Zum Freundschaftsbegriff in Aristoteles’ Nikomachischer Ethik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Wesen der Freundschaft

3. Die Formen der Freundschaft
3.1 Freundschaften im akzidentellen Sinn
3.2 Die Freundschaft der Guten

4. Der Freund als zweites Ich

5. Selbstliebe

6. Egoismus und Altruismus

7. Wohlwollen und Eintracht

8. Die Verwirklichung der Freundschaft

9. Die Bedeutung der Freundschaft für die eudaimonia

10. Fazit

Bibliographie

Quelle:

Literatur:

1. Einleitung

Die Behandlung des Themas Freundschaft in Aristoteles’ Nikomachischer Ethik erstreckt sich über die Bücher VIII und IX und ist somit die längste Einzelabhandlung innerhalb des Werkes. Dies zeigt die wichtige Rolle der Freundschaft im Leben eines Menschen, besonders in Hinblick auf das Erreichen der eudaimonia, des glücklichen Lebens und Endziel des menschlichen Daseins, was das zentrale Thema der Nikomachischen Ethik. Aristoteles’ Abhandlung ist zwar ausführlich, seine Argumentation ist allerdings nicht durchgehend stringent und lässt einige Frage offen. Während an manchen Stellen Argumente eingehend diskutiert und kontextualisiert werden, durchziehen andere nur andeutungsweise die Abhandlung.

Ziel dieser Arbeit ist es, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die relevanten Aspekte des Freundschaftsbegriffes klarer zu umreißen, dabei auf den Zusammenhang mit der eudaimonia einzugehen und einige Probleme, die der Text aufwirft, aufzuzeigen.

2. Das Wesen der Freundschaft

Der Begriff Freundschaft bezeichnet ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Menschen. Dieses Verhältnis muss bestimmte Kriterien aufweisen, damit man überhaupt von Freundschaft sprechen kann. Die erste Voraussetzung ist Liebe. Der Affekt der Liebe kann sich allerdings auch auf leblose Dinge richten, darum ist es notwendig hinzuzufügen, dass bei der Freundschaft die Liebe zu einem Menschen gemeint ist, was im ersten Satz bereits als Prämisse genannt wurde. Denn eine weitere Vorraussetzung für die Freundschaft ist die Gegenliebe, was bei leblosen Gegenständen nicht möglich ist. Weiteres Kriterium ist das gegenseitige Wohlwollen, das heißt, Freunde müssen sich gegenseitig Gutes wünschen. Dies muss außerdem ein „sichtbares Wohlwollen“[1] sein, es müssen sich also beide Freunde des Wohlwollens des anderen bewusst sein. Denn es gibt auch die Möglichkeit, für jemanden Wohlwollen zu verspüren, ohne dass dieser sich dessen bewusst ist, in diesem Fall kann man nicht von Freundschaft sprechen. Auf die genannten Kriterien wird später im Zusammenhang mit den verschiedenen Formen der Freundschaft noch näher eingegangen.

Aristoteles nähert sich dem Begriff der Freundschaft (philia) über den Begriff phileton an, was als „das Liebenswerte“ übersetzt wird und auch als „das Wünschenswerte“ oder „das Erstrebenswerte“ zu verstehen ist. Gemeint ist das, worauf sich die Liebe richtet, was somit Gegenstand der Freundschaft sein kann. Es gibt drei Arten von Dingen, die der Mensch erstrebt: das Gute, das Angenehme (oder auch Lustvolle) und das Nützliche. Der Affekt der Liebe kann nur von etwas Liebenswertem ausgelöst werden, also von einem der drei genannten Dinge. Da Liebe die Voraussetzung für Freundschaft ist, können nur diese Dinge Gegenstand der Freundschaft sein. Dementsprechend gibt es drei Arten von Freundschaften: Nutzenfreundschaft, Lustfreundschaft und die Freundschaft der Guten. Die Liebe wird also durch die liebenswerte Eigenschaft des Freundes als angenehm, nützlich oder trefflich ausgelöst. Zu der gegenseitigen Liebe kommt das gegenseitige Wohlwollen, man wünscht sich gegenseitig Gutes, und zwar „entsprechend dem Motive ihrer Gesinnung“[2], also in Bezug auf das, was sie aneinander lieben: das Nützliche, das Lustvolle oder das Gute.

3. Die Formen der Freundschaft

3.1 Freundschaften im akzidentellen Sinn

Eines der genannten Motive für Freundschaft ist der Nutzen. Dabei lieben die Freunde nicht das Wesen des jeweils anderen Freundes, sondern die Vorteile, die sie aufgrund der Verbindung haben. Die anfangs genannten Kriterien sind bei der Nutzenfreundschaft gegeben. Da beide Freunde aus der Verbindung Vorteile schöpfen können, also die Nützlichkeit des anderen lieben, kann man von Gegenliebe sprechen. Dieser gegenseitige Austausch ist die Vorraussetzung für die Freundschaft, da der Nutzen, den beide Freunde erstreben, das einzige Motiv der Befreundung ist, das auf beiden Seiten vorhanden sein muss, um überhaupt von Freundschaft sprechen zu können. Das andere Kriterium ist das gegenseitige Wohlwollen: Sie wünschen sich für das Gutes, was sie aneinander lieben, in diesem Fall für die Nützlichkeit. Bei Wolf wird das durch das Beispiel der Geschäftsbeziehung verdeutlicht: Der eine Geschäftspartner wünscht dem anderen ein florierendes Geschäft, allerdings deshalb, weil nur dann der Nutzen für ihn selbst gewährleistet ist[3].

Analoges gilt für die Freundschaft, die aufgrund von Lust geschlossen wird, die Freunde lieben sich wegen der Lust, die sie einander bereiten und wünschen einander die Beförderung ihres Lustvollen. Sowohl das Lustvolle als auch das Nützliche sind Eigenschaften, die dem Träger nicht an sich zukommen, sondern nur akzidentell. Sie haben keinen Wert an sich sondern nur einen relationalen Wert in Bezug auf den Freund. Ein Geschäftsmann, um das Beispiel von vorhin aufzugreifen, ist nicht an sich nützlich, sondern nur für bestimmte Menschen mit entsprechenden Interessen, für andere kann er völlig unnütz sein. Gleichermaßen kann ein gesellschaftlich gewandter Mensch für den einen lustvoll sein, für den anderen nicht. Diese Eigenschaft ist also nicht „wesensmäßig“[4], sie macht nicht den Charakter des Menschen aus.

Der Unterschied zwischen diesen Eigenschaften besteht darin, dass das Lustvolle ein Endzweck ist und das Nützliche nur ein Mittel zu einem bestimmten Zweck sein kann, wie bereits im ersten Buch der Nikomachischen Ethik erläutert wird. Die Eigenschaft, die der Freund an dem anderen liebt, wie beispielsweise die gesellschaftliche Gewandtheit, kann an sich als lustvoll angesehen und erstrebt werden, wohingegen etwas Nützliches nur in Bezug auf ein anderes Ziel nützlich sein kann. Doch auch wenn die Eigenschaft an sich als angenehm wahrgenommen wird, ist nicht der eloquente Mensch an sich lustvoll sondern nur für den, der eine entsprechende Vorliebe für diese Eigenschaft hat.

Der Charakter des Akzidentellen ist der Grund dafür, dass Freundschaften, die aufgrund von Nutzen oder Lust geschlossen werden, im Allgemeinen durch Kurzlebigkeit gekennzeichnet sind. Der Geschäftsmann beispielsweise ist nur so lange nützlich, solange sein Geschäft floriert und daraus ein Nutzen für den Freund besteht. Das Geschäft kann jederzeit an Gewinn einbüßen und gleichermaßen kann der Geschäftspartner das Interesse daran verlieren, wodurch für ihn die Verbindung keinen Nutzen mehr einbringt. Wenn die Nützlichkeit nicht mehr gegeben ist, hat die Freundschaft ein Ende, da diese der einzige Grund für die Befreundung war. Bei der Lustfreundschaft verhält es sich ähnlich. Diese Art von Freundschaft wird vor allem von Jugendlichen geschlossen, da sie gemäß ihrer Leidenschaft leben. Was diese jedoch als lustvoll empfinden, ändert sich schnell, wodurch Freundschaften schnell geschlossen, aber auch schnell wieder aufgelöst werden.

Eine Freundschaft ist beständiger, wenn das Gut, das ausgetauscht wird, von gleicher Art ist, wobei auch innerhalb der Kategorien Lust und Nutzen zu differenzieren ist. Aristoteles veranschaulicht das mit zwei Beispielen von Lustfreundschaft. Demnach ist die Freundschaft der gesellschaftlich Gewandten, die eben diese Eigenschaft aneinander lieben, beständiger als das Verhältnis eines Liebhabers und eines Geliebten, da sie „Freude aneinander oder an den gleichen Dingen haben“[5]. Man kann wohl davon ausgehen, dass man diese Eigenschaft nicht so leicht verliert und ebenso die Lust daran. Der Liebende empfängt vom Geliebten nicht die gleiche Gegengabe, der letztere erfreut mit seinem Anblick, der erste mit seiner Aufmerksamkeit für den anderen. Durch dieses Ungleichgewicht ist die Stabilität der Freundschaft umso gefährdeter.

Freundschaften, in denen nicht Lust, sondern nur Nutzen ausgetauscht wird, sind nach Aristoteles im Allgemeinen weniger beständig. In der Nutzenfreundschaft kommt es oft zu Vorwürfen, denn jeder ist dabei nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Der Freund will für seine Leistung eine Gegenleistung von gleichem oder noch höherem Nutzen, wobei Nutzen keinen feststehenden Wert hat, sondern nur einen relativen. Ferner besteht Uneinigkeit darüber, ob der Nutzen für den Empfänger der Maßstab für die Gegenleistung sein soll, oder die Leistung des Gebers, was große Diskrepanzen aufweisen kann. Bei der Lustfreundschaft kommen diese Vorwürfe hingegen selten vor, da allein durch das Zusammensein der Freunde jeder das bekommt, was er von der Freundschaft erwartet: Lust.

Das gegenseitige Wohlwollen ist eine wichtige Prämisse für die Freundschaft. Auch wenn Menschen lediglich aufgrund des Nutzens miteinander befreundet sind, heißt es nicht, dass sie sich gegenseitig ausnutzen. Wer nur sein eigenes Wohl im Sinne hat und nicht das des Freundes, „richtet sein Wohlwollen offenbar nicht auf den anderen, sondern auf sich selbst“[6] und kann daher nicht als Freund bezeichnet werden. Freundschaft wird also als gegenseitiges Geben und Nehmen verstanden, wobei beides möglichst ausgeglichen sein sollte, um die Freundschaft am Bestehen zu halten. Es handelt sich nicht um ein egoistisches, ausbeuterisches Verhältnis. Um dieses Missverständnis zu klären, betont Nussbaum, dass der Grund der Freundschaft nicht mit dem Ziel derer gleichzusetzen ist. „The two people are friends ‚through‘ or ‚on the basis‘ of these [Nützlichkeit, Lust oder Trefflichkeit], but the goal they try to achieve in action will still be some sort of mutual benefit“[7]. Das Liebenswerte ist der Grund der Befreundung, das Ziel ein beidseitiger Nutzen. Man kann also dem Freund aufgrund seiner liebenswerten Eigenschaft Gutes wünschen ohne dabei nur sein eigenes Interesse zu verfolgen.

[...]


[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik, Übersetzung von Franz Dirlmeier, Stuttgart 2003, 215f (1155b 34-1156b 8).

[2] Ebd. 216 (1156a 20-b8).

[3] Vgl. Ursula Wolf: Aristotele’s ‚Nikomachische Ethik‘, Darmstadt 2007, 216.

[4] Ebd. 218 (1156b 9-28).

[5] 223 (1158a 9-28).

[6] 254 (1167a 2-23).

[7] Martha C. Nussbaum: The Fragility of Goodness, Cambridge 1986, 355.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zum Freundschaftsbegriff in Aristoteles’ Nikomachischer Ethik
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Aristoteles – Nikomachische Ethik
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V142758
ISBN (eBook)
9783640539239
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freundschaftsbegriff, Aristoteles’, Nikomachischer, Ethik
Arbeit zitieren
Sofie Sonnenstatter (Autor), 2008, Zum Freundschaftsbegriff in Aristoteles’ Nikomachischer Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142758

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