Das Korsakow-Syndrom - Eine Annäherung

Theorie, Therapie, Praxis, Diskussion


Hausarbeit, 2010

32 Seiten


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Definitionen
- ICD 10: F 10.6 Alkoholbedingtes amnestysches Syndrom (Korsakow- Syndrom)
- Hans J. Markowitsch (Neuropsychologe)
- Karl Bonhoeffer (1901/Psychiater)
2.2 Ursachen
2.4 Symptome

3 Therapien
3.1 Medikamentöse Therapie
3.2 Therapeutische Methoden
3.3 Grundsätzliche Vorraussetzungen/Maßnahmen für das Leben in einer betreuten Wohneinheit für einen Korsakow-Patienten

4 Praxisbeschreibung und Analyse
4.1 Herr Thomas
4.2 Frau Husmann
4.3 Herr Prof. Dr. Dr. Reinicke

5 Diskussion : Fazit und Ausblick

Quellen-Literaturnachweis (alphabetische Reihenfolge)

Anhang

1 Einleitung

Als ich mit der Arbeit zu dem Thema Korsakow-Syndrom begann und anfing, mich um entsprechende Literatur zu kümmern, musste ich zu meiner großen Überraschung feststellen, dass diese Thema in der deutschen Fachliteratur ein stiefmütterliches Dasein führt.

Was ich fand, waren immer nur kurze Anhänge zum Thema Alkoholismus, die dann in nur wenigen Zeilen das Thema Korsakow abhandelten.

Der Theorieteil

Im Internet fand ich dann kurze, übersetzte Abhandlungen und Aufsätze zum Thema und nach langer Suche eine Doktorarbeit mit dem Thema „Gedächtnistäuschung bei Alkoholikern und Patienten mit dem Korsakow-Syndrom" von Adelheid Schulz aus dem Jahr 2007. Mit dieser Arbeit und ihren bearbeiteten Quellen aus der englischen und amerikanischen Fachliteratur, siehe Literaturverzeichnis, erarbeitete ich dann den ersten Teil dieser Arbeit, die Theorie zum Thema.

In dieser Arbeit geht es nur um das alkoholbedinge Korsakow-Syndrom. Im Abschnitt 2.2.1 zähle ich nur einige nicht alkoholbedinge Ursachen des Korsakow-Syndroms auf, da der Alkohol zu weit über 90 % die Hauptursache für diese Erkrankung ist und ich in meiner Berufspraxis auch nur an Korsakow erkrankte Menschen kenne, die einen langjährigen Alkoholkonsum hinter sich haben. Übrigens : keiner dieser Erkrankten spricht heute noch vom Alkohol. Ihre Suchterkrankung haben sie vergessen.

Der Therapieteil

Der zweite Hauptteil beschäftigt sich mit den therapeutischen Möglichkeiten, den Betroffenen zu größtmöglicher Eigenständigkeit zu verhelfen. Hierbei war ich dankbar, dass die Ergotherapeutin Gudrun Schaade im Sommer 2009 genau diesen Komplex in ihrem Buch „Demenz' aufgriff und ich dadurch schon mal einen Ansatz und Einstieg in diesen Komplex hatte. Im letzten Teil dieser Abhandlung (S.27) beschreibe ich allerdings, dass das Korsakow-Syndrom nicht zu den Demenzen zuzuzählen ist.

Der Praxisteil

Die Namen der Bewohner in der beschriebenen Praxisbeschreibung sind natürlich verändert.

Es fällt schwer, in diesen Praxisteil den Theorieteil und die Therapieideen einzubeziehen, da die Wirklichkeit- das Leben - oft anderen, unberechenbaren Gegebenheiten unterworfen ist. Der Mensch ist nicht so einfach zu katalogisieren. Bei dem im nächsten Absatz angekündigten Ziel, Schnittstellen zu finden, bedarf es doch einiger Fantasie. Aber dieser Teil spiegelt eben auch am besten den Charakter dieser schweren Erkrankung wieder.

Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Krankheit und die daran erkrankten Menschen ein wenig besser verstehen zu können und Schnittstellen zwischen der Theorie der Erkrankung, den wissenschaftlich medizinisch, neurologisch herausgefundenen Hirndefekten, den theoretischen Therapiemöglichkeiten (hauptsächlich in der Ergotherapie entwickelt) und meiner Berufspraxis herauszuarbeiten. Vielleicht kann folgende Ausarbeitung Menschen, die sich mit Pflege, Therapie und Lehre beschäftigen, als eine hilfreiche Zusammenfassung zum großen Komplex des Krankheitsbildes Korsakow-Syndroms dienen.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Definitionen

ICD 10: F 10.6 Alkoholbedingtes amnestysches Syndrom (Korsakow- Syndrom)

Ein Syndrom, das mit einer ausgeprägten andauernden Beeinträchtigung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses einhergeht. Das Immediatgedächtnis (Sofort- Kurzzeitgedächtnis) ist gewöhnlich erhalten, und das Kurzzeitgedächtnis ist mehr gestört als das Langzeitgedächtnis. Die Störungen des Zeitgefühls und des Zeitgitters sind meist deutlich vorhanden, ebenso wie die Lernschwierigkeiten. Konfabulationen können ausgeprägt sein, sind jedoch nicht in jedem Fall vorhanden. Andere kognitive Funktionen sind meist relativ gut erhalten, die amnestyschen Störungen sind im Verhältnis zu anderen Beeinträchtigungen besonders ausgeprägt.

- Hans J. Markowitsch (Neuropsychologe)

„Das Korsakow-Syndrom stellt in seiner puren Form eine der - rein neurowissenschaftlich gesehen - faszinierendsten Krankheiten dar, da die davon Betroffenen bei erhaltender Intelligenz massiv in ihrer Merkfähigkeit und in individuell unterschiedlichen Ausmaß auch in ihrem Altgedächtnis gestört sind."

- Karl Bonhoeffer (1901/Psychiater) nennt vier Hauptsymptome der Korsakow-Psychose:

- Merkunfähigkeit
- Erinnerungsdefekt
- Desorientierung
- Tendenz zu konfabulisieren

2.2 Ursachen

Die Wernicke-Enzephalopathie ist oft ein Vorläufer des Korsakow.Syndroms. Daher wird oft auch vom Wernicke-Korsakow-Syndrom gesprochen. (Ackermann und Daum 1997)

Ursache ist oft ein langjähriger Alkoholkonsum. Das Syndrom setzt eher selten, dann aber akut bei Alkoholabhängigen auf.

Das Syndrom beruht auf einem Thiaminmangel, einen Mangel an Vitamin B1(Perra u.a.2007), der bei Alkoholikern häufig ist. Zwei Gründe fördern die Gefahr des Thiaminmangel bei Alkoholikern (Victor, Adams 1989).

Zum Einen leiden Alkoholiker oft unter einer Mangelernährung, nehmen also zu wenig Vitamin B1 über die Nahrung zu sich. Zum Anderen stört der Alkohol zusätzlich den Thiaminstoffwechsel in der Leber, so dass Alkoholiker vermehrt Vitamin B1 zu sich nehmen müssten.

Anmerkung: Vitamin B1 kommt in Fleisch, vor allem Muskelfleisch, Nudeln, Reis, Sojabohnen, Erbsen, Leber und anderen Nahrungsmitteln vor.

Das Thiamin wird im Nervengewebe für die Nervenerregbarkeit benötigt. Auswirkungen dieses Defizits sind Bewusstseinseintrübung, Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination), Pupillenstörungen, Augenmuskellähmung, und Nystagmen (Störungen im visuellen System).

Neuropathologisch finden sich charakteristische Veränderungen in Hirnarealen im Bereich der Corpora mamillaria. Es liegt am Vorderende des Fornix ( Gehirn) und gehört zum limbischen System. Bei Alkoholismus kommt es zur Degeneration des Corpus mamillare (Mamillarkörper) und medialen Thalamus, die sich als Korsakow- Syndrom manifestieren.

Mamillarkörper galten bislang als zentrales Element der Emotionssteuerung. Mittlerweile geht man aber auch davon aus, dass Mamillarkörper bei Gedächtnisvorgängen eine Rolle spielen.

Die Verknüpfungen der Hirnareale mit den Funktionen machen folgende Abb. 1 und Abb. 2 anschaulich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 :http://helmut.hirner.at/physio/kapitel1/frage11/vegetativesNervensystem.htm

Im Zusammenhang mit dem Symptom der Konfabulation (s. 2.4.2 Symptome) spielt das Hirnareals des präfrontalen Cortex eine wichtige Rolle. Diesem Bereich werden höhere integrative Fähigkeiten zugeschrieben wie:

- die Problemanalyse
- die Auswahl von Handlungszielen
- die Selektion von Informationen
- das Planen und Initiierten von Handlungen
- die Kontrolle und Selbstregulierung eigener Handlungen
- das Lernen aus Rückmeldungen
- die Umstellfähigkeit
- die Fehlersuche
- das Entwickeln von Alternativen
- die Antizipation von Handlungskonsequenzen
- das Beendigen intendierter Handlungen

(aus Doktorarbeit Adelheit Schulz (2003), S. 28)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: http://home.arcor.de/eberhard.liss/hirnforschung/Roth-Bild1 .jpg

2.2.1 Nichtalkoholbedingte Ursachen

- Hirntumore
- Schädel-Hirn-Traumata
- Hirnblutungen
- Strangulation (Sauerstoffmangel)
- Infektionskrankheiten (Typhus, Fleckfieber, Enzephalitis)
- Nieren-Dialyse
- Hyperthyreose

2.3 Neuropsychologische Erklärung

Lt. Mark Solms (Neurowissenschaftler/Psychoanalytiker) gibt es in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen, aber die meisten Theoretiker gehen von drei Defiziten aus.

- Bei dem ersten Defizit wird von der Erkrankung des Gedächtnissystems gesprochen. Der Betroffene hat große Probleme Erinnerungen in seinem Gedächtnisspeicher zu finden. Die Eine neuropsycholigische Erklärung für das Korsakow-Syndrom ist letztendlich funktionelle Gedächtnisstruktur ist gestört, was die Datensuche beeinflusst.
- Die zweite Beeinträchtigung besteht nun darin, dass Erinnerungen, die im defekten Suchsystem gefunden wurden, nicht verarbeitet werden können. Die Wahrheit der Erinnerung kann vom Patienten nicht nachgeprüft werden und so entsprechend verarbeitet werden.
- Als drittes Defizit wird die fehlende Einsicht des Patienten über die Schwierigkeiten im Strukturieren der Denkprozesse beschrieben. H. Solms spricht in diesem Zusammenhang von der übergeordneten exekutiven Gehirnfunktion.

Schacter (1996) beschreibt letzteres als das Monitoring (Evaluation und Verifizierung der abgerufenen Gedächtnisinhalte).

2.4 Symptome

Mark Solms unterscheidet das Korsakow-Syndrom in zwei Hauptsymptomen:

2.4.1 Amnesie

Hierbei wird in

anterograde (zeitlich in die Zukunft gerichtete) Amnesie und in retrograde (zeitlich in die Vergangenheit gerichtete) Amnesie differenziert.

Man könnte auch vom Neugedächtnis bzw. vom Altgedächtnis sprechen. (Gerontopsychiatrie Perrar u.a., S 164)

Lt. M. Solms leben Korsakow Patienten von einem Moment zum Nächsten, ohne sich in irgendeiner Weise auf das gerade Vergangene besinnen zu können. Ältere Erinnerungen verschwinden ebenfalls, allerdings fortschreitend weniger. M. Solms beschreibt eine Verlaufskurve, die so aussieht: Je länger die Erinnerung zurückliegt, desto sicherer sind sie im Gedächtnis verankert - je kürzer sie sind, desto unsicherer oder nicht-existent werden sie.

Also:

Die Merkfähigkeit, Dinge zu erlernen ist stark eingeschränkt. Das Kurzzeitgedächtnis und das Zeitgefühl sind beeinträchtigt.

Aber :

- Das Langzeitgedächtnis ist zum Teil erhalten.
- Das semantische Gedächtnis („Faktengedächtnis")ist in der Regel intakt.

Abbildungen 3 und 4 verbildlichen in vereinfachter Form die Funktion des Gedächtnisses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Ged%C3%A4chtnis_modell.png LANGZEITGEDÄCHTNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 aus http://www.supplement.de/supplement/qedaech/coqmapa.qif

2.4.2 Konfabulation

Als zweites Merkmal wird die Konfabulation beschrieben. Dies ist typisch für Korsakow Patienten und unterscheidet sie von anderen amnestyschen Syndromen.

Konfabulation ist auch ein Terminus technicus (Solms) für Realitätsverzerrung. Geschichten werden von Korsakow Patienten neu erfunden, aus zeitlichen Zusammenhängen neu zusammengesetzt, Bruchstücke werden neu verbunden. Charakteristisch ist dieses Phänomen für die Betroffenen in so fern, dass sie ihre Erkrankung selber nicht wahrnehmen können. Anstatt zu sagen, „ich kann mich nicht erinnern," erfinden die Patienten Erinnerungen, Geschichten, halten somit eine Fassade aufrecht.

Mark Solms sagt, das sie nicht nur ihr Gedächtnis verloren haben, sondern diese Erinnerungslücken mit blühenden Phantasien auffüllen. Dies erinnert an eine Psychose, daher wird auch von der Korsakow-Psychose gesprochen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Korsakow-Syndrom - Eine Annäherung
Untertitel
Theorie, Therapie, Praxis, Diskussion
Veranstaltung
Gerontopsychiatrische Fachausbildung
Autor
Jahr
2010
Seiten
32
Katalognummer
V143076
ISBN (eBook)
9783640546206
ISBN (Buch)
9783640545780
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Retrograde Amnesie, Anterograde Amnesie, Reality Monitoring, Gerontopsychiatrie, Konvabulation
Arbeit zitieren
Uwe Küker (Autor:in), 2010, Das Korsakow-Syndrom - Eine Annäherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143076

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