Die Ökonomische Theorie der Demokratie

Neue Politische Ökonomie - Anthony Downs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung von Georg Echter und Alois Maichel

2. Die Neue Politische Ökonomie - Begriffsbestimmung, Methodik und Verhaltensmodell von Alois Maichel
2.1 Begriffsbestimmung der Neuen Politischen Ökonomie
2.2 NPÖ als Kontrastprogramm zur traditionellen Wohlfahrtsökonomik bzw. zur klassischen Demokratielehre
2.3 Die erklärende Analyse politischen Handels der NPÖ
2.4 Die Methodik der NPÖ
2.5 Grundlegende Elemente des ökonomischen Verhaltensmodells der NPÖ

3. Anthony Downs’ „ Economic Theory of Democracy “ - zentrale Thematik und Sichtweise der Politik von Alois Maichel

4. Betrachtetes politisches System und Theorieansatz von Downs von Alois Maichel

5. Zentrale Annahmen von Downs von Georg Echter
5.1 Akteure
5.2 Axiom
5.3 Rationalitätskonzept
5.4 Nutzenaspekt
5.5 Ökonomischer Markt versus politischer Markt

6. Das rationale Verhalten der vier maßgeblichen Akteure von Georg Echter
6.1 Politische Parteien
6.2 Bürger
6.3 Interessengruppen
6.4 Regierung

7. Informationsassymetrie in Politik und Wirtschaft von Georg Echter

8. Würdigung der Downs’schen „Ökonomischen Theorie der Demokratie“von Alois Maichel

9. Kritik der Downs’schen „Ökonomischen Theorie der Demokratie“von Alois Maichel
9.1 Logische Inkonsistenzen der Ökonomischen Theorie der Politik
9.1.1 Erstes „Wahlbeteiligungsparadoxon“
9.1.2 Zweites „Wahlbeteiligungsparadoxon“
9.1.3 Anwendung der Ökonomischen Theorie bei öffentlichen Gütern
9.2 Schwächen der Ökonomischen Theorie der Politik als politische Theorie
9.2.1 Problem des Methodologischen Individualismus
9.2.2 Problem der Anreizmechanismen auf dem ökonomischen Markt und bei politischen Entscheidungsprozessen
9.2.3 Problem der Output-Fixierung
9.2.4 Problem der Annahme des zweckrationalen Verhaltens sowie der Konsistenz, Homogenität und Stabilität der Präferenzen
9.2.5 Problem des Konzeptes des eigennützigen Verhaltens
9.2.6 Problem der Anwendbarkeit der Theorie auf beliebige demokratische Systeme
9.2.7 Problem der „schlanken“ Theorie

10. Schlussbetrachtung: Über den Nutzen der Neuen Politischen Ökonomie für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von Georg Echter und Alois Maichel

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als der US-amerikanische Präsident George W. Bush jüngst ein drastisches Steuersenkungsprogramm gerade für höhere Einkommensgruppen durchsetzte, stieß diese Maßnahme auf ein geteiltes Echo bei den Ökonomen. Während die einen auf die positiven Aspekte des sich daran anschließenden Konjunkturschubs hinweisen, der aufgrund steigender Binnennachfrage dank der gestiegenen Kaufkraft die US-amerikanische Wirtschaft spürbar belebte, warnten andere vor den unabsehbaren Folgen eines rekordverdächtigen Haushaltsdefizits in den öffentlichen Kassen, das die Steuersenkung beschert hatte. Nach einer aktuellen Umfrage1 sind 55 % aller US-Bürger der Meinung, dass die Steuerreduzierung eher den Reichen als allen Amerikanern gleichermaßen genützt hat - nur 38 % sind gegensätzlicher Meinung. Damit scheint klar zu sein, dass diese Maßnahme nur einer bestimmten Klientel besonders zugute kam.

Berechtigt darf man sich nun folgende Frage stellen: Warum hat nun die Bush-Regierung so gehandelt? Folgt man der Argumentationsweise der Neuen Politischen Ökonomie (NPÖ), so liegt die Antwort auf der Hand: Die Bezieher von sehr hohem Einkommen zählen zu wichtigen Wählerschichten für die Republikanische Partei und ihren Präsidenten Bush in Hinblick auf die anstehende Präsidentschaftswahl im Herbst 2004. Sie befindet sich in direktem Wettbewerb um Wähler- und Finanzunterstützung mit dem Demokraten um den Herausforderer John Kerry. Diese spezielle wirtschaftspolitische Maßnahme wurde daher aus reinem rationalen Nutzenkalkül heraus durchgeführt, um sich deren Rückhalt und nicht zuletzt auch deren finanzielle Unterstützung zu sichern, damit die Chancen einer Wiederwahl steigen. Normative „Gerechtigkeitskonzeptionen“ oder andere Beweggründe spielen hierbei keine Rolle.

Die vorliegende Arbeit möchte nun diese Argumentationsweise der NPÖ nachvollziehbar machen sowie die Überlegungen des US-amerikanischen Volkswirts ANTHONY DOWNS darlegen, der mit seiner Schrift „ An Economic Theorie of Democracy “ zu den Begründern dieser Theorierichtung zählt.

In Punkt 2 wird der Begriff, die Methodik und das zugrundegelegte Verhaltensmodell der NPÖ erläutert. Die folgenden Abschnitte widmen sich der Theorie von DOWNS. Punkt 3 erfasst die zentrale Thematik und die Sichtweise der Politik, Punkt 4 geht auf das von DOWNS betrachtete politische System und seinen Theorieansatz ein. Nach der Darlegung der zentralen Annahmen der Theorie in Punkt 5 wird in Punkt 6 aufgezeigt, welches rationale Verhalten DOWNS den vier maßgeblichen Akteuren zuschreibt. Punkt 7 mit der Rolle der Informationsasymmetrie im Verhältnis von Politik und Wirtschaft schließt sich daran an. Die Licht- und Schattenseiten der DOWNS’schen Theorie sind nun Gegenstand der Punkte 8 und 9, die eine Würdigung und eine Kritik vornehmen. In der Schlussbetrachtung begründen die Autoren, warum die NPÖ sowohl für die Wirtschafts-, als auch für die Sozialwissenschaften einen enormen Nutzen gebracht hat.

2. Die Neue Politische Ökonomie - Begriffsbestimmung, Methodik und Verhaltensmodell

2.1 Begriffsbestimmung der Neuen Politischen Ökonomie

Begrifflich stellt die NPÖ im wesentlichen eine Ökonomische Theorie der Politik dar2, wird aber auch gerne synonym mit dieser verwendet.3 Konzeptionell versteht sich die NPÖ als systematische Anwendung der ökonomischen Paradigmen des Rationalverhaltens und des Gleichgewichts auf die Sphäre des politischen Handelns.4 Damit wird die Methodik der modernen Ökonomik auf die Untersuchung politischer Prozesse und Entscheidungen angewandt,5 so wird z.B. das gleiche Verhaltensmodell wie bei privatem wirtschaftlichem Handeln unterstellt.6 Die Anwendung der ökonomischen Theorie der Politik zur Erfassung politischer Strukturen und Prozesse beruht auf einer Konzeptualisierung der Politik als marktförmiger Tausch, d.h. der innerhalb der neoliberalen Wirtschaftstheorie entwickelte Begriff des Marktes findet seine Entsprechung in der Politik.7 Dabei bewegt die NPÖ u.a. folgende zentrale Fragestellung: Aus welchen Gr ü nden werden bestimmte (wirtschafts-) politische Entscheidungen getroffen? 8

Bei der Beantwortung dieser Frage gilt die politische Willensbildung, ihre Institutionen und Verfahren als von der Wirtschaftstheorie analysierbare unabhängige Variablen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.9 Die NPÖ will aber nicht nur die Interdependenz zwischen „Markt“ und „Hierarchie“ in ihr Betrachtungsfeld einbeziehen, sondern wendet sich der Vielfalt der Entscheidungsmechanismen zu, so insbesondere Gruppenverhalten und Wahlen, Verfassungen und Organisationsgefüge. Damit wird nach neuen Beiträgen und Ansätzen zur Institutionenlehre, zur Ordnungstheorie und zur Ordnungspolitik gesucht.10

Als Vorläufer der NPÖ gilt u.a. die empirische Demokratietheorie von JOSEF SCHUMPETER, erstmals formuliert in seinem Werk „ Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie “ im Jahr 1942.11 ANTHONY DOWNS’ Ökonomische Theorie der Demokratie aus dem Jahr 1957, deren Inhalt später eingehend dargestellt wird, widmet sich im speziellen der Ausweitung der ökonomischen Theorie auf staatliches und politisches Handeln bzw. deren Integration in die Wirtschaftstheorie - womit DOWNS zum Begründer der ökonomischen Theorie der Politik wird.12 Zu den ersten Ansätzen der ökonomischen Theorie der Politik sind ferner die Arbeiten von ARROW,13 BUCHANAN/ TULLOCK14 sowie OLSON15 zu zählen.16

2.2 NPÖ als Kontrastprogramm zur traditionellen Wohlfahrtsökonomik bzw. zur klassischen Demokratielehre

Die Lehre der „traditionellen Wohlfahrtsökonomik“17 rechtfertigt staatliche Eingriffe in Marktstrukturen und Marktprozesse durch den Korrekturbedarf unbefriedigender Marktergebnisse (Marktversagen) im Hinblick auf Effizienz-, Verteilungsgerechtigkeits- oder Stabilisierungsziele.18 Dabei wird eine einheitliche gesellschaftliche Zielfunktion zugrunde gelegt, wobei sich diese soziale Präferenz aus den individuellen Präferenzfunktionen der einzelnen Mitglieder ableitet.19 Dies impliziert die Existenz eines eindeutig definierbaren Gemeinwohls. Gleichzeitig besteht ein „allgemeiner Wille“, der mit dem Gemeinwohl identisch ist.20

Die klassische Demokratielehre21 vermittelt die Vorstellung, dass vom Volk „gewählte“ Vertreter das o.g. Gemeinwohl realisieren. Diese staatlichen Handlungsträger werden als typischerweise dem Gemeinwohl verpflichtete „Diktatoren“ modelliert: der Politikerwille wird definitorisch mit dem Gemeinwohl aller gleichgesetzt, wobei der Politiker zur Realisierung völlige Handlungsfreiheit besitzt.22 Hierzu schreibt SCHUMPETER:

„ Die [klassische] demokratische Methode ist jene institutionelle Ordnung zur Erzielung politischer Entscheide, die das Gemeinwohl dadurch verwirklicht, dass sie das Volk selbst die Streitfragen entscheiden l ä sst und zwar durch die Wahl von Personen, die zusammenzutreten haben, um seinen Willen auszuf ü hren. “ 23

Diese Demokratietheorie ist normativ, d.h. sie beschreibt, wie Demokratie beschaffen sein soll.24 Es hat sich aber gezeigt, dass diese Vorstellungen keiner empirischen Überprüfung standhalten und durch die Wirklichkeit grundlegend widerlegbar sind.25

2.3 Die erklärende Analyse politischen Handels der NPÖ

Die NPÖ versteht sich im Gegensatz zur klassischen Lehre der Demokratietheorie nicht normativ, sondern rein positiv: Im Mittelpunkt steht der Anspruch, oft erscheinende Phänomene der realen Welt zu erklären.26 Die zentrale herangehensweise hierfür ist die ökonomische Analogiebildung des Konkurrenzkampfes um Stimmen des Volkes bzw. um die politische Führung. Dem Politiker werden nun eigene Ziele wie das Streben nach Macht, Prestige, Geld und Durchsetzung eigener politisch- ideologischer Ziele zugeschrieben. Umgekehrt besitzt er aber keine unbegrenzte Handlungsfreiheit mehr, denn er ist demokratischen Spielregeln unterworfen und der Rücksichtnahme auf seinen Wähler verpflichtet. Damit wird der „wohlwollende Diktator“ durch den „egoistischen Demokraten“ ersetzt.27 Das rationale Verhalten egoistischer Politiker und das rationale Verhalten der Wähler bei ihrer Wahlentscheidung bilden die Grundlage der NPÖ.28 Der „ Volkswille ist daher weniger Triebkraft des politischen Prozesses “ als vielmehr dessen „ Erzeugnis “.29 Staatliches (wirtschafts-) politisches Verhalten ist damit nicht mehr exogen vorgegeben, sondern begründet sich endogen, d.h. als eine von Einflussfaktoren abhängige Variable.30

SCHUMPETER fasst dies folgendermaßen zusammen:

„ Die demokratische Methode ist diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen, bei welcher einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben. “ 31

2.4 Die Methodik der NPÖ

Die Methodik der modernen neoklassischen Wirtschaftstheorie bildet die Basis der NPÖ.32 Dabei behält die Neoklassik die zentrale Verhaltensannahme der klassischen Lehre bei, dass das Selbstinteresse die Wirtschaftssubjekte bzw. Individuen leitet, und erweitert diese um methodologischen Individualismus, individuelle Präferenzen sowie subjektiver Nutzenmaximierung zu einer Markt- und Gleichgewichtstheorie. Wurde hier aber anfangs (erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) vom Staat und dessen Einflusspotential abstrahiert, so sollte in den 50er Jahren durch die Einbeziehung von institutionellen Aspekten das neoklassische Modell in der NPÖ auch als Erklärung für politische Prozesse und Strukturen sowie deren Beeinflussungsfaktoren angewendet werden.33

2.5 Grundlegende Elemente des ökonomischen Verhaltensmodells der NPÖ

Die NPÖ fußt ihr ökonomisches Verhaltensmodell auf dem entscheidungslogischen Instrumentarium der neoklassischen Wirtschaftstheorie, welches aufgrund seiner einzelwirtschaftlichen Betrachtungsweise zur Mikroökonomie gehört. Dieses Verhaltensmodell repräsentiert die ökonomische Sicht des individuellen menschlichen Verhaltens, und versucht das durchschnittliche Verhalten eines sog. repräsentativen Individuums in Entscheidungssituationen zu erklären und vorherzusagen. Es besteht aus fünf grundlegenden Elementen:34

1. Methodologischer Individualismus
2. Systematische Reaktion auf Anreize
3. Trennung zwischen Präferenzen und Einschränkungen
4. Eigennutzorientierung
5. Möglichkeitsraum und Institutionen

Der methodologischer Individualismus führt das auf der Ebene der Gesellschaft beobachtete Geschehen, also alle sozialen Beziehungen, Strukturen und Prozesse, auf die Entscheidungen, Handlungen und Einstellungen von menschlichen Individuen zurück.35 Maßgebend werden so individuelle Bewertungen des Einzelnen.36 Die Analyse des Verhaltens erfolgt aber nicht als isoliertes Individuum, sondern im Zusammenspiel mit seiner Umgebung,37 wobei die Gruppe aber nicht als eigenständig handelnde Einheit zu betrachten ist.38 Gleichzeitig wird keine Unterscheidung unterhalb der Ebene der Einzelperson vorgenommen.39

Zudem handeln Individuen nicht zufällig, sondern reagieren in systematischer und damit vorhersehbarer Weise auf „Anreize“, wenn ihnen eine Wandlungsmöglichkeit vorteilhafter oder ungünstiger erscheint als eine andere. Damit wird ihnen die Fähigkeit zum Suchen und finden von Lösungen, die Bildung von Erwartungen über die Gegenwart hinaus, die Fähigkeit zum zukunftsbezogenen Handeln und die Fähigkeit des Abwägens zwischen den Vor- und Nachteilen der zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten zugeschrieben.40

Weiterhin werden Veränderungen im menschlichen Verhalten auf beobachtbare und messbare Veränderungen des durch die Einschränkungen bestimmten Möglichkeitenraumes zurückgeführt und nicht auf (nicht-beobachtbare und messbare) Präferenzänderungen. Dieses Vorgehen ermöglicht die Entwicklung von theoretischen Hypothesen und deren empirischer Prüfung.41

Die Eigennutzorientierung bzw. das Eigeninteresse gilt v.a. seit Adam Smiths Werk „ An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations “ von 1776 als Triebkraft für menschliches und insbesondere damit auch wirtschaftliches Handeln. Die Neoklassik postuliert daher das Eigennutzaxiom mit der Fähigkeit zur subjektiven Nutzenbewertung.42 Das ökonomische Rationalverhalten43 liegt hier als Handlungsmaxime für individuelle menschliche Entscheidungen zugrunde.44 Der Einzelne, in der neoklassischen Wirtschaftstheorie „homo oeconomicus“ genannt, ist danach stets bestrebt, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. In einer Handlungssituation fällt die Entscheidung demnach auf diejenige Alternative, die den höchsten Nutzen bzw. die geringsten Kosten verspricht.45 In den normativen Kategorien eines „guten“ oder „schlechten“ Verhaltens findet dieser „Eigennutz“ nicht statt. Er ist in dieser Hinsicht neutral. Zudem kann Eigennutz kann unter wechselnden Umweltbedingungen unterschiedliche Formen annehmen.46

Der individuelle Möglichkeitsraum ergibt sich aus den beiden verhaltensrelevanten Restriktionen der Einkommensrestriktion (Verfügbares Einkommen inkl. Vermögen und Kreditmöglichkeiten sowie die (relativen) Güterpreise) und der Zeitrestriktion (zum Konsum und Handeln benötigte Zeit).47 Als Institutionelle Einschränkungen des Verhaltens sind vorhandene Entscheidungssysteme (z.B. Markt, Demokratie, Hierarchie, Verhandlungssystem), Organisationen (Staat, Verbände, Firmen, Bürokratien, etc.), Normen, Traditionen und andere Verhaltensregeln (wie Gesetze, Verordnungen, gesellschaftliche Konventionen, etc.) zu berücksichtigen.48

3. Anthony Downs’ „ Economic Theory of Democracy “ - zentrale Thematik und Sichtweise der Politik

Das bereits im Punkt 2 dieser Arbeit beschriebene Bestreben der NPÖ, die Rolle und Funktionsweise von Staat und Politik mittels der Wirtschaftstheorie zu erklären und die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik überzeugend zu modellieren, wird von ANTHONY DOWNS im Jahr 1957 in seiner Schrift „ An Economic Theory of Democracy “ 49 erstmals ausführlich thematisiert und begründet.

Dieses bisher vorhandene Defizit beschreibt er bereits zu Beginn seines Buches:

„ Throughout the world, governments dominate the economic scene. Their spending determines whether full employment prevails; their taxes influence countless decisions; their policies control international trade: and their domestic regulations extend into almost every economic act. Yet the role of government in the world of economic theory is not at all commensurate with this dominance. True, in each separate field of economics, recent thought has fruitfully concentrated upon the impact of government on private decision- making or the share of government in economic aggregates. But little progress has been made toward a generalizes yet realistic behavior rule for a rational government similar to the rules traditionally used for rational consumers und producers. As a result, government has not been successfully integrated with private decision-makers in a general equilibrium theory. ”50

DOWNS’ „Ökonomische Theorie der Politik “ formuliert nun ein Demokratiemodell des Wähler- und Regierungsverhaltens in Form von realistischen Verhaltensregeln für rationale demokratische Regierungen als regierende Parteien, wobei die Erstellung dieses Modells des politischen Wettbewerbs unter Zugrundelegung des in Punkt 2.5 dargelegten ökonomischen Verhaltensmodells erfolgt.51 DOWNS räumt der Parteipolitik einen zentralen Platz in seinem Demokratiedenken ein.52 Er ist bemüht, die Handlungen von Parteien und Wählern zu erfassen, wobei die Erklärungen systematisch bezogen sind auf und ableitbar sind aus präzise angegebenen Annahmen über die Motivationen, welche die Entscheidungen von Wählern und Parteien prägen.53 Dabei greift er die zentralen These SCHUMPETERS vom Konkurrenzkampf um die politische Führung auf.54 Nach SCHUMPETER erfüllt der Konkurrenzkampf um Wählerstimmen den Funktionskern der Demokratie, da dieser die Aus- bzw. Abwahl von Amtsinhabern ermöglicht. Die politische Führung bedeutet die Macht zur gesamtgesellschaftlich verbindlichen Entscheidung über öffentliche Angelegenheiten.55 Entsprechend dieser Sichtweise formuliert nun DOWNS an einer zentralen Stelle: „ The central purpose of elections in a democracy is to select a government. ”56 DOWNS entwickelt SCHUMPETERS Ideen jedoch weiter und fasst diese in einer systematischen Theorie zusammen.57

4. Betrachtetes politisches System und Theorieansatz von Downs

Ähnlich wie bereits SCHUMPETER rückt DOWNS den Zusammenhang von Parteienwettbewerb, Wahlen und Präferenzen der Wähler ins Zentrum der Demokratiebetrachtung. Deutlich erweitert er dies aber durch eine genauere Demokratiedefinition und eine exaktere Analyse der Angebots- und Nachfrageseite des demokratischen Marktes.58

Generell ist nach DOWNS das Hauptkennzeichen einer Demokratie ein System konkurrierender Parteien.59 Darüber hinaus benennt DOWNS acht Voraussetzungen, die ein Regierungssystem erfüllen muss, um als demokratisch zu gelten:60

1. A single party (or a coalition of parties) is chosen by popular election to run the governing apparatus.
2. Such elections are held within periodic intervals, the duration of which cannot be altered by the party in power acting alone.
3. All adults who are permanent residents of the society, are sane, and abide by the laws of the land are eligible to vote in each such election.
4. Each voter may cast one and only one vote in each election
5. Any party (or coalition) receiving the support of a majority of those voting is entitled to take over the powers of government until the next election.
6. The losing parties in an election never try by force or any illegal means to prevent the winning party (or parties) from taking office.
7. The party in power never attempts to restrict the political activities of any citizens or other parties as long as they make no attempt to overthrow the government by force.
8. There are two or more parties competing for control of the governing apparatus in every election.

[...]


1 Vgl. THE WALL STREET JOURNAL EUROPE, Vol XXII, No. 146, 27. - 29.08.2004, S. A6 3

2 vgl. z.B. LEHNER, FRANZ (1981): Einf ü hrung in die Neue Politische Ökonomie. Königstein. S. 9

3 vgl. z.B. DREIER, VOLKER (1993): Zur Logik politikwissenschaftlicher Theorien. Frankfurt a.M. S. 265

4 vgl. BREYER, FRIEDRICH (1997): Neue Politische Ökonomie. In: Gabler Volkswirtschaftslexikon. Band 2. S. 771f; vgl. LEHNER, a.a.O., S. 9

5 vgl. KRAMM, LOTHAR (1979): Politische Ökonomie: Eine kritische Darstellung. München. S. 172

6 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772; vgl. LEHNER, a.a.O., S. 10; Auf die Methodik wird im Folgenden noch genauer eingegangen.

7 vgl. DREIER, a.a.O., S. 267; zur Marktanalogie vgl. auch Punkt 5.5 dieser Arbeit

8 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772

9 vgl. KIRSCH, GUY (1993, 3. überarb. u. erw. Aufl.): Neue Politische Ökonomie. Düsseldorf. S. 13

10 vgl. JAHRBUCH FÜR NEUE POLITISCHE ÖKONOMIE 1982. Tübingen. S. I

11 vgl. hierzu z.B. KRAMM, a.a.O., S. 172; oder BEHRENDS, SYLKE (2001): Neue Politische Ökonomie. München. S. 13

12 vgl. hierzu z.B. BEHRENDS, a.a.O., S. 45; LEHNER, a.a.O., S. 21; VATTER, ADRIAN (1994): Eigennutz als Grundmaxime in der Politik? Berner Studien zur Politikwissenschaft Band 1. Bern/Stuttgart/Wien. S. 22f.

13 ARROW, KENNETH J. (1951): Social Choice and Individual Values. New Haven/London.

14 BUCHANAN, JAMES/ TULLOCK, GORDON (1962): The Calcalus of Consent, Logical Foundations of Constitutional Democracy. Ann Arbor.

15 OLSON, MANCUR (1965): The Logic of Collective Action. New Haven/London.

16 ARROW’s Arbeit liegt dabei die Problematik der Aggregation individueller Präferenzen zu einer kollektiven Präferenzfunktion zugrunde (zum sog. „Arrow-Problem“ sei auch auf die Ausführungen in Punkt 6.4 dieser Arbeit hingewiesen), BUCHANAN/ TULLOCK befassen sich mit der grundlegenden Frage, welche bestimmte Abstimmungsregel sich eine Gesellschaft in ihrer Verfassung geben sollte als auch mit den einer bestimmten Regel implizierten Konsequenzen, OLSON schließlich thematisiert, inwieweit die individuelle Entscheidung, einer Gruppe beizutreten bzw. eine solche zu gründen, als Abwägung zwischen den Kosten und Erträgen einer solchen Organisation angesehen werden kann.

17 vgl. SCHUMANN, JOCHEN (2002, 4. ü berarb. u. erg. Aufl.): Wohlfahrts ö konomik. In: ISSING, OTMAR (HRSG.): Geschichte der National ö konomie. München. S. 227ff

18 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772

19 vgl. BERNHOLZ, PETER/ BREYER, FRIEDRICH (1994, 3. völlig überarb. Aufl.): Grundlagen der Politischen Ökonomie. Band 2: Ökonomische Theorie der Politik. Tübingen. S. 1f

20 vgl. KRAMM, a.a.O., S. 173

21 Die Vorstellungen der klassischen Demokratielehre und damit der traditionellen Wohlfahrtsökonomik gehen u.a. auf die verschiedenen Theorien des Gesellschaftsvertrages von THOMAS HOBBES, JOHN LOCKE, JEAN JAQUES ROUSSEAU und IMMANUEL KANT zurück; vgl. hierzu z.B. ISSING, OTMAR (HRSG.) (2002, 4. überarb. u. erg. Aufl.): Geschichte der National ö konomie. München.

22 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772, vgl. BERNHOLZ/BREYER, a.a.O., S. 2

23 vgl. SCHUMPETER, JOSEF A. (1950): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Bern. S. 397

24 vgl. LEHNER, a.a.O., S. 21

25 vgl. KRAMM, a.a.O., S. 173

26 vgl. BERNHOLZ/BREYER, a.a.O., S. 1f; vgl. KRAMM, a.a.O., S. 35

27 vgl. BERNHOLZ/BREYER, a.a.O., S. 2

28 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772

29 vgl. SCHUMPETER, a.a.O., S. 418

30 vgl. BREYER, a.a.O., S. 772

31 vgl. SCHUMPETER, a.a.O., S. 428

32 vgl. FREY, BRUNO (1994, 14. vollst. überarb. Auflage): Au ß ermarktliche Ökonomie. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Band 1. Wiesbaden. S. 306; vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 4

33 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 4f ; vgl. KRAMM, a.a.O., S. 174; vgl. LEHNER, a.a.O., S. 9

34 vgl. FREY, a.a.O., S. 306, vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 6

35 vgl. FREY, a.a.O., S. 306; vgl. BEHRENDS, a.a.O., S.5; vgl. LEHNER, a.a.O., S. 10, vgl. KIRSCH 1993, a.a.O., S. 17

36 vgl. FREY, a.a.O., S. 306, vgl. LEHNER, a.a.O.,S. 10

37 vgl. FREY, a.a.O., S. 306

38 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 5; vgl. KIRSCH, a.a.O., S. 18

39 vgl. FREY, a.a.O., S. 306

40 vgl. ebd., S. 306

41 vgl. ebd., S. 306

42 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 6; vgl. LEHNER, a.a.O., S. 13ff

43 Das Rationalverhalten der Akteure in der Ökonomischen Theorie der Politik von Downs wird im Punkt 5.3 nochmals eingehend erläutert.

44 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 6

45 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 6, vgl. LEHNER, a.a.O., S. 13; vgl. FREY, a.a.O., S. 307

46 vgl. ebd., S. 307

47 vgl. ebd., S. 307

48 vgl. ebd., S. 308

49 1968 wurde das Werk ins Deutsche übersetzt und ist unter dem Titel „Ökonomische Theorie der Politik “ erschienen. Der Deutsche Titel wird im folgenden weiter verwendet.

50 vgl. DOWNS, ANTHONY (1957): An Economic Theory of Democracy. New York. S. 3

51 vgl. BEHRENDS, a.a.O., S. 29

52 vgl. ebd., S. 29

53 zu den Parteien- und Wählermotivationen vgl. Punkt 6 der vorliegenden Arbeit

54 vgl. DOWNS 1957, a.a.O., S. 29; DOWNS zitiert aus SCHUMPETERS Werk “ Capitalism, Socialism, and Democracy ” folgende Passage: “ Similarly, the social meaning or function of parliamentary activity is no doubt to turn out legislation and, in part, administrative measures. But in order to understand how democratic politics serve this social end, we must start from the competitive struggle for power and office and realize that the social function is fulfilled, as it were, incidentally - in the same sense as production is incidental to the making of profits. ” (siehe hierzu SCHUMPETER (1950): Capitalism, Socialism, and Democracy, New York, S. 282) DOWNS fügt dieser Betrachtung bestätigend hinzu: “ This brilliant insight summarizes our whole approach to the functioning of government. ”

55 vgl. SCHMIDT, MANFRED G. (2000, 3. überarb. u. erw. Aufl.): Demokratietheorien. Opladen. S. 212

56 vgl. Downs 1957, a.a.O., S. 24

57 vgl. LEHNER, a.a.O., S. 21

58 vgl. hierzu Punkt 5 und 6 der vorliegenden Arbeit.

59 vgl. DOWNS, ANTHONY (1968): Ökonomische Theorie der Politik. Tübingen. S. IX

60 vgl. DOWNS 1957, a.a.O., S. 23f

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Ökonomische Theorie der Demokratie
Untertitel
Neue Politische Ökonomie - Anthony Downs
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften)
Veranstaltung
Politik und Wirtschaft. Ältere und Neuere Theorien
Note
1,0
Autoren
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V142429
ISBN (eBook)
9783640516131
ISBN (Buch)
9783640516025
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Anthony Downs, Ökonomische Theorie der Demokratie, Ökonomische Theorie, Neue Politische Ökonomie
Arbeit zitieren
Alois Maichel (Autor)Georg Echter (Autor), 2004, Die Ökonomische Theorie der Demokratie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142429

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