Der Alltag der Mendikantenorden im Mittelalltag


Hausarbeit, 2000

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einführung:
A) Vorwort
B) Das Armutsideal des Mittelalters
C) Die Schwerpunkte des Wirkens: Die Städte
D) Die Begründung der Bettelorden und die Unterschiede im Armutsideal

2. Das Studium der Mönche (am Beispiel der Augustiner – Eremiten):
A) Vom Sinn und Zweck des Studiums
B) Studienplan, Studiendauer und akademische Abschlüsse
C) Die Studienorte

3. Das religiöse Leben der Mönche:
A) Der Gottesdienst
B) Gebet und Buße
C) Verstöße gegen das gemeinschaftliche Leben

4. Die Seelsorge:
A) Die Sicherstellung des Lebensunterhalts: Arbeit und Betteln
B) Die Betreuung von Laienbruderschaften

5. Schlußwort

Literaturverzeichnis

1. Zur Einführung

A) Vorwort

Das Thema dieser Arbeit sind nicht die großen Orden im allgemeinen, sondern der Lebensalltag der Bettelmönche im speziellen. D. h. wir werden versuchen die Fragen nach der Ausprägung des Armutsideals bei den Orden der Dominikaner, Franziskaner und Augustiner – Eremiten und deren spezifische Unterschiede zu beantworten, und wie sich dieses Ideal auf den Alltag der Mönche auswirkte. Wir möchten wissen, wie die Bettelorden ihren Alltag, gemäß den Vorgaben zu Predigt, Seelsorge und Studium organisierten.

B) Das Armutsideal des Mittelalters

Die Orden der Bettelmönche, auch Mendikanten (von lateinisch: mendicare = betteln) genannt, sind im 13. Jahrhundert aus der Armutsbewegung hervorgegangen. Diese suchten, im Gegensatz zu den in die Ketzerei abgleitenden Gruppen (insbesondere den „Albigensern“), das Ideal der evangelischen Nachfolge Christi durch ein einfaches Leben der Armut, Buße und Predigt innerhalb der Kirche zu verwirklichen. Bereits im 11. Jahrhundert hatte sich, im Zuge der sogenannten „Gregorianischen Reform“, eine neue Auffassung von Armut in der Kirche durchgesetzt. Papst Gregor VII. (1073 – 1085) konnte sich auf dem Höhepunkt des Investiturstreits, in seinem Bestreben gegen Simonie (Kauf und Verkauf kirchlicher Ämter und Weihen) und Nikolaitismus (Leben von Priestern in ehelichen und quasi – ehelichen Verhältnissen) mit der revolutionären Bewegung der „Pataria“ in Mailand verbünden. Diese trat, wie auch die zahlreichen Laiengemeinschaften die sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Deutschland bildeten, für eine Trennung des weltlichen und geistlichen Bereichs sowie für eine arme Kirche ein. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts schlossen sich die Anhänger von Einsiedlern zu neuen Gemeinschaften zusammen, die an den Idealen von Eigentumslosigkeit und strenger Buße orientiert waren und keine andere Norm als das Evangelium anerkennen wollten. So gründete z. B. Stephan von Thiers (gestorben 1124) mit Erlaubnis von Papst Gregor VII. eine Eremitengemeinschaft. Die radikalen Reformideen von einer armen Kirche drangen, wenn auch nur für kurze Zeit, selbst in die höchsten Kreise der katholischen Hierarchie vor. Papst Paschalis II. (1099 – 1118) faßte den Plan von einer Zuweisung der politischen Herrschaft und des materiellen Besitzes (Regalia, Temporalia) an das Königtum und einer Beschränkung der Kirche (d. h. des Hochklerus) auf die geistlichen Aufgaben (Spiritualia). Dieses Vorhaben scheiterte jedoch am Widerstand der Kirchenfürsten auf der Krönungsfeier Heinrichs V. am 12. Februar 1111 in der Peterskirche in Rom, da diese ihre Macht und Privilegien bedroht sahen. Mit der starken Ausbreitung zweier großer Reformorden, den Cisterciensern und Prämonstratensern, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, diese sahen sich als „Arme Christi“ an, erlebte das Ideal eines christlichen Lebens in Armut einen weiteren Aufschwung. Mit den katharischen[1] Bewegungen des Hochmittelalters erlebte das Armutsideal einen neuen Höhepunkt. Von den katharischen Bewegungen sind die der „Waldenser“ und der „Albigenser“ die bedeutendsten. Die Bewegung der „Waldenser“, um das Jahr 1176 von dem reichen Lyoner Kaufmann Peter Waldes gegründet, wurde im Jahre 1184 von Papst Lucius III. (1181 – 1185) verboten. Daraufhin schlossen sich viele Anhänger dieser Bewegung den „Albigensern“ (benannt nach deren Zentrum, der südfranzösischen Stadt Albi) an. Die Bewegung der „Albigenser“ basierte auf der Annahme, daß nur der Bereich der Spirituellen - Annäherung rein und göttlich vollkommen sei. Diese Annäherung sei nur durch konsequente Askese möglich und erst nach dem Tod vollständig erreichbar. Alles Materielle wurde demgegenüber als schlecht und verderbt betrachtet, da es sich um das uneingeschränkte Reich des Satans handle. Die offizielle Kirche mit ihrem (korrupten) Klerus wurde als dieser Sphäre zugehörig betrachtet. Die stärkste Anhängerschaft hatte diese Bewegung in Südfrankreich: Fast die gesamte Provençe und der dortige Adel wurden albigensisch. Mit dem Kreuzzug gegen die Häresie in den Jahren 1209 bis 1229, ausgerufen durch Papst Innozenz III. (1198 – 1216), wurde die Bewegung in den Untergrund getrieben. Das Fortwirken der Überzeugungen endete erst mit der erfolgreichen Heraufkunft der Bettelorden. Diese verstanden es in ihrer Ethik und Praxis viele katharische Überzeugungen und Gewohnheiten – insbesondere das Gebot von der konsequent gelebten Armut - erfolgreich zu adaptieren[2].

C) Die Schwerpunkte des Wirkens: Die Städte

Das Entstehen der Bettelorden ist auch vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und sozialen Wandels zu verstehen, insbesondere im raschen Wachstum der Städte. Durch den Aufstieg des Bürgertums wurden die Städte zur entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Kraft. Die nähere Ursache dafür war der Aufschwung des Handels, der in vielen Städten einen Bevölkerungszuwachs von fünfzig oder mehr Prozent zur Folge hatte. Die Bevölkerung von Mailand z. B., die am Ende des 11. Jahrhunderts zwischen 60.000 und 65.000 Menschen zählte, erreichte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Zahl von 90.000; am Ende des 13. Jahrhunderts war sie noch einmal auf rund 160.000 bis 180.000 angewachsen. Die Bevölkerung von Florenz wuchs vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts von 30.000 auf rund 45.000 und bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts auf ca. 70.000 Einwohner. Mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts war die Zahl von 110.000 Einwohnern erreicht[3]. Die Bettelorden konzentrierten ihre Bemühungen in den Städten, da gerade hier ein großes Defizit in der Seelsorge – die Ausbildung des weltlichen Klerus betreffend - wahrgenommen wurde (siehe dazu auch Abschnitt 3: „Vom Sinn und Zweck des Studiums“)[4]. Und tatsächlich erreichten es die Bettelmönche, daß am Ende des Mittelalters die Mehrheit der städtischen Bevölkerung, im Gegensatz zur ländlichen, nicht nur getauft war, sondern auch eine Grundkenntnis christlicher Glaubenslehren besaß. Die Bettelmönche wollten sich den Menschen zuwenden und suchten diese dort, wo sie besonders dicht zusammenlebten, d. h. in den Städten, vor allem durch Predigt zu erreichen und vor der Zuwendung zu irrigen Lehren zu bewahren. Die Mendikanten waren auch in vielen Beziehungen „bürgernah“: Sie stellten den Bürgern die Klosterräume auch für weltliche Angelegenheiten zur Verfügung, gaben Rat auch in anderen Lebensfragen, waren Seelsorger und die Stadtbürger wollten bei ihren Seelsorgern beerdigt werden[5].

D) Die Begründung der Bettelorden und die Unterschiede im Armutsideal

Als Bettelorden im engeren Sinne gelten die vier neuen Orden des 13. Jahrhunderts, von denen wiederum die beiden ersten die wichtigsten sind: Franziskaner (1209/10 vorläufig, 1233 endgültig anerkannt), Dominikaner (1216 anerkannt), Karmeliten (1226 bestätigt) und Augustiner – Eremiten (Gründung, durch Zusammenschluß mehrerer italienischer Eremitengemeinschaften, in den Jahren 1244 – 1256). Im folgenden werden wir die Franziskaner, die Dominikaner und die Augustiner – Eremiten betrachten. Es mag überraschen, daß die Augustiner in die Betrachtung mit einbezogen wurden, da doch die ersten beiden Orden, allein schon aufgrund ihrer Ausbreitung, die wesentlich größere Bedeutung haben. Der Grund hierfür liegt in dem reichhaltigen Quellenmaterial, das uns David Gutiérrez mit seiner Arbeit über die Geschichte des Augustinerordens zur Verfügung stellte, und das einen sehr guten Einblick in den Alltag von Bettelmönchen ermöglicht[6]. Neben diesen großen Orden gab es noch kleinere Gemeinschaften, die nach Art der Mendikanten organisiert wurden[7].

Die Gemeinschaft der Franziskaner geht auf die Bemühungen des Francesco (Giovanni) Bernadone (1181 – 1226), genannt Franziskus, zurück. Im Unterschied zu den Dominikanern faßte Franziskus das Armutsgebot für sich und seine Anhänger radikal auf: Die Mönche sollten sich durch eigene Arbeit und Almosen der Gläubigen nähren. Eigentum, auch an Gütern des täglichen Bedarfs, war untersagt. Diese Einstellung ließ sich allerdings mit dem Anwachsen des Ordens - Schwaiger schätzt, daß er am Ende des 13. Jahrhunderts rund 40.000 Mitglieder gehabt habe[8] - nicht mehr aufrecht erhalten. Gemeinsam mit den Päpsten bemühten sich die Mönche, die testamentarischen Forderungen (die Forderung nach absoluter Armut) des Franziskus, den Lebensumständen der Brüder und der Entwicklung des Ordens anzupassen. Es wurden komplizierte juristische Konstruktionen nötig, damit die Klöster weiterhin auf jedes Eigentum verzichten, gleichzeitig aber Gebrauchsgegenstände und Geldmittel der Gläubigen nutzen konnten. Die Bulle „Quo elongati“ vom 28. September 1230 durch Papst Gregor IX (1227 – 1241) ebnete dafür den Weg: Geldspenden und mit ihnen erworbene Gegenstände durften angenommen werden, wenn diese nominell Eigentum des Spenders blieben. Mit der Verabschiedung der Konstitutionen von Narbonne im Jahre 1260 wurde ein gewisser Abschluß in der rechtlichen und organisatorischen Entwicklung des Ordens gefunden. Darin wurde dem Armutsgebot mit einer Reihe von Vorschriften Rechnung getragen: Geld darf in den Niederlassungen des Ordens nicht angenommen werden (auch nicht im Gottesdienst); die Brüder betteln nur um Wein und Brot und verzichten auf die Aufstellung von Opferstöcken; das von Wohltätern zur Verfügung gestellte Geld belassen die Klöster in der Hand der Spender und nehmen es nur in Anspruch, wenn sich die Notwendigkeit dazu dringend ergibt. Allerdings gelang eine langfristige Lösung des Armutsproblems erst mit den Konstitutionen des Jahres 1354. Demnach war den Brüdern persönlicher Besitz in gewissem Umfang gestattet, doch forderten die Konstitutionen nachdrücklich, alles zu unterlassen, was den Eindruck erwecken könnte, der Orden sei von der strengen Armut abgekommen[9].

Der Orden der Dominikaner wurde von dem Altkastilier Domingo de Guzmán (1170 – 1221), genannt Dominikus, begründet. Dominikus, theologisch gut gebildet, lernte das Albigenserproblem in Südfrankreich kennen. Dominikus zog seit etwa 1206 in einfacher Kleidung, zu Fuß und bettelnd durch Südfrankreich. Damit stellte er sich auf die Lebensweise der Ketzer ein. Er diskutierte mit den Ketzern und warb für das katholische Christentum, allerdings blieben ihm größere Erfolge verwehrt[10]. Um sich den Ketzern intellektuell gewachsen zu zeigen, benötigte er eine systematische theologische Bildung, meditatives Predigtstudium und eine Lebensweise, die mit den bisherigen Besitz- und Herrschaftsformen nichts mehr zu tun hatte. Landbesitz bedeutete im Mittelalter Eigentum und politische Repräsentation, also dem „Reich des Satans“ zugehörig, wie es die Albigenserbewegung (siehe oben) formulierte. Die, verglichen mit den strengeren Armutsbestimmungen des Franziskanertums, gemilderten Armutsbestimmungen der Dominikaner hielten zwar an allem Besitz fest, der für Studium, Predigt und Seelsorge nötig war (Bücher, Klöster, Kirchen, Studienhäuser), lehnten aber den üblichen Landbesitz und die agrarische Struktur der bisherigen Mönchsorden ab. Bildung und Seelsorge kosten immer Geld und durch Dominikus wird das seelsorgerische Ziel erstmals in der Ordensgeschichte klar formuliert. Die Askese hat sich hier der Predigt unterzuordnen. Dem Studium wurden asketische Bräuche geopfert, die bis dahin als unveräußerlich galten. Beispielsweise bekamen die Mönche Einzelzellen und ein Licht, damit sie auch nachts studieren konnten. Dies wäre bei den älteren Orden undenkbar gewesen[11]. Der Erfolg der Dominikaner – die englische Provinz des Ordens mag dies illustrieren: Bis 1277 entstanden hier etwa 404 Niederlassungen und bis 1303 war diese Zahl auf 590 angewachsen[12] - erklärt sich aus der volksnahen seelsorgerischen Tätigkeit des Ordens. Die Brüder lebten in den Städten und damit Tür an Tür mit den Menschen. Dies war etwas, das die älteren Orden nicht taten: Diese schotteten sich in ihren Klöstern auf dem Land vor der Außenwelt nahezu ab und bemühten sich hier die Nähe zu Gott zu finden (ohne sich um den „Rest der Menschen“ zu kümmern)[13].

[...]


[1] Der Begriff Katharer ist eine Sammelbezeichnung für christliche Strömungen des Früh- und Hochmittelalters die auf eine Erneuerung des Glaubens mittels strenger Askese und einer konsequenten Befolgung des Armutsgebotes abzielten. Von der katholischen Kirche niemals anerkannt, konnten diese Bewegungen nicht die soziale Kraft entwickeln, wie sie etwa den Reformationsbestrebungen (Wycliff, Hus, Luther und Calvin) des Spätmittelalters innewohnte. Siehe Schneider, Rolf, Die Seele ist wie ein Wind. Mönchsregeln – Triumphierende Kirche – Erhaltene Bauten, erhaltenes Wort – Reformen – Romanisches – Zisterzen, Ketzer, Bettelorden und Universitäten, S. 158.

[2] siehe Schneider, Rolf, Die Seele ..., S. 158f.

[3] siehe Feld, Helmut, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, S. 77.

[4] vgl. auch Rapp, Francis, Die Mendikanten und die Straßburger Gesellschaft am Ende des Mittelalters, S. 90.

[5] siehe Boockmann, Hartmut, Klöster und andere geistliche Immunitäten, S. 220. Vgl. auch Eggenberger, Peter/ Descoeudres, Georges, Klöster, Stifte, Bettelordenshäuser, Beginen und Begarden, S. 441f.

[6] siehe Gutiérrez, David, Die Augustiner im Mittelalter 1256 – 1356, Würzburg 1985, Geschichte des Augustinerordens Erster Band, Teil 1.

[7] siehe Schwaiger, Georg (Hrsg.), Mönchtum, Orden, Klöster von den Anfängen bis zur Gegenwart: ein Lexikon, S. 112. Vgl. auch Winkler, Gerhard Bernhard, Mönchtum und Ordenswesen, S. 275ff.

[8] siehe Schwaiger, Georg (Hrsg.), Mönchtum, Orden ...,S. 196.

[9] siehe Neidiger, Bernhard, Mendikanten zwischen Ordensideal und städtischer Realität, S. 46ff. Vgl. auch Schwaiger, Georg (Hrsg.), Mönchtum, Orden ..., S. 194.

[10] siehe Erbstösser, Martin, Ketzer im Mittelalter, S. 117.

[11] siehe Winkler, Gerhard Bernhard, Mönchtum ..., S. 275f.

[12] siehe Schwaiger, Georg (Hrsg.), Mönchtum, Orden ..., S. 162.

[13] siehe Winkler, Gerhard Bernhard, Mönchtum ..., S. 276.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Alltag der Mendikantenorden im Mittelalltag
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für mttelalterliche Geschichte)
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V14239
ISBN (eBook)
9783638197014
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Alltag, Mendikantenorden, Mittelalltag
Arbeit zitieren
Ralf Bunte (Autor:in), 2000, Der Alltag der Mendikantenorden im Mittelalltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14239

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