloren geht, beschreibt Esser (1990: 39) wie folgt:

Das galizische Rexurdimento kann deshalb als eine nicht eigentlich im Volk verankerte oder aus dem Volk stammende Bewegung gesehen werden; es ist vielmehr ein von Intellektuellen erlangtes Bewusstsein für nationale Sprache und Kultur, das keine Weisungen für die Zukunft projizierte, sondern lediglich zum Ziel hatte, das Galizische vor seinem endgültigen Untergehen zu bewahren.

Nachfolgend soll auf die weitere Entwicklung des Galicischen im 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart eingegangen werden, um den sprachhistorischen Überblick abzurunden.

2.4 Galicisch im 20. und 21. Jahrhundert

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrscht ein reges Bemühen das Galicische zu institutionalisieren, es zu festigen sowie Normen zu fördern und zu sichern (vgl. Esser 1990: 45). Im Jahre 1906 kam es zur Gründung der Real Academia Galega (RAG), was einen bedeutenden Schritt zur Wiederbelebung und Erhaltung sowie vor allem eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sprache darstellte und ihre Institutionalisierung vorantrieb. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erscheinen erste Abhandlungen und wissenschaftliche Werke in galicischer Sprache. Im Jahr 1902 verbietet jedoch ein königliches Dekret den Gebrauch von Minderheitensprachen in der Institution Schule. Primo de Rivera wiederholt dies erneut im Jahr 1926. Dem Galicischen kommt es jedoch zu Gute, dass sich das kastilische Schulsystem nur langsam in Galicien ausbreiten konnte. Dies hatte seine Gründe hauptsächlich in der schlechten Erreichbarkeit der Schulen innerhalb einer zum größten Teil ländlichen Poblation wie der galicischen. Die Infrastruktur des Schulverbundes war schlecht und für nur wenige erreichbar (vgl. González González 1985: 102 f.).

Die schlechte wirtschaftliche und soziale Situation der zum größten Teil ländlichen Bevölkerung Galiciens provozierte eine Agrarbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Um 1916 bildet sich außerdem ein galicischer Nationalismus heraus, der sich in der Gründung der Gruppen Irmandade da Fala und Nós manifestiert (vgl. ibid.: 104). Die Ziele dieser Zusammenschlüsse waren ein Autonomiestatus Galiciens sowie die Offizialisierung der galicischen Sprache. Zu der Gruppe Nós zählten Persönlichkeiten der galicischen Literatur wie Otero Pedrayo und Castelao.

Besonderen Einfluss auf die weitere Entwicklung nahmen die Jahre des Bürgerkrieges und die darauf folgende Franco-Ära. Zuvor konnte das Galicische eine fortschrittliche Veränderung, angetrieben durch Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, erfahren. Eine Hinwendung zu Europa sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Bereich ließen ein neues Bild von Galicien entstehen. Aus linguistischer Sicht stellt die Zeit vor dem Bürgerkrieg einen der wichtigsten Abschnitte in der Geschichte des Galicischen dar, indem es eine weitreichende Weiterentwicklung in seiner Ausarbeitung bewirkte (vgl. Santamarina 1994: 57). Durch die Diktatur Francos erlitt das Galicische jedoch erneut Rückschläge. Franco vereitelte den Gebrauch der Sprache, obwohl er selbst aus der Region Galicien stammte, indem er wichtige Vertreter des galleguismo ins Exil verdrängte. Nur noch innerhalb der Familie konnte Galicisch gesprochen werden (vgl. ibid.). Das Kastilische wurde zur dominierenden Sprache des öffentlichen Lebens, während das Galicische in sämtlichen formal-öffentlichen Kontexten unterdrückt wurde. So wurde dem Galicischen nach einem kurzen Aufatmen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts während des Rexurdimento eine ihm wohltuende Aufmerksamkeit zu Teil, die durch die Zensur und die Ablehnung unter Franco jedoch wieder abgelöst wird. Die Assimilation des Kastilischen dringt daraufhin sogar bis zur ländlichen Bevölkerung vor. Durch das industrielle Wachstum und die rasche Urbanisierung der 60er Jahre wird dem Kastilischen durch die Ausdehnung des spanischen Schulwesens und der Massenmedien, die sich ebenfalls des Kastilischen bedienten, der Weg geebnet. Man kann Mariño Paz (1998: 402) nur zustimmen wenn er die Folgen der Modernisierung des 20. Jahrhunderts in Galicien für zweierlei Phänomene verantwortlich macht. Zum einen sind ein Prozess der „desgaleguisación“, sowie eine Entwicklung zum Bilinguismus und eine Abwendung vom galicischen Monolinguismus zu erkennen. Durch die oben genannten Einflüsse der neuen Medien auf Kastilisch und die Entstehung urbaner Zentren werden ebendiese sprachlichen Entwicklungen hervorgerufen. Demgegenüber entsteht trotz allem ein nationales Bewusstsein und die Bereitschaft für den Erhalt und die Reintegration des Galicischen zu kämpfen. Der aus diesen Phänomenen entstandene Konflikt setzt sich bis heute fort und ist in der galicischen Gesellschaft sehr stark verwurzelt. Das Galicische bekam jedoch zunächst in den 60er Jahren eine weitere Chance sich von der Unterdrückung zu erholen. Trotz der Verbreitung des Kastilischen und der repressiven Sprachpolitik unter Franco entwickelt sich erneut ein starkes National- und Kulturbewusstsein der Galicier. Nationalistische Parteien und deren Anhänger fordern immer wieder das Galicische als offizielle Sprache Galiciens (vgl. González González 1985: 106). Ein besonders aktiver Verteidiger des Galicischen und Gegner des Frankismus war Ramón Piñeiro, der 1950 das galicische Verlagshaus Galaxia mitgründete und sich stets für die Wiederbelebung des literarischen und kulturellen Stellenwertes des Galicischen einsetzte (vgl. ibid.: 105). In diesem Jahr widmete die RAG Ramón Piñeiro den Día das letras galegas3 um ihn zu ehren.

Nach dem Tod Francos 1975 beginnt in Spanien ein Prozess der politischen Umstrukturierung, der die Zeit der Diktatur endgültig abschafft und den Weg für einen demokratischen Staat ebnet. Galicien stellt nun eine der 17 autonomen Regionen in Spanien dar und erhält somit die Möglichkeit sich einer Sprachpolitik des Galicischen selbstverantwortlich anzunehmen. In der spanischen Verfassung von 1978 wird den Sprachen der comunidades der Stellenwert der Kooffizialität neben dem Kastilischen im Artikel 3 zugesprochen:

Artículo 3

1. El castellano es la lengua española oficial del Estado. Todos los Españoles tienen el deber de conocerla y el derecho de usarla.
2. Las demás lenguas españolas serán también oficiales en las respectivas Comunidades Autónomas de acuerdo con sus Estatutos.
3. La riqueza de las distintas modalidades lingüísticas de España es un patrimonio cultural que será objeto de especial respeto y protección.

Zur Stellung des Galicischen im Sinne der Verfassung resümiert Sabine Albrecht (1993: 341) Folgendes:

Sowohl die Spanische Verfassung von 1978 als auch das Autonomiestatut Galiciens von 1980 und nachgeordnete gesetzliche Verfügungen wie das Gesetz zur sprachlichen Normalisierung von 1983 (Lexislación 1989) betrachten das Galegische als Sprache, die durch die entsprechenden

[...]


1 Vgl. den Überblick zur Entwicklung der Sprachpolitik in Galicien in Kapitel 3.2.

2 Quelle: IGE (2003).

3 Der Día das Letras Galegas wird jedes Jahr am 17. Mai in Galicien gefeiert. Zum ersten Mal geschah dies 1963 anlässlich des 100. Jahrestages der Veröffentlichung von Rosalías Werk Cantares gallegos (vgl. Mariño Paz 1998: 423).

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Aktuelle Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Galicien
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar - Linguistische Abteilung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
73
Katalognummer
V142191
ISBN (eBook)
9783640518463
ISBN (Buch)
9783640518784
Dateigröße
1072 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Galicien, Sprachpolitik, Normalización lingüística, Galicisch, Minderheitensprachen, Sprachbewusstsein, sprachliche Normalisierung
Arbeit zitieren
Bettina Vázquez García (Autor), 2009, Aktuelle Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Galicien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142191

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