Glück und Tugend bei Aristoteles


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

01) Einleitung: Aristoteles als historische Person

Die Nikomachische Ethik gehort zweifelsohne zu den wichtigsten Werken des Aristoteles und zahlt mit der Metaphysik zu seinen umfangreichsten Schriften. Die darin entwickelte Glucksdefinition soil hier in der Hauptsache erlautert werden, um im Anschluss noch kurz auf die ethischen, bzw. dianoetischen Tugenden einzugehen und diese in ihren Unterschieden darzulegen.

Aristoteles selbst wird 384 v. Chr. Auf Chalkidike als Sohn des Nikomachus (seinerzeit Leibarzt des Konigs Amyntas III. von Makedonien) geboren. Im Alter von 17 Jahren tritt er 367 Platons Akademie in Athen bei, wo er 20 Jahre lang (bis zum Tod Platons 347) bleibt. Ab 343 fungierte Aristoteles als Lehrer Alexander des Grofien in Mazedonien, bis er 335/334 nach Athen zuruckkehrt, wo er am Lykeion lehrte und forschte.

Aufgrund der anti-makedonischen Stimmung sah er sich 323 gezwungen, die griechische Hauptstadt wieder zu verlassen und sich in Chalkis niederzulassen, wo er 322 schliefilich starb.

Sein Werk lasst sich zunachst einmal in zwei Gruppen einteilen: die exoterischen und die esoterischen Schriften. Von diesen beiden sind in der Hauptsache die letzteren uberliefert, die ursprunglich fur Lehrzwecke bestimmt gewesen waren. Von den an die Offentlichkeit gerichteten exoterischen Schriften sind wenn uberhaupt nur noch Fragmente erhalten. Insgesamt ist etwa ein Viertel des gesamten Lebenswerkes Aristoteles' uberliefert.

In dem, was uns bleibt, finden sich einige Unstimmigkeiten und Einschnitte. Oft finden sich Perspektivenwechsel, Neusetzungen des Schwerpunktes und Inkonsequenzen. Mit anderen Worten: Wir konnen kaum von einem in sich geschlossenen System, das von Anfang an durchgeplant war, sprechen. Das Werk Aristoteles' kann ganz sicher nicht als ein im voraus von vorne bis hinten durchdachtes System betrachtet werden, sondern vielmehr als ein Spiegel seiner eigenen philosophischen Entwicklung. Zu beachten ist an dieser Stelle, dass es der Aristoteles-Forschung bislang noch nicht gelungen ist, eine sichere Chronologie der Schriften aufzustellen, weshalb Aussagen uber die Entstehung und den Verlauf seines Werkes lediglich rein spekulativ sein konnen. In lateinischer Ubersetzung liegen die Schriften etwa seit dem 12./13. Jahrhundert vor - mit nicht geringer Bedeutung fur die Scholastik. Der Einfluss Aristoteles' ist bis weit in die Fruhe Neuzeit spurbar.

Thematisch deckt sein Werk ein weites Feld ab: Logik, Physik, Naturlehre, Metaphysik, Staatslehre, Ethik, um nur die wichtigsten zu nennen. Dabei teilt er selbst seine Forschungen in der Bereiche ein:

- die theoretische
- die praktische
- die poietische Wissenschaft

Das theoretische Wissen wird dabei seiner Meinung nach nur um seiner selbst Willen erstrebt, wahrend die anderen beiden Kategorien noch einen weiteren Zweck verfolgen (beispielsweise eine Handlung und ein Werk).

Im weiteren unterteilt Aristoteles das theoretische Wissen in die Disziplinen der Metaphysik (die Erste Philosophie), die sich mit den Dingen beschaftigt, die unveranderlich und unabhangig sind, die Naturwissenschaften, der es um das Unabhangige und Veranderliche geht und letztlich die Mathematik, deren Untersuchungsgegenstand das Abhangige und Unveranderliche ist.

01.1 Die Nikomachische Ethik

In seinen Ausfuhrungen zur Ethik geht es Aristoteles hauptsachlich darum, wie ein gutes Leben zu leben ist. In enger Verbindung dazu steht seine politische Lehre, mit dem Staat als die Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die am ehesten dazu geeignet ist, ein vollkommenes Leben zu garantieren.

Um in etwa bestimmen zu konnen, welches Verhalten und welche Eigenschaften denn nun zu einem guten Leben fuhren, nimmt Aristoteles sich allgemein fur gultig erachtete Meinungen (endoxa) vor, pruft und analysiert sie, um so dann theoretisches Wissen uber ethisch vollkommenes Verhalten daraus ableiten zu konnen.

Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Begriffe des Gluckes (eudaimonia) und der Tugend (arete). Diese sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden. Beginnen wir mit dem Gluck.

02 Aristoteles' Glflcksdefinition

Zunachst einmal postuliert Aristoteles, dass das Gluck Ziel aller Handlungen sein sollte im Hinblick auf ein ideales Leben. Alle Menschen erstreben in dem, was sie tun, ein bestimmtes Gut, alle Taten haben etwas zum Ziel, etwas, das uns gut und erstrebenswert erscheint. Diese Guter teilt Aristoteles zunachst einmal in drei Kategorien ein: korperliche, aufiere und seelische Guter. Zu den korperlichen Gutern zahlen zum Beispiel Gesundheit und Schonheit, zu den aufieren Dinge wie Reichtum und Besitz. Seelische Guter schliefilich sind die Tugenden.

Wichtig dabei ist, dass wir unterscheiden zwischenjenen Gutern, die wir um ihrer selbst willen wollen undjenen, die uns Mittel zum Zweck sind. Desweiteren stellt er fest, dass alles Streben auch zu einem Ende kommen muss und nicht unendlich fortlaufen kann. Daher - so sein Schluss - muss es ein hochstes Gut geben, und dieses kann nur von der Art sein, dass wir es um seiner selbst willen erstreben (ware es nur Mittel, kame nach ihmja noch etwas, das uns erstrebenswert scheint, und es konnte nicht das oberste aller Guter sein) und es fur sich selbst existieren kann, ohne einfach nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem anderen Gut zu sein.

Genau dieses Gut ist es, was Aristoteles als eudaimonia - Gluck - bezeichnet, und was fur ihn das Ziel ist, welches wir in unserem Leben zu erlangen versuchen sollten[1]. Gluckseligkeit sei ,,das vollkommene und selbstgenugsame Gut und das Endziel des Handelns."[2], und er identifiziert sie als eine seelische Grofie, die dabei aber durchaus abhangt von weiteren - aufieren und korperlichen - Gutern.

Der nachste Schritt besteht nun darin, zu ergrunden, was denn eigentlich das Gluck fur den Menschen ist - immerhin soll esja das Endziel all unserer Handlungen sein. Wichtig hierbei ist es, zu beachten, dass es nach Aristoteles nur im Bereich der theoretischen Wissenschaften (s.o.) ein Hochstmafi an Genauigkeit geben kann, welches man bei den praktischen Wissenschaften - und hierzu zahlt er auch die Ethik - niemals finden wird. Das heifit also, dassjedes Ergebnis seiner Untersuchungen zur Ethik nur im Regelfall gultig ist, es handelt sich dabei um nicht allgemein gultige Satze, sondern vielmehr um eine Art Richtlinien. Aristoteles betont, dass es sich hier nur um nicht-exaktes Wissen handeln kann, welches kaum dazu in der Lage ist, universelle Gesetzmafiigkeiten zu liefern. Nur das Wissen um ethische Grundsatze allein vermag noch nicht zu einem guten Leben zu verhelfen[3].

Als Ausgangspunkt zur Beantwortung der Frage danach, was das Gluck als hochstes Gut denn nun eigentlich sei, dient Aristoteles die spezifische Eigenschaft des Menschen, die ihn von anderen Lebewesen unterscheidet: sein logos, seine Vernunft, sein Verstand. Er teilt nun die Seele des Menschen in zwei Teile, in einen Teil, der letztendlich das Wesen des Menschen ausmacht, da er die Fahigkeit zur Vernunft besitzt und in einen gleichsam animalischen, der von Emotionen bestimmt wird, sich aber von der Klugheit (phronesis) lenken lasst, die wiederum der Vernunft zugeordnet wird. Hier wird die besondere Rolle der Klugheit deutlich, die quasi zwischen den beiden Seelenteilen vermittelt und so von zentraler Bedeutung ist fur die Ausbildung allen tugendhaften Verhaltens. Die Klugheit ist sozusagen direkt mit dem Handeln verbunden, und erst sie ermoglicht es uns, in denjeweiligen Situationen die Entscheidung zu treffen, die hinsichtlich des guten Lebens die richtige ist.

Diesen logos nun zu benutzen (und nicht nur zu besitzen), scheint Aristoteles der Schlussel zum Gluck als oberstem Gut des Menschen zu sein, es ist eine ,,Tatigkeit der Seele gemafi der Gutheit (kat' areten), und wenn es mehrere Arten der Gutheit gibt, im Sinn derjenigen, welche die beste und am meisten ein abschliefiendes Ziel (teleios) ist. Hinzufugen mussen wir noch: ,in einem ganzen Leben'. Denn eine Schwalbe macht noch keinen Fruhling, auch nicht ein Tag. So macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit keinen selig (makarios) und glucklich (eudaimon).u[4]. Er differenziert also noch weiter - weder der alleinige Besitz, noch der reine Gebrauch der Vernunft verhilft zum Gluck, nein - wir mussen unseren Verstand gemafi der arete benutzen, also im Hinblick auf die grofitmoglichste Tugendhaftigkeit, und das auch noch unser Leben lang.

Wir sehen also: In Aristoteles' Verstandnis ist Gluck kein statischer Zustand. Es ist die Tatigkeit im Sinne des Tatig-Seins, also das aktive Handeln, der aktive Gebrauch der Vernunft, was wiederum zu Tugendhaftigkeit fuhrt.

Was aber sind nun Tugenden? 03 Aristoteles' Tugenden Zunachst einmal ist eine Tugend ein seelisches Gut, eine Haltung (hexis), die sich dadurch 4 1098a17-19

[...]


[1] Vgl. Nikomachische Ethik, I 1

[2] 1097b20

[3] 1094bl2-23

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Glück und Tugend bei Aristoteles
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
"Aristoteles´ Nikomachische Ethik"
Note
2.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V142601
ISBN (eBook)
9783640523139
ISBN (Buch)
9783640522408
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glück, Tugend, Aristoteles
Arbeit zitieren
Christine Numrich (Autor), 2009, Glück und Tugend bei Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142601

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