Paris - Migration und Banlieue

Kunst der Banlieue


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Paris: Migration und Banlieue - Kunst der Banlieue
1. Geschichtliche Entwicklung
1.1 Anfang des 20. Jahrhunderts und postkoloniale Migration
1.2 Wohnungsbaupolitische Maßnahmen
2. Die Banlieue - Ursachen und Entwicklung spezifischer Problematiken
2.1 Ortseffekte
2.2 Zur Situation derBanlieusards
3. Repräsentation der Banlieue in Fernsehen, Kunst und Film
3.1 Mediale Repräsentation der Banlieue
3.2 Kunst der Banlieue
3.2.1 Rap
3.2.2 Bildende Kunst
3.2.3Cin é ma BeurundCin é ma de Banlieue

III. Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Im Zuge der postkolonialen Migrationströme nach Frankreich sind durch städtebauliche Maßnahmen Migranten-Trabantenstädte vor den Toren der Großstädte entstanden. Wie und weshalb haben diese sich im Laufe der Zeit zu "sozialen Brennpunkten" und Konfliktherden der französischen Nation entwickelt, bzw. wurden sie als solche stilisiert? Welche Rolle spielten dabei die künstlerische Auseinandersetzung der Banlieue-Bewohner mit ihrer spezifischen Situation, die Möglichkeiten des (politischen) Selbstausdrucks und die Schaffung einer eigenen Sphäre der medialen Repräsentation durch das Medium Film anhand des Cin é ma de Banlieue ?

Zunächst gebe ich - als Grundlage zu einem besseren Verständnis der spezifischen Situation der französischen Banlieue und der ihr entwachsenden Problematiken - eine kurze historische Einführung in ihre Entstehungsgeschichte, in der ich auch auf die städtebaulichen Maßnahmen der französischen Wohnungsbaupolitik eingehe. Daraufhin werde ich im zweiten Teil der Arbeit mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu genau diese Politik untersuchen, welche Lokalität und sozioökonomische Rahmenbedingungen konstituiert und Orten dadurch bestimmte Entwicklungen von vornherein potenziell einschreibt. Die Bedingungen und Hintergründe der spezifischen Situation der Banlieue werden an dieser Stelle genauer betrachtet und analysiert, um so die Basis zu schaffen für ein fundierteres Verständnis der, bzw. einen leichteren Zugang zu verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen die diesem spezifischen Milieu entwachsen sind und im dritten Kapitel dargestellt werden. Es geht mir hier nicht um eine ausführliche Analyse einzelner Werke, als vielmehr darum, anhand weniger Beispiele einen kurzen Überblick über die Spannbreite der kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema Migration und Banlieue aus den Reihen der Betroffenen selbst zu geben. Durch kurze Darstellungen ihrer Werke will ich belegen, wie die Akteure, also junge Franzosen mit Migrationshintergrund, durch Musik, bildende Kunst und Film die Erfahrungen ihrer Generation aus der Banlieue verdeutlichen, einen eigenen Blick auf die Realität der Banlieue werfen und durch das Medium Film ihr eigenes kollektives Bildgedächtnis entwerfen, wobei sie automatisch der gängigen Rezeption der Banlieue, die vor allem durch ihre Darstellung in den Massenmedien geprägt ist, entgegenwirken.

II. Paris: Migration und Banlieue - Kunst der Banlieue

1. Geschichtliche Entwicklung

Frankreich ist bekannt als das Land, das sich seit der französischen Revolution Ende des achtzehnten Jahrhunderts Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit auf die Fahnen schreibt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist Paris, "die Kapitale des einstigen französischen Kolonialreichs, [...] zur größten afrikanischen Enklave in Europa geworden" (Wendl, von Lintig 2006, 15). Von den geschätzten 12 Millionen Menschen, die den Pariser Großraum bevölkern, hat heute ungefähr jeder fünfte afrikanische, karibische, oder afroamerikanische Wurzeln und von den 61 Millionen Einwohnern Frankreichs sind geschätzte 6 Millionen, also knapp 10 Prozent der Gesamtbevölkerung, muslimischen Glaubens (Wendl, von Lintig 2006, 15). In Frankreich sind ethnische, geschlechtliche, religiöse oder klassenspezifische Unterschiede im öffentlichen Diskurs allerdings lange Zeit irrelevant gewesen, da die Anerkennung von Unterschieden unter dem Deckmantel der Gleichheit (égalité) lange zurückgewiesen wurde. (Tarr 2005, 1)

"Jede/r ist in den Augen des Staates gleich und Unterschiede werden nicht gemacht. (...) Diese Integrationsversprechen des französischen Staates betont die Gleichheit im Staatsbürgerschaftsrecht und in den staatlichen Institutionen. Aus diesem Grund sind ethnische oder konfessionelle Statistiken untersagt, dies verhindert aus Prinzip Antidiskriminierungs- und positive Diskriminierungsmaßnahmen." (Frey 2007, Internet)

Seit den 1960er Jahren kommt es vor allem in den Vorstädten der französischen Industriestädte aufgrund schlechter Lebensverhältnisse und Ausgrenzungsmechanismen von Seiten des Staates, die mit dem begrenzten Zugang zu sozioökonomischen Mitteln einher gehen, immer wieder zu Protesten oder Krawallen durch Banlieue-Bewohner. In Frankreich und im Ausland haben diese vor allem seit den 1980er Jahren viel Aufsehen erregt und ein Umdenken provoziert, das auch von den Medien, von den Untersuchungen und Ergebnissen der Sozial- und Kulturwissenschaften, die sich intensiv mit dem Phänomen und seinen Ursachen auseinandersetzen, und nicht zuletzt von Stimmen aus den Reihen der Betroffenen selbst angeregt wurde. So geben religiöse und ethnische Unterschiede heute Anlass zu kontroversen öffentlichen Diskussionen, wie dem allbekannten Kopftuchstreit, und es werden längst überfällige Debatten über die "sich wandelnde/neue Identität" Frankreichs, zu einer "pluralen, multi-ethnischen" Gesellschaft geführt. (Tarr 2005, 1)

Im Folgenden möchte ich im ersten Unterpunkt dieses Kapitels eine kurze Übersicht über die historische Entwicklung Paris' zur multikulturellen Metropole und der Geschichte Frankreichs als Einwanderungsland geben, um anschließend auf die wohnungsbaupolitische Reaktion des Staates auf zunehmenden Wohnungsmangel mit steigender Migration im Zuge des nachkriegszeitlichen Wirtschaftswachstums einzugehen.

1.1 Anfang des 20. Jahrhunderts und Postkoloniale Migration

Anfang des 20sten Jahrhunderts gibt es in der Hauptstadt der kolonialen Großmacht Frankreich ein reges Interesse an afrikanischer und afroamerikanischer Kunst und Musik. Zur gleichen Zeit, als die Pariser Künstlerszene sich im Zuge der Kritik an der eigenen Kultur in ihrem Schaffen der "primitiven Kunst" zuwendet, Picasso etwa im Kubismus die Faszination an der einfachen Form auslebt, entdeckt der Pariser chic die afrikanische "Stammeskunst" und afroamerikanische Unterhaltungsmusik für sich. Bereits in den 20er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts herrscht in Paris keine Rassentrennung mehr. In den Bars, Nachtclubs und Varietés der Stadt geben internationale Künstler Jazz zum besten, ein multinationales Publikum tanzt zu Ragtime, Charleston oder Shimmy. (Wendl, von Lintig 2006, 18). In den Nachbarstaaten sowie den USA führt diese Tatsache oft zu Entrüstung und rassistischen Ressentiments, was der Entwicklung jedoch keinen Abbruch tut (Wendl, von Lintig 2006, 21). 1925 kommt die 19jährige Josephine Baker nach Paris und wird mit ihrer revue n è gre zur "Königin der Pariser Nächte" (Wendl, von Lintig 2006, 19-20). Auch schwarze Boxer "gehören zum Figureninventar der Pariser Populärkultur". Die Afrikabegeisterung schlägt sich auch auf Geschmack in Mode Design und Innendekoration aus. (Wendl, von Lintig 2006, 20-21). Viele afrikanische, afroamerikanische und karibische Künstler finden im Zuge dieser Entwicklung ihren Weg nach Paris. (Wendl, von Lintig 2006, 23-24)

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kämpfen in den Reihen der französischen Armee ca. 180.000 afrikanische Soldaten, und die Frage der Dekolonisierung rückt nach Kriegsende "mit aller Dringlichkeit auf die Tagesordnung. In der Verfassung der 4. Republik (1946) wird eine neue Sprachregelung eingeführt: statt vom Kolonialreich ist nunmehr von der "französischen Union" die Rede und anstelle der früheren Untertanen (sujets) spricht man von Bürgern (citoyens)." (Wendl, von Lintig 2006, 25). Doch die hier inhärenten Versprechen werden von der Union nicht eingelöst, was zu den Befreiungskriegen von Algerien und Indochina führt, welche Frankreich "vor eine fast zwei Jahrzehnte andauernde Zerreißprobe" stellen. (Wendl, von Lintig 2006, 25)

1947 gründete der senegalesische Intellektuelle Alioune Diop im schicken Pariser Quartier Latin den bis heute bestehenden Verlag und die Zeitschrift "Présence africaine" (Wendl, von Lintig 2006, 25), der farbigen Denkern und Schriftstellern erstmals eine Vernetzungsplattform bietet und dazu beiträgt, dass afrikanische und farbige Intellektuelle eine Stimme bekommen und in ihrem Schaffen als gleichwertige französische Bürger wahrgenommen werden. 1956 organisiert Diop den internationalen Schriftstellerkongress an der Sorbonne, was seinen Status und die Rolle, die farbige Intellektuelle im künstlerischen Pariser Geschehen spielen, verdeutlicht. (Wendl, von Lintig 2006, 26) Im Zuge dieser Entwicklung hat die postkoloniale Migration ab der Zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts auch ein neues Gesicht: es immigrieren zahlreiche Studenten aus den afrikanischen und maghrebinischen Unionsstaaten. Ihre Zahlt verzehnfacht sich zw. 1970 und 1980 auf 21.000. Auch diese Ausweitung der Migration schlägt sich in der Kunstszene nieder. Der 1957 in Paris gedrehter Kurzfilm "Afrique sur Seine" über das afrikanische Studentenmilieu gilt als Geburtsstunde des afrikanischen Kinos. (Wendl, von Lintig 2006, 28)

Die größte Anzahl an Migranten kommt jedoch nach dem zweiten Weltkrieg im Zuge des rapide ansteigenden Wirtschaftswachstums ins Land. Man kann hier eine Umkehrung alter Migrationströme beobachten, die treffend als "Rückwirkungen der kolonialen Expansion" (Wendl, von Lintig 2006, 26) auf die Kolonisatoren selbst bezeichnet wird. In den 60er Jahren des 20sten Jahrhunderts werden hunderttausende Arbeitskräfte angeworben, "vor allem aus den Ländern des Maghreb, sowie aus Senegal, Mali und Mauretanien. Hinzu kamen eine Million Flüchtlinge aus Algerien und starke Zuwanderung aus Übersee-Departements in der Karibik." (Wendl, von Lintig 2006, 27). Außerdem immigrieren mehr und mehr Dissidenten, die den autoritären Regimes ihrer Heimatländer entfliehen. (Wendl, von Lintig 2006, 27). Paris wird somit endgültig zur multikulturellen Metropole.

1.2 Wohnungsbaupolitische Maßnahmen

Ein gros der Immigranten erster Generation lebt jenseits der intellektuellen Künstlerszene in erbärmlichen Verhältnissen, zunächst in riesigen bidonvilles, einfachsten Hüttensiedlungen außerhalb der Stadtgrenzen, die größten in Argenteuil und Nanterre im Westen. Andere leben in Hostels (Tarr 2005, 6), vor allem in den nordöstlichen Stadtbezirken, dem 18ten, 19ten und 20sten Arrondissement (Wendl, von Lintig 2006, 27). Hier ist vor allem die Umgebung von Barbès-Rochechouart, das Viertel la goutte d'or im 18ten Arrondissement legendär geworden. Durch die relative Nähe zu dem Künstlerviertel Montmartre und dem Verkehrsknotenpunkt Gare du Nord hat das Viertel einen privilegierten Standort und nutzt diesen bis heute aktiv durch Institutionen wie dem Theater- und Veranstaltungsort "Lavoir moderne parisien (LMP)" und aktiven Bürger- und Künstlerinitiativen, um am künstlerischen und politischen Geschehen der Stadt teilzunehmen. Barbès und die goutte d'or stehen für das Paris der afrikanischen Migranten, "in Afrika selbst hat der Name einen Ruf wie anderswo St.Germain oder die Champs Elysées" (Wendl, von Lintig 2006, 27). Die goutte d'or nimmt also im Vergleich zu den vorstädtischen Trabantenstädten eine Sonderrolle ein.

Im Zuge der zunehmenden Migration von Arbeitskräften und der Verschlechterung der Zustände in den bidonvilles muss Mitte der 1960er Jahre schnell und effektiv Wohnraum für die urbanen Massen geschaffen werden. So erfolgt unter der Regierung de Gaulle (Tarr 2005, 6) eine "beispiellose Wohnungsbaukampagne" (Wendl, von Lintig 2006, 27). In der Pariser Banlieue (zu deutsch Bannmeile), die jenseits des Boulevard p é riph é rique beginnt, "des Autobahnrings der sich seit Anfang der 1960er Jahre um die innerstädtischen Arrondissements legt" (Pinther 2006: 392), werden ganze neue Vorstädte, die Cit é s, in moderner Plattenbauweise errichtet (Wendl, von Lintig 2006, 27). Das "zweite Paris" gestaltet sich als Agglomerat gigantischer, aneinander gereihter Wohnblocks (Pinther 2006: 392). Diese eintönigen Grands Ensembles und noch weiter von der Stadt entfernt den Villes nouvelles werden in ihrer seriellen Ästhetik zunächst "als "modern" und fortschrittlich begrüsst" (Pinther 2006: 392). Für die Zuwanderer, von denen die meisten lange Zeit in besagten bidonvilles gelebt hatten, bedeuten sie eine erhebliche Verbesserung der Lebensumstände "und (kurzfristige) Erfüllung ihrer Träume" (Pinther 2006: 392). Andererseits spiegeln sie genau das koloniale geographische Modell von räumlicher Aufteilung einer Stadt wieder, "composed of adjecent but mutually exclusive parts" (Tarr 2005, 6). Die Planung sah jedoch vor, in diesen neuen Siedlungen neben Migranten auch 'einheimische' Arbeiter anzusiedeln, bzw. deren Zuzug zu fördern. Das gleiche gilt für die zweite städtebauliche Maßnahme: die Programme zur Errichtung von Wohnheimen für Gastarbeiter. Hier wird darauf geachtet, diese über verschiedene Stadtviertel und Vorstädte zu verteilen (Wendl, von Lintig 2006, 27). In der Umsetzung der städtebaulichen Maßnahmen bilden sich jedoch vor allem in den nordöstlichen Stadtbezirken und den angrenzenden alten Arbeitervorstädten von St.Dénis, Aubervilliers, St.Ouen, Ivry und Montreuil "afrikanische Enklaven". (Wendl, von Lintig 2006, 27)

[...]

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Details

Titel
Paris - Migration und Banlieue
Untertitel
Kunst der Banlieue
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Interkulturelle Kommunikation)
Veranstaltung
Afropolis, Städte, Künstler, Medien.
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V143005
ISBN (eBook)
9783640519859
ISBN (Buch)
9783640521661
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Banlieue, Bourdieu, Kunst im städtischen Raum, Migration, Paris, Stadtethnologie, Stadtsoziologie
Arbeit zitieren
Mona Hafez (Autor), 2008, Paris - Migration und Banlieue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143005

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