Die deutsche Sprachinsel in Südafrika. Hat Deutsch als Muttersprache dort noch eine Zukunft?


Hausarbeit, 2007
25 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Geographische und demographische Beschreibung

2. Forschungsliteratur und Wertung der Forschungslage

3. Geschichte der Sprachinsel

4. Sprachzustand in Vergangenheit und Gegenwart (Fokus Hermannsburg)

5. Aktuelle Situation der Sprachinsel
Deutsch in der Schule
Deutsch in der Kirche
Offizielle Deutsche Verbände

6. Diskussionen von Beschreibungskonzepten

7. Verfügbare Quellenkorpora

8. Weiterführende Fragestellungen und Probleme

9. Ergänzende Literatur

10. Anhang

Die deutsche Sprachinsel in Südafrika

1. Geographische und demographische Beschreibung

Die Republik Südafrika umfasst den südlichen Teil des afrikanischen Kontinents zwischen 22° südlicher Breite und 17° bis 33° östlicher Länge. Im Süden und Südosten wird das Land vom Indischen Ozean, im Westen vom Atlantischen Ozean begrenzt. Die nördlichen Nachbarländer sind Namibia, Botswana und Simbabwe; diejenigen im Nordosten Mosambik und Swasiland. Als Enklave vollständig von Südafrika umschlossen ist das Königreich Lesotho.[1] Landeshauptstadt ist Tshwane/Pretoria; die Fläche des Landes beträgt 1.219.912 km². Gemäß dem Stand von 2005 hat Südafrika 46.880.220 Einwohner.

An der Gesamtbevölkerung stellen Schwarze einen Anteil von 79% und die Weißen 9.6 %. Sie sind hauptsächlich Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und englischer Einwanderer, die ab dem Ende des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Etwa 8.9% der Bevölkerung sind zu den Farbigen zu zählen und Inder/Asiaten stellen 2.5% der Gesamtbevölkerung.[2] Südafrika hat seit dem Ende der Apartheid elf offizielle Landessprachen.

Das Land ist in die Provinzen Western Cape, Northern Cape, Eastern Cape, KwaZulu-Natal, Free State, North West, Gauteng, Mpumalanga und Limpopo unterteilt. Seit dem Ende der Apartheid gibt es elf offizielle Landessprachen in Südafrika.. Bei einer Volkszählung 1970 wurde Deutsch von 49 000 Südafrikanern als Muttersprache angegeben; 1991 noch von 30 000. Rechnet man ca. 40 000 Passbesitzer aus der BRD, Österreich und der Schweiz hinzu, so ergibt sich eine Gesamtzahl von 70 000 – 100 000 Deutschen in Südafrika. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist dies ein verschwindend geringer Anteil.

Die deutschsprachige Bevölkerung verteilt sich auf zwei unterschiedliche Gebiete: Zum einen auf verstreute und relativ isolierte ländliche Gemeinden mit jeweils einige hundert Sprechern und zum anderen auf deutsche Sprachgemeinschaften in einigen städtischen Zentren; besonders in Pretoria, Johannesburg, Kapstadt und Durban. Etwa 14 500 Deutschsprachige sind im Gebiet um Johannesburg ansässig, knapp 5 500 im Kapstädter Raum, 1 600 im Raum um Durban und weniger als 500 Pietermaritzburg. Des weiteren gibt es in der Provinz Kwazulu-Natal zahlreiche kleine ländliche Ortschaften mit einer unerwartet hohen Anzahl Deutschsprachiger, obwohl sich die Gesamtzahlen auf nicht viel mehr als 2 000 Einwohner belaufen. Diese Gruppen sind besonders interessant bei der Untersuchung der deutschen Sprachinsel, weil gerade sie es bis heute geschafft haben, relativ stabile Sprachzustände über die letzten 140 Jahre zu behalten.[3]

2. Forschungsliteratur und Wertung der Forschungslage

Bezogen auf sprachgeschichtliche Aspekte, d.h. auf die Darstellung der Entwicklung der deutschen Einwanderungsbevölkerung, ist ein breites Spektrum an Literatur vorhanden: Exemplarisch genannt werden sollen hier die entsprechenden Werke von Werner Schmidt[4] und Hildemarie Grünwald[5]. Konzentriert man sich auf die linguistische Betrachtung der Entwicklung des Deutschen, so ist Forschungsliteratur nicht so reichhaltig vorhanden und teilweise veraltet. Erwähnenswert sind hier eine Untersuchung von Hildegard Stielau[6] und die Aufsätze von Klaus von Delft[7]. Eine Ausnahme bildet die Magisterarbeit von Jens Müller aus dem Jahr 2002, die die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg als Untersuchungsgegenstand hat[8]

3. Geschichte der Sprachinsel

Die Anfänge der deutschsprachigen Südafrikas sind im 17. Jahrhundert zu finden: Erste Landstriche am Kap wurden von der Holländisch-Ostindischen Handelsgesellschaft zur Kolonisation freigegeben. Fast jedes Schiff aus den Niederlanden brachte in der Folgezeit Deutsche ins Gebiet. Die Siedler stammten zunächst vor allem aus Nord-, später auch aus Mitteldeutschland; etwa 4 000 gründeten Familien. Noch bildete sich aber keine dauerhaft eigenständige deutsche Sprachinsel heraus, da sich die Deutschen mit Holländern und französischen Hugenotten zum Volk der Buren vermischten. Diese Integrationsbereitschaft in andere Gruppen schwand Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine neue Siedlerwelle brachte Missionare und Siedler ins jetzige Kwazulu-Natal, ins östliche Kapgebiet und ins südöstliche Transvaal und bildete die Grundlage für die Sprachinsel.[9]

Die Missionsgesellschaften haben eine wesentliche Rolle zur Landesentwicklung und Erhaltung der deutschen Sprache gespielt: Die erste feste Missionsstation wurde 1738 durch die Herrnhuter Brüdergemeinde im ungefähr 150 km östlich von Kapstadt liegenden Genadendal gegründet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts folgten weitere deutsche Missionsgesellschaften, deren Aufgaben die Missionsarbeit unter der schwarzen Bevölkerung und Betreuung deutscher Einwanderergruppen war. In der Folge wurden deutsche Gemeinden mit eigenen Kirchen und Schulen gegründet.[10]

Neben den durch Handels- oder Missionsgesellschaften ins Land gebrachten Deutschen, erweiterte sich diese Siedlergruppe im 19. Jahrhundert durch Wissenschaftler, Flüchtlinge, Abenteurer und Soldaten.

Die im Jahr 1993 erfolgte Verabschiedung der neuen Verfassung markiert das Ende der Apartheid und einen Wendepunkt in der südafrikanischen Sprachgeschichte. Zusätzlich zu den zwei bisherigen Landessprachen Englisch und Afrikaans, die kolonialen Ursprungs waren, wurden neun weitere offizielle Sprachen proklamiert. Dies bedeutete weniger Beachtung für andere Sprachen, auch das Deutsche.[11]

4. Sprachzustand in Vergangenheit und Gegenwart (Fokus Hermannsburg)

Da die Siedler vorwiegend aus Niedersachsen und Westfalen stammten, war die Umgangssprache ursprünglich Niederdeutsch. Doch in Kroondal wurde Niederdeutsch bald zu Gunsten von Hochdeutsch aufgegeben, weil ein völliges Untergehen im naheverwandten Afrikaans drohte. Diese Entwicklung ist in anderen Hermannsburger Gründungen nicht zu beobachten, da sie im Kontakt mit dem stärker verschiedenen Englisch standen. Die schlussendlichen Ergebnisse dieser Sprachumgebung beschreibt Pastor Horst Müller aus Pietermaritzburg: „Eine Deutsche Schule gibt es vor Ort nicht. Die Kinder lernen alle Englisch auf der Schule, und einige lernen zu Hause Deutsch lesen und schreiben. Der größte Teil schreibt "Phonetisch" - i.e. Deutsch nach englischen Sprachreglen.“[12]

Das in Kroondal gesprochene Hochdeutsch weist niederdeutschen Eigentümlichkeiten auf. So ist beispielsweise die Aussprache s-pitzer S-tein im Gegensatz zum südlicheren hochdeutschen sch-pitzer Sch-tein oder Schlachter gegenüber dem südlicheren Metzger zu beobachten.[13]

Die Benennung als „Hermannsburger Deutsch“ erfolgte nach der Ortschaft Hermannsburg in der Lüneburger Heide, dem Zentrum der Hermannsburger Mission. Das Hermannsburger Deutsch wurde und wird durch Afrikaans und Englisch beeinflusst. Die Beeinflussung durch Afrikaans wurde durch die nahe Verwandtschaft beider Sprachen erleichtert: Hermannsburger Deutsch mit stark westniederdeutschem Einschlag und Afrikaans als Nebensprache des Niederländischen sind wegen weitreichender Ähnlichkeiten als „westniederdeutsche“ Sprache bezeichenbar. Exempel für afrikaanse Interferenzen sind beispielweise der Ausdruck ich gebe nicht um im Hermannsburger Deutsch – hier ist die Beeinflussung des standarddeutschen Ausdrucks Es macht mir nichts aus durch das afrikaanse Ek gee nie om nie erkennbar – oder ich bin hunger mit Einfluss des afrikaansen ek is hunger auf das standarddeutsche ich habe Hunger / ich bin hungrig.[14] Es ist zwischen zwei Sprachschichten zu unterscheiden. Zwischen einer umgangssprachliche Form als Alltagssprache und einer hochsprachliche Form als Predigt- und Schulsprache.

Jens Müller hat im Rahmen seiner Diplomarbeit 2001 in der Gemeinde Hermannsburg einen Übersetzungstest durchgeführt[15]. Die Untersuchung stützt sich auf schriftliche Belege; im Übersetzungstest sollten die Befragten 26 Sätze oder Phrasen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen. Es sind jedoch folgende Einschränkungen zu berücksichtigen: Für die Untersuchung stand nur ein begrenzter zeitlicher Rahmen von 3 Tagen zu Verfügung und die Anzahl der Gewährspersonen war mit 10 Schülern im Alter von 16 bzw. 17 Jahren recht gering. Dies erklärt sich dadurch, dass die Bedingung erfüllt werden musste, von Haus aus deutschsprachig zu sein. 9 Schüler gaben einen maßgebenden Einfluss durch die englische Sprache an, 1 Schüler durch Afrikaans. Im Vergleich zu einer ähnlich orientierten Studie von Hildegard Irma Stielau gibt es mehrere Unterschiede: Zum einen wurde hier das Material aus gesprochener Sprache entnommen und zum anderen war die Anzahl der Gewährspersonen mit 65 Schülern im Alter von 16-18 Jahren wesentlich höher. Die Ergebnisse von 1980 sind jedoch meiner Ansicht nach nicht mehr aktuell und daher wäre ihre Verwertung an dieser Stelle suboptimal.

Die Ergebnisse des Übersetzungstests bestätigen den starken Einfluss der englischen Sprache.[16] So wurden beispielsweise beim Satz „It was the woman’s mistake that she threw away the man’s old hat” für den Teilsatz „the woman’s mistake” die Lösungen “die Fraus Fehler“, „einer Frau Fehler“, „die Frau’s schult/schuld“ und „der Fehler der Frau“. Acht der zehn Informanten entschieden sich für eine der ersten drei Varianten. Hier zeichnet sich der englische Einfluss durch das Einwirken des englischen s-Genitiv auf die deutsche Konstruktion ab. Beim Teilsatz „the man’s old hat“ entschieden sich lediglich drei der Schüler für die korrekte Übersetzungsvariante „den Hut des Mannes“. An der Variante „den Hut von dem Mann“ wird deutlich, dass hier die englische Konstruktion the hat of the man übernommen und lehnübersetzt wurde. Die Übersetzungen „den Manns Hut“ und „der Mann’s Hut“ zeigen den englischen Einfluss aufgrund der Verwendung des charakteristischen vorangestellten Genitivs. Ein selteneres Indiz für einen Einfluss von Afrikaans liefert die Variante „der Man sein Hut“, die durch afrikaanse Variante die man se gestützt wird.

Anhand des Beispielsatzes „It took me a long time” wurde ebenfalls eine Sprachkontaktauswirkung von Deutsch und Englisch nachgewiesen: Acht Testpersonen: verwendeten eine Konstruktion mit „nehmen“ analog dem Englischen, wie „Es hat mir sehr lange genommen“, „Es hat mich lange genomm(en)“, „Es hat mich eine lange Weile genommen“und „Es hat mir lange genommen“. Eine besonders starke Sprachkontaktauswirkung ist bei der Variante „Es nahm mir eine lange Zeit“ zu beobachten, wo noch zusätzlich eine Beibehaltung des englischen Satzbaus erfolgte.

5. Aktuelle Situation der Sprachinsel

Im Folgenden wird zwischen der Situation in den Städten und der auf dem Land zu unterscheiden sein. Zunächst zu den urbanen Deutschsprachigen: Der Großteil der deutschsprachigen Bevölkerung lebt in den Städten. Die Zusammensetzung ist stets im Wandel begriffen: Einerseits gibt es Zuwachs durch immer neue deutschsprachige Zuzügler, andererseits Rückgang durch allmähliches Aufgehen im burischen oder englischen Teil der Bevölkerung[17] bzw. „Vergreisung“ wie in der Ostrandgemeinde bei Johannesburg: „Der alte Stamm der Gemeinde ist deutschsprachig[...] Es handelt sich zwar um die treuen Säulen der Gemeinde, aber es ist tatsächlich nur die ältere Generation (meist schon im Ruhestand). Bei diesen Menschen ist Deutsch die Umgangssprache. Die jüngere Generation - deren Kinder und Enkel – verstehen vielleicht noch ein wenig Deutsch, sprechen aber sehr gebrochen oder gar nicht mehr Deutsch. Von daher ist der Stellenwert von Deutsch zwar noch wesentlich, aber nicht zukunftsträchtig.“[18]

[...]


[1] siehe Fries, Marianne [1993]: Südafrika: Reiseführer mit Landeskunde. Buchschlag bei Frankfurt (Main): Mai’s Reiseführer (= Mai’s Reiseführer; Nr. 43). S. 13

[2] siehe Volkszählung von 2001: http://www.info.gov.za/otherdocs/2003/census01brief.pdf

[3] siehe Müller, Jens [2002]: Die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg/Südafrika (Magisterarbeit Technische Universität Dresden). S. 5/6

[4] Schmidt, Werner [1955]:

[5] Grünwald, Hildemarie [1993]: Die Geschichte der Deutschen in Südafrika. Kapstadt: Naumann

[6] Stielau, Hildegard [1980]: Nataler Deutsch. Eine Dokumentation unter besonderer Berücksichtigung des englischen und afrikaansen Einflusses auf die deutsche Sprache in Natal. Wiesbaden: Steiner

[7] von Delft, Klaus [1978]: Afrkaans-Deutsche Infinitiv-Interferenzen. In: Deutschunterricht im Südlichen Afrika 9. s.21-32
von Delft, Klaus [1984]: Springbo(c)kdeutsch. Methodisch-didaktische Überlegungen zur Afrikaans-Deutschen Interferenz. In: Deutschunterricht im Südlichen Afrika 15. S.1-22

[8] Müller, Jens [2002]: Die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg/Südafrika (Magisterarbeit Technische Universität Dresden)

[9] siehe Müller, Jens [2002]: Die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg/Südafrika. S. 19 f.

[10] ebenda S.20-22

[11] ebenda S. 4

[12] Auszug aus einer eMail von Samstag, den 27. Januar 2007. Siehe Anhang S. 3

[13] Grüner, Rolf: Brauchtum und Schulunterricht in deutschen Siedlungen Südafrikas mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Kroondal bei Rustenburg (Westtransvaal). In: Auburger, Leopold; Kloss, Harald (Hrsg.) [1979]: Deutsche Sprachkontakte in Übersee. Tübingen: Narr (= Forschungsberichte / Institut für Deutsche Sprache Mannheim; Bd.43) S.28

[14] ebenda S. 28 f.

[15] Müller, Jens [2002]: Die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg/Südafrika (Magisterarbeit Technische Universität Dresden) S.49-72

[16] Bei dieser Feststellung handelt es sich um eine vereinfachte Zusammenfassung. Die Ergebnisse werden aufgrund der Datenmenge im folgenden verkürzt dargestellt. Für eine genauere Untersuchung siehe 15

[17] siehe Müller, Jens [2002]: Die deutsche Sprachinsel in Hermannsburg/Südafrika (Magisterarbeit Technische Universität Dresden) S. 23 f.

[18] Auszug aus einer eMail von Freitag, den 2. Februar 2007. Siehe Anhang S. 8

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Sprachinsel in Südafrika. Hat Deutsch als Muttersprache dort noch eine Zukunft?
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V142840
ISBN (eBook)
9783668692121
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachinsel, südafrika, deutsch, muttersprache, zukunft
Arbeit zitieren
Hannah Daniel (Autor), 2007, Die deutsche Sprachinsel in Südafrika. Hat Deutsch als Muttersprache dort noch eine Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142840

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