Wittgenstein und das Fremdpsychische

Ein kriteriologischer Ansatz?


Seminararbeit, 2008

11 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

01: Einleitung

02: Wittgenstein und das Problem des Fremdpsychischen – ein kriteriologischer Ansatz?

03: Wittgensteins Lösung: Der Einstellungsansatz

04: Fazit

Literaturverzeichnis

01: Einleitung

Wie können wir wissen, was ein anderer Mensch fühlt – oder ob er überhaupt fühlt?

Sowohl in der Erkenntnistheorie, als auch auf dem Gebiet der Philosophie des Geistes spielt der Begriff des Fremdpsychischen eine große Rolle. Dabei geht es nicht nur um die oben schon gestellte Frage an sich, sondern von erkenntnistheoretischer Seite auch darum, inwieweit die inneren Erlebnisse anderer Personen Gegenstand empirischer Forschung sein können, da es unmöglich ist, sie jemals unmittelbar zu verifizieren[1] Unter welchen Umständen können unsere Erkenntnisse diesbezüglich als verlässlich bezeichnet werden? Welche Kriterien können wir dazu heranziehen? Wann wissen wir, ob unsere Erkenntnis wahr und gerechtfertigt ist? Die konsequente Folge dieser Haltung ist die Einsicht, dass Fremdpsychisches generell nicht zu erkennen ist, wie beispielsweise der erkenntnistheoretische Solipsismus (von lat. solus allein und ipse selbst: nur ich selbst oder das Selbst allein) behauptet. Radikalere Richtungen wie der ontologische Solipsismus vertreten sogar die Ansicht, dass es so etwas wie fremdes Bewusstsein gar nicht gebe. Nur das eigene Ich sei wirklich, die Außenwelt und andere fremde "Ichs" werden hier zu Bewusstseinsinhalten ohne eigene Existenz. Auch der philosophische Behaviorismus ist durch einen Verifikationismus gekennzeichnet, nach dem es schlicht sinnlos ist, unüberprüfbare Aussagen zu machen – was eben auch auf Aussagen über geistige Zustände zutrifft.

Die Philosophie des Geistes konzentriert sich hingegen mehr auf die Natur dieser mentalen Zustände und ihren Wirkungen und Ursachen. Neben die erkenntnistheoretischen Fragen nach der generellen Erkennbarkeit fremden Bewusstseins treten hier also sehr ontologische Fragen. Ganz besonders im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von geistiger Verfassung und körperlichem Ausdruck. Da mentale Zustände nicht mit den Mitteln der Introspektion zu beschreiben sind (es muss ja sogar bezweifelt werden, dass es überhaupt so etwas wie ein geistiges Innenleben gibt!), liegt es nahe, sie – ganz in behavioristischer Tradition – als Verhaltensbeschreibungen oder -dispositionen zu betrachten.

Ein wichtiger Punkt innerhalb dieser Diskussion ist hierbei der subjektive Erlebnisgehalt dieser mentalen Zustände, oder vereinfacht ausgedrückt: Wie fühlen sich diese für den Anderen an? Das so genannte neuronale Korrelat des Bewusstseins (also die neuronale Struktur die hinreichend für Bewusstsein ist) erlaubt uns zwar inzwischen, generell festzustellen, dass es fremde Bewusstseinszustände gibt – aber nicht, wie diese sich tatsächlich anfühlen. Hier wird die Rätselhaftigkeit des Bewusstseins deutlich: Auf der einen Seite lässt sich nicht verleugnen, dass mentale Zustände sehr wohl so etwas wie einen Inhalt haben – aber es ist völlig unklar, wie dieser Inhalt vom Gehirn produziert werden kann. Man sprich hier vom so genannten Qualiaproblem.

Auf der anderen Seite nehmen unsere Gedanken Bezug auf empirische Sachverhalte; die Konsequenz daraus ist, dass sie entweder wahr oder falsch sein können. Dies stellt uns vor das Intentionalitätsproblem: Wie ist es möglich, dass das Gehirn Gedanken mit Eigenschaften wie wahr oder falsch erzeugen kann?

All diese Aspekte sind im Laufe der Geschichte schon vielfältig diskutiert worden. Doch jeder Versuch, sich mit dem Leib-Seele-Problem auseinanderzusetzen, stieß bislang immer an irgendeinem Punkt auf gleichsam unüberwindliche Probleme – die nicht immer zuletzt auch begrifflicher Art waren. Ludwig Wittgensteins Lösung, dieses Problem als Scheinproblem zurückzuweisen, scheint unter diesen Umständen durchaus eine Option zu sein. Im Rahmen dieser Arbeit soll seine Betrachtung des Problem des Fremdpsychischen näher beleuchtet und untersucht werden, wobei als Ausgangspunkt Michel ter Harks Aufsatz „Wittgenstein und Russell über Psychologie und Fremdpsychisches“ dienen soll. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf ter Harks Behauptung liegen, dass Wittgenstein zu unrecht eine Vertretung des kriteriologischen Ansatzes zur Erklärung fremder mentaler Zustände zugeschrieben wurde. In einem ersten Schritt wird also zunächst dieses Erklärungsmodell genauer betrachtet, um anschließend ter Harks Gegenentwurf, der Einstellungsansatz, kurz zum umreißen. Abschließend sollen die Probleme des kriteriologischen Ansatzes dargelegt und – wenn möglich – seine Nachteile dem Einstellungsansatz gegenüber herausgearbeitet werden.

02: Wittgenstein und das Problem des Fremdpsychischen – ein kriteriologischer Ansatz?

Wittgensteins Antwort auf das Problem des Fremdpsychischen ist im Grunde genommen überraschend simpel: Seiner Ansicht nach handelt es sich dabei um ein Scheinproblem, welches nur durch Missverständnisse in Bezug auf den richtigen Gebrauch von Sprache entsteht. Erst die Vermischung zweier Sprachspiele erzeuge das Problem überhaupt, weshalb eine Lösung auch nicht bei der Frage, wie wir etwas über die mentalen Zustände anderer Personen wissen können, ansetzen müsse, sondern eben bei der Ordnung dieser Sprachverhältnisse. W. Lütterfels nennt diesen Sprachspieldualismus sogar einen „semantischen Cartesianismus der psychologischen Ausdrücke“[2], wobei hier aus Platzgründen auf diese Kritik nicht weiter eingegangen werden kann.

Die wichtigste Unterscheidung nach Wittgenstein ist in diesem Zusammenhang der Gebrauch von psychologischer Rede der ersten und der dritten Person. Indem er diese beiden klar voneinander abgrenzt, rüttelt Wittgenstein am traditionellen Bild des Innen und Außen der menschlichen Wahrnehmung, welches geprägt ist durch „eine induktive Verallgemeinerung“[3] in Form eines Analogiearguments: Wir stellen erstens fest, dass in unserem eigenen Fall eine Art Koppelung besteht zwischen mentalen Zuständen und körperlichem Verhalten. Darüber hinaus wissen wir, dass andere menschliche Körper und Gehirne unserem eigenen ähnlich sind. Da wir nun tagtäglich erleben, dass diese anderen Menschen sich auf vergleichbare Art und Weise gebärden, liegt es nahe, den Analogieschluss darauf zu ziehen, dass jene Verflechtung von Innen und Außen auch hier vorliegt. Wir nehmen also an – und unterliegen laut Wittgenstein hier einer irrigen Annahme -, im Bereich des Psychischen handele es sich bei Innen und Außen um generell analoge Komplexe.

[...]


[1] Siehe dazu auch: Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt, Neuauflage Hamburg 1998 oder Victor Kraft: Der Wiener Kreis, 2. Aufl. 1968, Kapitel: Physikalismus, siehe auch Gilbert Ryle: Der Begriff des Geistes, Stuttgart 1969

[2] W. Lütterfels in: E. von Savigny, O.R. Scholz (Hrsg.): "Wittgenstein über die Seele", Frankfurt 1995, S. 114

[3] M. ter Hark in: E. von Savigny, O.R. Scholz (Hrsg.): "Wittgenstein über die Seele", Frankfurt 1995, S. 87

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Wittgenstein und das Fremdpsychische
Untertitel
Ein kriteriologischer Ansatz?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
„Wissen und Kriterien“
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
11
Katalognummer
V142607
ISBN (eBook)
9783640536887
ISBN (Buch)
9783640536863
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wittgenstein, fremdpsyche, philosophie
Arbeit zitieren
Christine Numrich (Autor:in), 2008, Wittgenstein und das Fremdpsychische, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142607

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