Demokratie und Wirtschaftswachstum - Eine empirische Untersuchung in Subsahara-Afrika


Bachelorarbeit, 2009

56 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Bedeutung und Messung des Wirtschaftswachstums

3. Wachstumstheorien und die Berücksichtigung politischer Faktoren

4. Politische Regime und Wirtschaftswachstum
4.1. Demokratiebegriff
4.2. Theoretische Ansätze
4.2.1. Demokratie als Triebfeder für Wachstum
4.2.2. Demokratie als Wachstumshindernis
4.2.3. Nichtlineare bzw. konditionale Wachstumseffekte
4.2.4. Neutrale Wachstumseffekte
4.3. Forschungsstand

5. Demokratiemessung
5.1.1. Freedom House Index
5.1.1.1. Demokratiebegriff
5.1.1.2. Operationalisierung
5.1.1.3. Analyse der Konzeption
5.1.2. Vanhanens Index der Demokratisierung
5.1.2.1. Demokratiebegriff
5.1.2.2. Operationalisierung
5.1.2.3. Analyse der Konzeption
5.1.3. Polity IV Index nach Jaggers/Gurr
5.1.3.1. Demokratiebegriff
5.1.3.2. Operationalisierung
5.1.3.3. Analyse der Konzeption
5.1.4. Vergleichende Analyse der Demokratiemessungen
5.1.5. Vergleich der Messergebnisse

6. Untersuchungsdesign und Methode

7. Empirische Analyse
7.1. Empirische Ergebnisse
7.2. Sensitivitätsanalyse
7.3. Zusammenfassung der Ergebnisse

8. Fazit

9. Literatur

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

Abbildung 1: Wirtschaftswachstum 1972-2000 in Abhängigkeit des BIP pro Kopf im Jahr 1972 in 48 Ländern Subsahara-Afrikas

Abbildung 2: Politische Regime und Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika 1972-2000

Tabelle 1: Indikatoren und Variablen des Polity-Indexes

Tabelle 2: Korrelationen der Demokratieskalen zwischen 1972-1981, 1982-1991 und 1992-2000 in Subsahara-Afrika

Tabelle 3: Vergleich der Demokratieklassifizierung von Freedom House, Vanhanen und Polity IV für Subsahara-Afrika zwischen 1972 und 2000

Tabelle 4: Demokratisierungsgrad und ökonomisches Wachstum (1972-2000)

Tabelle 5: Politische Regime und Wirtschaftswachstum 1972-2000

Tabelle 6: Politische Regime und Wirtschaftswachstum 1972-1981

Tabelle 7: Politische Regime und Wirtschaftswachstum 1982-1991

Tabelle 8: Politische Regime und Wirtschaftswachstum 1992-2000

Tabelle 9: Politische Regime und Wirtschaftswachstum, Panelanalyse 1972-2000

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Does democracy promote economic development? Im Gegensatz zu autokratischen Re- gimen scheinen demokratische Systeme per se ein größeres Angebot an Finanzdienstleitun- gen zu offerieren und somit der breiten Bevölkerung vermehrt Möglichkeiten für Entrepre- neurships zu verschaffen (Kasekende 2007). Die unter dem Begriff good governance resü- mierten Prinzipien gewähren dazu die nötige Planungs- und Rechtssicherheit, senken politi- sche Risiken (Konflikte) und verhindern Patronage und Klientelismus (Rivera-Batiz 2002, Kef- fer/Knack 1997). Sozio-psychologische Faktoren, wie Glaubwürdigkeit und Vertrauen, beein- flussen die gesamtwirtschaftliche Ersparnis, die wiederum in direktem Zusammenhang zur Investitionsquote steht (Englebert 2000). Auch der Humankapitalstock, “[…] as a critical de- terminant of economic progress” (Barro/Lee 2000: 1) und als Grundlage für technologischen Fortschritt steht in positivem Zusammenhang zur ökonomischen Entwicklung (vgl. Dewey 1966: 63). Dabei gehört der Einfluss politischer Regime auf die ökonomische Leistungsfähig- keit zu den umstrittensten Fragen der politischen Ökonomie. Obgleich unter Wissenschaft- lern hinsichtlich der Ursachen für Afrikas Armut, wie zum Beispiel fehlenden Eigentumsrech- ten, Mangel an Investitionen und ein zu geringer Kapitalstock, weitestgehend Konsens herrscht (vgl. Emizet 2006: 855), präsentieren empirische Studien gegenteilige Beweise zum gesamtökonomischen Nutzen demokratischer Institutionen. Policy-making im Zuge interna- tionaler Entwicklungszusammenarbeit birgt unter diesen Umständen die Gefahr negativer Effekte aufgrund der Wahl ungeeigneter Maßnahmen und Steuerungsinstrumente.

Ein Vergleich ausgewählter Wachstumsraten innerhalb Afrikas, gemessen an der jährli- chen Veränderung des Bruttoinlandsproduktes (BIP), lässt zunächst einen Zusammenhang zwischen politisch-institutionellen Faktoren und der volkswirtschaftlichen Performanz ver- muten. So ist die durchschnittliche Wachstumsrate des BIP pro Kopf zwischen 1972 und 2000 in autokratischen Regimen wie in Liberia oder in der Demokratischen Republik Kongo negativ, wohingegen demokratisch regierte Länder wie z.B. Mauritius oder Botswana in die- sem Zeitraum beachtliche Wachstumsraten aufweisen können.[1] Erweitert man den Fokus und betrachtet Subsahara-Afrika insgesamt, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Autokratisch regierte Volkswirtschaften wie Äquatorial Guinea oder Ruanda verzeichnen die höchsten Wachstumsraten des Kontinents, wohingegen sich in Ländern wie Uganda, die erhebliche Reformanstrengungen in Richtung Demokratisierung unternehmen, das Pro-Kopf- Einkommen (PKE) auf sehr niedrigem Niveau befindet. "Was bedingt den Fortschritt einzelner gesellschaftlicher Gruppen, wirtschaftlicher Institutionen und ganzer Länder, und warum florieren sie?" (Porter 1999: 48)

Ob diese Besonderheiten unter Einbezug politisch-institutioneller Faktoren erklärt wer- den können, soll in dieser Arbeit mittels der vergleichenden Methode für die Länder Subsa- hara-Afrikas untersucht werden. Der überwiegende Teil der entwicklungsökonomischen Lite- ratur untersucht entweder, unter Verwendung des most different system design die Bezie- hung zwischen Regimetyp und Entwicklung weltweit, abzüglich ehemals kommunistisch bzw. sozialistisch regierter Länder oder unter Verwendung des most similar system design homo- gene Ländersamples wie beispielsweise die OECD-Staaten. Empirische Analysen zum Zu- sammenhang von Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung innerhalb Subsahara-Afrikas (SSA) sind u.a. aufgrund der begrenzten Datenverfügbarkeit erst in jüngeren Studien Gegens- tand der Untersuchungen (vgl. Emizet 2006).

Vor diesem Hintergrund steht im Zentrum dieser Arbeit die Frage, ob demokratische Re- gime in SSA Wirtschaftswachstum nachweislich begünstigen oder hemmen. Zu ihrer Beant- wortung soll zunächst Wirtschaftswachstum gemäß ausgewählten wirtschaftstheoretischen Modellen erklärt und der Verlauf hin zur notwendigen Berücksichtigung politisch- institutioneller Erklärungsfaktoren beschrieben werden. Das darauffolgende Kapitel erläutert den hier zugrunde gelegten Demokratiebegriff und beschreibt ausführlich die politökonomi- schen Wirkungsmechanismen zwischen Demokratie und Wirtschaftswachstum und kontras- tiert diese mit der einschlägigen Literatur der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung. Die empirische Analyse umfasst die Untersuchung der ökonomischen Wachstumsraten von 48 SSA-Staaten zwischen 1972 und 2000 im Hinblick auf einen Zusammenhang zu den jeweili- gen politisch-institutionellen Grundlagen. Um die individuelle Heterogenität der Untersu- chungsländer sowie die dynamische Entwicklung im Zeitverlauf zu berücksichtigen, werden die Ergebnisse wiederholter Querschnittsanalysen denen einer Paneldatenanalyse gegen- übergestellt. Demokratie als erklärende Variable wird hierbei parallel mittels des Freedom House Indexes, der Demokratie-/Autokratieskala nach Jaggers/Gurr[2] und Vanhanens Index der Demokratisierung gemessen. Zuvor werden sowohl Untersuchungsdesign und Methodik als auch die jeweilige Operationalisierung bzw. die unterschiedlichen Messkonzepte der Demokratieskalen gegenüber gestellt und diskutiert. Im abschließenden Teil der empirischen Untersuchung wird analysiert, ob die gefundenen Resultate temporär stabil bzw. robust sind.

2. Die Bedeutung und Messung des Wirtschaftswachstums

Der umfassende Begriff der „Entwicklung“ lässt sich anhand verschiedener Indikatoren, wie z.B. Bildungsniveau und Lebenserwartung, messen. Der Human Development Index der Vereinten Nationen ist ein Beispiel hierfür. In dieser Arbeit soll hingegen der Begriff der Ent- wicklung im ökonomischen Sinn verwendet werden. Im Zentrum steht hierbei die Änderung des Einkommens- bzw. Produktionsniveaus, die wiederum in direktem Zusammenhang zur sozioökonomischen Entwicklung steht.[3] Gemessen wird der Produktivitätszuwachs anhand der Wachstumsrate des BIP pro Kopf im Vergleich zum Vorjahr in Prozent. Dabei wird nach- folgend auf eine streng analytische Differenzierung zwischen Wachstum, ökonomischer Per- formanz bzw. Leistungsfähigkeit und Entwicklung verzichtet. An dieser Stelle stehen sie stell- vertretend für die Wachstumsrate des BIP pro Kopf. Die Notwendigkeit das BIP pro Kopf an- stelle der absoluten Produktion eines Landes zu verwenden, erklärt sich zum einen daraus, dass die Entwicklung des Lebensstandards per se nur pro Kopf hinreichend genau betrachtet werden kann und zum anderen aus Vergleichsgründen zwischen Ländern unterschiedlicher Bevölkerungszahlen. Der mit der Verwendung des BIP verbundene Nachteil, dass Wert- schöpfungsprozesse im informellen Sektor, wie z.B. Haushalts- und Schwarzmarktaktivitäten, von der Messung ausgenommen sind, birgt insbesondere bei der Untersuchung afrikanischer Länder das Risiko von Verzerrungen, da deren informeller Anteil an den gesamtökonomi- schen Aktivitäten sehr hoch geschätzt wird (vgl. Clapham 1996: 72). Dies verringert die Vali- dität des Wachstumsindikators. Die Daten zu den hier verwendeten ökonomischen Indikato ren stammen aus dem Penn World Table 6.1 (vgl. Heston/Summers et al. 2002) bzw. der World Economic Outlook Database (vgl. IMF 2001). Das BIP pro Kopf liegt hierbei nicht für alle SSA-Länder zwischen 1972 und 2000 vollständig vor. Die durchschnittlichen Wachstums- raten des untersuchten Zeitraumes unterliegen somit hinsichtlich der in die Messung einge- gangenen Jahre teilweise einem selection bias, der ebenfalls Auswirkungen auf die Validität der Ergebnisse hat. Vor diesem Hintergrund wird dem Problem temporaler Instabilität mit- hilfe wiederholter Querschnittsuntersuchungen zwischen 1972-1981, 1982-1991 und 1992- 2000 begegnet. Die Festlegung der Untersuchungsperioden orientiert sich dabei an der Ver- fügbarkeit der Regimeindikatoren.

Des Weiteren müssen zum Vergleich der Wachstumsraten im Zeitverlauf oder zwischen verschiedenen Ländern Wechselkursschwankungen sowie systematische Preisunterschiede berücksichtigt werden. Diese Bedingung ist für den Vergleich der Länder SSAs untereinander zwar von geringerer Bedeutung als zwischen Industrieländern auf der einen und Entwick- lungsländern auf der anderen Seite, jedoch weisen Länder wie Gabun, Südafrika, Seychellen oder Namibia im Vergleich zu SSA insgesamt ein überdurchschnittlich hohes Produktionsni- veau auf und zählen somit nach Einteilung der Weltbank zu den Ländern mit mittlerem bzw. hohem Einkommen[4]. Aus diesem Grund werden hier PPP-Daten (power purchasing parity) in internationalen Dollarpreisen verwendet (vgl. Blanchard/Illing 2003: 300). Konsumbündel werden dabei über Länder hinweg mit einheitlichen Preisen bewertet und ermöglichen auf diese Weise eine bessere Vergleichbarkeit.

3. Wachstumstheorien und die Berücksichtigung politischer Fakto- ren

„Kaum eine Frage unserer Zeit ist umstrittener und stärker mit Ideologie befrachtet als die, warum einige Nationen ein hohes Maß an wirtschaftlichem Erfolg erreichen, während andere in quälender Armut steckenbleiben, unfähig, wirtschaftliches Wachstum in Gang zu bringen. Liegt es am Klima? An der Kultur? An der Politik? Oder ist es einfach Glückssache?“

(Landes 1999: 27)

Im folgenden Abschnitt sollen ausgewählte Wachstumstheorien aus der Wirtschaftswis- senschaft erläutert und deren Relevanz für die vergleichende Staatstätigkeitsforschung her ausgestellt und schließlich die notwendige Erweiterung der rein ökonomischen Erklärungs- ansätze um zusätzliche, vor allem politische, Erklärungsfaktoren begründet werden[5]. Die klassische Wachstumstheorie geht zurück auf John Maynard Keynes (1936) bzw. in ih-rer modernen Formulierung auf Überlegungen von Roy Harrod (1948) und Evsey Domar (1969). Das Harrod-Domar-Modell erklärt wirtschaftliches Wachstum neben dem Faktor Ar-beit durch den Kapitalstock, der von der Höhe der getätigten Investitionen abhängt. Das Wachstum der Produktion entspricht hierbei dem Verhältnis aus Spar- bzw. Investitionsquo-te[6] und Kapitalkoeffizient, der angibt, in welcher Beziehung Investitionen und Einkommens-wachstum stehen (vgl. Söllner 1999: 235). Dabei wird der Kapitalkoeffizient als konstant an-genommen, sodass Wachstum folglich indirekt über die Lenkung der Investitions- bzw. Spar-quote politischen Steuerungsmöglichkeiten unterliegt. Die Schlussfolgerung, dass Entwick-lungsländer demgemäß Wachstum mittels Investitionskredite generieren können, erwies sich empirisch als falsch (vgl. Solow 1994: 46). Des Weiteren wird neben der Annahme eines empirisch nicht nachweisbaren konstanten Kapitalkoeffizienten auch die im Modell nicht-endogen erklärte Investitionsrate kritisiert (vgl. Söllner 1999: 238).

Die Annahme eines konstanten Faktoreinsatzverhältnisses wurde daraufhin in der neo- klassischen Wachstumstheorie (vgl. Solow 1956) aufgegeben und durch die Annahme ab- nehmender Grenzerträge des Kapitals ersetzt. Entsprechend des Solow Modells konvergiert jede Volkswirtschaft schließlich zu einem langfristigen Gleichgewicht, dem so genannten steady state, der von den beiden exogenen Variablen Sparquote und Bevölkerungswachstum bestimmt wird (vgl. Mankiw/Romer et al. 1992: 407). Annahmegemäß ist das Pro-Kopf- Wachstum demnach umso höher, je niedriger das Anfangseinkommen ist. Das Wachstum hängt also entscheidend vom Ausgangsniveau des Pro-Kopf-Einkommens ab und ist, unter sonst konstanten Bedingungen, in kapitalschwachen Ländern höher als in Industrieländern. Dieser als Konvergenz bzw. catch-up-Effekt bezeichnete Prozess des „Aufholens“ kapital- schwächerer Ökonomien wird begleitet von positiven spill over Effekten eines annahmege- mäß frei zugänglichen Technologiestocks und stellt schließlich die zentrale Größe für Wirt- schaftswachstum dar. Der jedoch nicht modellendogen erklärte technologische Fortschritt und das empirische Ausbleiben ökonomischer Konvergenz zahlreicher Entwicklungsländer verlangten nach neuen theoretischen Modellen (vgl. Romer 1990). Das gleiche Ergebnis zeigt sich für SSA. Länder mit einem geringeren ökonomischen Ausgangsniveau weisen entgegen der neoklassischen Wachstumstheorie durchschnittlich geringere Wachstumsraten auf. Die- ser Zusammenhang wird durch einen leicht positiven Anstieg der Regressionsgeraden ver- deutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wirtschaftswachstum 1972-2000 in Abhängigkeit des BIP pro Kopf im Jahr 1972 in 48 Ländern Subsahara-Afrikas

Quelle: Penn World Table 6.1

Die Neue (neoklassische) Wachstumstheorie endogenisiert technologischen Fortschritt und führt neben den Produktionsfaktoren Kapital, Arbeit und Technologie den Faktor Hu- mankapital ein (vgl. Romer: 1990). Außerdem wird die Annahme abnehmender Grenzerträge fallengelassen und aufgrund der Tatsache, dass Wissen bzw. Humankapitalinvestitionen den an sich abnehmenden Grenzerträgen des Kapitals entgegenwirken, zugunsten konstanter bzw. steigender Grenzerträge erneuert (vgl. Söllner 1999: 247). Die mit Investitionen in Hu- mankapital und Innovationen verbundenen positiven Externalitäten stellen hierbei den zent- ralen wachstumserklärenden Einflussfaktor dar. Die Berücksichtigung technologischen Fort schritts und die Rolle des einzelnen Unternehmers im Sinne Schumpeters (1912) sowie die Betonung der Steuerungsfähigkeit des Staates für wirtschaftliches Wachstum stellen die we- sentlichen Unterschiede endogener Wachstumstheorien gegenüber den Modellen der klassi- schen und neoklassischen Wachstumstheorie dar, in denen die Höhe der Ersparnis als der bestimmende Faktor gilt.

Trotz der Erkenntnisse, welche die Neue (neoklassische) Wachstumstheorie mit sich brachte, konnten empirische Variationen der internationalen Wachstumsraten nur unzurei- chend erklärt werden. Als Konsequenz wurde das neoklassische Modell erweitert und trat erneut in den Mittelpunkt der empirischen Forschung (vgl. Mankiw/Romer et al. 1992). Die allgemeine Konvergenzthese wurde um bestimmte hierfür notwendige Bedingungen er- gänzt. Gemäß dem sogenannten Konzept konditionaler Konvergenz wachsen arme kapital- schwache Länder nur „unter sonst gleichen Bedingungen“ schneller als kapitalintensive Öko- nomien (vgl. Barro/Sala-i-Martin 1992). Unterscheiden sich hingegen Volkswirtschaften hin- sichtlich politischer, demografischer, klimatischer und anderer Kontextvariablen voneinan- der, können sich diese Länder „trotz ähnlichen ökonomischen Ausgangsniveaus in Abhängig- keit dieser Umweltfaktoren auf unterschiedliche [Herv. durch Verf.] Gleichgewichtszustände zubewegen […]“ (Obinger 2004: 27) und somit unterschiedliche Wachstumsraten aufweisen. Zahlreiche Studien belegen die notwendige Berücksichtigung politischer Variablen im most different system design, wohingegen relativ homogene Ländergruppen der neoklassischen Konvergenzthese folgen (vgl. Barro/Sala-i-Martin 2004: 47-50; Drazen 2002; Obinger 2004). Somit stellt das neoklassische Konzept konditionaler Konvergenz eine geeignete theoretische Grundlage dar, um den Einfluss politisch-institutioneller Bedingungen auf das Wirtschafts- wachstum für SSA empirisch zu testen. Zu den häufig analysierten politisch-institutionellen Bedingungen zählen neben politischer Stabilität, Qualität der Institutionen, Einkommensver- teilung und Glaubwürdigkeit der Regierungspolitik, der hier zu untersuchende Einfluss des Herrschaftssystems. Im folgenden Abschnitt soll daher der Demokratiebegriff als mehrdi- mensionales Herrschaftssystem näher erläutert und die spezifischen ökonomischen Wir- kungszusammenhänge erklärt werden.

4. Politische Regime und Wirtschaftswachstum

4.1. Demokratiebegriff

Das dieser Arbeit zugrundeliegende Demokratieverständnis folgt der Definition der Free- dom House Organisation und basiert auf Joseph Schumpeters (1993) bzw. Robert Dahls (1971) Überlegungen zum Ideal eines demokratischen Staates. Demokratie ist „(…) ein politi- sches System, in dem das Volk seine entscheidungsbefugten Führungen frei aus miteinander konkurrierenden Gruppen und Individuen, die nicht von der Regierung bestimmt wurden, auswählt.“ (Freedom House 1999: 456). Diese Minimaldefinition gründet auf der Konkur- renztheorie Schumpeters, also dem Gedanken der `(Eliten)- Konkurrenz um politische Füh- rung´. Wahlen dienen hierbei der Selektion geeigneter Herrscherkandidaten und zur Abwahl ungeeigneter Machthaber. Gleichzeitig orientiert sich der hier verwendete Demokratiebeg- riff an den Merkmalen einer polyarchischen Demokratie nach Robert Dahl. Polyarchie be- deutet sinngemäß „Regieren eines Staates durch die Vielen“. Dabei ist Polyarchie nicht gleichbedeutend mit Demokratie, dem Ideal eines polyarchischen Staates, sondern ein poli- tisches Regime zur Verhinderung von Tyrannenherrschaft, das insbesondere durch Partizipa- tion und freien Wettbewerb bestimmt ist. Partizipation meint die Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an freien Wahlen zur (Neu-) Bestimmung der politischen Führung sowie die Be- teiligung bei der Erledigung gemeinsamer politischer Angelegenheiten. Wettbewerb meint die „(…) freie wettbewerbliche Organisierung der Interessenartikulation, der Interessenbün- delung, (beispielsweise in Parteien und Verbänden) der politischen Willensbildung und der Entscheidungsfindung.“ (Schmidt 2000: 394). Insgesamt unterscheidet Dahl sieben[7] notwen- dige Institutionen: 1) Wahl der Amtsinhaber, 2) freie und faire Wahlen, 3) aktives und passi- ves Wahlrecht für fast alle Erwachsenen, 4) Rede- und Meinungsfreiheit, 5) Informations- freiheit, 6) Organisations- und Koalitionsfreiheit und 7) inklusiver Bürgerschaftsstatus (vgl. Dahl 1971: 238).

Die hieran ansetzenden Theoriestränge zur Erklärung des Einflusses demokratischer Re- gime auf die ökonomische Performanz sind äußerst vielfältig. Aus diesem Grund wird die Frage nach der aus Sicht der Ökonomie besten Herrschaftsform in der einschlägigen empiri- schen Literatur unterschiedlich beantwortet. Im Nachfolgenden soll ein Überblick über die unterschiedlichen theoretischen Ansätze und den gegenwärtigen Forschungsstand gegeben werden.

4.2. Theoretische Ansätze

Der Zusammenhang zwischen Demokratie und Wirtschaftswachstum war schon in den 1950er und 1960er Jahren zentraler Gegenstand entwicklungstheoretischer Überlegungen und wurde insbesondere in Modernisierungstheorien thematisiert. Entwicklungstheorien sind nach Menzel „(…) Aussagen, mit deren Hilfe begründet werden kann, warum es in den Industriegesellschaften (…) zu Wirtschaftswachstum, Industrialisierung, sozialer Differenzie- rung und Mobilisierung, mentalem Wandel, Demokratisierung und Umverteilung gekommen ist (…), bzw. warum in dem übrigen Teil der Welt diese Prozesse ausbleiben“ (1992: 133). Da- bei wurde sowohl der Einfluss von Demokratie auf Entwicklung als auch Demokratie als ab- hängige bzw. Entwicklung als unabhängige Variable untersucht. In dieser Arbeit geht es aus- schließlich um die Erklärung der Wirkungszusammenhänge, die von demokratischen Re- gimen hinsichtlich der Fähigkeit ökonomisches Wachstum zu generieren ausgehen. Zusam- menfassend lassen sich diese gemäß der einschlägigen Literatur in positive, negative, neutra- le sowie in nicht-lineare bzw. konditionale Effekte einteilen. Letztere postulieren einen u- förmigen oder invers u-förmigen Zusammenhang (vgl. Liu: 2007; Obinger 2004).[8]

4.2.1. Demokratie als Triebfeder für Wachstum

Przeworski sieht insbesondere die höhere Allokationseffizienz in Demokratien als maß- gebliche Triebkraft wirtschaftlichen Wachstums. Im Gegensatz zu demokratischen Machtha- bern haben autoritäre Herrscher „(…) no incentive to maximize total output, but only their own rents“ (2000: 144). Demnach führt die höhere Verantwortlichkeit der demokratischen Herrscher gegenüber dem Volk zu mehr Wachstum. North (1990) bezieht sich ebenfalls auf die Allokationseffizienz, demzufolge fehlende Eigentumsrechte zu geringeren Renditeerwar- tungen führen und somit der Anreiz für Investitionen sinkt. “For economic growth to occur the souvereign or government must not merely establish the relevant set of rights, but make a credible commitment to them” (North/Weingast 1989: 803). Ferner ist der Einfluss frei ver- fügbarer Informationen in Hinblick auf technologische Innovationen Gegenstand zahlreicher Studien (vgl. Romer 1990). Acemoglu (2003) zeigt darüber hinaus, dass Demokratien innovationsfreundlicher und folglich leistungsfähiger sind, da innerhalb autoritärer Regime, kein freier Wettbewerb herrscht und so die ökonomischen Renten einer jeweils privilegierten Gruppe geschützt werden können. Empirisch weitaus weniger untersucht ist der von John Steward Mill (1974) beschriebene psychologische Effekt von Freiheit. Freiheit fördert Kreativität, innovatives Denken und somit technologische Neuerungen. Langfristig erwachsen aus der höheren Allokationseffizienz in demokratischen Regimen auf diese Weise bessere Investitionsmöglichkeiten und somit ökonomisches Wachstum.

North (1990) betrachtet daneben die geringeren Tranksaktionskosten in Demokratien als wichtigsten Motor für die wirtschaftliche Überlegenheit demokratischer Regime. In die glei- che Richtung gehen auch Überlegungen von Robert Putnam. Gesellschaftlich geltende Nor- men und Werte bzw. soziales Kapital steigert die Effizienz von Demokratien. Putnam ver- steht darunter „features of social organization, such as trust, norms and networks that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions” (1993: 167). Knack/Keefer (2003) stützen diese Hypothese und zeigen empirisch, dass sich Unterschiede in der Leistungsfähigkeit von Ländern teilweise durch die von Putnam identifizierten Fakto- ren erklären lassen.

Einer der in der Literatur am häufigsten untersuchten Einflussfaktoren ist ökonomische Ungleichheit. Die empirischen Studien lassen unterschiedliche Schlussfolgerungen zum Zu- sammenhang zwischen Demokratie und Ungleichheit bzw. Wachstum zu. Barro fasst den wachstumsfördernden Wirkungsmechanismus in demokratischen Regimen zusammen als “the tendency to enact rich-to-poor redistributions of income (including land reforms) in sys- tems of majority voting“ (1994: 1). Auf diese Weise führt Demokratie und in diesem Sinne redistributive policies zu höheren Löhnen (vgl. Rodrik 1998). Persson und Tabellini zeigen, dass Ungleichheit zu geringeren Wachstumsraten führt, “(…) because it leads to policies that do not protect property rights and do not allow full private appropriation of returns from investment” (1994: 617). Im quantitativen Ländervergleich kommt Barro (1999) zu einem differenzierteren Ergebnis und zeigt, dass Ungleichheit hinsichtlich politischer Stabilität, so- zialen Status und materiellen Einkommens einen negativen Effekt auf die ökonomische Per- formanz von Entwicklungsländern und einen leicht positiven Effekt in Industrieländern hat.

Vertreter der optimistischen Demokratieperspektive betonen auch das effiziente Institu- tionengefüge demokratischer Regime (vgl. North 1992). Willkürliche staatliche Interventio nen werden durch ein sich gegenseitig kontrollierendes System von checks and balances verhindert. Auf diese Weise steigt die Glaubwürdigkeit der Politik und Unsicherheiten hin- sichtlich wirtschaftlicher Aktivitäten sinken ebenfalls wie Korruption. Gleichzeitig garantiert das institutionelle System in Demokratien dem Souverän die Einflussnahme. “Bad leaders can be voted out of office” (Fukuyama 2005: 37). Verfolgen Politiker persönliche Interessen vor dem Allgemeinwohl, ermöglichen Wahlen als Instrument des Volkswillens einen Regie- rungswechsel. Engelbret (2000) betont gleichzeitig den Aspekt der Legitimität. Besitzt eine Regierung bei weiten Teilen der Bevölkerung eine hohe Legitimität, kann dies die Implemen- tierung langfristig Wachstum generierender policies erleichtern. Fukuyama unterstützt diese Hypothese: “the only serious source of legitimacy is democracy” (2005: 35). Somit steigt die Effizienz der Implementierung von policies und wirkt positiv auf wirtschaftliches Wachstum. Eine weitere Beziehung zwischen institutionellem System und Wachstum gründet auf dem Verhältnis von Regierung und Opposition bzw. der Pressefreiheit (vgl. Weede 2000: 268). Politische Prozesse in Demokratien fördern eine kritische Auseinandersetzung mit entschei- dungsrelevanten Informationen zwischen Regierung und Opposition und sind aufgrund der Freiheit der Medien vergleichsweise transparent. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit, dass offengelegte Fälle, in denen Entscheidungen aufgrund korporatistischer Interessenpolitik oder Korruption getroffen wurden, im Nachhinein vergleichsweise leicht korrigiert werden können. Dies gilt insbesondere für direktdemokratische Partizipationsmöglichkeiten.

Gemäß der (neuen) neoklassischen Wachstumstheorie ist ein weiterer zentraler wachs- tumsrelevanter Einflussfaktor das Humankapital. Investitionen in Humankapital sowie dar- aus resultierende Innovationen bedingen positive Externalitäten. Gleichzeitig investieren Demokratien im Vergleich zu Autokratien mehr in medizinische Versorgung und Bildung (vgl. Knutsen 2006: 107).[9] Mankiw und Romer stützen diese These und zeigen im quantitativen Ländervergleich, dass der Faktor Humankapital einen signifikanten Einfluss auf die ökonomi- sche Leistungsfähigkeit hat (vgl. 1992: 432). Im Gegensatz dazu betonen Vertreter der pes- simistischen Theorie ein Übergewicht der negativen Wachstumseffekte demokratischer Sys- teme.

[...]


[1] Die Daten für das BIP pro Kopf stammen aus Penn World Table 6.1 (vgl. Heston/Summers et al. 2002). Die Kategorisierung in demokratische Regime basiert auf der Einteilung nach Freedom House (Gastil 1990).

[2] Grundlage bildet der Polity IV Datensatz. Online verfügbar unter: http://www.systemicpeace.org/- inscr/inscr.htm.

[3] In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist die Gesamtproduktion gleich der Summe der Einkommen. In einer offenen Volkswirtschaft hingegen wird differenziert zwischen Bruttonationaleinkommen (BNE) und Bruttoin- landsprodukt (BIP), die sich durch das Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt unterscheiden. Bei de Maße sind empirisch stark miteinander korreliert. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle das herkömmliche Maß der inländischen Produktion (BIP) verwendet werden.

[4] Länder mit hohem Einkommen: BIP pro Kopf größer 9.076 $; Länder mit mittlerem Einkommen: BIP pro Kopf zwischen 9.075-736 $; Länder mit niedrigem Einkommen: BIP pro kopf kleiner 735 $.

[5] Für einen detaillierten Gesamtüberblick vergleiche hierzu auch Söllner 1999 und Obinger 2004.

[6] Nach Keynes sind Investitionen und Ersparnis im Gütermarktgleichgewicht identisch.

[7] Die Anzahl der notwendigen Institutionen wurde von ursprünglich acht (Dahl 1971) auf sechs reduziert (vgl. Lauth 2004: 239).

[8] Von grundlegender Bedeutung zu den positiven bzw. negativen Effekten von Demokratie auf Wirtschafts- wachstum sind die Arbeiten von Lipset (1959) und Rostow (1960) sowie von Löwenthal (1963) und Hunting- ton (1968).

[9] Ausgenommen hiervon sind kommunistisch regierte Regime.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Demokratie und Wirtschaftswachstum - Eine empirische Untersuchung in Subsahara-Afrika
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Zentrum für Demokratieforschung)
Note
1,1
Autor
Jahr
2009
Seiten
56
Katalognummer
V142280
ISBN (eBook)
9783640528868
ISBN (Buch)
9783640528592
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Länderstudien, Vergleich, Wirtschaftswachstum, Entwicklung, Afrika
Arbeit zitieren
Stefan Kruse (Autor), 2009, Demokratie und Wirtschaftswachstum - Eine empirische Untersuchung in Subsahara-Afrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142280

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