Metaphysischer Dualismus oder eine Dialektik des Bösen? Zur Rolle der Paralipomena in der Edition des «Faust I»


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung: Die Paralipomena als Gegenstand der Forschung

II. Die Kontroverse um die Paralipomena
II.I. Die Problematik der Satansmesse

III. Deutungsversuche der Paralipomena
III.I. Die dualistische Lesart des «Faust» bei Albrecht Schöne
III.II. Die Dialektik des Guten und des Bösen bei Thomas Zabka

IV. Schlussbemerkung: «Faust» als offener Text

V. Bibliographie

I. Einleitung: Die Paralipomena als Gegenstand der Forschung

Mit dem Begriff „Paralipomena“ werden in der Literaturwissenschaft diejenigen Passagen, Aufzeichnungen und Notizen des Autors genannt, die in die Endfassung seines Werkes nicht aufgenommen wurden.[1] In der Goethe-Forschung wurde der Ausdruck „Paralipomena“ nicht zuletzt aus dem Grund übernommen, weil Goethe selbst in seinen Tagebucheinträgen ihn benutzt hatte. In Bezug auf seinen «Faust» handelt es sich um ausgelassene, jedoch nicht endgültig gestrichene Textstücke, die eventuell noch Verwendung finden sollten, indem sie in späteren Fassungen berücksichtigt würden. Die „Paralipomena“ schienen in der gegenwärtigen Situation zur Publikation nicht geeignet, sie könnten aber für zukünftige Veröffentlichungen zur Verfügung stehen.[2]

Als bezeichnend darf man die Feststellung nennen, dass der Status und die Funktion der Paralipomena so wenig Beachtung in der Goethe-Forschung gefunden hat. Verhältnismäßig liegen nur wenige Forschungsbeiträge vor, in denen die Paralipomena explizit behandelt wurden. Die neueste Entwicklung verspricht nichts Besseres: In den letzten zehn Jahren beispielsweise ist im Goethe-Jahrbuch kein einzelner gesonderter Text über die Paralipomena erschienen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es sich hier um ein Nischenthema handelt, dem nur wenige Literaturwissenschaftler ihre Aufmerksamkeit schenken. Der breiten Leserschaft dürften die Paralipomena und ihre Bedeutung kaum bis gar nicht bekannt sein.

Die Zusammenstellung und Systematisierung der Paralipomena sind in mehreren Ausgaben erfolgt, wobei ihre Anordnung nach wie vor umstritten bleibt. Die Frage danach, aus welchen Gründen bestimmte Szenen von Goethe ausgelassen wurden, wurde in der «Faust»-Forschung nicht endgültig gelöst. Dabei ist das Thema von großer Bedeutung, wenn man die Frage bedenkt, wie sehr sich die Aussage des «Faust» bzw. die Interpretationsmöglichkeiten von diesem Werk ändern können, falls die ausgelassenen Passagen in den bestehenden Text mit einbezogen werden. Manche Aufzeichnungen Goethes, sobald man sie in die Endfassung integriert, verleiten zu anderen Schlussfolgerungen über das Werk insgesamt. Solche Integrierung wirft zwangsläufig nicht nur konzeptionelle Fragen auf – etwa die Frage danach, welchen möglichen Modifikationen die Gesamtstruktur des Dramas unterliegt –, sondern sie kann auch entscheidende Bedeutung für die Deutung des Inhalts haben. Da man «Faust» in der Regel als ein Werk betrachtet, das philosophische Probleme und Weltanschauungsfragen berührt, muss man beim Thema Paralipomena fragen, inwieweit ihre Berücksichtigung das in diesem Drama zum Ausdruck gebrachte Weltbild beeinflussen würde. Gleichzeitig müsste man nach der Intention des Autors und nach dessen Weltanschauung fragen: Hat Goethe bestimmte Szenen vielleicht deswegen ausgelassen, weil er die Figuren des Dramas anders gewichten und dadurch ein anderes Weltbild vermitteln wollte?

In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich dieser letzten Frage nachgegangen. Zunächst aber wird das Problem um die Paralipomena genauer erläutert und das für die Untersuchung der in «Faust» präsenten Weltanschauung wesentliche Paralipomenon 50 (die „Satansmesse“) thematisiert. Es werden frühere Interpretationsversuche der Paralipomena skizziert und im Hauptteil der Arbeit zwei neuere Positionen zu dem Thema vorgestellt und kritisch erörtert. Es handelt sich um die These von Albrecht Schöne über das dualistische Weltbild im «Faust» aus dem Jahr 1982, sowie die Antwort darauf von Thomas Zabka aus dem Jahr 1998, der die These vom dialektischen Charakter des Werkes vertritt und Schönes Dualismus-These mit Entschlossenheit hinterfragt.

II. Die Kontroverse um die Paralipomena

Das Problem in Bezug auf die Paralipomena und deren Funktion besteht primär darin, dass es schwer zu ermitteln ist, inwieweit sie eine Rolle für das Verständnis des Gesamtwerkes spielen sollen. Wenn man annimmt, dass sie ursprünglich von Goethe als integraler Bestandteil des Dramas gedacht waren, dann stellt sich für denjenigen, der das Werk gemäß der eigentlichen Intention des Dichters zusammenstellen und editieren will, die Frage, inwieweit posthume Änderungen an der vom Verfasser autorisieren Endfassung überhaupt erlaubt sind. Bei der Beantwortung dieser Frage wäre die Angabe von Gründen entscheidend, die Goethe zum Verzicht auf gewählte Szenen bewogen. Nähme man an, Goethe habe keine konkreten Szenen bevorzugt und sich mehr oder weniger zufällig für die Beibehaltung bestimmter Passagen entschlossen, so müsste man zu anderen Schlussfolgerungen kommen, als wenn man behaupten würde, dass gewichtige Gründe für die Auslassung der Paralipomena vorlagen. Eine solche Herangehensweise betrifft das Problem der Autorschaft, zumal die Frage nach der Absicht der Autors. Diese lässt sich anhand von unzähligen Notizen, Tagebucheinträgen und Aufzeichnungen von Goethe gut rekonstruieren. Bei der Erstellung einer jeden «Faust»-Abgabe zeigt sich jedoch immer ein literaturwissenschaftliches Problem, und zwar das der Textkonstitution. Der Herausgeber muss die Entscheidung treffen, welche Texte wirklich in das Gesamtwerk aufgenommen werden dürfen, wenn man von der autorisierten Fassung absehen und die erst Jahre nach Goethes Tod zugänglich gemachten Szenen berücksichtigen will.

Hierzu gibt es mehrere Positionen. Folgt man etwa Siegfrieds Scheibe Auffassung, „[d]as Werk ist die Summe seiner überlieferten Fassungen“[3], oder – noch deutlicher – der Auffassung von Hans Zeller und Jelka Schilt, „[d]er Text eines Werks besteht aus den von seinem Autor hergestellten Fassungen“[4], so wird man sagen müssen, dass die Paralipomena nicht zum «Faust» gehören, denn sie stellen keine einheitliche Fassung dar, sondern sind vielmehr ein Bündel von losen, teilweise unvollständigen und nicht immer einen Zusammenhang ergebenden Szenen. Versteht man aber unter einem Werk nicht nur die vom Autor stammenden Fassungen, sondern etwa auch Vorarbeiten und in die Endfassung nicht aufgenommene und dennoch erhalten gebliebene Textstücke, so wird man bei dessen Herausgabe mit guten Gründen dazu neigen, sie entweder in die vorhandene Fassung einzufügen oder an das Ende der Publikation zur Einsichtnahme zu platzieren.

Die Kontroverse um die Paralipomena betrifft jedoch nicht nur die editorischen Probleme, die sich durch deren bloße Präsenz aufdrängen. Weitaus wichtiger und komplizierter als die Editionsfrage erscheint das Thema der Interpretation des Werkes auf inhaltlicher Ebene, wenn man bedenkt, dass die im Drama erkennbare metaphysische Ebene durch die Einbeziehung der Paralipomena ins Schwanken gerät, zumal, wenn man die Paralipomena 48 bis 50 einsetzt. Die darin beschriebene „Satansmesse“ hebt nämlich die Kraft des Bösen so stark hervor, dass sie der uns bekannten Konstellation mit Gott auf der einen Seite, Mephisto auf der anderen Seite und mit hin- und hergerissenen Faust in der Mitte des Geschehens, nicht mehr entspricht. Im Paralipomenon 50 erscheint der Satan als eine eigenständige metaphysische Macht, die Gott ebenbürtig ist, ja eine Macht, die sich anmaßt, Gott ähnlich über die Schöpfung zu verfügen. Das kosmische Spiel des Guten und des Bösen steht hier im Vordergrund, Faust erscheint nicht als ein autonomes, über sein eigenes Schicksal entscheidendes Subjekt, wie es in der Endfassung der Fall ist.

[...]


[1] Das entsprechende griechische Wort paraleipo bedeutet soviel wie das Unbeachtete, Verschonte, Ausgelassene, Nicht-Erwähnte, Übergangene, Verschwiegene. Es handelt sich somit um „Vorstudien und Gedächtnisstützen, Rohmaterial und Arbeitsabfall (...)“. Schöne, Albrecht: Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult. Neue Einblicke in alte Goethetexte, München 1982, S. 148. Siehe auch Bohnenkamp, Anne: «...das Hauptgeschäft außer Augen lassend». Die Paralipomena zu Goethes ‚Faust’, Frankfurt am Main 1994, S. 57.

[2] Vgl. Bohnenkamp, S. 58 u. 61. Anscheinend hatte sich Goethe auch vor einer späten Veröffentlichung mancher Szenen gefürchtet. Über seinen „Walpurgissack“ schrieb er: „Es brennt da unten ein unverlöschlichtes Fegefeuer, was, wenn es um sich greift, weder Freund noch Feind verschont. Ich wenigstens will Niemand rathen, ihm allzunahe zu kommen. Ich fürchte mich selber davor!“. – Zit. nach Schöne (1982), S. 216.

[3] Scheibe, Siegfried: Zum editorischen Problem des Textes, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 101 (1982), S. 12-29, hier: S. 21.

[4] Schilt, Jelka u. Hans Zeller: Werk oder Fassung eines Werks? Zum Problem der Werkdefinition nach Fassungen am Beispiel von Conrad Ferdinand Meyers Gedichten, in: Zu Werk und Text. Beiträge zur Textologie, hrsg. v. Siegried Scheibe u. Christel Laufer, Berlin 1991, S. 61-86, hier: S. 78.

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Details

Titel
Metaphysischer Dualismus oder eine Dialektik des Bösen? Zur Rolle der Paralipomena in der Edition des «Faust I»
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache II)
Veranstaltung
Goethes «Faust. Der Tragödie Erster Teil». Edition und Kommentar
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V142221
ISBN (eBook)
9783640511051
ISBN (Buch)
9783640510863
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dualismus, Faust I, Goethe, Dialektik, Das Gute und das Böse, Metaphysik, Paralipomena, Satansmesse, Faust, Kosmos
Arbeit zitieren
Adam Galamaga (Autor), 2009, Metaphysischer Dualismus oder eine Dialektik des Bösen? Zur Rolle der Paralipomena in der Edition des «Faust I» , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142221

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