Hitlers Europa

Literatur und Literaten im besetzten Frankreich 1940-1944


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
21 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Beurteilung der Niederlage Frankreichs im Sommer 1940
2.2 Pressezensur: Die Liste Otto
2.3 Die Beurteilung des Vichy-Regimes
2.4 Die Anhänger der Kollaboration
2.5 Die Anhänger des Widerstandes
2.6 Die „épuration“ der Intellektuellen
2.7 Nachwirkungen des Krieges auf die Literatur

3. Schlussbetrachtungen

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen am 14. Juni 1940 begann für Frankreich „une des plus grandes tragédies de son histoire“[1]. Die Situation, vom Feind im eigenen Land bedroht zu werden, war für Frankreich nicht neu, in diesem Fall jedoch, wie Peter Davies beschreibt, völlig anders:

„We must remember that occupation was not a new experience for France. She had suffered the same fate, albeit for much shorter durations, in 1814, 1871 and 1914. Occupation 1940-style, however, was to be on an altogether different scale. In time it was to become a military, social, economic, political und psychological reality; and it would leave an indelible stain on the nation’s psyche.“[2]

Der am 17. Juli 1940 offiziell eingesetzte Staatschef Philippe Pétain versuchte mit der deutschen Besatzungsmacht zu kollaborieren, um die totale Ausbeutung und Zerstörung Frankreichs zu vermeiden. Nicht nur für die Politik, sondern vor allem für die Menschen und ihr tägliches Lebens bedeutete dies eine große Veränderung. Auch das kulturelle Leben wurde einem radikalen Wandel unterzogen, denn „die dramatischen Ereignisse des Sommers 1940 treffen das intellektuelle Milieu ebenso ins Mark wie die übrige französische Bevölkerung“[3]. Ein bis dahin völlig öffentlicher Bereich, auf den jeder Bürger Frankreichs Zugriff hatte, wurde umgestellt und musste Einschränkungen erfahren: der Bereich der Literatur und des Zeitschriftenwesens, wobei Letzteres, sowie die von den Deutschen betriebene Propaganda weitgehend unberücksichtigt bleiben, da diese den Rahmen der Arbeit sprengen würden. Das Verhalten der Literaten[4] bewegte sich vom sogenannten attentisme, über Kollaboration bis hin zum aktiven Widerstand[5]. Ein einheitliches Verhalten bezüglich der neuen Situation lässt sich daher nicht in allen Bereichen ausmachen.

Diese Arbeit beschäftigt sich im Folgenden mit der Rolle der Literatur und der Literaten im besetzten Frankreich. Es soll gezeigt werden, inwiefern die Literatur das Leben beeinflusst hat und wie in ihr Zustimmung oder Ablehnung zur damaligen Situation Frankreichs von den jeweiligen Autoren umgesetzt wurden. Wie gefährlich war es, Literatur zu veröffentlichen? War dies überhaupt ohne Zensur möglich? Diese Fragen sollen nun im folgenden Hauptteil genauer untersucht und analysiert werden. Um bessere Vergleichsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen und auch zahlreichen Autoren anstellen zu können, soll nach Themengebieten vorgegangen werden. Die Themenkomplexe Widerstand und Kollaboration werden an geeigneter Stelle mit einfließen. Es wird hier dazu kommen, dass in den jeweiligen Kapiteln immer nur einige Autoren zitiert werden. Dabei soll darauf geachtet werden, dass Literaten mit unterschiedlichen Positionen analysiert werden. Im ersten Teil (2.1) soll eine allgemeine Schilderung zur Niederlage Frankreichs im Juni 1940 dargestellt werden. Lassen sich hierbei schon Unterschiede zwischen Kollaborateuren und Widerstandsanhängern feststellen? Oder wird dieser Teil in den literarischen Werken kaum bis gar nicht berücksichtigt? Kapitel 2.2 soll sich mit einem eher allgemeineren Thema, der Pressezensur, beschäftigen. Es soll erläutert werden, inwiefern eine Zensur stattgefunden hat, welche Werke ihr Opfer wurden und wie sie durchgeführt und durchgesetzt wurde. Der darauf folgende Teil (2.3) wird sich mit der Beurteilung des Vichy-Regimes auseinandersetzen. Wie haben die Autoren nun Stellung bezogen? Wie be- beziehungsweise verurteilen sie das Vichy-Regime? Die Kapitel 2.4 und 2.5 werden die verschiedenen politischen Positionierungen der Literaten und deren Werke genauer untersuchen. Werden die einzelnen Gedankengänge direkt oder eher versteckt verarbeitet, und wie grenzen sich Kollaborateure und Widerstandsmitglieder voneinander ab? Der vorletzte Teil wird sich eher mit dem nahenden Kriegsende 1944/45 beschäftigen. Es soll analysiert werden, inwiefern unter den Literaten eine sogenannte épuration stattgefunden hat und mit welchen Strafen zu rechnen war. Im letzten Unterkapitel des Hauptteils (2.6) soll aufgezeigt werden, wie groß die Nachwirkung der Werke war und wem diese dienen sollten. Standen die Literaten noch zu ihrer zuvor niedergeschriebenen Meinung, oder wechselten sie nun aus Angst die Seiten? Wurden ihre Werke gelesen, und vor allem: wurden sie in der Bevölkerung akzeptiert?

Es soll nun versucht werden, alle diese Fragen gebührend und in sich schlüssig zu beantworten. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Analyse durchgängig mit aussagekräftigen Zitaten unterschiedlicher Autoren unterstützt wird, um die dargestellten Thesen und Argumente zu belegen.

2. Hauptteil

2.1 Die Beurteilung der Niederlage Frankreichs im Sommer 1940

Wenn man bedenkt, dass mit der Besetzung von Paris im Juni 1940 eine der schlimmsten militärischen Niederlagen Frankreich erfasste, verwundert es, dass diese Tatsache kaum Widerhall in literarischen Werken findet[6], obwohl die Auseinandersetzung um den baldigen Niedergang Frankreichs schon in den dreißiger Jahren ihre Wurzeln fand. Die folgenreiche Niederlage wurde von den Franzosen nicht als ein isolierendes Ereignis betrachtet, vielmehr nur als Auslöser der nachfolgenden Ereignisse[7]. Es erschien nicht wichtig, sich mit einer Tatsache auseinander zu setzen, an der man nichts mehr ändern konnte. Man versuchte sich eher darauf einzustellen, was nun auf einen zukam.

Dass sich die Autoren überhaupt nicht mit der Niederlage Frankreichs auseinandergesetzt haben, kann nicht behauptet werden. Statt der detaillierten Analyse des 14. Juni 1940, werden vielmehr Ursachen für diesen vorläufigen Ausgang des Zweiten Weltkrieges für Frankreich gesucht. Während Claude Roy „die Hauptursache für die französische Niederlage in der militärischen Unterlegenheit Frankreichs sieht“[8], geht Maurice Bardèche, ein der Kollaboration zuzuordnender Intellektueller[9] so weit, zu behaupten, „ce n’était nullement ce que nous nommerions aujourd’hui un sentiment raciste“[10]. Er geht davon aus, dass es sich um eine jüdische Verschwörung handelt, welche Europa in den Krieg und somit Frankreich ins Verderben gerissen hat. Bardèche gibt Deutschland nicht die Schuld an der Niederlage Frankreichs, was mit seiner politischen Haltung gegenüber der Besatzungsmacht übereinstimmt.

François Mauriac, ein dem aktiven Widerstand zuzuordnender Intellektueller und Lucien Combelle, der eher als intellektueller Kollaborateur einzuschätzen ist, vergleichen Frankreich mit einem Gebäude, dessen Mauern innerlich zermürbt sind und daher drohen, einzustürzen[11]. Obwohl die genannten Literaten unterschiedliche politische Einstellungen hatten, ist der von ihnen genannte Grund für die Niederlage des französischen Staates identisch. Dies hängt damit zusammen, dass die Beurteilung der défaite keinen politischen Ursprung hat, sondern vielmehr rational beurteilt wird. Doch einige Autoren näherten sich der französischen Niederlage von einer ganz anderen Seite. Sie betonten, dass die Niederlage eng mit der geistigen Verfassung, der „Trägheit und Erschlaffung des französischen Volkes“[12] und dem „Hang der Franzosen zur Leichtigkeit und Sorglosigkeit“[13] verbunden war.

Die verheerende Niederlage Frankreichs ist „im kollektiven Gedächtnis Frankreichs nur wenig verankert“[14]. Man war jedoch davon überzeugt, dass auf die défaite wieder ein Aufschwung folgen würde. So schreibt Jean Marcel Bruller, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges das Pseudonym Vercors wählte, da das gleichnamige Vercors-Gebirge hohe Bedeutung als Rückzugsort der Résistancekämpfer hatte, in La bataille du silence:

„[...] que la France n’était pas forcément éternelle, qu’elle pourrait un jour disparaître dans les cimetières de l’Histoire. […] Je me révoltai. Non! Cela ne pouvait pas être. Cela ne serait pas.“[15]

Auch Vercors war überzeugt, dass Frankreich seine Position in Europa eines Tages verlieren würde, er glaubte jedoch fest daran, dass es gelingen würde, dieses Frankreich wieder aufzubauen, damit es seinen rechtmäßigen Platz wieder einnehmen könnte.

Zum Abschluss dieses Kapitels lässt sich feststellen, dass die Ursachen für den Niedergang Frankreichs von den Intellektuellen recht unterschiedlich beurteilt würden, mit der politischen Gesinnung jedoch relativ wenig zusammengehangen haben. Es formierten sich Gruppierungen, die ihren Standpunkt darlegten, politisch aber nicht miteinander verwoben waren. Inwiefern sich die politischen Lager spalteten, wird in Kapitel 2.3 bis 2.5 erläutert.

2.2 Pressezensur: Die Liste Otto

Wie schon in der Einleitung erwähnt, erfuhr nicht nur das alltägliche Leben der Franzosen Einschränkungen. Auch im Bereich Literatur ließ es sich der Besatzer nicht nehmen, Werke zu verbieten und eine Zensurpflicht für alle schriftlichen Dokumente, die veröffentlicht werden sollten, zu erlassen. Die Verlagshäuser mussten ein Abkommen unterschreiben, welches ihnen verbot, Bücher oder Artikel jeglicher Art zu veröffentlichen, die den deutschen Interessen schaden könnten oder in Deutschland bereits verboten waren. Was die Zensur genau bewirken sollte, beschreiben Gilles und Jean-Robert Ragache sehr treffend:

„Les censures exercent leur vigilance dans plusieurs directions: ils écartent de l’édition les influences juives ou subversives, ils évitent tout réveil du nationalisme français, et traquent toute attaque franche ou pernicieuse contre l’idéologie nazie. Pour parvenir à un résultat radical, une prise de contrôle totale et directe des maisons d’édition françaises par les Allemands eût été possible.“[16]

[...]


[1] Pierre Laborie: Les Français sous Vichy et l’Occupation. Toulouse 2003, S. 3.

[2] Peter Davies: France and the Second World War. Occupation, Collaboration and Resistance. London 2001, S. 11.

[3] Anja Köhler: Vichy und die französischen Intellektuellen. Die ‚années noires’ im Spiegel autobiographischer Texte. Tübingen 2001, S. 99.

[4] Viele hier sogenannte Literaten waren meistens nicht hauptberuflich Autoren, sondern oft anderweitig, zum Beispiel politisch, tätig. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit werden sie jedoch immer als Literaten bezeichnet.

[5] Vgl.: Köhler: Vichy und die französischen Intellektuellen, S. 99.

[6] Vgl.: Ebd., S. 116.

[7] Vgl.: Ebd., S. 116.

[8] Ebd., S. 121.

[9] Das Wort „Intellektueller“ wird hier immer im Zusammenhang mit einer schriftstellerischen Tätigkeit gesehen.

[10] Maurice Bardèche: Souvenirs. Paris 1993, S. 71.

[11] Vgl.: Köhler: Vichy und die französischen Intellektuellen, S. 120.

[12] Ebd., S. 122.

[13] Ebd., S. 122.

[14] Ebd., S. 115.

[15] Vercors: La bataille du silence. Paris 1992, S. 110f.

[16] Gilles und Jean-Robert Ragache: La vie quotidienne des écrivains et des artistes sous l'Occupation: 1940 - 1944. Paris 1988, S. 202f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Hitlers Europa
Untertitel
Literatur und Literaten im besetzten Frankreich 1940-1944
Hochschule
Universität Stuttgart  (Historisches Institut - Abteilung für Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Hitlers Europa
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V142996
ISBN (eBook)
9783640519804
ISBN (Buch)
9783640521548
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Zweiter Weltkrieg, Literatur, Europa, Nazis, Hitler, Literaten, Frankreich, französisch, Okkupation, Kollaboration, Widerstand, Verfolgung, Exil, Zensur
Arbeit zitieren
Melanie Möger (Autor), 2006, Hitlers Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142996

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