Substanzauffassung und Relativität der Zeit

Reichenbachs Philosophie der Raum-Zeit-Lehre


Seminararbeit, 2007
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Vom Wesen der Zeit — Ein Steckbrief
2.1) Absolute Zeit — Relativität der Zeit
2.2) Die Voraussetzungen ftir die Zeitmessung
2.3) Die Zeitpfeile
2.4) Zeitliche Relationen

3) Fazit

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

„Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiB ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiB ich es nicht;...".[1]

Schon vor etwa 1600 Jahren hat Aurelius Augustinus unser Problem mit dem Phänomen „Zeit" recht präzise auf den Punkt gebracht: Es handelt sich hierbei um etwas, das wir alle kennen, erleben, das uns alle betrifft und beeinflusst — Bemiihungen, dieses Phänomen zu beschreiben aber enden in aller Regel in mehr oder weniger komplizierten Theorien, welche immer noch nicht die gewiinschte Antwort auf die Frage „Was ist Zeit?" zu geben vermögen. Die Frage nach dem Wesen der Zeit lässt sich ganz offensichtlich nicht so leicht beantworten wie die Frage nach dem Wesen irgendeines anderen beliebigen Gegenstandes.

Das Problem lässt sich dabei recht präzise verorten: Der Versuch, „Zeit" greifbar erklären zu wollen, bringt unser Anschauungsvermögen schnell an seine Grenzen. Anschaulich vorstellen können wir uns nur Dinge, die in irgendeiner Weise unsere Sinne ansprechen — die wir sehen, riechen, fiihlen, schmecken oder ertasten können. Dennoch kommen wir nach kurzer 1Dberlegung zu dem Schluss, dass „ Zeit" existieren muss.

Eine Antwort auf die Frage, was Zeit ist, wird diese Seminararbeit sicher auch nicht geben können. Die Methoden der modernen Physik haben sich in der Vergangenheit als iiberaus tauglich, ja sogar unumgänglich erwiesen bei der Beschäftigung mit diesem Thema. Relativitätstheorie und Quantentheorie konnten schon viel Erstaunliches zutage fördern und viele Unklarheiten beseitigen. Aus diesen Einsichten ergaben sich etliche neue Zeitbegriffe. So musste beispielsweise die Vorstellung einer absoluten Zeit aufgegeben werden, die urspriingliche Substanzauffasung der Zeit erwies sich als fragwiirdig und der relationale Aspekt der Zeit kam ins Spiel.

Daher soll nicht der Versuch einer Antwort auf die Frage „Was ist Zeit?" hier im Mittelpunkt stehen, sondern mehr die unterschiedlichen Zeitbegriffe und die Zeit als Relation.

2) Vom Wesen der Zeit: Ein Steckbrief

2.1) Absolute Zeit — Relativität der Zeit

Schon bei Aristoteles (384 — 322 v. Chr.) finden wir die Vorstellung einer Zeit, die völlig unabhängig und getrennt vom Raum existiert. Das Verrinnen der Zeit geschieht hier unbeeinflusst, gleichsam aus dem Kontinuum von Raum und Zeit heraus gelöst. Zeit vergeht überall und fir alle Objekte gleich.

Noch bei Isaac Newton (1643 — 1727) stollen wir auf dieses absolute Zeitverständnis. In seiner 1687 veröffentlichten „Principia Mathematica" definiert Newton Zeit folgendermaBen: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verflieSt an sich und vermöge ihrer Natur und ohne Beziehung auf äuBere Gegenstände." Mit anderen Worten: Die Zeit ist nur von sich selbst abhängig, und bedarf zu ihrer Existenz des Raumes nicht. Sie ist real existent ist und nicht nur eine Beschreibung fir die menschliche Wahrnehmung der Welt. Nach Newtons Definition existiert Zeit auch ohne Objekte und räumliche Veränderungen. Sie wird hier zu einer ewigen, immer konstanten GröBe.

Dieser Auffassung einer globalen, absoluten Zeit steht die Relativitätstheorie gegentiber.

Entscheidend war hier die Entdeckung, dass das Licht sich eben nicht instantan ausbreitet, wie noch von Newton vermutet. Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit und die Tatsache, dass sie in jedem System konstant bleibt, sorgten fir eine grundlegende Anderung des Verständnisses von „Zeit".

Es wurde klar, dass es sich bei der Zeit um keine ubergeordnete, vom Raum unabhängige Kraft handelte, sondern dass sie vielmehr untrennbar an ihn gekoppelt ist. Wenn wir uns mit Zeit beschäftigen, so können wir das nicht tun, ohne uns auf den Raum zu beziehen. Räumliche Veränderungen sind unsere Indikatoren fir das Verstreichen von Zeit, gleichzeitig ist — auf der Ebene unseres alltäglichen Zeitempfindens — Zeit grundsätzlich ein Faktor zur Ordnung der Veränderungen im Raum. An dieser Wechselbeziehung wird deutlich, dass Zeit und Raum nicht voneinander zu trennen sind.

AuBerdem stieB man unter anderem auf das Phänomen der Zeitdilatation (lat. d ilatare - ausdehnen), man entdeckte also, dass Teilchen, die sich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, langsamer altern als Teilchen, die mit geringeren Geschwindigkeiten unterwegs sind.

„Zeit", ihr Verstreichen und ihre Geschwindigkeit sind also keineswegs fir alle Beobachter gleich. Je nachdem, wie schnell sich das jeweilige Beobachtersystem bewegt, verändert sich auch der Zeitablauf. Auch groBe Massen beeinflussen die Raum- Zeit in dem sie Kriimmungen in diesem Kontinuum hervorrufen und auch damit die Zeit „anders vergehen lassen". Die Vorstellung, dass überall auf der Welt (und im Universum natiirlich auch) in allen Systemen die Zeit gleich verläuft, verliert also ihren Sinn. Freilich spielen sich fir uns im Alltag diese Veränderungen in kaum wahrnehmbaren GröBenordnungen ab — dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Auffassung von einer absoluten Zeit zugunsten einer relativistischen Betrachtungsweise aufgegeben werden musste.

Zum Schluss sei noch darauf hingewiesen, dass die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit auch unseren Blick auf unsere Umgebung beeinflusst. Da das Licht immer eine gewisse Zeit benötigt, um vom jeweiligen Objekt in unser Auge zu gelangen, kann man kaum behaupten, dass wir die Dinge jemals so sehen, wie sie in gerade diesem einen Moment sind — wir sehen sie immer mit einer winzigen Zeitverzögerung. In gewisser Weise werfen wir also permanent Blicke in die Vergangenheit. Auf alltaglicher Ebene erscheint dies trivial, jedoch macht sich dieses Phanomen schon starker bemerkbar, wenn wir den Mond betrachten. Hier benötigt das Licht schon eine Sekunde, um uns zu erreichen. Bei der Sonne sind es etwa acht Minuten und das Licht der Andromeda-Galaxie gelangt erst nach 2,2 Millionen Jahren zu uns. In diesem Zusammenhang wird auch klar, weshalb der Begriff der Gleichzeitigkeit mit der Relativitatstheorie seinen Sinn verliert.

2.2) Die Voraussetzungen für die Zeitmessung

Wenn wir die Zeit messen, so bedienen wir uns dabei periodischer Prozesse. Das Zahlen von Perioden stellt die einfachste und alteste Methode zur Messung von Zeit dar. Wir gehen hier einfach davon aus, dass bestimmte Vorgange in immer gleich langen Zeiteinheiten ablaufen.[2] Dabei wird ganz deutlich, dass wir nicht die Zeit an sich als Substanz messen, sondern nur mittels eines Vorgangs den Zeitablauf wahrnehmen. Hans Reichenbach sieht hier ein ahnliches Problem wie beim Vergleich von Strecken in Entfernung: Wir können nicht erkennen, ob zwei Perioden, die nacheinander passieren, gleich lang sind. Wir müssen es definieren.[3] Um überhaupt in der Lage zu sein, entfernte Zeitstrecken miteinander vergleichen zu können, müssen wir also eine Zuordnungsdefiniton durchführen, wobei diese Zuordnungsdefinition Bezug nimmt auf etwas Reales, beispielsweise die Erdrotation.

Ebenfalls definieren müssen wir selbstverstandlich die Zeiteinheit — wir müssen den Zeitstrecken Zahlenwerte zuordnen. Und schlieBlich müssen wir noch eine letzte Zuordnungsdefinition durchführen beim Vergleich von Zeitstrecken, die an verschiedenen Raumpunkten parallel ablaufen. Auch hier haben wir im Prinzip das gleiche Problem wie beim Langenvergleich des Raumes: Wenn wir zwei Strecken direkt nebeneinander legen, können wir ohne weiteres sagen, ob sie gleich lang sind oder nicht. Befindet sich eine der beiden Strecken aber beispielsweise in Kapstadt und die andere in München, wird ein Vergleich ohne Zuordnungsdefinition unmöglich.

[...]


[1] Otto F. Lachmann (1Dbersetzer): Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus. Leipzig, 1888

[2] Hans Reichenbach: Philosophie der Raum-Zeit-Lehre. Berlin, Leipzig 1928, §17

[3] Ebenda

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Substanzauffassung und Relativität der Zeit
Untertitel
Reichenbachs Philosophie der Raum-Zeit-Lehre
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Reichenbachs Philosophie der Raum-Zeit-Lehre
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V142600
ISBN (eBook)
9783640518470
ISBN (Buch)
9783640518692
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Substanzauffassung, Relativität, Zeit, Reichenbachs, Philosophie, Raum-Zeit-Lehre
Arbeit zitieren
Christine Numrich (Autor), 2007, Substanzauffassung und Relativität der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142600

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