Gesprächsanalyse - Sprachvariation mit sozialer Symbolik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Einleitung
1.1 Quelle der Gespräche
1.2 Verwendete Begriffe
1.2.1 Code- Switch
1.2.2 Soziale Symbolik
1.2.3 Stilwechsel
1.2.4 Code- Shifting

2 Gesprächsanalyse
2.1 Gespräch Nr. 1: „Und davon soll man jetzt satt werden?“
2.1.1 Dialektale Besonderheiten der Sprecherin
2.1.2 Gesprächssituation und Gespräch
2.1.3 Analyse und Interpretation
2.1.4 Fazit
2.2 Gespräch Nr. 2: „Opa, hör auf zu heuln“
2.2.1 Dialektale Besonderheiten der Sprecherinnen
2.2.2 Gesprächssituation und Gespräch
2.2.3 Analyse und Interpretation
2.2.4 Fazit

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse zweier Alltagsgespräche aus dem Ostfränkischen Sprachraum. Die Untersuchung beider Gesprächsausschnitte erfolgt unter der Intention, die Variation von Sprachvarietäten hinsichtlich sozialer Symbolik, sprich der Kennzeichnung von sozialer Identität, festzustellen.

Zunächst werden in Punkt 1 für die Gesprächsanalyse relevante Begriffe, Code- Switch, soziale Symbolik sowie Stilwechsel, geklärt.

In Punkt zwei werden beide Gespräche analysiert. Hierbei wird zuerst auf die dialektalen Besonderheiten der Sprecherin bzw. der Sprecherinnen eingegangen. Es folgt eine Erläuterung der Gesprächssituation. Schließlich kommt es zur eigentlichen Gesprächsanalyse mit anschließendem Fazit.

1.1 Quelle der Gespräche

Die angeführten Gespräche wurden während meiner vierwöchigen Tätigkeit als Ferienarbeiterin auf der Neurologiestation einer Rehabilitationsklinik in einer Stadt in Nordbayern aufgenommen. Aufgrund der im Arbeitsvertrag festgelegten Verschwiegenheitspflicht der Mitarbeiter mussten alle Namen geändert werden. Aus eben genanntem Grund liegen die Gespräche lediglich schriftlich und nicht in Form einer Hörprobe vor.

Da die Kurklinik ihren Standort nahe der Grenze der Bundesländer Bayern und Thüringen hat, sprechen alle Gesprächsteilnehmer im Alltag Ostfränkisch. Es sind jedoch alle Beschäftigte in beruflichen Situationen auch der Standardsprache ohne dialektalen Einfall mächtig. Dies lässt sich durch meine jahrelange Ferienarbeit auf jener Station der Kurklinik feststellen und bekräftigen.

Die aktiven Gesprächsteilnehmer sind ausschließlich weiblich und Beschäftigte des Hauses. Die Sprecherin des ersten Gespräches arbeitet auf der Neurologiestation bereits seit mehreren Jahren als Krankenschwester. Sie tritt in der zweiten Kommunikation ebenfalls als eine der Sprecherinnen auf. Die Sprecherin des zweiten Gespräches ist eine weitere Krankenschwester. Auch sie ist seit mehreren Jahren auf dieser Station der Rehabilitationsklinik beschäftigt. Beide Kommunikationen wurden in einem Raum geführt, zu dem nur die Schwestern und anderes Pflegepersonal Zutritt haben. Diese Tatsache ist dahingehend von Bedeutung, da sich die Sprecherinnen unter sich befinden und die Gespräche aus diesem Grund ungehemmter zustande kommen.

1.2 Verwendete Begriffe

1.2.1 Code- Switch

In der Sprachwissenschaft wird der Begriff des Code als spezifische Sprachvarietät verstanden. Unter einem Code- Switch versteht man den alternierenden Wechsel zweier Sprachvarietäten innerhalb einer Interaktion.[1] Dieser kann an unterschiedlichen Stellen im Satz vorkommen. Man unterscheidet den intrasentenziellen Code- Switch, den intersentenziellen und den turnspezifischen Code- Switch. Bei ersterem erfolgt der Wechsel des Sprachcodes innerhalb einer Äußerungseinheit bzw. eines Satzes. Zweiter Code- Switch beschreibt den Wechsel der Sprachvarietät zwischen zwei Satzgrenzen. Weiterhin der turnspezifische Code- Switch, welcher die Änderung des individuellen Sprachcodes eines jeden Sprechers mit dem Wechsel des Redebeitrages meint.

1.2.2 Soziale Symbolik

Individuen kooperieren täglich norm- und zielorientiert zur Bearbeitung sozialer Problemstellungen. Dabei ist die Sprache Ausdruck ihrer sozialen Identität und Zugehörigkeit. Die soziale Zuordnung ist multidirektional, d.h. Gesellschaftsmitglieder nehmen sie mit sich selbst und anderen Individuen vor.

Durch die Zuordnung sozialer Positionen entstehen soziale Identitäten, welche das Ergebnis von individuellen Selbst- und Fremdzuschreibungen darstellen. Diese sozialen Identitäten bewegen sich in verschiedenen sozialen Räumen, in welchen auch die Sprache variiert und dementsprechend spezifisch angepasst werden muss. Doch warum kommt es zu einer Variation beim Sprechen?

Menschen machen von unterschiedlichen sprachlichen Repertoire Gebrauch, um sich erfolgreich im jeweiligen Umfeld zu verständigen. Dazu verwenden sie einen spezifischen Code, der es allen Sprechern der sozialen Gruppe ermöglicht, sich auf der gleichen Kommunikationsebne zu bewegen, was zu einer sinntragenden Handlung führt.

Doch Menschen bewegen sich nicht nur innerhalb einer sozialen Welt. Besonders heute ist das Individuum darauf angewiesen, sich auf mehreren Sprachebenen zu beherrschen, da es eine Vielzahl von sozialen Rollen in sich vereint. Weil die Individuen sich in verschiedenen sozialen Welten bewegen, müssen sie ihre Sprache der jeweiligen Kommunikationsgruppe anpassen, d.h. den Code wechseln. Jenen Wechsel einer Sprachvarietät in die andere nennt man Code-Switch. Voraussetzung für Code-Switching mit sozialer Symbolik sind die soziospezifischen Sprachen der Sprecher und deren Einsicht, dass es für unterschiedlichen soziale Welten und deren Akteure verschiedene Sprachmodi gibt. Hierbei unterscheidet man Wechsel zwischen Standard, Substandard, sowie dialektal geprägten Substandard. Der Sprecher switcht von einer standardfernen zu einer standardnäheren Sprechweise und umgekehrt. Dabei lassen sich dennoch keine scharf abgrenzbaren Varietäten erkennen.

Die semantische Bedeutung konstituiert sich weniger durch den propositionellen Gehalt des Gesagten, sondern vielmehr durch die Differenz zu einer anderen Sprachvarietät. Für die korrekte Interpretation des semantischen Gehalts ist ein umfangreiches Hintergrundwissen über Sprecher und die Kommunikationssituation notwendig. Relevanter Bezugspunkt der sozialen Symbolik ist die eigene bzw. fremde Gruppe und deren Standards – die in-group und die out-group. Jede Gruppe besitzt ihren eigenen Code. Man unterscheidet we-und they-code.

Die spezifischen Codes weisen eine soziale Bedeutung auf, indem der Sprecher die unterschiedlichen Assoziationen, die mit den beiden Sprachen verbunden sind, abruft und in die Kommunikation einbindet. Einerseits beruft er sich auf gemeinsames Wissen mit seinem Kommunikationspartner, andererseits bewertet er das Gesagte. Dabei erweitert der metaphorische Code-Switch das explizit Gesagte, um implizite, emotionale oder rationale Facetten. Unter metaphorischen Code-Switch versteht man den kurzfristigen Wechsel von unterschiedlichen Sprachcodes, der wie eine rhetorische Figur verwendet wird. Er verdeutlicht schlagartig soziale Eigenschaften sowie kulturelle Hintergründe.

Der Code-Switch im Kontext der sozialen Symbolik kann verschiedene Funktionen im Gespräch einnehmen. Diese können folgenden Charakters sein:

- Zitate
- Wiederholungen
- Beurteilungen einer Aussage
- Personalisierungen und Objektivierung von Aussagen
- Sicherung des Rederechts
- Adressatenspezifische Anpassung
- Fachliche Erklärungen bzw. Themenspezifik
- Belehrung eines Laien oder Jüngeren
- Einschübe

Mit Hilfe dieser Funktionen kann der Sprecher seine eigene soziale Identität vermitteln sowie die der anderen bewerten.

Doch wo besteht der Zusammenhang zwischen sprachlicher Variation und sozialer Kategorisierung? Standard und Dialekt können eingesetzt werden, um soziale Kategorisierungen vorzunehmen. Dabei werden Sprachcodes dazu benutzt, die eigene Person und Kommunikationspartner positiv oder negativ zu beurteilen. Hierbei unterscheidet Inken Keim[2] vier Gruppen sozialer Bewertungen: Positiv bewerteter Standard, negativ bewerteter Standard, positiv sowie negativ bewerteter Dialekt.

Positiv bewerteter Standard kann drei Funktionen annehmen. Zunächst die autoritative Funktion, bei der auf eine Person verwiesen wird, die rollen- und/oder statusbezogen höher stehen als die Informanten sowie als fachliche und kompetente Autorität auftreten, sich für ihre Belange interessieren und sie beratend unterstützen. Zweitens tritt positiv bewerteter Standard in erzieherischer Funktion auf, wenn die Beteiligten selbst aus der Perspektive des Erziehenden mit Kindern oder Erwachsenen sprechen oder wenn sie auf Personen in dieser Rolle verweisen. Hierbei unterscheidet man den strengen Ton, das gute Zureden und den freundlichen Ton. Drittens Standard in moralisierender Funktion, welcher dem allgemeinen Recht- und Moralkodex entspricht. Dabei werden Handlungsweisen bewertet. Die Selbstkategorisierung dient als Ausgangspunkt für die Fremdkategorisierung.

Man differenziert beispielsweise:

- unglaubwürdig vs. glaubwürdig
- selbstbetrügerisch vs. realistisch
- rücksichtslos vs. rücksichtsvoll
- egoistisch vs. fürsorglich
- frech vs. anständig
- gemein vs. vertrauenswürdig

Demgegenüber steht der negativ bewertete Standard. Hierbei kann der Standard einerseits in sozialdistanzierender Funktion eingesetzt werden. Diese Funktion verweist auf Statushöhere, von denen sich die Beteiligten distanzieren wollen. Andererseits nimmt der Standard karikierende Funktion ein, d.h. es wird auf Angehörige schlechter gestellterer sozialer Kategorien aufmerksam gemacht.

Des Weiteren unterscheidet man zwischen positiv und negativ bewerteten Dialekt.

Dialektale Sprachformen machen den größten Teil der sprachlichen Normallage der Beteiligten aus und sind somit meist neutral bzw. positiv bewertet. Der positiv bewertete Dialekt kann zwei Funktionen aufweisen. Zum einen die konvergierende Funktion, d.h. dabei wird Vertretern höherer sozialer Welten in den Mund gelegt, die den Beteiligten Unterstützung zusagen und Hilfe leisten. Der Dialekt wird eingesetzt, um sich mit Statushöheren zu solidarisieren. Zum anderen wird positiv bewerteter Dialekt zur Selbstreferenz eingesetzt.

[...]


[1] Vgl. Vgl. Auer, Peter: Introduction. Bilingual Conversation revisited. IN: Auer (ed.), 1998, S. 1.

[2] Vgl. Keim, Inken: Kommunikative Stilistik einer sozialen Welt „kleiner Leute“ in der Mannheimer Innenstadt. Walter de Gruyter. Berlin, New York 1995, S. 325ff..

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gesprächsanalyse - Sprachvariation mit sozialer Symbolik
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Sprachvariation beim Sprechen"
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V143099
ISBN (eBook)
9783640543076
ISBN (Buch)
9783640542840
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesprächsanalyse, Sprachvariation, Symbolik
Arbeit zitieren
Katharina Marr (Autor), 2008, Gesprächsanalyse - Sprachvariation mit sozialer Symbolik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143099

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