Phraseologismen in der Lautsprache und in der Deutschen Gebärdensprache

Der Versuch eines kontrastiven Vergleichs beider Sprachen


Magisterarbeit, 2007
96 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Kulturbegriff der Gehörlosengemeinschaft
2.1 Gebärdensprache und Gehörlosenkultur
2.2 Geschichte der Gehörlosenkultur
2.3 Die Gehörlosenkultur
2.4 Kriterien, durch welche sich die Gemeinschaft der Gehörlosen als Kultur begreift
2.4.1 Sprache
2.4.2 Dialekte und internationale Sprache
2.4.3 Regeln in Gehörlosengemeinschaften
2.4.4 Rituale und Zeremonien
2.4.5 Technik für Gehörlose, Hilfsmittel im Alltag
2.4.6 Die Bedeutung der Institutionen
2.4.7 Kunst und Literatur
2.4.8 Traditionen und Bräuche
2.5 Zugehörigkeit zur Gehörlosenkultur

3 Die Gebärdensprache
3.1 Die Gebärde
3.1.1 Handkonfiguration
3.1.2 Die Bewegung
3.1.3 Die Ausführungsstelle
3.2 Nonmanuelle Elemente
3.3 Ablesewörter
3.3.1 Lautsprachliche Lexeme als Basis für Ablesewörter
3.3.2 Funktion der Ablesewörter

4 Eine Begriffsbestimmung des Terminus Wort
4.1 Das Wort in der Lautsprache
4.2 Das Wort in der Gebärdensprache

5 Phraseologismen in der Lautsprache
5.1 Definition
5.2 Polylexikalität
5.3 Das Kriterium der Stabilität
5.3.1 Feste Phraseologismen
5.3.1.1 Uneingeschränkte Festigkeit, bedingt durch unikale Komponenten und ältere Konstruktionsmöglichkeiten
5.3.1.2 Uneingeschränkte Festigkeit in typischen Kommunikationssituationen
5.3.2 Variable Phraseologismen
5.4 Reproduzierbarkeit
5.5 Motiviertheit und Idiomatizität
5.5.1 Der Begriff der Idiomatizität
5.5.2 Voll-idiomatische, teil-idiomatische und nicht-idiomatische Phraseologismen
5.5.2.1 Voll-idiomatische Phraseologismen
5.5.2.2 Teil-idiomatische Phraseologismen
5.5.2.3 Nicht-idiomatische Phraseologismen
5.5.3 Motiviertheit von Phraseologismen
5.6 Phraseologische Klassen
5.6.1 Phraseologische Ganzheiten
5.6.2 Phraseologische Verbindung
5.6.3 Modellbildungen und Zwillingsformen
5.6.4 Onymische Phraseologismen
5.6.5 Phraseologische Termini
5.6.6 Komparative Phraseologismen
5.6.7 Routineformeln
5.6.8 Kinegramme
5.6.9 Phraseogesten
5.7 Fazit

6 Phraseologismen in der Deutschen Gebärdensprache
6.1 Definitorische Vorleistung für die Untersuchung phraseologischer
Gebärden
6.1.1 Ikonizität
6.1.1.1 Gebärdensprache – eine ikonische Sprache?
6.1.1.2 Die Transparenz ikonischer Zeichen
6.1.2 Motiviertheit von Gebärden
6.1.3 Symbole
6.1.4 Metapher und Metonymie
6.1.4.1 Metapher und Metonymie in der Lautsprache
6.1.4.2 Direkte Ähnlichkeitsbeziehung, Metapher und Metonymie
in der Gebärden sprache
6.2 Zur Existenz gebärdensprachlicher Phraseologismen
6.2.1 Gebärdensprachspezifische Gebärden
6.2.1.1 Das Problem der Polylexikalität von Phraseologismen in
der Gebärdensprache
6.2.1.2 Reproduzierbarkeit gebärdensprachspezifischer Phraseologismen
6.2.1.3 Stabilität von gebärdensprachspezifischen Gebärden
6.2.1.4 Idiomatizität von gebärdensprachspezifischen Gebärden
6.2.2 Entlehnungsformate von Laut- zu Gebärdensprache und deren Auswirkung auf die gebärdensprachlichen Phraseologismen
6.3 Die Untersuchung gebärdensprachlicher Phraseologismen auf Lehnüber- tragungen
6.3.1 Die phraseologische Lehnübertragung und ihre Darstellung als gebärden sprachlicher Phraseologismus durch ikonische Metonymie
6.3.2 Die phraseologische Lehnübertragung und ihre Darstellung als gebärden sprachlicher Phraseologismus durch ikonische Metapher
6.3.3 Die phraseologische Lehnübertragung und ihre Darstellung als gebärden sprachlicher Phraseologismus durch symbolische
Metonymie
6.4 Die Untersuchung gebärdensprachlicher Phraseologismen auf Lehnüber- setzungen
6.5 Klassifikation der Phraseologismen in der Gebärdensprache
6.5.1 Phraseologische Ganzheiten in der Gebärdensprache
6.5.2 Phraseologische Verbindungen in der Gebärdensprache
6.5.3 Modellbildungen und Zwillingsformen in der Gebärdensprache
6.5.4 Onymische Phraseologismen in der Gebärdensprache
6.5.5 Phraseologische Termini in der Gebärdensprache
6.5.6 Kinegramme in der Gebärdensprache
6.5.7 Phraseogesten
6.5.8 Routineformeln in der Gebärdensprache
6.6 Fazit

7 Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Phraseologie ist ein Teilgebiet der Linguistik, die sich mit dem sprachlichen Phänomen der festen Wortverbindungen und Wortgruppen als feste Bestandteile des Wortschatzes auseinandersetzt. In den Lautsprachen gibt es bereits vielfältige Untersuchungen dieser Erscheinungen, sowohl in Form umfassender Monographien als auch im kontrastiven Vergleich verschiedener Sprachen.

Vergleichbare Untersuchungen für die Deutsche Gebärdensprache sind bislang noch nicht unternommen worden. Gleichwohl die Sprache über einen Begriff verfügt, der manchen Gebärden den Status einer Redewendung zuspricht und sie somit von anderen Gebärden unterscheidet, wird jedoch häufig bezweifelt, dass es Phraseologismen in der Gebärdensprache gibt, die analog der Phraseologismen der Lautsprache begriffen werden können.

Natürlich ist in einer sprachwissenschaftlich-kontrastiven Betrachtung von Lautsprache und Gebärdensprache zu beachten, dass sich beide Sprachen unterschiedlicher kommunikativer Medien bedienen, jedoch sollte hier nicht der Grund für eine Unvergleichbarkeit der Sprachen auf das Phänomen der Phraseologismen gesehen werden. Vielmehr sollte unter Berücksichtigung der sprachlichen Besonderheiten der Gebärdensprache untersucht werden, inwiefern der Phraseologismus-Begriff der Lautsprache in der Deutschen Gebärdensprache anwendbar ist.

Zweifellos sind Phraseologismen sprachliche Formeln, denen ein kulturspezifischer Charakter zugesprochen wird. Dabei richtet sich die kulturelle Betrachtung der Phraseologismen nicht nur auf die Bildhaftigkeit der Sprache, sondern umfasst darüber hinaus auch nicht-idiomatische Wortverbindungen, wie beispielsweise Routineformeln, die oft in formelhafter Sprache kulturspezifische Verhaltensweisen in bestimmten Situationen wiedergeben.

Um eine Grundlage für eine kontrastive Untersuchung zwischen Laut- und Gebärdensprache zu schaffen, soll eingangs die Kultur der Gehörlosen vorgestellt werden, wobei ein besonderer Akzent auf die Bedeutung der Sprache für die Gehörlosenkultur gelegt werden soll. (Kapitel 1)

Anschließend wird ein zu diesem Zweck hinreichender Einblick in die Gebärdensprache gegeben. Vor allem werden hier die Zusammensetzung einer Gebärde aus ihren Komponenten und die Rolle der nonmanuellen Komponenten besprochen. (Kapitel 2) Mit diesen Voraussetzungen und einer Reflexion zum Verständnis des Terminus Wort in Laut- und Gebärdensprache (Kapitel 3) – denn Phraseologismen bezeichnen eine Verbindung von Wörtern – ist die Basis geschaffen für eine kontrastive Betrachtung von Phraseologismen beider Sprachen.

Im darauf folgenden Kapitel wird definiert, was in Lautsprachen unter Phraseologizität verstanden wird, indem die phraseologischen Kriterien vorgestellt und diskutiert werden. (Kapitel 4) Dabei soll eine Möglichkeit der Klassifikation von Phraseologismen vorgestellt werden. Im letzten und zugleich zentralen Kapitel (Kapitel 5) wird diskutiert, inwiefern die phraseologische Kriterien, die im vorangehenden Kapitel vorgestellt worden sind, zum einen auf Erscheinungen der Gebärdensprache, deren Phraseologizität sowohl vermutet als auch bezweifelt wird, angewandt werden können. Dabei soll insbesondere der sprachkulturelle Einfluss der Lautsprache auf die Gebärdensprache beachtet werden, zum andern soll gezeigt werden, dass nicht nur die Sprache ein Kultur definierendes Merkmal ist, sondern auch die Kultur Einfluss auf die Gebärdensprache genommen hat, indem sich eigene vollkommen lautsprachenunabhängige Phraseologismen herausgebildet haben. Mit diesen Erkenntnissen soll versucht werden, die Klassifikation der Phraseologismen der Lautsprache auf die Gebärdensprache zu übertragen.

Mit Abschluss des letzten Kapitels wird es gelungen sein, zum einen nachzuweisen, dass auch die Gebärdensprache über phraseologische Bildungen verfügt, zum anderen wird dies belegt worden sein mittels einer Systematik, die sich an der Lautsprache orientiert.

Die Beispiele, die zur Verdeutlichung verschiedener Problematiken dienen, sind teilweise aus den Gebärdenlexika bezogen, teilweise wurden Darstellung aus Mallys Sammlung von Redewendungen im Münchner Sprachraum gewählt (Mally: 1993). Zu den ausgewählten Beispielen wurden Gehörlose und Dolmetscher unterschiedlicher Herkunft auf die Verbreitung dieser Wendung in ihrem Sprachraum befragt. Damit kann natürlich nicht belegt werden, dass die Beispiele im gesamten deutschsprachigen Raum Anwendung finden, dazu wären empirische Untersuchungen notwendig, jedoch wird ein Indiz dafür gegeben, dass die Verwendung dieser Beispiele nicht ausschließlich auf den Münchner Sprachraum beschränkt ist.

Die Gebärden werden in der üblicherweise verwandten, auf Prillwitz (1985: 19ff) zurückgehenden, Glossenschrift notiert. Danach geben die in Großbuchstaben geschriebenen Worte eine nahezu identische Beschreibung der Gebärde wieder. (Bsp.: GEBÄRDE) Die Glossenschrift beschränkt sich auf die für diese Zwecke ausreichenden Notationen. Somit geben klein geschriebene Wörter vor oder hinter der Glosse, die von dieser mit einem Bindestrich abgetrennt sind, zusätzliche Information über die Gebärde. (Bsp.: GEBÄRDE –zusätzliche information) Durch kursiv gedruckte Wörter in Großbuchstaben zwischen zwei Schrägstrichen werden Ablesewörter wiedergegeben.

Für diese Arbeit wurden zwei Dolmetscher, zwei zweisprachig Aufgewachsene und zwei Gehörlose aus Sachsen, ein Gehörloser aus Hessen und eine Dolmetscherin aus Nordrhein-Westfalen befragt. Wie bereits angesprochen wird der Anspruch einer empirischen Untersuchung nicht erfüllt.

2 Der Kulturbegriff der Gehörlosengemeinschaft

2.1 Gebärdensprache und Gehörlosenkultur

Gehörlose befinden sich in der unveränderbaren Situation, mit zwei Sprachen leben zu müssen. Die Lautsprache ist durch deren Unzugänglichkeit nur unvollkommen nutzbar, wird aber von Situationen des Alltags erfordert, und die Gebärdensprache wird nur von einer Minderheit gesprochen, sodass der Zugriff auf diese sich meist auf die Nutzung in der Freizeit beschränkt. Die Sprache nimmt in der Gehörlosenkultur einen zentralen Platz ein, indem sie das Medium „zur Befriedigung des menschlichen Kommunikationsbedürfnisses“ darstellt. Sie ist somit ein „unverzichtbares Instrument einer authentischen Selbstdarstellung“ (Ebbinghaus, 2001: 178). Die Gebärdensprache ist für Gehörlose die natürliche Art zu kommunizieren, während auf die Lautsprache nur unter größeren Schwierigkeiten zurückgegriffen werden kann.

Gehörlose fühlen sich nicht durch ihre fehlende Sinnesfunktion behindert[1], sondern durch die Unzugänglichkeit der Lautsprache[2]. Die Gebärdensprache hingegen, als Muttersprache der Gehörlosen, leidet an einer zu geringen Verbreitung. Somit wird verständlich, warum sich die Mitglieder von Gehörlosengemeinschaften weniger über ihre Gehörlosigkeit[3], als hauptsächlich über die besondere Form ihrer Sprache definieren.[4] Die Gebärdensprache bietet den Gehörlosen zum einen die Möglichkeit, an der Öffentlichkeit teilzunehmen,[5] und zum andern sich in unbehindertem Raum zu bewegen.

Auch wenn keine Sicherheit darüber besteht, ob die Kultur definierenden Merkmale der Gehörlosengemeinschaften sich überall gleichen und inwiefern sie sich voneinander unterscheiden, so ist sicher, dass in allen Gemeinschaften über Gebärdensprache kommuniziert wird und diese überall ein hochkomplexes Zeichensystem ist, mit dem die Gehörlosen in der Lage sind, all das zu artikulieren, was auch in der Lautsprache ausgedrückt werden kann.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Sprache und nicht die Gehörlosigkeit das Herzstück der kulturellen Identität der Gehörlosen ist, denn „erst die Gebärdensprache macht aus einer Anzahl gehörloser Menschen eine soziale Gemeinschaft“ (Ebbinghaus; Heßmann, 1989: 27).

2.2 Geschichte der Gehörlosenkultur

Mit Anerkennung dessen, dass Kommunikation der Natur des Menschen entspricht und dass sich demnach auch Gehörlose durch ihr Unvermögen, an der Lautsprache teilzunehmen, ein Medium suchen, um sich mitzuteilen und ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen, war eine Grundlage für eine überindividuelle Förderung und Entwicklung der Sprache gegeben.

Vor dieser Zeit glaubte man, Gehörlose würden sich lediglich durch primitives Gestikulieren verständigen. Man dachte, sie wären allenfalls in der Lage, einfache Sachverhalte auszudrücken. Erst ab dem 17. Jahrhundert begann man, Gehörlose als nicht geistig behinderte Menschen zu sehen. In der Antike und im Mittelalter wurden die Gehörlosen, wie andere Behinderte auch, nicht als ein gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft behandelt. Sie konnten höchstens auf Duldung durch die Gesellschaft hoffen. Der Taubstumme galt als bildungsunfähig, da Wissen und Wille zur oral-akustischen Wissensvermittlung fehlte.[6]

Die Wende in der Geschichte verbindet sich mit der Gründung der ersten Gehörlosenschule und mit der Legende[7] um Abbé de l’Epée. Er wird als der Begründer der Gebärdensprache geehrt. Es werden viele sagenumwobene Geschichten über ihn und seine Bekehrung bei der Begegnung zweier gehörloser Frauen und seine sich daraus erschließende Aufgabe, gehörlose Kinder zu unterrichten, erzählt.

Der Begründer der Gebärdensprache ist Abbé de l’Epée nicht, die Gebärdensprache hat sich, wie die Lautsprachen auch, natürlich entwickelt. Jedoch erkannte er die Gebärdensprache als das Kommunikationsmedium der Gehörlosen und nutzte sie als Mittel, um Gehörlosen die Lautsprache beizubringen.

Um 1760 gründete Abbé de l’Epée die erste Gehörlosenschule und schuf damit weit mehr als nur eine Institution zum Unterrichten gehörloser Kinder. In einem Heft vom Verband zur Unterstützung der Gebärdensprache der Gehörlosen liest man:

„Gehörlosenschulen als die ersten offiziellen Zentren der Begegnung waren und sind […] entscheidend für die Entwicklung der Gebärdensprachen auf der ganzen Welt“ (Hohl, 2004: 21)

In den Schulen bekamen die Kinder meist erstmals Kontakt zu anderen Gehörlosen. Den Kindern wurde hier ein soziales Umfeld geboten, in welchem natürliche Verständigung möglich wurde.

Gehörlosenschulen sind ein wichtiger Bestandteil der Kulturgeschichte, und sie nehmen auch heute noch einen herausragenden Platz in der Gehörlosenkultur ein. So bilden sie nicht nur einen „Rahmen, der der Gehörlosengemeinschaft seit über 200 Jahren ein Gefühl der Kontinuität vermittelt“ (Padden, 1991: 35), sondern sie sind auch heute ein Ort der Begegnung, an dem dauerhafte Freundschaften geknüpft werden.

Gehörlosenschulen sind nicht der einzige Ort sozialer Begegnung. Überall auf der Welt gründeten sich Gehörlosenvereine. Inzwischen gibt es allein in Deutschland über 600 Vereine.[8] Ist die Schule beendet, suchen Gehörlose hier Anschluss an andere Mitglieder der Gemeinschaft, denn nach wie vor gilt, dass sie sich hier in ein Gemeinschaftsleben begeben, in welchem sie nicht behindert sind.

2.3 Die Gehörlosenkultur

In diesem Abschnitt soll unter Verwendung einer allgemein anerkannten soziologischen Definition des Kulturbegriffes aufgezeigt werden, weshalb die Gehörlosen[9] ihre Gemeinschaft als eine Gehörlosenkultur begreifen. Dazu ist es notwendig, das Verhältnis von Gehörlosenkultur und der Kultur des jeweiligen Landes zu beleuchten.

Das zeigt sich beispielsweise auch daran, dass die Kultur der gehörlosen Deutschen nicht losgelöst von der deutschen Kultur zu betrachten ist. Die Gehörlosen, gleich welcher Nation, sind kulturell in eine Gesellschaft eingebunden, weil sie sich ideell mit dem Land und dessen Kultur identifizieren. Zweifellos verbringen Gehörlose einen großen Teil ihrer Zeit unter Hörenden. Durch Schule, Arbeit, hörende Freunde, etc. nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil und werden durch die hörende Gemeinschaft beeinflusst. Die verbleibende Zeit verbringen sie in der Gehörlosengemeinschaft, erst hier betreten sie gewissermaßen einen neuen Kulturkreis. Somit haben alle Deutschen, egal ob hörend oder gehörlos, an einer gemeinsamen Kultur teil, wenngleich dies meist unbewusst geschieht. Indizien dafür sind beispielsweise das Leben von Bräuchen und Traditionen, die typisch für eine Nation sind.

Das Besondere an der Gehörlosenkultur ist jedoch, dass diese sich von ihrer „Mutterkultur“ absetzt und sich im Zuge der Autonomisierung der Gehörlosen weitgehend den Bedürfnissen der Gehörlosen angepasst hat.[10]

Somit definiert sich die Gehörlosenkultur darüber, was sie von der Kultur der Hörenden unterscheidet. Diese Unterschiede werden immer wieder betont, denn so kann die Abgrenzung von der hörenden Welt gepflegt werden.

Aus diesem Abgrenzungswunsch heraus entstanden viele Theaterstücke, Witze und Pantomimestücke, „in denen es die hörende Person ist, die etwas mißversteht oder die lächerlich gemacht wird“ (Kyle, 1991: 212).

Eine Ursache für die Herausbildung einer Gruppenidentität von Gehörlosen beschreibt Kyle folgendermaßen:

„Die Gehörlosenkultur ist unter Anfeindung entstanden, und manchmal wurden sehr jungen Kindern gehörlosen Kindern von unwissenden Eltern und wohlmeinenden Pädagogen und anderen Fachleuten furchtbare Erfahrungen aufgebürdet. Verständlicherweise betrachten die Gehörlosen ihre Distanz zum Verhalten und Gebräuchen der Hörenden als Schlüsselmerkmal ihrer Gruppenidentität als Gehörlose.“ (Kyle, 1991: 211)

Die Gehörlosen begreifen ihre Gemeinschaft als Kultur. Mithilfe der Kriterien, durch welche sich eine Kultur im allgemeinen definiert, soll die Gehörlosenkultur vorgestellt werden.

Da die Soziologie die Wissenschaft ist, die Ursprung, Entwicklung und Struktur des menschlichen Zusammenlebens untersucht und beschreibt, soll bei der Beschreibung der Gehörlosenkultur eine soziologische Definition von Kultur zugrunde gelegt werden. Diese Vorangehensweise erscheint sinnvoll, weil sich die Kultursoziologie als eine „spezielle Soziologie, die sich mit der Analyse und Interpretation kultureller Erscheinungen, Zusammenhänge und gesamtgesellschaftl. Kulturmuster in Hinblick auf ihre sozialen Rahmenbedingungen und Grundlagen sowie ihre soziale Bedeutung beschäftigt“, versteht. (Brockhaus: 623)

Betrachtet man verschiedene Begriffsdefinitionen dieses Bereichs, lässt sich eine überwiegende Einigkeit über den soziologischen Kulturbegriff feststellen. Die Definition der Autoren der Encyclopedia Britannica soll exemplarisch für andere[11] stehen:

“Culture, the integrated pattern of human knowledge, belief, and behaviour. Culture, thus defined, culture consists of language, ideas, beliefs, customs, taboos, codes, institutions, tools, techniques, works of art, rituals, ceremonies, and other related components.“
(Britannica, 1997: 784)

Dieser Kulturbegriff wird nun auf den Begriff Gehörlosenkultur angewandt. Dabei werden speziell die Gehörlosenkultur betreffenden Kriterien betrachtet.[12]

2.4 Kriterien, durch welche sich die Gemeinschaft der Gehörlosen als Kultur begreift

2.4.1 Sprache

Wie alle anderen folgend aufgezählten Merkmale einer Kultur kann auch das Kriterium der Sprache nicht als alleiniges Kennzeichen für kulturelle Identität stehen. Nur ein Zusammenspiel verschiedener kultureller Merkmale innerhalb einer Gruppe kann eine eigene Kultur oder Subkultur bilden.

Die Einrichtung von Schulen, in denen die Gebärdensprache unterrichtet wurde und in denen über die Gebärdensprache Wissen vermittelt wurde, stellen nach Krumm[13] ein Indiz für Sprache als Merkmal kultureller Identität dar. Die Ausweitung auf Universitätsebene zum einen als Wissenschaftsgegenstand, zum anderen als Studienfach bestätigt dies. Auch der fortschreitende Eintritt der Sprache in die Öffentlichkeit kann als Kultur definierendes Merkmal gewertet werden. Es gibt Kirchen, in denen Gottesdienste gedolmetscht werden oder direkt in Gebärdensprache absolviert werden, ebenso finden unzählig viele öffentliche Veranstaltungen von und für Gehörlose statt. Es gibt Fernsehbeiträge, die gebärdet werden, und es gibt Nachrichtensender, die dolmetschen lassen. Sicherlich steckt hier vieles noch in den Anfängen, aber die Gebärdensprache beginnt, sich als eigene Sprache zunehmend zu etablieren.

Ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Sprache ein Merkmal für das Bestehen einer Kultur der Gehörlosen ist, bildet sicher die fortwährend bestehende Sorge um den Verlust der eigenen Sprache. Immer wieder gibt es Gehörlose, die sich aus Angst um ihre Sprache gegen eine zweisprachige Erziehung von Kindern wenden. Die Furcht davor, dass wieder eine Situation entstehen kann, in der über die Abschaffung der Gebärdensprache spekuliert wird, um dann ein Verbot der Gebärdensprache in der Öffentlichkeit durchzusetzen, lässt viele Gehörlose jeden Schritt auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Laut- und Gebärdensprache anzweifeln. Dabei würde eine zweisprachige Erziehung gehörloser Kinder auch in integrativer Hinsicht von Nutzen sein.

2.4.2 Dialekte und internationale Sprache

Entgegen der Ansicht meist unerfahrener Hörender bezüglich dieser Problematik gibt es nicht eine Gebärdensprache, der sich alle Gehörlosen bedienen, sondern in jedem Land hat sich eine eigene Sprache mit eigenen Gesetzmäßigkeiten herausgebildet. Dennoch sind die Gehörlosen, anders als die Hörenden, in der Lage sich ohne größere Probleme auch international zu verständigen. Hierbei ist ihnen die Bildhaftigkeit ihrer Sprache von Nutzen, die sie auch bei ungeübten Hörenden gezielt einzusetzen wissen.

Besteht Uneinigkeit über die Bedeutung einer Gebärde, wird diese entschlüsselt[14] und man legt sich auf einen Ausdruck festgelegt, mit dem dann weiter gesprochen und gearbeitet wird. Eine solche Mischung zweier Sprachen unterschiedlicher Kulturen (auch Gehörlosenkulturen) nennt man Pidgin. Sprachliche Mischformen sind meist nicht in der Lage, komplexe Sachverhalte auszudrücken, dennoch ist es möglich, dass sich eine Konversation Gehörloser aus unterschiedlichen Ländern wesentlich unkomplizierter gestaltet, als eine Unterhaltung zwischen Hörenden unterschiedlicher Sprachgebiete. Von einer internationalen Gebärdensprache kann jedoch nicht gesprochen werden. Die Nutzung der Pidgingebärdensprache beschränkt sich lediglich auf die Konversation Gehörloser bei internationalen Zusammenkünften.

Ebenso wie in den Lautsprachen lassen sich auch in der Gebärdensprache dialektale Unterschiede feststellen, aber auch diese können ebenso problemlos überwunden werden. Vielmehr stellt die Vielfalt regionaler Gebärden einen „durchaus geschätzten Bestandteil des kulturellen Besitzes der Gehörlosengemeinschaft“[15] dar.

Hier soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass Sprache nicht als alleiniges Kultur definierendes Merkmal betrachtet werden darf. Sprache ist ein Kennzeichen kultureller Identität, was immer mit anderen möglichen kulturellen Zeichen auftritt. Diese werden in den anschließenden Abschnitten vorgestellt.

2.4.3 Regeln in Gehörlosengemeinschaften

Kyle[16] hat in seinem Vortrag verschiedene Verhaltensregeln der Gehörlosen zusammengetragen, die an dieser Stelle vorgestellt werden sollen. Diese Regeln haben sich durch den natürlichen und alltäglichen Umgang Gehörloser miteinander herausgebildet und leiten sich direkt von den Bedürfnissen Gehörloser ab. Das Befolgen dieser Regeln ist signifikant für die Mitglieder von Gehörlosengemeinschaften. Somit stehen sie für ein spezifisches Verhalten innerhalb der Gehörlosenkultur.

Wollen Gehörlose ein Gespräch beginnen, sich in ein Gespräch einbinden oder aus anderen Gründen auf sich aufmerksam machen, so ist es gebräuchlich, die andere Person zu berühren. Berührt wird hauptsächlich am Oberarm; Berührungen am Unterarm oder an der Schulter sind ebenfalls gestattet. Besteht ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen den Personen und/oder sollen Heimlichkeiten ausgetauscht werden, darf auch am Oberschenkel berührt werden. Berührungen dieser Art stellen keinen Eingriff in die persönliche Distanzwahrung dar, wohingegen Berührungen an Vorder- und Rückseite des Körpers nicht erlaubt sind.

Außerhalb der Gehörlosenkultur können Berührungen um Aufmerksamkeit zu erlangen durchaus für distanzloses Verhalten stehen.

Soll die Aufmerksamkeit einer Gruppe oder einer beschäftigten Person in einem Raum erlangt werden, erzeugt man mit der Hauptlichtquelle Lichtsignale, die die Gruppe oder die arbeitende Person auf die veränderte Situation hinweisen sollen. Dabei übernimmt die Blinkfrequenz die Intonation des Prozesses. Schaltet die Aufmerksamkeit suchende Person das Licht mehrmals kurz hintereinander ein und aus, gleicht der Ausdruck einem Klopfen an der Tür, wohingegen das Schalten in längeren Intervallen einem Hämmern an der Tür gleichkommt.

Eine weitere gebräuchliche Weise, auf sich aufmerksam zu machen, ist das Winken. Die Größe der Handbewegung ist abhängig von der Distanz zu der Person, die man erreichen möchte. Das bedeutet, je größer die Entfernung ist, desto größer sollte auch das Winken sein.

Befindet man sich in einem Raum und möchte die Aufmerksamkeit eines oder mehrerer Gehörloser auf sich richten, so ist eine weitere Möglichkeit und legitimes Mittel kräftig auf den Boden zu treten oder, vorausgesetzt man sitz an einem Tisch, derb auf diesen zu klopfen. Wenn die Vibrationen, die damit ausgelöst werden, den Kommunikationspartner erreichen, erkennt er diese als das konventionelle Zeichen, welches ihm die Information vermittelt, dass jemand im Raum Aufmerksamkeit erbittet.

Auch das Unterbrechen einer Unterhaltung ist in der Gehörlosengemeinschaft regelgebunden. Möchte man eine sich im Gespräch befindliche Person kurz unterbrechen, um ihr etwas zu sagen oder sie etwas zu fragen, so geschieht dies, in dem die unterbrechende Person die Person, die man sprechen möchte, an Oberarm oder Schulter berührt, während man zu der anderen Person Blickkontakt aufbaut und zu ihr gebärdet: „ENTSCHULDIGUNG UNTERBRECHEN ... FRAGEN“. Erst jetzt beginnt man, sein Anliegen vorzutragen. Anschließend wird sich nochmals bei der wartenden Person entschuldigt.

Vertraulichkeiten unter Gehörlosen unterliegen ebenfalls gewissen Regelungen. Sollen vertrauliche und persönliche Sachen besprochen werden, wird man das nicht öffentlich machen, sondern den geeigneten Raum dafür wählen. Gespräche von Gehörlosen sind dadurch, dass sie ein visuelles Medium sind, für jeden sichtbar. Aufgrund dessen werden die „öffentlichen“ Gespräche unter Gehörlosen nicht vertraulich behandelt und dürfen weiter erzählt werden. Die Themen, die Gehörlose als vertraulich behandelt wissen wollen, oder Themen, die tabuisiert sind, werden im Allgemeinen den vertraulichen und tabuisierten Themen der Hörenden gleichen. Nur die Einstufung der Situation von Außenstehenden gestaltet sich anders.

Es gibt Verhaltensweisen, die außerhalb der Gehörlosengemeinschaft kaum Bedeutung tragen, aber auf den Gehörlosen beleidigend oder gar verletzend wirken können. Hierzu zählt beispielsweise, wenn man seinem Gegenüber die Hände festhält. Damit wird dem Gehörlosen die Möglichkeit genommen sich zu artikulieren und ihm wird somit signalisiert, dass man nicht wissen möchte, was er zu sagen hat. Außerhalb der Gehörlosengemeinschaft käme diese Handlung dem Mundzuhalten eines Sprechers gleich. Wendet man sich von seinem Kommunikationspartner ab, ohne dabei bestimmte Regeln einzuhalten, läuft man Gefahr, den Kommunikationspartner mit seinem Verhalten zu beleidigen. Wird die Aufmerksamkeit vom Gesprächsverlauf abgelenkt und möchte man sich zu ablenkendem Geschehen wenden, kann der Arm des Gegenübers für die Dauer des Wegdrehens festgehalten werden.

2.4.4 Rituale und Zeremonien

Typische Rituale oder Zeremonien im Sinne gleich bleibender immer wieder kehrender Verhaltensweisen kann man auch in der Gehörlosengemeinschaft feststellen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Prozess der Verabschiedung. Gehörlose nehmen sich für Verabschiedungen mehr Zeit als Hörende. Immer wieder fällt ihnen etwas ein, was abschließend noch erzählt werden muss. So kann sich ein Abschied schon über eine längere Zeit hinziehen. Es ist anzunehmen, dass sich diese Verabschiedungszeremonie herausgebildet hat, da sich mehrere Gehörlose meist nur in ihrer Freizeit in Gemeinden treffen und sich somit nur hier Zeit für behinderungsfreie und somit ungezwungene Kommunikation ergibt. Kyle erklärt diese spezielle Verhaltensweise Gehörloser zutreffend mit dem „Mangel an alternativen Fernkommunikationsmedien“ (Kyle, 1991: 207).

Veranstaltungen und Feierlichkeiten Gehörloser weichen in ihrer Form stark von den Veranstaltungen Hörender ab.

Während bei Hörenden Präsentationen oder ähnliches die Grundlage für ein Treffen bildet, sind Veranstaltungen Gehörloser meist nur einfache Zusammenkünfte von Menschen, die sich in ihrer Freizeit von den Anstrengungen des Alltags in der hörenden Welt erholen wollen.

Anders als bei Feiern unter Hörenden, bei denen Musik und Reden im Zentrum stehen und die Zuhörenden meist am Tisch sitzen bleiben, steht bei Gehörlosen die persönliche Unterhaltungen im Mittelpunkt. Es wird umhergelaufen, Freunde werden begrüßt und es wird geplaudert[17]. Hier werden zwar auch visuelle Vorträge gehalten, diese bilden aber nicht das Zentrum einer Feier.

2.4.5 Technik für Gehörlose, Hilfsmittel im Alltag

Ein Bestreben der Gehörlosen ist es, sich eine Umgebung zu schaffen, in der sie nicht behindert werden und in der sie nicht auf Hilfe anderer angewiesen sind. Um diese Selbstständigkeit zu erlangen, haben sich verschiedene Geräte etabliert, die direkt auf die Bedürfnisse Gehörloser abgestimmt sind. Als Beispiele sind an dieser Stelle Wecker und Türklingel zu nennen. Sie sind beide akustische Signalgeber, die im Alltag zwar wichtig, dem Gehörlosen aber nicht zugänglich sind. Gehörlose nutzen Wecker, die entweder einen Vibrationsalarm haben oder grelle Lichtblitze aussenden. Die Türklingel wird durch eine Lichtklingelanlage ersetzt und funktioniert ebenfalls über visuelle Übertragung. Zur Fernkommunikation bestehen die Möglichkeiten der Nutzung von Schreibtelefonen, Fax-Geräten, E-Mail, SMS und Bildtelefonen. Damit hat der Gehörlose die Möglichkeit auch Distanz überwindend zu kommunizieren. Dabei dürfte die vorhandene visuelle Technik dem akustischen Telefonieren nicht oder nur kaum nachstehen.

2.4.6 Die Bedeutung der Institutionen

Gehörlose leben ihre Kultur hauptsächlich in den zahlreichen Institutionen, Organisationen und Vereinen, die für Gehörlose geschaffen sind. Dies bietet Raum für barrierefreie Kommunikation und es muss sich nicht auf rücksichtsvolles Verhalten anderer verlassen werden. Hier sind Gehörlose Gleiche unter Gleichen, hier sind sie nicht anders, nicht isoliert. Damit eröffnet sich für die Gehörlosen eine angenehmere Situation, ganz im Gegensatz zum Alltag der Gehörlosen unter Hörenden. Die Verständigung am Arbeitsplatz oder der Kontakt zu hörenden Familienmitgliedern ist meist ein mühsames Unterfangen, verbunden mit einem hohen Aufwand an Konzentration, um die Sprache vom Mund abzulesen und zu entschlüsseln. Die Möglichkeit, einfach an einem Gespräch teilzunehmen, ist nicht gegeben, häufig werden Informationen für die Gehörlosen nur zusammengefasst übermittelt. So gibt es viele Gründe, warum Gehörlose an der regen Vereinstätigkeit teilnehmen. In vielen Städten befinden sich Schulen und Internate für Gehörlose. Bereits in diesen Institutionen werden die Grundsteine für die Zugehörigkeit zur Gehörlosengemeinschaft gelegt. Hier entsteht meist der erste Kontakt zwischen gehörlosen Kindern. Vor allem in der Freizeit erfahren die Kinder die Vorteile, die der Kontakt mit anderen Gehörlosen mit sich bringt. Das Kind lernt die Gebärdensprache und die kulturellen Werte der Gemeinschaft. Das ist die Basis, für die Gruppenidentität Gehörloser:

„Für die meisten Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft scheint jedoch die Identifizierung mit der Gehörlosenkultur von zwei Voraussetzungen abzuhängen: kommunikative Kompetenz in der Gebärdensprache und Besuch eines Internats für Gehörlose. (Markowicz und Woodward, 1982)“ (Boyes Bream, 1995: 137)

In Deutschland leben rund 80 000 Gehörlose. Die meisten von ihnen sind in die über 600 Vereine[18] integriert und pflegen eine aktive Mitgliedschaft. In allen Städten befinden sich Schulen und Internate für Gehörlose. Hier werden Reisen, Kongresse, Veranstaltungen organisiert und durchgeführt.

Aus den Vereinen begründen sich verschiedene andere Organisationen durch die verschiedenen Interessengebiete der Vereinsmitglieder. Es entstanden vor allem zahlreiche Sportvereine, aber auch Theatergruppen, Literaturkreise.

1864 wurde in Washington, DC die erste und bislang einzige internationale Universität für Gehörlose und Schwerhörige gegründet. Die Gallaudet Universität ist ein Institut mit geisteswissenschaftlichem Schwerpunkt. Hier ist für gehörlose und hörende Studenten die Möglichkeit geschaffen worden, sowohl in Laut- als auch in Gebärdensprache zu kommunizieren. Zudem werden hier zahlreiche Unterhaltungsveranstaltungen angeboten. Es werden beispielsweise Theaterstücke aufgeführt, Vorträge gehalten, Filme gezeigt.

2.4.7 Kunst und Literatur

Theaterkunst und Schriftstellerei schaffen Werke, geprägt von der Gehörlosigkeit einer Minderheitenkultur.

Bücher wie Emmanuelle Laborits „Der Schrei der Möwe“, Sherryl Jordans „Flüsternde Hände“ oder Bonnie P. Tuckers „Der Klang von fallendem Schnee“ sind viel gelesene Werke – nicht nur von Gehörlosen – deren zentrales Thema die Gehörlosigkeit, der Umgang damit im Alltag und die Behauptung der Gehörlosen gegenüber den Hörenden ist. Es werden Probleme aufgeworfen, die jeder Gehörlose kennt, die jeder schon einmal erlebt hat.

Theaterstücke wurden zunächst als in gebärdensprachlicher Übersetzung aus der Lautsprache aufgeführt. Später wurden auch eigene Stücke geschrieben, deren Umsetzung allein für Gebärdensprache gedacht war. Jetzt konnte die Sprache auch künstlerisch instrumentalisiert werden, indem sie zu dem Theaterobjekt gemacht wurde:

„Sie [...] nehmen die Gebärden nicht nur aus dem Fluß der Erzählung heraus, sondern beginnen, ihre innere Struktur auseinanderzunehmen, wobei die Sprachanalyse den Verlauf des Stückes

bestimmt“ (Padden, 1991: 72)

Neben Büchern und Theaterstücken haben auch Anekdoten und Witze ihren festen Platz in der Kunstszene Gehörloser gefunden. Hier entwickelte sich hier ein eigener Humor, der durch visuelle Wortspiele nicht oder nur kaum übersetzbar ist.

2.4.8 Traditionen und Bräuche

Ein Teil der Gehörlosenkultur besteht darin, sich untereinander traditionelle Geschichten zu erzählen. Diese handeln von den Ursprüngen und der Entwicklung der Gemeinschaft. Exemplarisch kann hier die bereits erwähnte[19] Geschichte von Abbé de l’Epée genannt werden, die Symbol für den Wandel der Stellung des Gehörlosen in der Gesellschaft ist. Damit wird deutlich, welche Bedeutung diesen Geschichten beigemessen wird. Sie übertragen geschichtliches Wissen über die Kultur, sie vermitteln Werte und erinnern an die Zeiten, in denen Gehörlose, sowohl im Bereich Erziehung als auch als Mitglied der Gesellschaft, diskriminiert wurden.

Diese Geschichten dienen nicht nur dem Unterhaltungszweck. Durch gemeinsame Geschichte in gemeinsamen Geschichten wird die Gemeinschaft als Kultur gestärkt und erlangt mit wachsendem Selbstbewusstsein zunehmend mehr Autorität in der Gesellschaft. Auch für jeden Einzelnen sind diese Geschichten von großer Bedeutung. Durch diese sollen nicht nur die Vergangenheit beleuchtet und unvergessen gemacht werden, sondern sie dienen auch dazu, aufzuzeigen, was im Leben als wichtig erachtet werden sollte und wie man auch mit Gehörlosigkeit ein erfülltes Leben führen kann.

Zusammenfassend ist über die traditionellen Geschichten sagen: So sehr sie auch von schmerzvollen Erfahrungen, Leid und Verzweiflung geprägt sind, so sehr drücken sie auch den Wunsch auf Vorurteilsfreiheit, Gleichberechtigung und Anerkennung der Gebärdensprache aus, weltweit.

2.5 Zugehörigkeit zur Gehörlosenkultur

Zu den Mitgliedern einer Gehörlosengemeinschaft zählen sich all diejenigen Menschen, die mit den spezifischen Gegebenheiten der Gehörlosenkultur vertraut sind, sich mit den Werten und Vorstellungen der Gehörlosengemeinschaft identifizieren können und sich mit den anderen Mitgliedern auf besondere Weise verbunden fühlen. Sie begreifen sich als eine ethnische oder sprachliche Minderheit, welche sich von der hörenden Gesellschaft durch ihre Gehörlosigkeit und die damit verbundene eigene Muttersprache abgrenzt.

Das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gruppe ist nicht allein durch die Taubheit bestimmt, denn es ist möglich, dass auch Hörende, beispielsweise hörende Kinder gehörloser Eltern, sich zu dieser Gruppe zugehörig empfinden. Schlüsselelement bildet auch in der Frage nach der Zugehörigkeit zur Gehörlosenkultur die Sprache, einfache Sprachkenntnisse sind hierbei nicht ausreichend. Man sollte durchaus über muttersprachliche Fähigkeiten verfügen. Ebenso konstituiert das Unvermögen zu hören nicht automatisch eine Identität mit den Mitgliedern der Gehörlosengemeinschaft. An dieser Stelle sei an Spätertaubte erinnert, die oft nicht mit den Gegebenheiten der Kultur vertraut sind und auch die Gebärdensprache nicht sprechen.

Resümierend kann gesagt werden, dass die Gebärdensprache das Kernstück der Kultur der Gehörlosen darstellt. Gehörlose definieren sich innerhalb ihrer Kultur hauptsächlich über die Besonderheit und die Andersartigkeit ihrer Sprache und grenzen sich dadurch gleichzeitig nach Außen, gegen die hörende Welt, ab.

3 Die Gebärdensprache

Nachdem ein hinreichender Überblick über die Gemeinschaft der Gehörlosen gegeben wurde, soll anschließend ein Einblick in die Gebärdensprache gegeben werden. Eine umfassende Beschreibung wird hier nicht angestrebt, jedoch wird ein Einblick gegeben werden können, um die Untersuchung der Sprache auf Phraseologismen transparent zu machen und um eine Beschreibung der Phraseologismen zu ermöglichen.

Die Gebärdensprache ist eine Form der manuell-visuellen Kommunikation, die sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt. Bildet das einzelne manuelle Gebärdenzeichen zwar das Fundament einer sprachlichen Äußerung, ergibt dieses jedoch erst im Zusammenspiel verschiedener nicht-manueller Elemente eine komplexe Einheit. In der einschlägigen Literatur[20] herrscht dabei weitestgehend Einigkeit über die komplexe Struktur eines gebärdensprachlichen Zeichens und die Bedeutung der einzelnen Komponenten.

Eine gebärdensprachliche Äußerung setzt sich aus Handkonfiguration, Bewegung, Ausführungsstelle, nonmanuellen und oralen Elementen zusammen. Handkonfiguration, Bewegung und Ausführungsstelle sind manuelle Komponenten und werden als Gebärden im eigentlichen Sinne verstanden. Sie spielen die zentrale Rolle bei der Bildung einer gebärdensprachlichen Äußerung. Nonmanuelle und orale Komponenten sind visuelle Elemente. Sie begleiten die Gebärde während der Produktion einer Äußerung und vereinfachen die Identifikation des geäußerten Sachverhaltes. Die einzelnen Komponenten einer gebärdensprachlichen Äußerung sollen im Folgenden genannt und erläutert werden.

3.1 Die Gebärde

Es gibt Gebärdenzeichen, die einhändig produziert werden, und Gebärdenzeichen, die zweihändig produziert werden. Gebärdenzeichen, die beider Hände zum Ausdrücken eines Sachverhaltes bedürfen, differenzieren sich je nach Ähnlichkeit der Handkonfiguration und Bewegung beider Hände bei der Produktion des Gebärdenzeichens. So kann man zweihändige Gebärden unterscheiden, bei denen sich entweder beide Hände in gleicher Handkonfiguration symmetrisch zueinander bewegen oder bei denen sich die Hände in Handkonfiguration und Bewegung asymmetrisch verhalten. Bei der letzteren unterscheidet man aktive Hand und passive Hand. Dabei verweilt die passive Hand in einer bewegungslosen Position, wohingegen die aktive Hand die sich Bewegende ist. Becker beschreibt noch zwei weitere Möglichkeiten der zweihändigen Bewegung der Hände zur Gebärdenproduktion[21]. Es gleichen sich die Handformen der beiden Hände und man unterscheidet aktive und passive Hand. Die aktive Hand kann dann durch ihre Bewegung die Stellung im Gebärdenraum verändern. Becker nennt als Beispiel hierfür die Gebärde ARBEITEN:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: ARBEITEN

(Maisch 2: 21668)

Ob die letzte von Becker genannte Form der Gebärdenproduktion so eindeutig zu den zweihändig produzierten Gebärden zugeordnet werden kann, ist allerdings zweifelhaft. Becker ist der Ansicht, dass hier der Unterschied zwischen aktiver und passiver Hand aufgehoben wird, wodurch ermöglicht wird, dass jede Hand in der Lage ist, einen eigenen Sachverhalt durch eigenständige Gebärdenzeichen auszudrücken. Ebbinghaus; Heßmann zählt diese Form der Gebärdenproduktion zu den einhändigen Gebärden:

„Soweit es sich um einhändige Gebärden handelt, ist eine gleichzeitige Ausführung zweier Gebärden möglich.“ (Ebbinghaus; Heßmann, 1989: 81)

An dieser Stelle muss die Zuordnung von Ebbinghaus; Heßmann präferiert werden, da hier zwei einhändige Gebärden parallel gebildet werden und die eine Hand nicht an der Bildung des Zeichens der jeweils anderen Hand beteiligt ist. Es ist möglich, dass jede Gebärde der jeweiligen Hand für sich allein stehen kann, ohne Bedeutungsverlust zu erleiden. Es können demnach zwei einhändige Gebärden zeitgleich produziert werden, um die Gleichzeitigkeit zweier Sachverhalte auszudrücken. Ein Zeichen für Effizienz, wie es in der Gebärdensprache üblich ist.

Im Folgenden soll die Zusammensetzung von Gebärden aus ihren Bestandteilen betrachtet werden. Da jedem dieser Bestandteile, Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung, in einer Gebärde bedeutungsunterscheidende Funktion zukommt, hat man den Terminus Phonem aus der Sprachwissenschaft in die Gebärdensprachforschung übernommen.

3.1.1 Handkonfiguration

Unter dem Begriff Handkonfiguration fasst man die manuellen Komponenten Handform und Handstellung zusammen.

In der Deutschen Gebärdensprache unterscheidet man ungefähr 30 Handformen[22], aus denen sich ein Großteil der verschiedenen Gebärdenzeichen zusammensetzt. Diese werden je nach Daumenstellung, Krümmung, Stellung oder Abwinkeln der Finger voneinander unterschieden.

Die Handform ist ein signifikantes Merkmal eines Gebärdenzeichens. Ein Gebärdenzeichen kann allein durch Veränderung der Handform einen Bedeutungswandel erfahren. Das soll an folgendem Beispiel verdeutlicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: UMSTEIGEN Abbildung 3: STERBEN

(Maisch 1: 10452) (Maisch 1: 10108)

Die Bedeutung, die eine bestimmte Handform in einer Gebärde einnimmt, wird dadurch deutlich, dass allein durch die Veränderung der Handform dem Gebärdenzeichen eine neue Bedeutung zukommt, wenn Bewegung und Ausführungsstelle unverändert bleiben.

Beschreibt man die Handstellung eines Gebärdenzeichens, bezieht man sich auf die Stellung der Handflächen und Finger im Gebärdenraum im Verhältnis zum Körper des Gebärdenden.

Ebenso wie der Handform kommt auch der Handstellung eine differenzierende Funktion in Bezug auf die Bedeutung des Gebärdenzeichens zu. So kann ein Gebärdenzeichen einzig durch Veränderung der Handstellung eine andere Bedeutung einnehmen, wie an folgendem Beispiel sichtbar wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: auto-FAHREN Abbildung 5: moped-FAHREN

(Boyes Braem, 1995: 86) (Boyes Braem, 1995: 87)

3.1.2 Die Bewegung

Eine weitere Komponente einer gebärdensprachlichen Äußerung ist die Bewegung. Als einzige der manuellen Komponenten, aus denen sich ein Gebärdenzeichen zusammensetzt, ist die Bewegung bei der Produktion von Gebärden nicht bei allen Gebärden erforderlich.[23] Dennoch kommt ihr eine nicht minder wichtige Bedeutung zu, denn ein Großteil der Gebärden könnte ohne den Vollzug einer Bewegung nicht ausgedrückt werden. Bewegt werden können Arme, Hände, Handgelenke und Finger. Wisch[24] hat die verschiedenen Möglichkeiten von Bewegungen in Gebärden zusammengetragen und unterscheidet Bewegungstypen (geradlinige und gewölbte Bewegungen, Kreis- und Spiralbewegungen, Einzelgelenk- und Fingerbewegungen) von Ausführungsarten (in Bezug auf Tempo, Intensität, Größe und Wiederholung). Hier ergänzt Becker[25] die Bewegungsrichtung der Gebärde (horizontal, vertikal, vom und zum Körper, zur Seite, nach oben und unten). Die aufgeführten Bewegungsrichtungen müssen als Grundrichtungen betrachtet werden, da auch diagonale Bewegungen möglich sind.

Wie auch die anderen Komponenten einer Gebärde hat auch die Bewegung eine bedeutungsunterscheidende Funktion, in dem sie sich durch die unterschiedlichen Bewegungstypen oder Ausführungsarten von anderen Gebärden mit gleicher Handkonfiguration abgrenzt. Beispielhaft hierfür können die unterschiedlichen Arten des Laufens genannt werden. So kann durch die Bewegung der Finger u.a. ein normaler Gang von einem Spaziergang unterschieden werden.

[...]


[1] Denn in ihrer Freizeit können sie ungezwungen und barrierefrei in ihrer Muttersprache kommunizieren, ohne dass sich hier ein Gefühl der Behinderung einstellen würde.

[2] Natürlich wird durch Gehörlosigkeit die Lautsprache unzugänglich, gemeint ist hier aber, dass die Gehörlosen nicht darunter leiden, nicht hören zu können. Die meisten Gehörlosen in einer Gemeinschaft haben nie gefühlt, wie es ist zu hören, da sie von Geburt an gehörlos sind, oder sie haben sehr früh ihr Gehör verloren, so dass sie sich nicht mehr an das Gefühl zu hören erinnern können. Die Notwendigkeit des Hörens zur Kommunikation (denn nur dazu ist es wirklich notwendig) gleichen sie durch ihre eigene Form der Kommunikation aus. Somit fühlen sie sich nicht behindert, sondern werden behindert, durch eine Umgebung, die nicht für Gehörlose eingerichtet ist.

[3] Auch wenn Gehörlosigkeit die Voraussetzung ist, warum der Mensch auf ein anderes Medium der Kommunikation als Muttersprache zurückgreifen muss, ist sie kein bestimmender Faktor für eine Gruppenidentität.

[4] Weil sie innerhalb dieser Gemeinschaften nicht behindert sind, und hier keinerlei Kommunikationshindernisse vorhanden sind. In diesem Raum sind Gehörlose nicht behindert und es fehlt ihnen keine Sinnesleistung.

[5] Gebärdensprache ermöglicht Gehörlosen über Schrift und Dolmetscherdienste Zugang zur sprachlichen Majorität und Bildung.

[6] Vgl. Kröhnert, 1966: 18f

[7] „Der Abbé war lange durch die finstere Nacht gestapft. Er wollte haltmachen und für die Nacht irgendwo einkehren, doch er konnte keine Unterkunft finden. Endlich sah er in der Ferne ein Haus, das erleuchtet war. Er blieb vor dem Haus stehen, klopfte an die Tür, doch niemand antwortete. Er sah, daß die Tür offenstand. So betrat er das Haus und fand zwei junge Frauen vor, die, mit Näharbeit beschäftigt, beim Feuer saßen. Er sprach sie an, aber sie reagierten immer noch nicht. Er ging näher heran und sprach sie ein zweites Mal an, doch wieder gaben sie keine Antwort. Der Abbé war verwirrt, doch setzte er sich zu ihnen. Sie sahen zu ihm hoch und sagten kein Wort. In diesem Moment trat die Mutter zur Tür herein. Ob der Herr Abbé nicht wisse, daß ihre Töchter taub seien? Nein, er hatte es nicht gewußt, doch nun war ihm klar, warum sie nicht geantwortet hatten. Und während er die jungen Frauen so betrachtete, erkannte der Abbé seine Berufung.“ (Padden, 1991: 32)

[8] Angabe des Deutschen Gehörlosenbundes: E-Mail am 21.07.05

[9] Es wird später darauf eingegangen werden, dass sich nicht alle Gehörlosen mit der Gemeinschaft identifizieren, gleichzeitig sich auch Hörende der Gemeinschaft zugehörig fühlen.

[10] So haben sich in einigen Regionen Weihnachtsfeste für gehörlose Kinder etabliert (Kyle; 1991: 210), obwohl Weihnachten traditionell in familiärem Kreise gestaltet wird. Das mag daran liegen, dass die wenigsten Gehörlosen gehörlose Familien haben, oder in der hörenden Familie meist nur ein hörendes Familienmitglied die Deutsche Gebärdensprache (DGS) spricht. Verständlicherweise ziehen manche Gehörlose es vor, in der Gemeinschaft Weihnachten zu feiern. Hiermit ist eine Basis für entstehende Bräuche in der Gehörlosenkultur gegeben, die sich im Laufe der Zeit manifestieren können.

[11] Soziologie-Lexikon, 1991: 375; Brockhaus12: 623, etc.

[12] Wie bereits erwähnt, ist die Gehörlosenkultur eine Kultur in einer Kultur. Daher ist es lohnenswert nur auf Kriterien einzugehen, die sie von der Kultur der hörenden Deutschen unterscheiden und die sie mit anderen Gehörlosen anderer Kulturen gemeinsam haben. So muss beispielsweise auf ein regionales Kriterium (wie in der Definition von Kultur vorgesehen) nicht eingegangen werden, da sich die Gehörlosen nicht regional zusammengeschlossen haben, auch wenn es diesbezüglich Überlegungen gab (Padden, 1991: 103f), was wiederum als ein Kulturkriterium gewertet werden kann.

[13] Vgl. Krumm, 1990: 272

[14] Eine Gebärde kann beispielsweise durch Fingerspelling (Buchstabieren mit Hilfe des Fingeralphabets) oder durch Bilder, Skizzen, etc. erklärt werden. Oft kommt auch Pantomime zum Einsatz.

[15] Heßmann: Informationen über Gehörlose und Gebärdensprache.
www.mudra.org/content/html/gb_lesetexte_hessmann.html am 27.07.2005

[16] Vgl. Kyle (1991: 201ff)

[17] Die private, entspannte Kommunikation in der Gehörlosengemeinschaft wird ‚Plaudern’ genannt.

[18] Angaben von Deutschen Gehörlosenbund: E-Mail vom 26.07.05

[19] Die Geschichte wurde bereits in Fußnote 7, S.9 beschrieben.

[20] Exemplarisch seien hier Wisch, 1990; Boyes-Braem, 1995; Becker, 1997; Prillwitz, 1990; Ebbinghaus; Heßmann, 1989 genannt.

[21] Gebärden mit gleicher, aber symmetrischer Handbewegung nennt Becker Symmetrie-Form, Gebärden mit unterschiedlicher Handkonfiguration und Bewegung nennt Becker Dominanzform, die dritte Möglichkeit zweihändiger Gebärden nennt sie Mittel-Form

[22] Es besteht die Möglichkeit zur Bildung von weit mehr Handformen, jedoch werden nicht alle in der Deutschen Gebärdensprache genutzt. In anderen Gebärdensprachen werden teilweise andere Handformen gebildet, die in der Deutschen Gebärdensprache keine Gültigkeit besitzen.

[23] Man denke hier an statische Gebärden, wie FRAU oder DEUTSCH, bei denen keine Bewegung vollzogen wird.

[24] Vgl. Wisch, 1990: 162

[25] Vgl. Becker, 1997: 53

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Phraseologismen in der Lautsprache und in der Deutschen Gebärdensprache
Untertitel
Der Versuch eines kontrastiven Vergleichs beider Sprachen
Hochschule
Universität Leipzig
Note
gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
96
Katalognummer
V142863
ISBN (eBook)
9783640532186
ISBN (Buch)
9783640532070
Dateigröße
2903 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phraseologismen, Lautsprache, Deutschen, Gebärdensprache, Versuch, Vergleichs, Sprachen
Arbeit zitieren
Cornelia Clauss (Autor), 2007, Phraseologismen in der Lautsprache und in der Deutschen Gebärdensprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142863

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