In diesem Beitrag wird evaluiert, ob die von der Dependenztheorie beeinflussten Eigenständigkeitsbestrebungen Burkina Fasos unter Thomas Sankara zu Fortschritten in Wirtschaftsleistung, Verbesserungen des Lebensstandards und politischer Unabhängigkeit geführt haben und inwiefern daraus relevante Erkenntnisse für die gegenwärtige entwicklungstheoretische Debatte bzw. entwicklungspolitische Maßnahmen abgeleitet werden können. Dazu werden zunächst die Annahmen der dependenztheoretischen Theorieschule erläutert und kontextualisiert sowie ihre entwicklungspolitische Relevanz herausgestellt. Aus diesen werden einige Handlungsempfehlungen abgeleitet, anhand derer nachfolgend die Autarkiebestrebungen Burkina Fasos während der Amtszeit des Präsidenten Thomas Sankaras hinsichtlich ihrer Auswirkungen betrachtet werden. Dabei wird auf dessen Fokus auf Ernährungssouveränität, self-reliance und finanzielle Unabhängigkeit eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Dependenztheorie
2.1 Importsubstituierende Industrialisierung
2.2 Autozentrierte Entwicklung
2.3 Finanzielle Unabhängigkeit
3 Eigenständigkeitsbestrebungen Burkina Fasos 1983-1987
3.1 Ernährungssouveränität
3.2 Self-reliance durch Massenmobilisierung
3.3 Austerität und Kampf gegen die Schulden
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit die von der Dependenztheorie beeinflussten Bestrebungen von Thomas Sankara in Burkina Faso zwischen 1983 und 1987 zu einer realen ökonomischen und politischen Eigenständigkeit führten und welche Lehren daraus für die moderne Entwicklungspolitik gezogen werden können.
- Analyse dependenztheoretischer Konzepte wie Autarkie und Self-reliance.
- Untersuchung der burkinabischen Ernährungssouveränität unter Sankara.
- Bewertung der Rolle von Massenmobilisierung in der Entwicklungspolitik.
- Erörterung von Austeritätsmaßnahmen und der Schuldenproblematik.
- Reflexion der Relevanz sankaristischer Ansätze für heutige afrikanische Staaten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Ernährungssouveränität
Die in 2.1 vorgestellte Maßnahme der importsubstituierenden Industrialisierung fand auch in Burkina Faso Anwendung. Grundsätzlich sollten alle Alltagsprodukte weitestgehend heimisch hergestellt und somit auch interne Marktmechanismen unterstützt werden (vgl. Schmitz, 1987, S. 171). Im Zentrum des Strebens nach Unabhängigkeit stand für die Nation dabei immer die Entwicklung hin zur Ernährungssouveränität, einer Situation, in der sich das Land ohne Lebensmittelimporte selbst versorgen könnte. Dies zu erreichen hatte oberste Priorität und sollte den Grundstein für jegliche weitere Entwicklung legen (vgl. ebd., S. 167 f.). Als Konsequenz verfolgte man eine „intensive und zielgerichtete Konzentration der knappen Ressourcen des Staates auf die Förderung des ländlichen Raumes (…). Man kann von einem politisch gewollten rural bias sprechen“ (Tetzlaff, 2018, S. 198). Einige Dependenztheoretiker*innen wiesen auch darauf hin, dass manche Staaten die Unterernährung in der eigenen Bevölkerung schnell reduzieren könnten, wenn die für die exportorientierte Produktion verwendeten Agrarflächen für eine Versorgung des heimischen Bedarfes umgestellt würden (vgl. Ferraro, 2008).
Die Revolutionsregierung setzte bei der Entwicklung des Agrarsektors vor allem auf eine Verstaatlichung und Zuteilung des gesamten Bodens sowie auf Mindestpreise für Lebensmittel. Die Produktion und Vermarktung sollten jedoch, anders als in den meisten anderen sozialistischen bzw. kommunistischen Ländern, weitgehend dezentral erfolgen (vgl. Schmitz, 1987, S. 170 f.). Die Folgen dieser Maßnahmen waren ambivalent: Einerseits erwies sich die Landwirtschaft als stärkster Treiber des Wirtschaftswachstumes, ihre Gesamtproduktion stieg zwischen 1983 und 1988 jedes Jahr um durchschnittlich 14%, während es in den Jahren zuvor weniger als 2% waren (vgl. Savadogo, Coulibaly, & McCracken, 2004, S. 23). Andererseits verschärfte sich die Unsicherheit in der Versorgung in den Jahren 1984 und 1985 dennoch so stark, dass kreditfinanzierte Lebensmittelimporte notwendig wurden und sich die Schuldenlast des Landes bis 1987 verdoppelte (vgl. Zeilig, 2018, S. 55). Besonders deutlich sichtbar wurde der Wille zur Eigenständigkeit und der – auch von ideologisch nahestehenden Staaten- unabhängigen Entwicklung, als Thomas Sankara ein Angebot zur Lebensmittelhilfe der Sowjetunion ausschlug (vgl. Peterson, 2018, S. 44).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der schleppenden Entwicklung afrikanischer Staaten ein und stellt die Relevanz der Politik Thomas Sankaras im Kontext dependenztheoretischer Überlegungen dar.
2 Dependenztheorie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Dependenztheorie und deren Bedeutung für die Erklärung von Unterentwicklung durch koloniale Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse.
2.1 Importsubstituierende Industrialisierung: Hier wird das Konzept der ISI als Strategie zur Förderung der heimischen Wirtschaft durch die Ersetzung von Importen definiert und kritisch beleuchtet.
2.2 Autozentrierte Entwicklung: Dieses Kapitel behandelt das Ziel einer ökonomischen Unabhängigkeit durch die Nutzung eigener Ressourcen und die Abkehr vom Weltmarkt.
2.3 Finanzielle Unabhängigkeit: Es wird analysiert, wie ein Staat ohne ausländische Hilfszahlungen durch Steuersysteme und Austerität finanzielle Eigenständigkeit anstreben kann.
3 Eigenständigkeitsbestrebungen Burkina Fasos 1983-1987: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Ansätze mit der konkreten politischen Umsetzung der burkinabischen Revolutionsregierung unter Thomas Sankara.
3.1 Ernährungssouveränität: Hier wird untersucht, wie die Regierung durch Agrarreformen und Verstaatlichung die Lebensmittelversorgung im Land zu sichern versuchte.
3.2 Self-reliance durch Massenmobilisierung: Dieses Kapitel analysiert die Rolle von Breiteneinbindung bei Entwicklungsprojekten in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.
3.3 Austerität und Kampf gegen die Schulden: Die Maßnahmen zur Reduktion öffentlicher Ausgaben und die grundsätzliche Haltung zur Rückzahlung von Staatsschulden werden detailliert betrachtet.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Maßnahmen trotz beachtlicher gesundheitlicher und bildungspolitischer Erfolge aufgrund struktureller Probleme ihr Ziel der vollständigen Unabhängigkeit letztlich nicht nachhaltig erreichen konnten.
Schlüsselwörter
Burkina Faso, Thomas Sankara, Dependenztheorie, Ernährungssouveränität, Self-reliance, Importsubstituierende Industrialisierung, Autozentrierte Entwicklung, Austeritätspolitik, Entwicklungspolitik, Neokolonialismus, Staatsverschuldung, Massenmobilisierung, Peripherie, Wirtschaftsleistung, Afrikanischer Sozialismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Regierungszeit von Thomas Sankara in Burkina Faso zwischen 1983 und 1987 vor dem Hintergrund der dependenztheoretischen Zielsetzung, eine ökonomische und politische Unabhängigkeit gegenüber dem kapitalistischen Weltmarkt zu erlangen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Bereiche Importsubstitution, Ernährungssouveränität, nationale Massenmobilisierung sowie Strategien zur Reduktion finanzieller Hilfsabhängigkeit.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist die Evaluierung der Maßnahmen Sankaras, um festzustellen, ob diese tatsächlich zu wirtschaftlichen Verbesserungen führten und welche Erkenntnisse dies für die heutige entwicklungstheoretische Debatte bietet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Annahmen der Dependenztheorie mit historischen Fallbeispielen und empirischen Daten zur ökonomischen Lage Burkina Fasos vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Dependenzkonzepte und eine detaillierte empirische Untersuchung der burkinabischen Politik in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit sowie Haushaltspolitik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Unabhängigkeit, Ernährungssouveränität, Self-reliance, Strukturanpassung und die spezifische "sankaristische" Umsetzung ökonomischer Reformen.
Welche Rolle spielte die Ernährungssouveränität für die sankaristische Politik?
Sie hatte absolute Priorität. Die Regierung setzte auf die Förderung des ländlichen Raums, Mindestpreise für Lebensmittel und die Verstaatlichung von Land, um das Land von teuren Lebensmittelimporten unabhängig zu machen.
Wie bewertet der Autor den Erfolg der Austeritätsmaßnahmen?
Der Autor zeigt sich ambivalent: Während die Kürzung öffentlicher Ausgaben der Finanzierung von Entwicklungsprojekten dienen sollte, führte der Verlust an Kaufkraft im öffentlichen Dienst zu Spannungen, die die Unterstützung für die Regierung gefährdeten.
Warum lehnte Sankara die Rückzahlung der Staatsschulden ab?
Er sah in der Schuldenlast ein Instrument der internationalen Abhängigkeit. Zudem argumentierte er, dass die Rückzahlung die Existenzgrundlage des eigenen Volkes gefährden würde und die Banken Verluste leichter tragen könnten als die notleidende Bevölkerung.
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- Gabriel Hanrieder (Author), 2021, Thomas Sankaras Unabhängigkeitsbestrebungen in Burkina Faso. Eine dependenztheoretische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1430081