Den Anstoß für die Auseinandersetzung mit dem Thema Sprachentwicklungsstörungen bzw. -verzögerungen lieferten mehrere Ereignisse: Zum einen lernte ich in meinem Praktikum Kinder mit sehr schwankenden Sprachniveaus kennen. Hier fiel mir auch Bernd auf. Seine Äußerungen waren anfangs nur schwer zu verstehen und schwer nachzuvollziehen.
Aufgrund dieser Erfahrungen stellte sich für mich die Frage, wie Sprachentwicklung normalerweise verläuft und wann abgrenzend von einer Verzögerung oder Sprachentwicklungsstörung gesprochen und wie man heilpädagogisch die Sprachentwicklung fördern kann. Durch Bernds offene Art mir gegenüber fiel der Erstkontakt mit ihm leicht.
Da ich mich für Sprachentwicklung interessiere und Bernd alleine schon wegen seiner Sprachentwicklungsverzögerung sich von der Gruppe isolierte, beobachtete ich ihn genauer und spielte auf seinen Wunsch auch mit. Während meiner Beobachtungszeit fielen mir bei Bernd in vielen Bereichen Entwicklungsrückstände auf. Ich beschäftigte mich deshalb intensiv auch mit dem Thema Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren, um zu erfahren, auf welcher Entwicklungsstufe Bernd steht und wann von einer Entwicklungsverzögerung gesprochen wird. Des Weiteren beschäftigte ich mich in dieser Arbeit mit dem Thema Wahrnehmungsstörungen, da ich bei Bernd eine Störung in der Serialität beobachten konnte und die Wahrnehmungsstörungen im Zusammenhang mit den beiden vorher genannten Themen stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rahmenbedingungen
2.1 Konzeption
2.2 Kooperation und Kommunikation zwischen mir und dem Team
3. Vorstellung des Kindes
3.1 Steckbrief
3.2 Verhalten in der Einrichtung
3.3 Behandlungsanlass
4. Diagnostik
4.1 Einleitung
4.2 Ergebnisse der Spielbeobachtung und der Verhaltensbeobachtung
4.3 Sprache/Kommunikation
4.4 Grobmotorik
4.5 Feinmotorik
4.6 Wahrnehmung der Raumlage
4.7 Kognition
4.8 Mnestische Funktionen (Aufmerksamkeit und Leistungsmotivation)
4.9 Kurzdiagnostik einer Frühförderstelle
5. Hypothesen
5.1 Intermodalitätsstufe
5.2 Sprache und Sozialverhalten
5.3 Erziehungsstil und Bindungsverhalten
6. Theoretische Erklärungsmodelle
6.1 Entwicklungspsychologische Grundlagen nach Piaget
6.1.1 Einleitung
6.1.2 Piagets Stadien der kognitiven Entwicklung
6.2 Entwicklungsverzögerungen
6.3 Erziehungsstil und Bindungsverhalten
6.3.1 Permissiver Erziehungsstil
6.3.2 Bindungsverhalten
6.4 Wahrnehmung
6.4.1 Integration und Störung der Sinne
6.4.2 Wahrnehmung der Serialität
6.4.3 Störungen in der serialen Entwicklung
6.5 Die normale Sprachentwicklung
6.5.1 Einführung
6.5.2 Sprachaufbau und Sprachablauf nach Catherine Krimm-von Fischer
6.5.3 Störungen der Sprachentwicklung
7. Modifizierte heilpädagogische Entwicklungsförderung
7.1 Begründung der Methodenauswahl
7.2 Zieldefinition
7.3 Ziel-Änderungen im Verlauf der Förderung
8. Behandlungsverlauf
8.1 Äußere Rahmenbedingungen
8.2 Die Beziehung
8.3 Schwerpunkte im Verlauf der HPE
8.3.1 Einleitung
8.3.2 Förderung von Bernds Rollenspiels
8.3.3 Förderung des Perspektivenwechsels und Förderung der Serialität anhand von Bilderbüchern, Spielen und des Einsatzes von Rhythmikmaterial
8.3.4 Abschied
8.3.5 Situation am Ende
9. Bezugspersonen, abschließende Vereinbarungen, Kontakte zu anderen Fachdisziplinen
9.1 Zusammenarbeit mit der Logopädin
9.2 Zusammenarbeit mit den Eltern
10. Fachliches Fazit
10.1 Einleitung
10.2 Die Rahmenbedingungen
10.3 Die Serialitätsstörung
10.4 Elternarbeit
11. Persönliches Fazit
12. Anhang
12.1 Literaturhinweise
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die heilpädagogische Entwicklungsförderung eines 5-jährigen entwicklungsverzögerten Jungen mit Wahrnehmungs- und Sprachstörungen, um durch gezielte Interventionen im Spiel und in der Elternarbeit die Gesamtentwicklung sowie das Bindungsverhalten des Kindes positiv zu beeinflussen.
- Heilpädagogische Entwicklungsförderung bei Sprachentwicklungsstörungen
- Förderung der Serialitätswahrnehmung und Handlungsplanung
- Die Bedeutung von Bindungsverhalten und Erziehungsstilen für den Entwicklungserfolg
- Systematische Zusammenarbeit mit Eltern, Logopäden und pädagogischem Fachpersonal
Auszug aus dem Buch
8.3.3 Förderung des Perspektivenwechsels und Förderung der Serialität anhand von Bilderbüchern, Spielen und des Einsatzes von Rhythmikmaterial
Der größte Schwerpunkt meiner Arbeit mit Bernd war die Förderung der Serialität. Als Material nutzte ich am Anfang die Bilderbücher. Zu Beginn suchte ich Bilderbücher ohne Texte heraus. Mein Ziel hierbei war es, dass er Zusammenhänge in den Bildern erkennt, kleine Handlungsabläufe sowie zeitliche Abläufe kennenlernt und dass sein Wortschatz erweitert wird.
Bernd sollte mir erzählen, was er auf einem von ihm herausgesuchten Bild spontan erkennt. Meist nannte er Gefahren in Bildern, für die er besonderes Interesse zeigte. Auf Fragen antwortete er in Zwei- bis Dreiwortsätzen. Seine Verweildauer beim betrachten des Bilderbuches war nur kurz, er blätterte schnell weiter und suchte nach neuen Reizen. In den Büchern erkannte er kleine Zusammenhänge, wie z.B. Bagger <-> Haus-bauen.
Um Bernd mehr Motivation und Ausdauer abzuverlangen, schlug ich im Zusammenhang mit dem Bilderbuch das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ vor. Immer, wenn ich an der Reihe war, konnte Bernd, wenn er genug Aufmerksamkeit aufbrachte, das gesuchte Objekt im Bild finden. War er unaufmerksam, dann zeigte er mir irgendein anderes Objekt. Wenn Bernd an der Reihe war, konnte er sich anscheinend noch nicht in die Lage einer anderen Person versetzten kann, d. h. der Perspektivenwechsel gelang ihm noch nicht.
Den Perspektivenwechsel förderte ich daher in den nächsten beiden Stunden. Ich versuchte, das Spiel in den Bilderbüchern weiterhin anzubieten, merkte aber rasch, dass er überfordert war. Nach Absprache mit der Lehrerin ließ ich das Spiel erst einmal aus. In den nächsten Stunden betrachteten wir weiterhin das Bilderbuch. Bernd erzählte nun mehr, benannte weiterhin Gefahren in den Bildern. In einer Bildergeschichte identifizierte er sich mit einer kämpfenden Figur. Er übertrug Eindrücke aus der Wirklichkeit auf das Bild im Bilderbuch. Er spielte anhand des Bildes eine kurze Handlung durch, z. B.: Kinder kämpfen, Kinder tot, Polizist kommt. Anhand der Bilder war er in der Lage, kleine zeitliche Abläufe und Zusammenhänge zu erkennen. Mitte November wollte Bernd das Versteckspiel noch mal spielen. Ich spielte das Spiel mit ihm in einem Raum. Hier war es ihm das erste Mal möglich, sich in meine Lage zu versetzen. Das Spiel wurde mehrmals wiederholt. Hier reflektierte ich seine Gefühle und Bernd freute sich, dass er für sein Können eine Rückmeldung bekam.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die persönliche Motivation der Autorin und die Relevanz von Sprachentwicklungsstörungen für die kindliche Gesamtentwicklung.
2. Rahmenbedingungen: Erläutert die institutionellen Gegebenheiten des Kindergartens und die Zusammenarbeit im Team.
3. Vorstellung des Kindes: Detaillierte Anamnese und Beobachtungsdaten des Einzelförderkindes Bernd sowie der Behandlungsanlass.
4. Diagnostik: Dokumentiert den aktuellen Entwicklungsstand in verschiedenen Bereichen wie Motorik, Wahrnehmung und Kognition.
5. Hypothesen: Formuliert fachliche Vermutungen zu den Ursachen der Entwicklungsverzögerungen, insbesondere in Bezug auf Serialität und Bindung.
6. Theoretische Erklärungsmodelle: Bietet eine wissenschaftliche Fundierung durch Bezugnahme auf Piaget, Bindungstheorien und sprachpsychologische Konzepte.
7. Modifizierte heilpädagogische Entwicklungsförderung: Begründet die Wahl der therapeutischen Methode und definiert die angestrebten Förderziele.
8. Behandlungsverlauf: Detaillierte Schilderung der Förderstunden, der inhaltlichen Schwerpunkte und der beobachteten Fortschritte.
9. Bezugspersonen, abschließende Vereinbarungen, Kontakte zu anderen Fachdisziplinen: Beschreibt die kooperative Arbeit mit Eltern und Logopädie.
10. Fachliches Fazit: Resümiert die Wirksamkeit der Förderung und diskutiert die pädagogische Einschätzung für die weitere Schullaufbahn.
11. Persönliches Fazit: Reflektion der Autorin über ihre professionelle Entwicklung und die praktischen Herausforderungen der heilpädagogischen Arbeit.
12. Anhang: Listet die verwendeten Literaturquellen und weitere Informationsmaterialien auf.
Schlüsselwörter
Heilpädagogische Entwicklungsförderung, Sprachentwicklungsstörung, Seriale Wahrnehmung, Kindliche Entwicklung, Spieltherapie, Bindungsverhalten, Elternarbeit, Förderziele, Frühförderung, Diagnostik, Handlungsabläufe, Perspektivenwechsel, Feinmotorik, Frühförderstelle, Dysgrammatismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Facharbeit grundsätzlich?
Die Arbeit dokumentiert die einjährige heilpädagogische Einzelförderung eines 5-jährigen Kindes, bei dem deutliche Sprachentwicklungsverzögerungen und Störungen in der serialen Wahrnehmung festgestellt wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Sprachentwicklung, das Spielverhalten, die auditive und visuelle Wahrnehmung, die kindliche Bindung zur Mutter sowie die Beratung der Eltern im Rahmen der heilpädagogischen Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, den Förderprozess des Kindes durch eine modifizierte spieltherapeutische Methode zu evaluieren und herauszufinden, wie durch gezielte Förderung von Handlungsabläufen die Selbstsicherheit und die Sprachentwicklung des Kindes verbessert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt einen Ansatz, der eine Mischung aus der klientenzentrierten Spieltherapie nach Axline und der heilpädagogischen Entwicklungsförderung (HPE) darstellt, ergänzt um Elemente der Rhythmik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Diagnostik, die Hypothesenbildung, die theoretischen Grundlagen der Entwicklungspsychologie (nach Piaget und Affolter) sowie die detaillierte Darstellung des Behandlungsverlaufs und der Zusammenarbeit mit den Bezugspersonen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Heilpädagogische Entwicklungsförderung, Sprachentwicklungsstörung, Seriale Wahrnehmung, Bindungsverhalten und Elternarbeit.
Warum ist die Serialitätsstörung für Bernd so problematisch?
Da eine Störung der Serialität die Verarbeitung von zeitlichen und räumlichen Abläufen erschwert, hat das Kind große Schwierigkeiten, Handlungsketten zu planen, Sätze korrekt zu bilden oder Anweisungen in der richtigen Reihenfolge umzusetzen.
Wie hat sich die Arbeit der Autorin auf die Elternarbeit ausgewirkt?
Durch die professionelle Begleitung und Aufklärung entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zur Mutter. Dies führte dazu, dass sie offener für neue Erziehungsstrategien wurde und eine reflektiertere Haltung gegenüber der empfohlenen sonderpädagogischen Unterstützung einnahm.
Inwiefern beeinflusst das Bindungsverhalten den Förderverlauf?
Das unsicher-ambivalente Bindungsverhalten des Kindes führte anfangs zu starkem Trennungsprotest und Blockaden beim Spielbeginn; durch die stabilisierende Beziehung zur Förderin konnte das Kind jedoch nach und nach Vertrauen fassen und sich im Spiel öffnen.
- Citar trabajo
- Diana Saft (Autor), 2008, Modifzierte heilpädagogische Entwicklungsförderung. Ein 5 jähriger entwicklungsverzögerter Junge mit serialen Wahrnehmungsstörungen und einer Sprachenwicklungsstörung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142475