Die Bedeutung des Erdbebens von 1980 für den Wiederaufbau in Irpinia


Referat (Ausarbeitung), 2006

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll die Bedeutung des Erdbebens von 1980 für den Wiederaufbau in der italienischen Region Irpinia, die sich, noch Jahrzehnte später, von dieser Katastrophe nicht erholen konnte, analysieren. Die unterschiedlichen Wiederaufbaustrategien, die im Hauptteil der Arbeit erörtert werden, deuten zunächst einmal auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit den komplizierten geologischen und seismischen Gegebenheiten des Gebietes. Die Risikofaktoren wurden durch Untersuchungen des Baugrundes und die in einigen Fällen stattgefundene Verlegung von Siedlungen weitgehend minimiert. Gleichzeitig entstand jedoch ein Konflikt um die Bewahrung bzw. Vernachlässigung historischer Strukturen, der Anhand von Beispielen dem Leser näher gebracht werden soll. Die zukünftigen Entwicklungschancen der wirtschaftlich schwachen Region und die von der Politik erhoffte ökonomische Stärkung des Mezzogiorno mit Hilfe der Wiederaufbaugelder, sollen im letzten Teil dieser Arbeit bewertet werden.

Nicht zuletzt soll an dieser Stelle das Problem der Literaturrecherche angesprochen werden. Aufgrund der nicht vorhandenen Kenntnisse italienischer Sprache beschränkte sich meine Materialbeschaffung auf nur wenige englischsprachige Internet- und Bücherquellen. Aus diesem Grund musste ich vorwiegend auf die Diplomarbeit von Helga beim Graben zurückgreifen, die das betroffene Gebiet selbst bereist hat und ihre Schilderungen in ihre Arbeit integriert hat. Da die von mir benutzten Quellen relativ veraltet sind, hoffe ich nach der Exkursion im März diese Arbeit aktualisieren zu können.

2 Geographische Abgrenzung und Charakterisierung von Irpinia

Die Region Irpinien befindet sich im süd-italienischen Kampanien in der Provinz Avellino in den Tälern Calore und Sabato am Monti Taburno. Dieses Gebiet wurde beim Erdbeben am 23.11.1980 großräumig zerstört und eignet sich daher besonders als Untersuchungsfeld für die Strategien des Wiederaufbaus. Doch bevor auf die Wiederaufbaumaßnahmen näher eingegangen wird, müssen zunächst die geomorphologische Gestalt sowie das seismische Aktivitätspotenzial des betroffenen Gebietes untersucht werden. Weiterhin spielen auch die Historie, sowie daraus abgeleitete wirtschaftliche Situation Süd- Italiens eine bedeutende Rolle. Um sich dem Gegenstand der Untersuchung zu nähern, wird

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Irpinien (Quelle: www.avellino.federvolley.it/ htm/mappa.htm)

am Ende dieses Abschnitts auch auf die Siedlungsstruktur der irpinischen Gemeinden und die lokalen Gebäudetypen eingegangen, da dieses Faktum beim Aufbau der alten Bausubstanz und der Modernisierung maßgebend war.

2.1 Geomorphologische Struktur

Italien ist ein geologisch junges Land. Darauf deuten die Vulkantätigkeit, die rezente seismische Aktivität und das geringe Alter der Alpen und des Apenin hin. Das Apenin ist Teil des „mediterannen Faltengürtels der Erde“ und orographisch die Fortsetzung der Alpen (vgl. Rother/Tichy:16). Für das betrachtete Gebiet ist jedoch nur das Süd-Apenin relevant, insbesondere das Flyschland im Molise und der Basilicata.

Das Apenin bildet den Grenzbereich zwischen der Afrikanischen und der Eurasischen Platten. Im frühen Tertiär änderte die Afrikanische Platte ihre Richtung, die sich früher geradezu auf die eurasische Platte hin bewegte, und driftet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Die Irpinia-Verwerfung

(Quelle: http://www.ingv.it/~roma/SITOINGLESE/activities/seismology/seismicsource/ex amples/irpinia/figura3.html)

seitdem westwärts. Der Grenzbereich zerbrach dabei bei dieser Richtungsänderung in mehrere kleinere Blöcke. Der Sardinische Block schiebt sich nun unter den Adriatischen Block (vgl. Bethemont/ Pelletier: 12-13).

2.2 Seismische Aktivität

Die konvergente Plattengrenze macht sich durch die Vulkanachse Vesuv-Stromboli-Ätna bemerkbar. Der Vulkanismus hat an dieser Subduktionszone drei Kegelvulkane aufgebaut, die jedoch nur indirekt mit den seismischen Aktivitäten des Gebietes in Zusammenhang stehen. Die Schwerpunkte für den Vulkanismus und die Erdbeben liegen getrennt voneinander, wobei die primäre Ursache für die Erdbeben bruchtektonische Vorgänge an der Irpinia-Verwerfung sind (vgl. Tichy: 26).

Die Irpinia-Verwerfung (Abb.2), wo das Epizentrum des Bebens geortet wurde, verläuft von Norden nach Westen zwischen den Gebirgszügen der M.Valva (1248m) im Norden, M. Marzano (1524m), M.Eremita (1579m), M.Carpineta (1461m) und M.Cucuzzone(1141m).

2.3 Historischer Hintergrund Süditaliens

Um die soziale und wirtschaftliche Katastrophe bewerten zu können, muss auch der historische Hintergrund Süditaliens ins Auge gefasst werden.

Vor der Gründung des „Regno d`Italia“ im März 1861 wurde Süd-Italien von spanischenbaroni beherrscht, die kein Interesse daran zeigten, das Land landwirtschaftlich zu entwickeln, da sie nur Soldaten und Steuergelder von dort bezogen (Beim Graben: 15). Nach der Einheit 1861 blieben die süd-italienischen Regionen, auch Mezzogiorno genannt, weiter wirtschaftlich unterentwickelt und eher landwirtschaftlich geprägt. Der Norden profitierte hingegen, vor allem in der Po-Ebene, von der fortschreitenden Industrialisierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete der italienische Staat eine so genannte „Cassa per il Mezzogiorno“ ein. Diese Gelder, für die industrielle Entwicklung gedacht, flossen jedoch an kriminalistische Vereinigungen - die Mafia, Camorra und N´dragheta (vgl. Drüke).

2.4 Wirtschaftliche Entwicklung

Die Landwirtschaft spielte, wie bereits erwähnt, bis in die 50er Jahre, noch vor der Bodenreform 1950 und dem „legge stralico“ (Bodenbeschneidungsgesetz), besonders für SüdItalien eine große Rolle. Der primäre Sektor beschäftigte über 70% der Bevölkerung in dem Latifundiensystem. Die Großgrundbesitzer stellten dabei den landlosen Bauern und Lohnarbeitern Land zur Verfügung (vgl.Tichy: 205).

Als Ergebnis der von der „Cassa per il Mezzogiorno“ initiierten Bodenreform enteignete die Regierung 16 394ha Land (vgl. Tichy: 215) und es entstanden meist kleine Familienbetriebe und Kooperative. Diese Reform erfolgte jedoch zu spät. Andere Wirtschaftsbereiche wie der Handel, Industrie und das Bauwesen erlebten zu dieser Zeit ein dynamisches Wachstum. Die Agrarwirtschaft befand sich hingegen in einem deutlichen Abschwung. Bereits 1971 verlor der primäre Sektor, mit nur noch 1% der Beschäftigten, an Bedeutung (vgl. Tichy: 217).

Der Staat übernahm Ende der 50er Jahre die Förderung und die Standortfestlegung der neu zu gründender Industriegebiete (vgl. Tichy: 255). Diese kontrollierte Industrialisierung des Südens brachte infrastrukturelle Verbesserungen in den Bereichen Verkehr, Energieversorgung und Telekommunikation, doch fehlten vielerorts nach wie vor qualifizierte Arbeitskräfte und Eigeninitiative in der Bevölkerung. Das BSP pro Kopf betrug 1997 in den Regionen Kampanien und Basilicata nur etwa 52% des BSP Nord- und Mittelitaliens. Nach 40 Jahren Staatsintervention gestaltet sich die wirtschaftliche Situation in den Erdbebengebieten immer noch schwierig und sehr heterogen (vgl. Rother/Tichy: 104).

2.5 Siedlungsstrukturen und lokale Gebäudetypen

Die bereits erwähnte Bodenreform führte zu zwei neuen Siedlungsformen: „derpodere, ein selbstständiger Familienbetrieb mit einem Bauernhaus und derquota,ein kleines Landlos, das zur Abrundung andersartiger Einkommensquellen dienen sollte“ (Tichy: 215). Zu der Form des historischen Haufendorfes sind also Einzel- und Streusiedlungen hinzugekommen (Beim Graben: 26). Die historischen Siedlungskerne erlebten eine Expansion nach außen, sowie eine Dezentralisierung, da die Bauernfamilien nun eigene Grundstücke mit Bauernhöfen in ihrem Besitz hatten. Die Gebäude im alten Ortskern weisen demnach ein höheres Alter auf, als die Neubauten am Ortsrand. Diese Tatsache ist im Zusammenhang mit den Zerstörungen in Folge des Bebens relevant und wird im vierten Kapitel dieser Arbeit wieder aufgegriffen.

3 Die Erdbebenkatastrophe vom 23.11.1980

Das Erdbeben in Irpinia zerstörte über 300 Gemeinden und forderte nach ersten Schätzungen laut Erdbebenbericht vom 12.12.1980 rund 2700 Tote, 9000 Verletzte und hunderttausende wurden obdachlos. Später korrigierte man diese Zahlen nach oben auf 3 500 Tote und 300 000 Obdachlose. Die Auswirkungen der Katastrophe und der darauf folgende Wiederaufbau wurden von zahlreichen negativen Faktoren begleitet. Der desorganisierte und unvorbereitete Zivilschutz, die mangelhafte Gebäudesicherheit und Präventionsmaßnahmen, sowie Verzögerungen bei Entscheidungsprozessen in der Verwaltung und der Politik verkomplizierten die Situation. Im Folgenden seien der Ablauf des Erdbebens und das Zerstörungsausmaß dargestellt. Die erfolgten Hilfsmaßnahmen werden in 3.3 erläutert.

3.1 Der Ablauf

Das Erdbeben ereignete sich am Sonntag dem 23.11.1980 um 19:35 Ortszeit und erschütterte die Regionen Kampanien, Basilicata und Avellino und umfasste eine Fläche von 26 000 km². Die Stadtregionen Neapel, Potenza und Salerno waren ebenfalls betroffen. Das Epizentrum des Bebens lag 20 km unter der Erdoberfläche und hatte einen territorialen Radius von 15 400km. Die Erdbebenstärke erreichte 9,0 auf der Mercalli Skala und die Stärke 6,8 auf der Richterskala (vgl. Geipel: 32).

Der Erdbebenbericht vom 12.12.1980 benennt die schlimmsten Erschütterungen in den Ortschaften Sant` Angelo dei Lombardi, Calitri, Pescopagana und Calabritto. Die Erdstöße waren auch noch in Capaccio und Potenza zu spüren. In Potenza und Avellino wurden die historischen Stadtzentren stark beschädigt. Die abgelegeneren Gemeinden wie Lioni, Teora, Balvano, Conza, Valva, Colliano und Laviano bekamen ebenfalls die ganze Zerstörungskraft des Bebens zu spüren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Erdbebens von 1980 für den Wiederaufbau in Irpinia
Hochschule
Universität Hamburg  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Exkursion nach Italien
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V143050
ISBN (eBook)
9783640540914
ISBN (Buch)
9783640541409
Dateigröße
1013 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Erdbebens, Wiederaufbau, Irpinia
Arbeit zitieren
Paulina Holbreich (Autor), 2006, Die Bedeutung des Erdbebens von 1980 für den Wiederaufbau in Irpinia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143050

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