Fußball im Wirtschaftswunderland - Die Entwicklung des Fußballsports in Westdeutschland 1945- 1963


Seminararbeit, 2006

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Weißt du noch - damals- weißt du noch, Kamerad?“ - Einleitung und Fragestellung

2. Die Ausgangslage

3. Der Wiederaufbau des Spielbetriebs
3.1 „Kalorienspiele“
3.2 Liga-Gründungen

4. Die Rückkehr des DFB
4.1 Kernfrage: Organisation des Sports
4.2 Neugründung des DFB
4.3 Neuer Verband- altes Personal

5. Die internationale Anerkennung
5.1 Beitritt zur FIFA
5.2 Erste WM- Teilnahme
5.3 Sonderstatus des Saarlandes

6. Die Profi-Liga - Fluch oder Segen?
6.1 Vom Amateur zum Vertragsspieler
6.2 Der „ Angestellte eines lizenzierten Vereins“

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. „Weißt du noch - damals - weißt du noch, Kamerad?“ - Einleitung und Fragestellung

Spricht man mit älteren Sportkameraden oder hört deren Unterhaltungen zu, so wird immer wieder die Frage nach dem Damals gestellt. Gerade im Fußball schwärmen viele, die sie noch erlebt haben, von der guten alten Zeit, als Fußball noch der Kameradschaft und sportlichen Betätigung wegen gespielt wurde und nicht den Interessen des Marktes unterworfen war. Besonders die Nachkriegsepoche mit Spielern wie Fritz Walter gilt den Zeitgenossen als bei- spielhaft, und nicht erst seit dem 50jährigen Jubiläum des Sieges von Bern bei der WM 1954 beschäftigt man sich mit dem Thema. Bei den Heutigen teilt sich die Beurteilung: die einen sehen in der Einführung der Bundesliga den entscheidenden Schritt zur Kommerzialisierung und Entfremdung des Fußballsports, die anderen können sich eine Zeit ohne die Profispielklasse gar nicht mehr vorstellen und haben wohl eher verwundert zur Kenntnis genommen, dass die Spielklasse jüngst erst das 40-jährige Bestehen feierte.

Aus welcher Sicht auch immer, es ist interessant zu beobachten, wie sich der Fußball seit dem Ende des Krieges quasi aus dem Nichts hin zu einer Eliteklasse und einem durchstrukturierten Verband entwickelte. Diese Entwicklung aufzuzeigen, soll Aufgabe dieser Arbeit sein. Dabei wird aber nicht nur der Bericht geschichtlicher Ereignisse im Vordergrund stehen. Die Be- dingungen dieser Entwicklung - aus sportsoziologischer wie sportpolitischer Sicht - gilt es ebenfalls zu beschreiben.

Es soll also gefragt werden, wie und unter welchen Bedingungen sich der Wiederaufbau des Spielbetriebes in den Oberligen gestaltete. Von Bedeutung ist auch die Frage, wie es gelingen konnte, so schnell nach dem völligen Zusammenbruch ein funktionierendes Verbandswesen zu errichten und wieder internationale Anerkennung zu erlangen. Endlich wird nicht nur zu betrachten sein, was der Anlass zur Einführung der Bundesliga war, sondern auch warum es so lange dauerte, bis der Beschluss zu guter Letzt gefasst werden konnte.

2. Die Ausgangslage 1945

Im Frühjahr 1945 bis zur bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endete in Deutsch- land nach und nach der Zweite Weltkrieg. Die Siegermächte verfügten nicht nur ein Verbot der NSDAP, sondern lösten auch alle parteinahen Unterorganisationen auf. Zu ihnen gehörte der „Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL)“. Zu den dort angeschlos- senen Verbänden gehörte auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und seine Landesverbände (Heinrich 2000, S. 163 f.). Damit waren sowohl Verband als auch der Spielbetrieb zerschla- gen.

Auch auf FIFA-Ebene waren zunächst die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges zu spüren. 1945 schloss die FIFA Deutschland aus und untersagte jeglichen Spielverkehr mit deutschen Mannschaften (Kamper 2004, S. 18).

Auch die Vereine, welche ebenfalls im NSRL zusammengeschlossen waren, wurden aufge- löst. Ihr Vermögen, einschließlich der Platzanlagen, wurde beschlagnahmt (Leinemann 1997,S. 254). Schon die Kriegszeit hatte die Situation der Vereine verändert. Durch den Militärdienst verloren sie ihre Spieler und es war nie gewährleistet, welche Spieler sich an der Front befanden, geschweige denn noch am Leben waren. So kam schon kurz vor Ende des Krieges der Spielbetrieb zum Stillstand. Bei Kriegsende fehlte es dann an Allem: an intakten Spielfeldern, an Trikots und Bällen, an Fahrzeugen, um auswärtige Mannschaften zu erreichen. Zudem befanden sich viele Spieler nun in Kriegsgefangenschaft.

Auch die Situation der Bevölkerung war dramatisch: Nahrungsmittel waren rationiert, es fehlte an Kleidung, Schuhen, Heizmaterial. Dennoch war die Sehnsucht nach Ablenkung vom elenden Nachkriegsalltag groß, und der Fußball war als Unterhaltungsangebot praktisch konkurrenzlos. So ist es nicht verwunderlich, dass Sportler und Funktionäre alsbald wieder versuchten, Vereine zu gründen und einen Spielbetrieb aufzubauen.

3. Der Wiederaufbau des Spielbetriebs

3.1. „Kalorienspiele“

Die Zustimmung zu Vereinsgründungen hing aber von der Einstellung der örtlichen Militär- regierungen ab, die solche Aktivitäten zunächst skeptisch beäugten. Allerdings wurde das Sportverbot von einzelnen Kommandanten eher lax gehalten. So kickten in Castrop-Rauxel schon am 7. Juli 1945 Auswahlmannschaften der nördlichen und der südlichen Stadtteile ge- geneinander (Schreiber, Abs. 3). Schon bald nach der Besetzung des völlig zerstörten Mün- chen war das Spiel des FC Bayern gegen den FC Wacker München am 24. Juni 1945 eines der ersten auf deutschem Boden nach dem Ende der Hitler-Diktatur. Allerdings fand dieses Spiel ohne Erlaubnis der alliierten Behörden statt. Der damalige Vorsitzende des FC Bayern wurde daraufhin festgenommen und musste für zwei Tage ins Gefängnis (Kamper 2004, S. 16).

Schon bald wurde die Gründung von Vereinen auch offiziell wieder zugelassen und ab De- zember 1945 durften sogar die alten Traditionsnamen wieder verwendet werden (Schreiber a.a.O.).

Für die Spieler erwies es sich als einträglich, fußballerisches Talent zu besitzen. Insbesondere die namhaften Vereinsmannschaften, die recht schnell wieder zusammenfanden, trugen nahezu ständig Begegnungen für Naturalien oder Sachleistungen aus. Fritz Walter wird mit der Bemerkung zitiert: „Wo ein Ball oder einige Trikots, Fußballschuhe, ein Sack Kartoffeln oder ähnliches winkten, da holte man sich die Beute, indem man um sie spielte.“ (Gnegel 1953, S. 94). Zahlreiche Teams behalfen sich mit solchen „Kalorienspielen“.

3.2. Liga-Gründungen

So dauerte es nicht lange, bis auch ein regulärer Spielbetrieb wieder aufgebaut worden war. Schon am 4. November 1945 hatte in Süddeutschland eine reguläre Oberliga-Spielrunde mit 16 Mannschaften begonnen (Leinemann 1997, S. 271). Bei der Gestaltung des Spielbetriebs griff man auf die alten Strukturen aus der Zeit vor dem Kriege, nämlich die Einteilung in re- gionale Gruppen (Oberligen), zurück. Dies wurde auch die Teilung Deutschlands in vier militärische Besatzungszonen und Berlin begünstigt. So nahm die Oberliga-Landschaft der kommenden Jahre endgültig Gestalt an. In Anlehnung an die traditionellen Bereiche des Norddeutschen und des Westdeutschen Fußballverbandes vor 1933 wurden die Oberliga Nord (Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein) und West (Nordrhein-Westfalen) geschaffen (1947). Auch in der Französischen Besatzungszone entstand eine Oberliga Südwest (Wikipedia 2005, 2. Abs.).

Aus diesen fünf Oberligen mit rund 80 Mannschaften qualifizierten sich die acht regionalen Besten, die dann in einer Endrunde um die Deutsche Meisterschaft kämpften. Diese Schluss- runde wurde zu so etwas wie einer prickelnden „innerdeutschen Champions League“ (März 2003).

Die erste Endrunde um die Fußballmeisterschaft wurde bereits 1947/48 ausgetragen. Sie war noch gesamtdeutsch, also mit Einschluss der in der Sowjetischen Besatzungszone spielenden Mannschaften der Oberliga Ost, konzipiert. Noch bevor die Endrunde begann, wurde dieses Konzept aber durch die politischen Ereignisse überrollt. In Folge der Währungsreform in den Westzonen kam es zu erheblichen Spannungen zwischen den drei Westalliierten und der Sowjetunion, die auch zum Rückzug des Ost-Vertreters bei der Meisterschaft führte (Wiki- pedia 2005, 5. Abs.). In den späteren Jahren sollte der Wettbewerb dann nur noch mit Mann- schaften aus Westdeutschland durchgeführt werden, während innerhalb der DDR eine eigene Oberliga eingerichtet wurde. Erster Deutscher Meister nach dem Kriege wurde im Jahre 1948 der 1. FC Nürnberg.

Von Beginn der Wettbewerbe an strömten die Zuschauer auf die Sportplätze. Als Beispiel mag gelten, dass, als die neu gegründete Oberliga West am 14. September 1947 ihren ersten Spieltag bestritt, 100.000 Zuschauer die sechs Partien verfolgten (Schreiber 2005, 4. Abs.).

4. Die Rückkehr des DFB

4.1. Kernfrage: Organisation des Sports

Nach Kriegsende kristallisierten sich zwei Zentren heraus, die eine überregionale Organisa-tion des Fußballs betrieben. Während die süddeutschen Vertreter der Ingangsetzung des Spiel- betriebs Vorrang gewährten, stand bei den Funktionären der westdeutschen Seite die Wieder- herstellung des Fußballverbandes oben an. Hier sammelte sich eine Gruppe ehemaliger Fuß-ballfunktionäre um den Kölner Dr. Peco Bauwens, der sich vehement für den Wiederaufbau des Deutschen Fußballbundes einsetzte.

Diese Gruppe stand damit im Widerstreit zu einer großen Zahl von Vereinen aus allen Gebieten des Sports. Denn im Laufe der ersten Nachkriegsjahre (nach der Freigabe der Reorganisation des Sports durch die Alliierten) entstanden offene Vereine, die eine ganze Palette von Sportarten betreuten. Diese waren darum bemüht, Landessportverbände zu bilden, die das Prinzip der Offenheit auf höherer Ebene fortsetzten (Heinrich 2000, S. 164). Zugleich rückte man vom Fachverbandsprinzip ab.

Diese Auffassung konnte und wollte Bauwens nicht teilen. Als ehemaliger Funktionär auf DFB- und FIFA-Ebene war für ihn der Fachverband das grundlegende Organisationsmuster. Ein Zusammenschluss zu Landessportbünden sollte allenfalls im Bedarfsfall erfolgen.

Keine der Gruppen konnte sich sicher sein, dass ihr eine Mehrheit der Sportler folgen würde. Bauwens‘ Strategie lief deshalb darauf hinaus, so schnell wie möglich einen Fußballverband mindestens auf Landesebene zu gründen, zugleich aber der Gegenseite keine Gelegenheit zu geben, ihrerseits organisatorische Fakten zu schaffen (Heinrich 2000, S. 165).

4.2. Neugründung des DFB

Beim Schaffen solcher Fakten erwies sich Bauwens als äußerst effektiv: Nach der Gründung des Westdeutschen Fußballverbandes, dessen Vorsitz er übernahm, konstituierte sich am 10. April 1948 ein Arbeitsausschuss für Fußball, der wenig später in „Deutscher Fußball-Aus- schuss“ umbenannt wurde. Dieser sollte als Fachverband die Geschicke des deutschen Fuß- balls lenken.

Bauwens und seine Mitstreiter arbeiteten aber beharrlich weiter am Wiederaufbau der alten Strukturen, und das hieß für sie in erster Linie: Wiederaufbau des Deutschen Fußballbundes. Am 10. Juli 1949 wurde dieser dann in Stuttgart anlässlich des Finales um die Deutsche Meisterschaft offiziell aus der Taufe gehoben. Die Macher des Verbandes ignorierten dabei völlig, dass die Wiedergründung gegen Besatzungsrecht verstieß, denn der DFB gehörte noch zu den Verbänden, denen die Alliierten wegen seiner Verstrickungen in der Hitler-Diktatur misstrauisch gegenüber standen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Fußball im Wirtschaftswunderland - Die Entwicklung des Fußballsports in Westdeutschland 1945- 1963
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Sportentwicklung
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V142975
ISBN (eBook)
9783640543830
ISBN (Buch)
9783656058571
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, Wirtschaftswunderland, Entwicklung, Fußballsports, Westdeutschland
Arbeit zitieren
Dimitrios Gavrilas (Autor), 2006, Fußball im Wirtschaftswunderland - Die Entwicklung des Fußballsports in Westdeutschland 1945- 1963, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142975

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