Kommunikationsguerilla - Analyse des Selbstverständnisses einer neuen subversiven Avantgarde

Und ihrer praktischen Medienkritik am Beispiel von „The Yes Men“


Diplomarbeit, 2009

123 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Gegenstand der Arbeit, Methodik und Stand der Forschung
0.2 Aufbau der Arbeit
0.3 Begriffszusammenfassung

1 Ursprünge und Ideologie der Kommunikationsguerilla
1.1 Die kritische Medientheorie - Zum Verständnis des Konzeptes Kommunikationsguerilla
1.1.1 Brechts „Radiotheorie“: Macht und Struktur der Medien
1.1.2 Jürgen Habermas: Das diskursive Öffentlichkeitsmodell und sein Strukturwandel
1.1.3 Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie und Medien als Agenturen des Konsens
1.1.4 Hans Magnus Enzensberger: „Bewusstseinsindustrie“ und die Medienfeindschaft der Linken
1.1.5 Jean Baudrillard - Wort ohne Antwort
1.1.6 Guy Debord - Der Spektakelbegriff
1.1.7 Antonio Gramsci - Der Begriff der „kulturellen Hegemonie“
1.1.8 Oskar Negt und Alexander Kluge/ Ein Aeng/ Dieter Prokop
1.1.9 Umberto Eco - Auf das Rezeptionsverhalten kommt es an
1.1.10 Fazit
1.2 Warum Kommunikationsguerilla? Zu den politischen Verhältnissen
1.3 Taktikbeispiel: Der „Fake“ bei den „Yes Men“
1.3.1 Vorstellung der „Yes Men“
1.3.2 Beschreibung der Aktion „Towards the Globalization of Textile Trade“...32
1.3.3 Analyse der Aktion
1.3.3.1 Wahl der Strategie „Überidentifizierung“
1.3.3.2 Umsetzung von „Fake“ und „subversiver Affirmation“ innerhalb des Vortrages
1.3.3.3 Elemente des „Unsichtbaren Theaters“ und der „Lecture
Performance“
1.3.3.4 Blick auf die Öffentlichkeit
1.4 Leben als Kriegsschauplatz - Kommunikation als Waffe
1.5 Das Experimentelle
1.6 Das Karnevaleske
1.7 Aneignung der öffentlichen Räume
1.8 Zur Funktion des „Fake“ und seiner Verwendung in der Kunst

2 Die Aktivisten der Kommunikationsguerilla
2.1 Kollektive Autorschaft und multiple Namen
2.2 Vernetzung und Lesen der Oberfläche- das soziale Leben der Aktivisten
2.3 Guerilla und Arbeit- der Aktivist als Schläfer im System
2.4 Kommunikationsguerilla als Bewegung - eine neue Avantgarde?
2.4.1 Die Futuristen
2.4.2 Die Dadaisten
2.4.3 Die Surrealisten
2.4.4 Die Situationisten
2.4.5 Postmoderne Avantgardegruppierungen
2.4.5.1 Fluxus
2.4.5.2 Kommune 1 und Hippietum
2.4.5.3 Die italienische Jugendbewegung und die „Indiani Metropolitani“
2.4.5.4 Der Neoismus
2.4.6 Die Gewaltfrage
2.4.7 Spirituelle Bewusstseinserweiterung
2.4.8 Fazit - Kommunikationsguerilla als anonyme technisierte Fortführung der Avantgardebewegung

3 Kommunikationsguerilla und das Verhältnis zur „Kunst“
3.1 Abwendung vom gegenwärtigen Kunstbegriff und dessen Vermarktung
3.2 Der Künstler gegen die „Kunst“ und mit der Kunst
3.3 Warum Kunst? Welche Funktion erfüllt die Kunst für die Gesellschaft und den Künstler?

4 Subversion der Subversion

5 Resümee

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

„ [...] ich habe das lebhafte Empfinden, dass die B ü rger demokratischer Gesellschaften Unterricht in intellektueller Selbstverteidigung nehmen sollten, um sich vor Manipulation und Kontrolle zu sch ü tzen und substantiellere Formen von Demokratie anstreben zu k ö nnen “ ( CHOMSKY 2003:Vorwort ).

0.1 Gegenstand der Arbeit, Methodik und Stand der Forschung

Der Gegenstand dieser Arbeit ist eine Protestform, die sich zwischen gesellschafts- kritischer Kunst, sozialem und politischem Widerstand und zwischen bloßer Provo- kation bewegt und viele verschiedene subversive Taktiken unter einem Dach vereint.

Der zugehörige Sammelbegriff „Kommunikationsguerilla“ umfasst verschiedene Taktiken und Strategien zur mentalen Gesellschaftsveränderung, wie zum Beispiel „Adbusting“, „Unsichtbares Theater“, politische „Street Art“, „Happening“, Torten- werfen, „Crossdressing“ und viele, ständig neu entstehende kreative Protestfor- men.2

Diese subversiven Praktiken, die heute vor allem in den westlichen Industriestaaten angewandt werden, sind aufbauend auf Techniken und Erkenntnissen der histori- schen Avantgarden zusammengetragen worden und kamen erstmals in den 1970ern in Italien und Kanada überhaupt in Kombination zur Umsetzung. Einzelne subver- sive Taktiken und Guerillakämpfe gibt es, seitdem es unterdrückende Herrschaft gibt (vgl. LENTOS 2005:228ff), weshalb die vorliegende Arbeit nachdrücklich der An- sicht widersprechen möchte, dass Kommunikationsguerilla ein neues Phänomen sei, dass von semiotisch bewanderten „Freaks“ auf der Suche nach dem Adrenalin- trend gegen die gesellschaftsbedingte Langeweile entwickelt wurde.3

Im Zuge der Formierung der Globalen Sozialen Bewegungen in den 1990er Jahren (vgl. ERNST 2007:10) und anhand der kritischen Diskussion des Subversionsbegriffes sowie der Entwicklung neuer Protestformen in den Neuen Medien haben die sub- versiven Taktiken, hauptsächlich durch das Internet, eine weite Verbreitung und Anwendung gefunden. Erstmalig konnten sie von der autonomen A.f.r.i.k.a.-Grup- pe, die 1997 das Handbuch der Kommunikationsguerilla (AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997) herausgab, international dokumentiert, gesammelt und ästhetisch be- wertet werden, was gleichzeitig zur globalen Perfektionierung der Techniken und Ideen führte.

Die Bewegung hinter dem Konzept Kommunikationsguerilla ist keine homogene, leicht zuzuordnende Gruppierung. Eigentlich sind es viele verschiedene Menschen die sich zwar der gleichen Strategie bedienen, dies aber aus den unterschiedlichsten Gründen tun. Diese Arbeit soll nichtsdestotrotz die These einer „Bewegung“ vertreten, die, auch wenn sie sich nicht genau abgrenzen lässt, sich doch in gewissen vorherrschenden Betroffenheiten und Ideologien ausdrückt, welche in einer qualitativen Diskursanalyse zusammengefasst werden sollen.

Obwohl es bereits Meldungen4 über die Übernahme von Kommunikationsguerilla- Praktiken aus der rechten Szene gibt, ist die Praxis bisher vor allem im linken Spek- trum angesiedelt. Auf dieses werde ich mich in dieser Arbeit stützen, obwohl, oder gerade weil das Konzept auch einen Bruch mit der traditionellen Linken begeht. Ungeachtet dessen, was Medienaneignung und subversive Herangehensweise be- trifft, kann man viele Parallelen aus den linken Studentenbewegungen der 1968er entdecken. Insofern sind in dieser Arbeit, auch was die Relevanz der Kunst für die- ses Konzept angeht, nicht nur aktuelle Quellen herangezogen worden, sondern auch ältere Schriften zur autonomen Szene und dem Verhältnis von Kunst und Poli- tik. Vieles was zur Zeit der 1968er geschrieben wurde, oder jene faszinierte, lässt sich heute wieder anwenden. Vieles von damals wird heute erst richtig verstanden. Als Beispiele sind die Autoren Walter Benjamin, Guy Debord, Wolfgang Fritz Haug, Wolfgang Haug und Herby Sachs sowie Werner Hofmann zu nennen.

Systematisch gibt es innerhalb des Feldes trotz der 40jährigen Forschungstradition (vgl. DÜLLO; LIEBL 2005a:27) sicherlich noch einiges zu erforschen, vor allem weil sich die Hauptakteure5 abseits des Mainstreams und der wissenschaftlichen Erfassbar- keit aufhalten und das Konzept in Deutschland erst in den Neunzigern zu seiner Popularität gelangte, was in anderen Ländern, beispielsweise in Italien, bereits in den 1970ern (ebd.), allerdings auf unwissenschaftlichem Niveau, geschah.

Zu Beginn der Recherche und vor allem während der Fertigstellung der Arbeit, er- schienen neue Publikationen in Form von Sammelbänden und Internetartikeln zu subversiven kreativen Protestpraktiken und politischer Ästhetik, in denen auch Kommunikationsguerilla, wenn auch kurz, Erwähnung oder sogar Vorstellung fin- det..6 Darüber hinaus umreißen vermehrt journalistische Mehrzeiler das Konzept und berichten über die „Yes Men“, indem sie einzelne Aktionen in anekdotischer Manier schildern Man kann mit Sicherheit von einem Trend der Aufmerksamkeit für subversive Strategien sprechen und gewiss wird in nächster Zeit in diese Rich- tung noch einiges publiziert werden.

Kurz vor Fertigstellung der vorliegenden Arbeit bin ich auf einen jüngst abgedruckten Essay über die „Yes Men“ gestoßen.7 Eigentlich wollte ich selbst die erste deutschsprachige Analyse8 einer Aktion der „Yes Men“ verfassen. Denn bis auf das von ihnen selbst herausgegebene Buch und den Film „The Yes Men“, welche beide mehr anekdotisch und mit dem Ziel der Selbstvermarktung funktionieren, aber nicht auf die Inhalte oder die Motivation der „Yes Men“ eingehen, gab es bisher im Deutschsprachigen kein Material.

Zur Theorie der Medien- und Öffentlichkeitskritik hingegen, auf der Kommunikationsguerilla aufbaut, verfasste GOTTFRIED OY eine sehr gute und vor allem hinsichtlich der sozialen Bewegungen und der kritischen Theorien für diese Arbeit grundlegende Zusammenfassung.

Zur Avantgardethematik existiert reichlich kunsthistorische Literatur. Allerdings ist es dem Umfang der vorliegenden Arbeit geschuldet, dass hier nur kurz die wich- tigsten Gemeinsamkeiten mit der Kommunikationsguerilla genannt werden kön- nen. Das Ergebnis ist weder auf Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit angelegt, sondern versteht sich als Momentaufnahme und liefert einen Ansatz um weitere und tiefgehendere Entwicklungen beobachten und analysieren zu können.

Der Umfang dieser Arbeit ist ebenfalls zu gering, um die Vielfalt des Konzeptes Kommunikationsguerilla anhand von verschiedenen Beispielen veranschaulichen zu können. Exemplarisch stelle ich eine Taktik, den „Fake“ näher vor, da dieser sehr facettenreich und tiefgehend ist und die zugehörige Aktion einen guten Einblick in die Arbeit der „Yes Men“ bietet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich als besondere Herausforderung er- wiesen hat, den Spagat zwischen der Vorstellung eines Konzeptes, seinen gesell- schaftlichen Wurzeln und der Ausarbeitung neuer Thesen zu schlagen. Durch die ausgiebige Beschäftigung mit der Thematik widerstrebte es mir, die Grundsätzlichkeiten noch einmal wiederzugeben, was lediglich in Paraphrasierun- gen des „Handbuch der Kommunikationsguerilla“ geendet hätte. Die vorliegende Arbeit versteht sich deshalb auch als Ergänzung und aktuelle Bilanz der Essays aus den Protest- und soziale Bewegungen betreffenden Sammelbänden und der veröf- fentlichten Artikel. Dadurch, dass das Thema bereits sehr vielschichtig ist und in den unterschiedlichsten Arenen von der Kunst über die Medien, der Soziologie bis zur Politik vertreten ist, kann die Arbeit aber, da sie das komplexe Thema dem „Neuling“ erst vorstellen muss, nicht knapp gefasst werden oder gar einzelne Be- reich ausklammern.

Dennoch verlangt eine Diplomarbeit nach mindestens einer These. Basierend auf MARCUS S. KLEINER (2005), der die Bewegung als praktische Anwendung einer Medienkritik erkennen will, ihr subversives und künstlerisches Potential aber kaum thematisiert, erläutere ich die kritische Medientheorie und möchte ihn um die politische und soziale Brisanz dieser praktischen „Rückeroberung“ der Deutungshoheit über die Wirklichkeit ergänzen, da sie bei den Aktivisten an erster Stelle steht, und keineswegs übersehen werden sollte.

0.1 GEGENSTAND DER ARBEIT, METHODIK UND STAND DER FORSCHUNG 5

Darüber hinaus stelle ich die These einer neuen avantgardistischen Bewegung auf, weil Kommunikationsguerilla Ähnlichkeiten mit den historischen und postmoder- nen Avantgardebewegungen aufweist, aber wichtige Neuerungen mit sich bringt. Dabei wird eine Blick auf die institutionalisierte Kunst geworfen. Sie ist der inoffizi- elle Gegenpart, anhand dessen erklärt wird, warum sich die freie Kunst, wie sie von der Kommunikationsguerilla und den Avantgarden angewandt wird, immer wieder in den Alltag verlagert und was diese Kunst für Kommunikationsguerilleros und Avantgarden bedeutet.

0.2 Aufbau der Arbeit

Im ersten Kapitel der Arbeit, sozusagen als theoretisches und historisches Rückgrat, wird der Manipulationsfrage anhand der kritischen Medientheorie und ihren Thesen in chronologischer Abfolge nachgegangen um Relevantes für die Entwicklung hin zum Konzept Kommunikationsguerilla zu erläutern.

In Anschluss an die verschiedenen geschichtlichen Phasen ergibt es sich als zwin- gend, einen Blick auf die gegenwärtigen globalpolitischen Verhältnisse zu werfen. Die verschiedenen Herausforderungen, denen die heutige junge Generation gegen- über steht, werden aus subjektiver Sicht aufgezeigt und es wird eine Prognose gege- ben, warum die Situation nach neuen Lösungen und Ansätzen verlangt. Nach einer knappen Aufzählung der einzelnen Taktiken des Konzeptes und ihrer Anwendung folgt der politische Übergang in die Praxis mit der Beschreibung und ästhetischen Analyse einer Kommunikationsguerilla-Aktion der „Yes Men“ als ver- meintlicher Vertreter der World Trade Organisation. Mit Blick auf die geschilderte Aktion werden grundlegende, in vielen Aktionen wiederkehrende Elemente und Begrifflichkeiten aufgegriffen und analysiert. Beispielhaft steht hierfür die Taktik des „Fake“, welche auch vermehrt in der zeitgenössischen Kunst Anwendung fin- det. Auf ihre Bedeutung und die Beziehung zur Kunst wird zu Ende der Analyse eingegangen. Die freie Kunst spielt gerade bei Polit-Aktivismus wie dem Konzept Kommunikationsguerilla eine große Rolle, weshalb ihr ein abschließender Teil der Arbeit im Zusammenhang mit der Avantgardethematik gewidmet wird.

Eine Überleitung über den Kollektivcharakter der Guerilla leitet diesen, sich mit den Akteuren und ihrem Selbstverständnis beschäftigenden Teil der Arbeit ein. Es wird die Bewegung auf Basis von Erwähnungen in populärwissenschaftlicher Lite- ratur9 skizziert und ein Selbstverständnis untersucht, welches sich aus dem Leben unter Gleichgesinnten und dem Zwang zur Teilhabe an der „kapitalistisch“ organi- sierten Gesellschaft bildet. Im Anschluss daran werden diesbezüglich die histori- schen Avantgarden vorgestellt und deren jeweils spezifisches Wesen beschrieben, um den direkten Vergleich mit der Kommunikationsguerilla und den heutigen ge- sellschaftlichen Verhältnissen herzustellen. Im Zuge dessen werden wichtige Unter- schiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt.

Das letzte Kapitel, das gleichzeitig ein Ausblick auf drohende Gefahren, neue Her- ausforderungen aber auch eventuelle Chancen sein soll, erläutert die kommerziel- len Vereinahmungsversuche von subversiven Strategien seitens der Kulturindustrie.

0.3 Begriffszusammenfassung

Zum Verständnis des Gegenstandes sei eine kurze Erläuterung vorgeschoben, welche aber nicht das Konzept erklären, sondern die Entscheidung für den Begriff „Kommunikationsguerilla“ im Titel verteidigen soll. Denn das hier zu bearbeitende Konzept taucht in der Literatur und im Internet unter den folgenden unterschiedlichen Bezeichnungen auf:

- Cultural
- Hacking
- Culture
- Jamming

Diese Begriffe beziehen sich mit marginalen Unterschieden der jeweiligen Einordnung auf dieselbe Protestform, sie entstammen lediglich aus unterschiedlichen Herangehensweisen oder künstlichen Ausschlussverfahren.

Der Begriff des Cultural Hacking, wie er bei DÜLLO und LIEBL (2005a) Anwendung findet, geht von der Vorgehensweise des „Hackers“ aus und überträgt diese auf un- sere Gesellschaft. „Hacking“ bedeutet „hacken“ im Deutschen ebenso wie im Engli- schen und erinnert an das Umpflügen von harter Erde, das Lockern und Fruchtbarmachen (vgl. KIEL 2005:330). Die Arbeit des Hackers bewegt sich, laut Kiel, dementsprechend kalkulierend und präzise innerhalb der Quelldateien und ihrer technischen Strukturen mit der Absicht eine Veränderung der Formen und Funktio- nen an der Oberfläche herbeizuführen (vgl. a.a.O.:331). Auf die Kultur übertragen, versteht man darunter die Beeinflussung von synaptischen Prozessen um eine Ver- haltensänderung des Menschen zu erreichen.

Der Begriff des Culture Jamming ist in den 1970er Jahren von dem kanadischen Medienaktivisten Kalle Lassn geprägt worden und beschränkt sich größtenteils auf das „Adbusting“. Dieser Begriff wird für die Artikulation von Konsumkritik, durch die kreative und konsumkritische Verfremdung von Werbung gebraucht. Aus sol- cher Aktivität gründete sich die „Media Foundation“ in Kanada, die das Magazin „Adbusters“10 heraus gibt, das die Szene reflektiert, politische Themen diskutiert und einmal jährlich zum „Buy-nothing-day“ oder „TV-Turn-off-Week“ aufruft. „Culture Jamming“ ist allerdings nur eine der Disziplinen innerhalb des großen Fel- des der Kommunikationsguerilla.11

Medienguerilla meinte lange Zeit den Einsatz des Konzeptes innerhalb der neuen Medien (vgl. KLEINER 2005:215). Der Unterschied zwischen medialer und realer Prä- senz hat sich jedoch durch die ständige Dokumentation von realen Aktionen im In- ternet erübrigt, weshalb der Begriff kaum noch verwendet wird. Stattdessen benutzt man im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung Kommunikationsgueril- la.

Kommunikationsguerilla kann sich somit auf jegliche gesellschaftliche Kommuni- kation beziehen, auch auf die nicht-mediale, und fungiert deshalb als Sammelbe- griff.

Kommunikationsguerilla analysiert die „[...] gesamtgesellschaftliche Kommunikation (kulturelle, politische, individuelle etc.) [...]“ (KLEINER 2005:322) und somit auch die Ge- sellschaft und findet überall dort statt, wo öffentliche Kommunikation gepflegt wird. Trotzdem muss eingangs unbedingt erwähnt werden, dass sie nicht einfach die guerillaförmige Einwirkung auf Kommunikation darstellt, sondern ein konkre- tes semiotisches künstlerisches Konzept dahinter steht, welches innerhalb dieser Ar- beit aufgezeigt wird.

Für erste Interessierte ist es anfangs schwierig, den unterschiedlichen Begrifflichkei- ten die richtige Aktivität zuzuordnen und die Entwicklung sowie die Absicht der Konzepte zu durchschauen. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass sich bisher die hauptsächliche Kommunikation in einer äußerst beschränkten subkulturellen Internetgemeinde oder innerhalb des linken Milieus abspielte und der „normale Medienkonsument“ von derlei Umtrieben wenig erfahren hat. Nur Wenige haben bisher in Deutschland von der „Kommunikationsguerilla“ gehört. Dies war zumin- dest meine Erfahrung bei der Erstellung dieser Arbeit. Mein oberstes Anliegen ist deshalb die Bedeutung des Konzeptes, die Akteure sowie ihre Anliegen und Über- zeugungen vorzustellen und Interesse für die Thematik zu säen.

1 Ursprünge und Ideologie der Kommunikationsguerilla

1.1 Die kritische Medientheorie - Zum Verständnis des Konzeptes Kommunikationsguerilla

In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, dass Kommunikationsguerilla nicht nur aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit seitens der Aktivisten oder auf Verschwö- rungstheorien aufbauend angewandt wird, sondern, dass hinter den Aktionen ein jahrelanges, medientheoriegeleitetes und gesellschaftskritisches Ringen um den ma- nipulativen Gehalt der Medien steht. Vor allem geht es dabei um die Diskussion über die Deutung unserer Wirklichkeit, welche innerhalb der politischen Linken über Jahrzehnte hin gespannt mitverfolgt, kritisiert und angeregt wurde , da jene als Voraussetzung für die Befreiung von Indoktrinierung und Propaganda gilt.

Der zugehörige medienkritische Diskurs ist kein theorieübergreifender Diskurs, auch wenn sich Überschneidungen mit der Semiotik und den „Cultural Studies“ er- geben. Er findet deshalb auch nur begrenzte Anhängerschaft, da sein Ansatz weit- gehend „kulturpessimistisch“ geprägt ist. Vor allem gehen seine Vertreter von speziellen Wertvorstellungen aus (vgl. WEBER 2003:36). Für die linkspolitische Kom- munikationsguerilla, deren Aktivisten solche Vorstellungen überwiegend teilen, ist er konstituierend für ihre Vorgehensweise und dient immer wieder als theoretische Legitimation. Deshalb soll dieser Diskurs im Folgenden in seiner historischen Ent- wicklung erläutert und in seinen Grundzügen vorgestellt werden:

1.1.1 Brechts „Radiotheorie“: Macht und Struktur der Medien

Mit der Verbreitung der neuen Kommunikationsmittel Anfang des 20. Jahrhunderts wurde früh über ihre nützliche Verwendung zu Gunsten der Gesellschaft, bezie- hungsweise deren positiver und gerechter Veränderung, nachgedacht. BRECHT (1967:117-134) spricht in seiner „ Radiotheorie “ von den Vorzügen einer schnelleren und breiteren Kommunikation, deren Strukturen erheblich zu einer gesteigerten Partizipation an gesellschaftlichen Ereignissen beitragen könnten. Wäre sie in den richtigen Händen, könne man der bürgerlichen Klasse die ungerechtfertigte Macht- erhaltung erschweren (vgl. OY 2001:23). Die damaligen, noch überwiegend auf Unterhaltung fokussierten Programme setzt Brecht mit der Beeinflussung und Unter- drückung der Hörer durch einseitige, inhaltslose Kommunikation und isolierten Empfang gleich (ebd.), weshalb er zum „ Aufstand des H ö rers “ (BRECHT 1967:126) und der „ Ersch ü tterung “ der gesellschaftlichen „ Basis dieser Apparate “ (a.a.O.:133) aufruft.

1.1.2 Jürgen Habermas: Das diskursive Öffentlichkeitsmodell und sein Struktur- wandel

Dem bei Brecht auftauchenden, allgemeinen Medien- und Demokratiebegriff liegt eine bestimmte Vorstellung von Öffentlichkeit zugrunde, die sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewandelt hat.

Die ersten Zeugnisse der Existenz von Öffentlichkeit sind bereits in der Antike zu finden (vgl. HÄUSSLING; MANGOLD 2007:21), als man sich auf der griechischen Agora traf, um Staats- und Gemeingeschehen zur Diskussion zu stellen. Die vorwiegend repräsentative und machterhaltende Öffentlichkeit des Feudalis- mus wurde nach HABERMAS (1990:90ff) in Folge von Handelsreisenden und Bil- dungsbürgertum, die sich in Kaffeehäusern oder literarischen Salons zur aktuellen politischen und kulturellen Debatte trafen, demokratisiert. Mit der Entstehung der Presse als Mittel der sozialen Erhebungen zu Ende des 15. Jahrhunderts (vgl. SPOO 2005:32) wurden Neuigkeiten jedermann zugänglich gemacht. Der Begriff „Öffent- lichkeit“ erhielt seine Bedeutung gemäß seines Zugangs zu allen Vorgängen öffent- licher Belange.

Die Presse war „ Vermittlungsinstanz “ (HABERMAS 1990:225) zwischen dem Volk und der Regierung und damit in der Position des Informanten, Stabilisators und Kon- trolleurs zugleich. Durch die aktuelle Ausdehnung des Informationssektors und dem erleichterten Zugang durch neue Medien hat sich die heutige Entwicklung da- hingehend vollzogen, dass der Einzelne die meisten Informationen isoliert und in Ruhe eher zur Kenntnis nimmt, als reflektiert und Neuigkeiten erheblich seltener als früher zur Diskussion stehen.

JÜRGEN HABERMAS (1990:325) attestiert daher bereits 1962 der Öffentlichkeit einen Strukturwandel und konstatiert zugleich die Bedrohung kritischer Publizistik: Die rationelle Meinungsformierung in „[...] bewusster Auseinandersetzung mit erkennbaren

Sachverhalten[...] “ und der Diskurs zur Suche nach dem besseren Argument seien nicht mehr gegeben (vgl. OY 2001:32). Er geht soweit, die Öffentlichkeit als entpolitisiert zu bezeichnen:

„ [ … ] sie durchdringt immer weitere Sph ä ren der Gesellschaft und verliert gleichzeitig ihre politische Funktion, n ä mlich die ver ö ffentlichten Tatbest ä nde der Kontrolle eine kritischen Publikums zu unterwerfen “ (HABERMAS 1990:223).

Stattdessen würde die Aufgabe des Raisonnements von der Privatwirtschaft über- nommen, kommerziell hergestellt und immer wieder reproduziert, ohne die eigene gesellschaftliche Herrschaft zu kritisieren. Dem Einzelnen werde so die Bildung ei- ner eigenen Meinung erschwert, zumal ihm die Möglichkeit zum Einspruch fehle (vgl. OY 2001:32ff).

1.1.3 Adorno und Horkheimer: Kulturindustrie und Medien als Agenturen des Konsens

Aufbauend auf Äußerungen WALTER BENJAMINS12 argumentieren 1967 THEODOR ADORNO und MAX HORKHEIMER in ihrer „ Dialektik der Aufkl ä rung “ mit der bedeutenden These über die „ Kulturindustrie “:

Vorweg steht die Annahme einer „Klassengesellschaft“, bei der eine schwache Mehrheit von einer mächtigen Minderheit unterdrückt würde. (vgl. SCHICHA 2003: 109) Die bürgerliche Herrschaft und deren „ ö konomisch[er] und ideologisch[er] Pro duktions- und Konsumptionshintergrund “ (OY 2001:30) benutzten Informationen und Kultur nur, machten sie konsumerabel, und setzten sie zur Bedürfnisbefriedigung und Ablenkung der unteren Klassen ein.

„ Vergn ü gtsein sei zum einen der aktive Prozess der Flucht vor dem gesellschaftlichen Leid und bedeute zum anderen das Ausl ö schen der letzten Gedanken an den Wider stand. “ (a.a.O.: 29)

Für Adorno und Horkheimer agieren die ohnehin kapitalistisch organisierten Medi- en in eben diesem Interesse einer „ stimulierenden Wirkung “ (SCHICHA 2003:109) und führen eine kulturelle Gleichschaltung der ideologischen Herrschaft herbei, welche die Entstehung von Aussteigern und gesamtgesellschaftlicher Veränderung verhindere, indem sie die Kritikfähigkeit der Individuen unterdrücke. (vgl. ebd.) Gemäß ADORNO und HORKHEIMER wäre ein ideales Gegenmodell, das Prinzip der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie es Habermas geschildert hat. Es könne die Basis „[...] der Demokratie von m ü ndigen Menschen “ (a.a.O.: 31) sein, indem es auf Subjektivität und Aufgeklärtheit des Individuums verweise.

1.1.4 Hans Magnus Enzensberger: „Bewusstseinsindustrie“ und die Medienfeindschaft der Linken

HANS MAGNUS ENZENSBERGER will in seinen Essays Einzelheiten (1962) und dem Text Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970) sogar noch weiter gehen. Für ihn ist es nicht nur die Kultur, mit der versucht wird eine ideologische Herrschaft zu etablie- ren. Er sieht einen ganzen Industriezweig, der unser Wirklichkeitsbild mittels ver- schiedenster Medien formt, den er „Bewusstseinsindustrie“ nennt. BERND HAMM (2005), Professor der Universität Trier, erkennt dahinter folgende Dialektik:

„ Die Bewusstseinsindustrie muss ihren Konsumenten gerade das geben, was sie ihnen nimmt. Sie muss ihnen Informationen geben, um zu desinformieren; sie muss die Illusion selbst ä ndigen Urteils aufrecht erhalten, um gerade dies zu verhindern. Zu keiner Zeit war Information, gerade auch kritische, so breit zug ä nglich wie heute- und zu kei ner Zeit war sie so wirkungslos “ .

Diese Feststellung ist gegenwärtig als „Informationsflut“ bekannt. Man stellt einen Mangel an der Vermittlung kritischer Inhalte fest und sucht die Schuld bei den zuständigen Sendeanstalten. Wichtig ist dabei aber der Aspekt des falschen Bewusstseins, also des unterschwelligen Ablaufs der Vorgänge im Unwissen des Rezipienten, der heute noch selten eingestanden wird.

Den technischen Medienstrukturen an sich, kann ENZENSBERGER dagegen keine Ver- antwortung anlasten. Für ihn sind sie wie bei BRECHT potentiell demokratisch und voll von „[...] emanzipatorischen M ö glichkeiten [und] mobilisierender Kraft “ (ENZENSBERGER 1997:98), würden jedoch von den Falschen kontrolliert und seien zen- tral gefesselt (vgl. ebd.). Die Lösung sieht er in einer Übernahme von Verantwort- lichkeiten:

„ Die Frage ist daher nicht, ob die Medien manipuliert werden, oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolution ä rer Entwurf muss nicht die Manipulateure zum Ver- schwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen “

(ENZENSBERGER 1997:106).

Mediale Kommunikation ohne Manipulation ist demnach für ihn unmöglich. Das Problem liegt für Enzensberger bei der Position des Senders und dessen Kompeten- zen. Während er den Linken eine jahrelange Angst und Schwäche gegenüber den neuen medialen Entwicklungen vorwirft (ebd.), spricht er der künstlerischen Avant- garde, den „Unpolitischen“ (a.a.O.:121), den Antrieb für neue Entwicklungen zu.

1.1.5 Jean Baudrillard - Wort ohne Antwort

BAUDRILLARD kritisiert in seinem Aufsatz „Requiem für die Medien“ von 1978 diesen Ansatz Enzensbergers und fügt dem Diskurs eine neue Sichtweise hinzu: Die Struktur der Medien sei sehr wohl undemokratisch und könne auch in den Händen der „Richtigen“ nichts ändern, da sie auf dem Prinzip der einseitigen Kom- munikation basiere, was für Baudrillard einer Nicht-Kommunikation gleichkommt (vgl. DOES 2001:Z). Anstelle einer Antwort auf den Monolog simuliere sie den Dialog und werden dadurch sogar zum Verstärker (vgl. ebd.). Für BAUDRILLARD (1978:91) liegt der entscheidende Faktor der Machtkonstituierung in dieser Struktur:

„ Geben, und zwar in einer Weise, dass einem nicht zur ü ckgegeben werden kann, das hei ß t den Tausch zum eigenen Vorteil zu durchbrechen und ein Monopol aufzurichten “

(ebd.).

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend, formiert sich aus den europäischen Studentenbewegungen, in Deutschland basierend auf der „Enteignet Springer Kampagne13 “ heraus, das Prinzip der „Gegeninformation“, welches als Antwort auf Verzerrung und Ignoranz bestimmter Vorgänge, der einseitigen medialen Lenkung eine andere Realität entgegen setzen will.

1.1.6 Guy Debord - Der Spektakelbegriff

Während in den 1960ern in Deutschland die Studentenbewegung für Jean Paul Sar- tre, Herbert Marcuse, die Frankfurter Schule und Hand Magnus Enzensberger Be- geisterung findet, wird von den jungen Erwachsenen in Frankreich zusätzlich die „Die Gesellschaft des Spektakels“ von GUY DEBORD gelesen. Debords Konsum- und Kapitalismuskritik hatte großen Einfluss auf die Pariser Ereignisse im Mai 1968 und

Zentrale Forderung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) als Folge des Buches „Impe- rium Springer“, welches 1968 erschien. erlangt später und wie es momentan scheint, immer mehr, auch in Deutschland „Kultstatus“. Die These weist einige Parallelen zur kritischen Theorie auf. Nach DEBORD (1996:13) ersetzen die Vorstellungen von Situationen und vom Leben, die man durch Erzählungen und aus den Massenmedien kennt, das wahre Leben und werden zur wirklichen Vorstellung über die Realität.

„ Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die blo ß en Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens “ (DEBORD 1996:19).

Die Folge ist, dass reale Dinge wiederum nur als Erscheinung wirken, dadurch passiv konsumiert werden und der Mensch sich in seiner, nicht in die Vorstellung zuzuordnenden Situation immer fremd fühlt, während er permanent versucht, sein Leben nach den stereotypen Kategorien auszurichten.

Dieses „Spektakel“ inszeniert sich laut Debord permanent neu durch die ständige Wiederholung der ihm zugrunde liegenden Formen und der Konstruktion von Si- tuationen derselben Ideologie, auch über die Medien und hält dabei den Menschen in einem unmündigen Bewusstseinszustand. DEBORD (zit. nach KLEINER 2005:329) for- dert deshalb mit seinem international avantgardistischen Künstlerzirkel der Situa- tionistischen Internationalen, die Konstruktion gesellschaftskritischer realer Situationen der wahren Wirklichkeit, um sich aus der Gefangenschaft dieser Ent- fremdung zu lösen:

„ Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen- d.h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine h ö here Qualit ä t des Leidenschaft “ (DEBORD 1957 ).

Dazu entwickeln sie explizit Techniken um diese Situationen herbeizuführen, wie sie in dieser Arbeit an anderer Stelle14 aufgeführt werden.

Dem Begriff der „ kulturellen Verf ä lschung “ (RÖMER 2001:11), der sich auf diese Weise gemäß Horkheimer, Adorno und Debord zu entwickeln beginnt, und sich mit der Kritik an der Unterdrückung durch den Kapitalismus ergänzt, kann Habermas spä- ter beipflichten. Er revidiert 1990 seine Totaläußerungen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ und erkennt die Medien nicht als Ursache sondern als Verstärker von Meinungen, da sie diese nach Mehrheitskriterien filterten (vgl. OY 2001:40).

Jahre später erweitert Stuart Hall, angesehener Vertreter des neuen kulturwissen- schaftlichen Ansatzes der „Cultural Studies“ diese Beobachtung: Die Medien seien nicht nur Spiegel und Verstärker des Konsens sondern suchten diesen, um die eige- ne Objektivität rechtfertigen zu können. (vgl. OY 2001:68). Auf diese Weise schufen sie ihn jedoch künstlich und beeinflussten damit den persönlichen Medienkonsum, der wiederum auf die öffentliche Meinung wirkte. Nicht zu vernachlässigen sei au- ßerdem, dass der Gegenstand der Berichterstattung allein durch seine journalisti- sche Aufbereitung und die Rezeption an sich, bereits die Realität und auch die Geschichtsschreibung beeinflusse (ebd.).

1.1.7 Antonio Gramsci - Der Begriff der „kulturellen Hegemonie“

Wichtig innerhalb der Entwicklung der kritischen Medientheorie ist ein weiteres Modell, das die der Klassengesellschaft inhärente Sicherung von bürgerlicher Herr- schaft untersucht, welches der Italiener ANTONIO GRAMSCI schon vorgelegt hatte, be- vor man überhaupt dafür Verwendung fand (OY 2001:65): Die Macht in einem Staat werde nicht nur durch Kontrolle, sondern vor allem durch Werte- und Ideologie- vermittlung gehalten. Dies gehe soweit, dass die Menschen automatisch ein Be- wusstsein von der eigenen „ gesellschaftlichen Stellung und somit von ihren Aufgaben “ bekämen.

Die zugehörige „kulturelle Hegemonie“ sei ins Alltagsleben implementiert und vor allem durch mediale oder staatlich gesteuerte Kommunikation im Kleinen angeregt (vgl. KLEINER 2005:329), aber erscheine durch deren unbewussten Konsum als „’f rei- willige ’ Zustimmung “ (OY 2001:64) beispielsweise über „ Identifikationsangebote “ wie der Hierarchisierung in Form von sozialen Vorzugspositionen (vgl. AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:22).

Der Konsens sei aber nicht einfach zu definieren, er weise sogar Widersprüche und vielfältige Beschaffenheit auf und ließe sogar Konflikte zu (vgl. AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:23). Zur Machtauflösung müsste demnach die kommunikative Konstruk- tion von Wirklichkeit in den alltäglichen Situationen Diskussion finden, und eta- blierte Werte und Konsense im Kleinen hinterfragt werden (vgl. KLEINER 2005:329).

1.1.8 Oskar Negt und Alexander Kluge/ Ein Aeng/ Dieter Prokop

Von OSKAR NEGT und ALEXANDER KLUGE erscheint 1972 eine Kritik15 des Öffentlich- keitsbegriffes bei Habermas und an dem Konzept der „Gegeninformation“: Letztere ändere nichts an den Kommunikationsverhältnissen, sondern erhalte diese sogar unnötig aufrecht, da sie von der „Unmündigkeit“ der zu Informierenden ausgehe. Sie schlussfolgern, dass richtige Information, die falsche ersetze, nie objektive Infor- mation sein könne, sowie kein automatisch konkretes Handeln auslöse. Wichtiger sei zuerst, beim Mediennutzer ein kritisches „V erantwortungsbewusstsein “ für die In- formationen zu erzeugen und auf diese Weise eine generelle „ Medienkompetenz “ zu entwickeln (KLEINER 2005:315).

Ohnehin verweisen sie darauf, dass nur das Wissen über Handlungsmöglichkeiten zur aktiven Veränderung der Realität, auch zur Aneignung dieser führe. (vgl.

AUTONOME A.F.R.I.K.A.- GRUPPE 1997:190)

Stattdessen sehen Negt und Kluge eine, die bürgerliche Öffentlichkeit überlagernde „Produktionsöffentlichkeit“, der „Kommerzialisierung“ und des „ fordistischen Staa tes “ die den Einzelnen bedränge und die „ gesellschaftliche Erfahrung “ verhindere (vgl. OY 2001:50). Dabei hätten die Ansprüche der Produzenten stets Vorrang vor der bürgerlichen Öffentlichkeit. Dies sei bereits an menschlichen Bedürfnissen zu erkennen, die durch kommerzielle Ausrichtung unterdrückt würden (vgl. a.a.O.:51ff) und dem Angebot von warenförmigen „Scheinlösungen“ zur Befriedigung dieser. Negt und Kluge folgern schließlich, dass eine „ Schein ö ffentlichkeit “ (a.a.O.:51) vorherrsche und sehen die Lösung in der Etablierung einer bewussten „ Gegen ö ffentlichkeit “, die auf alles antworte (ebd.).

Diese These widerlegt Ien Aeng, eine australische Wissenschaftlerin aus den „Cultural Studies“ später, indem sie zeigt, dass eine kritische und aktive Medienrezeption keineswegs automatisch zu mehr gesellschaftlicher Macht führt (a.a.O.:69), sondern das Prinzip der Folgenlosigkeit vorherrscht.

Die gerade heute noch höchst relevante Forderung, wie sie bei Negt und Kluge Ausdruck findet, dass man bei der Analyse der Öffentlichkeit vor allem auch die politische Ökonomie zu Rate ziehen müsse, da die Massenkommunikation in steigendem Maße von dieser abhänge, wird ebenfalls von Dieter Prokop in seiner kritischen Medienpraxis der 70er Jahre (vgl. a.a.O.:54) unterstützt.

1.1.9 Umberto Eco - Auf das Rezeptionsverhalten kommt es an

Neue Forschungsansätze liefert die von Ferdinand de Saussure und CHARLES SANDER PEIRCE begründete Semiotik. Die Lehre der Zeichen.

Umberto Eco dekonstruiert den Kommunikationsbegriff als die „ Ü bermittlung von Botschaften auf der Grundlage von Codes “ (ECO 1985:149): Ein Sender versende eine Bedeutung in Form einer Botschaft mittels eines Codes, den der Empfänger dann entschlüssele, indem er die leere Botschaft wieder mit Bedeutung gemäß des Kontextes und seines Allgemeinwissens fülle (vgl. ECO 1985:151).

Die Codes zum Lesen und Verstehen sind nach MITCHELL unserer Gesellschaft auf- grund sozialer Übereinkünfte inhärent (vgl. RÖMER 2000:104) und ermöglichten uns die Orientierung. Bei alltäglichen Dingen sei das Dechiffrieren noch nicht schwer, insofern der Code sich jedoch auf komplizierte Vorgänge wie politisches Gesche- hen, „ästhetische Kommunikation“ (ECO 1985:151), temporäre Geltungsphasen oder unterschiedlich spezifische Milieu beziehe, könne er sogar einer Mehrheit verbor- gen bleiben. Der Sender intendiere dabei möglicherweise einen anderen Sinn als den, den der Empfänger aufgrund seines gesellschaftlichen Wissens herauslese.

UMBERTO ECO (1985:152) widerspricht innerhalb der Semiotik der Manipulationsthese durch den alleinigen „Sündenbock“ Massenmedien, da man die mediale Wirkung aufgrund der „ Interpretationsvariabilit ä t “ nicht berechnen könne und geht wie NEGT und KLUGE von einem mündigen Bürger aus. (vgl. a.a.O.:154). Entscheidend seien doch letztlich das „ Rezeptionsverhalten “ (a.a.o.:155), der verantwortungsvolle Um- gang mit Kommunikation und Information sowie die kritische Einstellung beim Pu- blikum, die laut den „ Apokalyptikern “ in der Wissenschaft, wie er die Kulturpessimisten treffend bezeichnet, mehrheitlich aufgegeben worden sei (vgl. a.a.O.:148).

Dies lastet ECO einer Verselbstständigung der Codes an. Ohne zu hinterfragen und andere Lesarten zuzulassen würden automatisch Deutungen, die durch redundantes Senden (vgl. OY 2001:62) innerhalb der Medien als öffentliche Meinung und Filterung des kulturellen Konsenses manifestiert würden, angenommen und ins eigene Leben und Denken über die Wirklichkeit integriert. Um diese wieder zurückzuerobern, bedürfe es der absichtlichen Störung und Provokation dieser automatischen Bedeutungsfüllung, damit sie wieder als bewusster und gesellschaftlich konstituierender Vorgang wahrgenommen werden könne. Dazu fordert UMBERTO ECO (1985:146) eine „ semiologische Guerilla “.

„ Die neuen Formen von subversiver Guerilla zielen [ … ] auf eine Schw ä chung des Sys tems durch Zersetzung jenes feinmaschigen Konsensgewebes, das auf einigen Grundregeln des Gemeinschaftslebens beruht “ (ECO 1985b:165).

Ihre Form sei die eines „ elektronischen Dissens “ (OY 2001:63) welcher, gemäß des innerhalb der Kommunikationsguerilla viel zitierten Ausspruchs von Roland Barthes, die Codes entstellt, statt sie zu zerstören.16

GOTTFRIED OY sieht diese Forderung UMBERTO ECOS hinführend zur kreativen Irritation eingefahrener Dekodierungsmuster durch Ideen wie der „ F ä lschung “ und dem „ Betrug “, wie sie von der Kommunikationsguerilla seit Mitte der 90er angewandt werden. Auch Vilém Flusser, Kommunikations- und Medienphilosoph, gibt ECO Recht, wenn er Jahre später feststellt:

„ Die Rolle des Code ist nicht zu ü bersch ä tzen [ … ] Will man sich in unserer Krise ori entieren und auf sie Einfluss nehmen, muss man versuchen, das ihr Wesentliche zu erfassen, und dieses Wesentliche ist eben die Ver ä nderung der Kommunikationsart “ (FLUSSER 1998, zit. nach RÖMER 2000:106).

1.1.10 Fazit

Alle hier zitierten Intellektuellen, die übrigens nahezu alle Persönlichkeiten von großer gesellschaftlicher Bedeutung, nicht nur im Medienbereich, sondern fächer- übergreifend geworden sind, gehen ohne Zweifel von einer klassengeteilten Gesell- schaft mit wenigen Herrschern und einer beherrschten Mehrheit aus. Ohne Einschränkung wird die Schuld an der Unterdrückung dem kapitalistischen System zugeschrieben, sowie dessen erstaunlich oft bestätigter Verselbstständigung auf der Bewusstseinsebene, die sich in Entfremdung, Verklärung und Scheinöffentlichkeiten äußert.

Es zeigt sich, dass sich mit steigender Medialisierung die Manipulationsthese nicht hat halten können. Nach wie vor gibt es zwar strukturell und organisatorisch viel zu bemängeln, vor allem unter den heutigen Medienkonzentrationen in privater Hand.17

Nach den 70er Jahren hat zugunsten des Wachstums der Medienbranche in Deutschland eine Deregulierung stattgefunden. Als Ergebnis sind viele große Me- dienkonzerne entstanden, die vorwiegend prokapitalistisch strukturiert und ideolo- gisch tendierend sind, als bestens Beispiel gilt nach wie vor der Axel Springer Verlag, viel bedeutender ist hier allerdings das Medienimperium Bertelsmann oder der flächendeckende Holtzbrinck Konzern (vgl. SPOO 2005:24f). Sie orientieren sich an Werbeeinnahmen und Verkaufszahlen und bedienen durch die Analyse umsatz- versprechender Nachrichtenfaktoren meist gezielt eine derart orientierte Berichter- stattung, sodass thematisch ausgewogene und sorgfältig recherchierte Beiträge schwer zu platzieren und viel zu kostenintensiv sind. (vgl. a.a.O.::26)

Um unter derlei Filterung für sich die benötigte Aufmerksamkeit zur Verfolgung strategischer Ziele zu erhalten, wird Politik immer mehr zum „Politainment“.18 Eine solche Trennung zwischen offizieller Darstellungspolitik und realer Handlungspolitik schadet der Transparenz der politischen Vorgänge, die sich direkt auf den Demokratiegehalt auswirkt.

Interessant ist dabei, dass sich beispielsweise die deutsche Medienlandschaft den- noch als ausgewogen präsentiert. (vgl. DOES 2001: Z) Dies fußt auf einem medialen Arrangement, ähnlich den Äußerungen GRAMCIS, in dem selbst die Kritik ihren Platz

erhält, aber nur in dem Maße, in dem sie nicht die eigene Herkunft angreift oder analysiert und somit deren Allgemeingültigkeitsanspruch enttarnen würde :

„ Information und Kommunikation wird in bestimmte Richtungen gelenkt und die wirklich brisanten Themen dabei sorgsam aus dem ö ffentlichen Diskurs herausgehalten. [ … ] Die offensichtliche Diskrepanz von Schein und Sein mit all den damit verbunde- nen Ä ngsten konkreter und irrationaler Art sowie der darin enthaltenen Orientierungslosigkeit hat jedoch ebenfalls keinen Platz im medialen Diskurs. “ (KRÖGER 1989:76-78)

Laut Niklas Luhmann, einem im Grunde genommen, vehementen Gegner der medialen Manipulationstheorie bedienen die Massenmedien sogar eine Öffentlichkeit, die sie selbst erst repräsentieren.19 Bis auf wenige Ausnahmen versagt damit die Presselandschaft in ihrer Funktion als Informations- und Kontrollinstrument. UMBERTO ECO (1985:154) würde eine solche Entwicklung sicherlich als höchst gefährlich einstufen, sieht er doch die die Massenkommunikation als Dreh-und Angelpunkt einer mündigen Menschheit:

„ Die Schlacht ums Ü berleben des Menschen als verantwortlichem Wesen der Zeitalter der Massenkommunikation gewinnt man nicht am Ausgangspunkt dieser Kommunika tion, sondern an ihrem Ziel. “ .

Innerhalb der kritischen Medientheorie hat sich dennoch eine theoretische Öffnung vollzogen. War man anfangs noch überzeugt davon, dass die Medien nur in die richtigen Hände gelangen müssten, um eine demokratische Öffentlichkeit zu gewährleisten, hat man sicherlich auch durch das Scheitern der sozialistischen Staatsformen das Augenmerk mehr in Richtung struktureller Eigenschaften und gesellschaftlicher Prozesse verschoben. Eine „gerechte“ Öffentlichkeit gilt ebenso als unrealisierbar, stattdessen wird der Einzelne, vor allem seine Bildung und der gesellschaftliche Kontext immer wichtiger.

Hauptsächlich im Alltäglichen sieht man nach GRAMSCI und ECO nun die Lösung zur Gesamtveränderung. Wichtig ist außerdem die kritischen Rezeption, als ein generelles Misstrauen gepaart mit der genauen Kenntnis der medialen Vorgänge und kapitalistischen „Psycho-Strategien“.

Auch wenn die mediale Forschung vor allem durch die Semiotik immer mehr Tiefe und Realitätsbezug erhält, ist sie ihrem Wesen nach gegenüber den technischen Ent- wicklungen und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Gesellschaft und Öf- fentlichkeit immer im Rückstand gegenüber den neuesten technischen Möglichkeiten und deren Realitätsauswirkungen, wie es aktuell beispielsweise die Entwicklung des Web 2.020 zeigt, welche das strukturelle Potential mit sich bringt, die von BAUDRILLARD bemängelte Einseitigkeit der Sendung abzulösen.

Zur empirischen Analyse bedarf es einer gewissen Wirkungsdauer und gesellschaftlichen Manifestation. Möglicherweise ist dies ein Grund weshalb es selbst den linken Intellektuellen und Medientheoretikern während der letzten fünfzig Jahre nicht gelungen ist, ein konkretes aus der Theorie abgeleitete Lösungsverfahren oder Programme in Form von Schulungen zur Medienkompetenz auszuarbeiten, welche den Kampf über Deutungshoheit der Realität zugunsten der Bürger beenden könnten. Gerade deshalb ist die Forderung von UMBERTO ECO mehr ein erster Schritt und als Aufforderung zum Experimentieren zu verstehen.

1.2 Warum Kommunikationsguerilla? Zu den politischen Verhältnissen

„ Es kann nicht ewig so weitergehen. Vielleicht kommt jetzt wieder eine kritische Generation, und vielleicht hat es die Zeit gebraucht, um neue Strategien zu entwickeln, gegen ein System, das sein Gesicht nicht offen zeigt. Zeit gebraucht, um das zu durchschauen,diese Vereinnahmungsstrategie des Kapitalismus “ (HANS WEINGARTNER zit. nach MAIR; BECKER 2005:203).

Im Folgenden wird eine kurze subjektive Beschreibung aktueller politischen Ver- hältnisse und Verknüpfungen gegeben, da diese als Ursache für die Entscheidung der Aktivisten zum häufig militanten Konzept der Kommunikationsguerilla zu se- hen sind.

Der knappen Zusammenfassung und der Unmöglichkeit geschuldet, hier einen Überblick über politische Aktualitäten zu geben, war es notwendig, komplexe ge- sellschaftliche Zusammenhänge auf einfache Sachverhalte aus verschiedenen Syste- men zu reduzieren. Zu großen Teilen aus allgemeinem gesellschaftlichen Wissen basierend, sollen sie allein zur Nachvollziehbarkeit der spezifischen Weltanschau- ung dienen. Die im folgenden genannten politischen Herausforderungen ergeben beim einzelnen Aktivisten einen Gesamteindruck über gesellschaftliche Verhältnis- se, bilden eine individuelle Weltsicht und haben Auswirkungen auf die eigene Rolle in der Gesellschaft, die eigenen Ansprüche, sowie die Motivation zur Veränderung dieser Gesellschaft.

Unsere Erde läuft akut Gefahr durch Rohstoff- und Artenausbeutung sowie der großen Klimakatastrophe zugrunde zu gehen, dies kann mittlerweile nicht mehr angezweifelt werden. (vgl. IPCC BERICHT 2007) Diese Umweltprobleme werden seitens der Politik zwar angegangen, jedoch nach wie vor zögerlich und nur in dem Maße wie es wirtschaftlich rechtfertigbar ist, aber der CO2 Gehalt in der Luft steigt schneller, als reagiert wird (ebd.).

Dass Wirtschaft und Politik hiergegen nicht aktiv vorgehen, liegt größtenteils daran, dass die ehemaligen Wirtschaftsmächte an die Grenzen ihres Wachstums gelangt sind und in den letzten zwei Jahrzehnten die finanziellen Ressourcen für Versuche verwendet wurden, der unaufhaltsamen Rezession zu entkommen. Die Wirtschaft der westlichen Industrienationen, auch die der Industrie- und Ex- portnation Deutschland, steckt in einer tiefen ökonomischen Krise und bedarf zur Vorbeugung gegen Beschäftigungsabbau oder Produktionsstandortwechsel der ständigen Unterstützung des Staates durch liquide Mittel oder Steuervergünstigun- gen. Zur Finanzierung dieser laufenden Staatskosten und prokapitalen Umstruktu- rierungen werden vor allem die Budgets für Bildung, Kultur und Soziales gekürzt, da man nach ökonomischer Betrachtungsweise aus diesen Subventionen auf kurze Sicht keine Gewinne erzielen kann, aber zu hohe Ausgaben sieht. Trotzdem verlagern viele Firmen ihre Produktionen ins Ausland um billiger produ- zieren zu können, was zwar deren Rendite steigert, aber subventionierte Ar- beitsplätze des Herkunftslandes vernichtet. Zudem bilden sich Wirtschaftsmonopo- le, die global Preise diktieren und die freie, aber vor allem soziale Marktwirtschaft unterdrücken. Von Wirtschaftsethik kann keine mehr Rede sein.

Mittels der Verbreitung gesellschaftlicher existenzieller Ängste, Repression und Überwachung21, sowie der bereits erwähnten kulturindustriellen Ablenkung wird dafür gesorgt, dass dem internationalen Kampf der Regierungen um Märkte und Ressourcen keine öffentliche Meinung im Wege steht und die steigenden Entbehrungen vom Einzelnen mitgetragen werden.

Durch die kapitalistische Produktionsweise und die Finanzmärkte kommen die Gewinne aber nur wenigen Mächtigen zugute.

Die europäische Linke, bisher Verfechter der Arbeiterbewegung und Wächter des Sozialstaates, sowie ehemaliger Verbündeter der immer machtloseren Gewerkschaf- ten, liegt größtenteils brach. Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland sind die glänzenden Beispiele einer erfolglosen Suche nach Alternativen zu Liberal- Konservativ.

Die Entwicklungspolitik steht nach wie vor an hinterer Dringlichkeitsstelle, trotz G8-Versprechungen zur Erhöhung des Budgets leben weltweit immer noch zwei Drittel der Menschheit mit weniger als einem US-Dollar pro Tag, die Armutsgrenze steigt stetig und versprochene Spenden kommen nicht in vollem Maße bei den Be- dürftigen an.22 Stattdessen werden aus den Entwicklungsländern die letzten Res- sourcen, im Tausch gegen industriell verursachte Umweltprobleme exportiert. Al- leine deshalb kann man auch heute noch von Herrschern und Beherrschten spre- chen.

Doch trotz anhaltender Weltfinanzkrise wird immer noch vollends auf das kapita- listische System gesetzt. Die wirtschaftlichen Interessen stehen über den politischen, beziehungsweise orientiert sich die Politik an Konjunktur, Ressourcenorganisation und Arbeitslosenreduzierung, was sie von der Ökonomie abhängig macht, deren einziger Antrieb der steigende Konsum verheißt. (vgl. SÖDER-MAHLMANN 2008:2, LENTOS 2005:31, MAIR ; BECKER 2005:86, ) Damit die Konsumnachfrage unaufhörlich gestellt ist, werden mittels Werbung und Warenästhetik künstliche Bedürfnisse er- zeugt (vgl. SÖDER-MAHLMANN 2008:14, ULLRICH 2006:34), die zwar auf echten menschli-

[...]


2 Eine vollständige Aufzählung der verschiedenen Taktiken kann in der vorliegenden Arbeit nicht gegeben werden. Bei weiterem Interesse wird die Lektüre „Handbuch der Kommunikationsgue- rilla“ der AUTONOMEN A.F.R.I.K.A.-GRUPPE (1997) empfohlen, oder das Archiv im Internet <http://ww- w.contrast.org/KG/indexc3.htm> auf welchem Aktionen gesammelt und dokumentiert werden und der ständig aktualisierte Blog unter <http://kommunikationsguerilla.twoday.net/>.

3 Die Gefahr solcher ersten kommerziell vereinnahmenden Neudefinierungen des Konzeptes sehe ich bereits medial anklingen, weitere Informationen gibt das Kapitel „Subversion der Subversion“. Zur Belegung kann auf die Subkultur des Graffiti verwiesen werden. Ein aktuelles Beispiel der kommerziellen Vereinnahmung ist der für 9,95 € im Schreibwarenhandel verkaufte „Revolte-Kit“ für den täglichen Aufstand, bestehend aus „3 von 6 rotzfrechen Sprühschablonen und 1 Montana Pocket Can-Sprühdose“. Zu erwerben unter <http://www.schulfabrik.de/shop- 495-revolte-kit.html> (Zugriff am 25.03.2009, MESZ 13:31).

4 vgl. <http://de.indymedia.org/2006/03/142740.shtml> (Zugriff am 10.02.09, MESZ 18:24).

5 Der besseren Lesbarkeit halber sind in dieser Arbeit nur die männlichen Personenbezeichnungen aufgeführt. Frauen sollen und dürfen sich aber dennoch angesprochen fühlen. Da die Autorin selbst weiblich ist, hofft sie auf Verständnis für diese Entscheidung.

6 Siehe Quellenverzeichnis: MAIER (2008), ERNST (2008), REBELART (2008)

7 SARREITER 2007

8 Es existiert ebenso eine amerikanische Diplomarbeit (BOYD 2005) „ The Yes Men and Activism in the Information Age “, die das Gesamtwerk der Yes Men und die Wirkungskraft untersucht, welche die „Yes Men“ aus dem Internet und der schnellen Informationsübermittlung bezieht.

9 Von Wert sind diese Schriften deshalb, da sie durchweg von Praktikern verfasst sind, die somit also auch die Alltagspraxis von Kommunikationsguerilla zur Geltung bringen. Der empirische Gehalt ist folglich hoch einzuschätzen.

10 Onlineversion unter www.adbusters.org (Zugriff am 12.02.09, MESZ 18:23).

11 uch wenn KALLE LASSN (2005) eines der wenigen Bücher zum Thema herausgebracht hat, in dem er auch über die Werbung hinaus auf unsere Gesellschaft und den semiotischen Hintergrund blickt und vor allem sehr gut beobachtet.

12 WALTER BENJAMIN spricht 1939 in seiner bedeutenden Schrift „ Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit “ über die „Zerstreuung“ der Wahrnehmung des Rezipienten beim Medienkonsum. Damit stellt er den Einfluss von Medien auf die kritische Wahrnehmungsfähigkeit erstmals zur Diskussion. (vgl. SCHICHA 2003:108)

14 Gemeint sind das „Détournment“ und das „Derivé“. Siehe hierzu auf S. 50ff und 74 dieser Arbeit.

15 NEGT ; KLUGE 1972: Öffentlichkeit und Erfahung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit.

16La meilleure des subversions ne consiste-t-elle pas à d é figurer les codes, plut ô t qu' à les d é truire?" Roland BARTHES (1971:127)

17 Als Lektüre zum fünftgrößten europäischen Mediengiganten mit erheblichem Einfluss auf die deutsche Politiklandschaft, dem Bertelsmann - Konzern und seiner gleichnamigen Stiftung, sei eine schriftliche Zusammenfassung des Anti-Bertelsmann Kongresses von THOMAS BARTH (2006) empfohlen.

18 Dieser Begriff geht zurück auf die Weiterentwicklung einer ursprünglichen Politainment Definiti- on von dem Politikwissenschaftler THOMAS MEYER (2006). Er bezieht diesen verstärkt auf die Poli- tik, innerhalb welcher er eine Trennung von öffentlicher Inszenierung und tatsächlichem Vollzug sieht. Gerade hier bietet sich ein günstiges Ziel für dankbare Kommunikationsguerilla Inszenierungen, da sich Politik den Medienfaktoren unterordnet und somit angreifbar macht. (vgl. MAIR; BECKER 2005: 270)

19Dabei ist von 'Repr ä sentation' in einem 'kontrahierenden', reduktiven Sinne die Rede. [ … Diese] garan- tiert mithin im laufenden Geschehen Transparenz und Intransparenz zugleich, n ä mlich bestimmtes thema- tisches Wissen in der Form von jeweils konkretisierten Objekten und Ungewi ß heit in der Frage, wer wie darauf reagiert “ (LUHMANN 1996:188).

20 Laut WIKIPEDIA <http://de.wikipedia.org/wiki/Web_2.0> Zugriff am 11.5.2009, MESZ 10:15, da in Enzyklopedien noch nicht aufgeführt: „ Schlagwort f ü r die Reihe interaktiver und kollaborativer Ele- mente des Internets. [ … ] Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von gro ß en Medienunternehmen erstellt und ü ber das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mit Hilfe sozialer Software zus ä tzlich untereinander vernetzen. “

21 vgl. Holert zit. nach Terkessidis 2002:4

22 vgl. DATA-Bericht 2008 <http://www.one.org/report/de/execSummary.html> (Zugriff am 2.4.2009, MESZ 18:58)

Ende der Leseprobe aus 123 Seiten

Details

Titel
Kommunikationsguerilla - Analyse des Selbstverständnisses einer neuen subversiven Avantgarde
Untertitel
Und ihrer praktischen Medienkritik am Beispiel von „The Yes Men“
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1.7
Autor
Jahr
2009
Seiten
123
Katalognummer
V143030
ISBN (eBook)
9783640533015
Dateigröße
1121 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, Medientheorie, Kritische Theorie, Subversion, Ästhetische Taktiken, Culture Jamming, Cultural Hacking, Kunstaktionismus, Medienkunst
Arbeit zitieren
Ramona Hall (Autor), 2009, Kommunikationsguerilla - Analyse des Selbstverständnisses einer neuen subversiven Avantgarde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143030

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