Vom Gebrabbel zum Genitiv - Wie Kinder sprechen lernen


Seminararbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Geschichtlicher Überblick
2.2. Vorraussetzungen für den Spracherwerb
2.2.1. Biologische Voraussetzungen
2.2.2. Kognitive Voraussetzungen
2.2.3. Soziale Voraussetzungen
2.3. Phasen der kindlichen Sprachentwicklung
2.4. Verschiedene Erklärungsansätze
2.4.1. Die Behavioristische Theorie
2.4.2. Die Nativistische Theorie
2.4.3. Die Kognitivistische Theorie

3. Schluss

4. Anhang

1. Einleitung

Während des Seminars „Fremdsprachendidaktik“, das im Wintersemester 2008/2009 stattfand, wurden viele Fragen bezüglich des Lehrens und Lernens einer Fremdsprache aufgeworfen und beantwortet. Die Kursteilnehmer haben sich beispielsweise mit dem Gehirn und dessen Aufbau, mit der Sprachenpolitik, mit Lehr- und Lernmethoden und mit dem Faktorenkomplex, der das Lernen und Lehren beeinflusst, beschäftigt.

Mir ist dabei aufgefallen, dass das „Grundgerüst“ zum Erlernen einer Fremdsprache immer noch die Muttersprache darstellt und es daher wichtig wäre, auch ihr Beachtung zu schenken. Schon Wilhelm von Humboldt sagte, dass der Mensch nur durch Sprache Mensch wird1. Ich gehe davon aus, dass Humboldt damit wohl in erster Linie die Muttersprache meinte. Aus diesem Grund möchte ich im Laufe dieser Seminararbeit neben einem kurzen ge- schichtlichen Überblick auf die Vorraussetzungen für den Spracherwerb und vor allem auf die Phasen eingehen, die ein Kind durchlaufen muss, um seine Mut- tersprache zu erlernen. Abschließend werde ich auf die verschieden Erklä- rungsansätze von Skinner, Chomsky und Piaget eingehen, die alle versucht haben, der Frage nachzugehen, warum und wie ein Mensch überhaupt Sprache erlernt.

2. Hauptteil

2.1. Geschichtlicher Überblick

Schon seit jeher beschäftigte der frühkindliche Spracherwerb2 die Forschung und hat sich zu einem der „faszinierendsten, wichtigsten und komplexesten Zweige der Sprachwissenschaft entwickelt“.3

Seit mehr als 200 Jahren4 befasst sich die Psycholinguistik damit, wie Kinder ihre Muttersprache sprechen und verstehen lernen.5

Bereits im 7. Jahrhundert vor Christi soll der ägyptische König Psamme- tich I. ein Experiment angeordnet haben, mit dem er herausfinden wollte, wel- che Sprache denn nun die Ursprache sei.6 Er gab zwei neugeborene Jungen in die Obhut eines Hirten und befahl ihm, kein einziges Wort in Anwesenheit der Kinder zu sprechen. Nach etwa zwei Jahren ohne sprachlichen Input streckten die Jungen bittend ihre Hände aus und sagten das Wort becos. Psammetich erfuhr, dass dieses Wort in der Sprache der Phryger „Brot“ bedeutete und schloss daraus, dass die Phyrger ein noch älteres Volk als die Ägypter sein müssten.7 Doch wie wir heute wissen, schlussfolgerte Psammetich falsch, da „Phyrgisch nur eine von mehreren Sprachen war, die sich in jener Epoche ent- wickelt hatten“.8

Der Berliner Psychologe Wilhelm Stern muss bereits im vergangenen Jahrhundert geahnt haben, dass Kindersprache nicht nur schlechte Erwachse- nensprache ist, sondern eigenen Gesetzen folgt.9 Er notierte tausende Äuße- rungen seiner drei Kinder und brachte im Jahre 1907 zusammen mit seiner Frau Clara das Buch „Kindersprache“ heraus, welches heute als Klassiker gilt.10 Mit Hilfe von weiteren elterlichen Tagebüchern konnten Sprachforscher Unter- suchungen durchführen, doch erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Kinder- sprache systematisch und detailliert erforscht, so dass es möglich war, noch mehr über den Prozess des Erstspracherwerbs herauszufinden.11

2.2. Voraussetzungen für den Spracherwerb

Wie kann es überhaupt sein, dass ein Kind so scheinbar mühelos und ohne Lehrer12 und Druck sprechen lernt? Welche biologischen Vorraussetzungen ermöglichen es dem Kind, seine Muttersprache zu erlernen und welche Rolle spielt dabei die Umwelt? Im Folgenden werde ich die verschiedenen Vorraus- setzungen beschreiben, die es dem Kind ermöglichen, die Sprache zu spre- chen, mit der es aufwächst.

2.2.1. Biologische Voraussetzungen

Sprache und Sprechvermögen sind von der Funktion vieler verschiedener Kör- perorgane und -strukturen abhängig. An erster Stelle wäre hier das Gehirn zu nennen, das mit seiner steuernden und planenden Funktion das wohl wichtigste Sprechorgan darstellt. Die Abbildung zeigt das Gehirn. Farbig markiert sind das Broca- Zentrum (lila) und das Wernicke- Zentrum (orange). Während das Broca-Zentrum für die Sprech- motorik zuständig ist, ist das lich.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Atemwege 14 (Lunge, Zwerchfell und Luftweg)15, der Mundbereich und der Kehlkopf stellen weitere wichtige Strukturen dar, um Sprache zu erzeu- gen.16 Auf die Struktur des Kehlkopfes möchte ich ausführlicher eingehen, da sich hier doch erstaunliche Unterschiede beim Aufbau zwischen dem Kehlkopf Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ähnelt sein Kehlkopf erst sehr dem eines Äffchens.17 Der Kehlkopf sitzt weit oben, so dass das Baby gleichzeitig schlucken und atmen kann.18 Diese Funktion ist vor allem dann wichtig, wenn das Baby an der Brust der Mutter saugt. Nach ungefähr sechs Monaten senkt sich der Kehlkopf - zu Gunsten eines größeren Resonanzbodens - nach un- ten, um den Preis, nun leichter zu ersticken.19 Stephen Pinker, ein kanadischer Evolutionspsychologe, stellte fest, „wie bedeutsam (…) die Sprache gewesen sein [muss; N.H.], wenn der Mensch sogar den Nachteil in Kauf nahm, am ei- genen Essen zu verenden“.20 Die untenstehende Grafik verdeutlicht noch ein- mal bildhaft den unterschiedlich großen Abstand zwischen Gaumensegel und Kehlkopfdeckel. Dieser Abstand ermöglicht es dem modernen Menschen (rechts) - im Gegensatz zum Affen (links) oder auch dem Baby bis zum 6. Le- bensmonat - zu sprechen.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben Sprachwerkzeugen wie den Atemwegen und dem Kehlkopf, die für die Phonation zuständig sind, sowie dem Mundbereich mit seinen spezifischen Muskelpartien, der für die Artikulation verantwortlich ist, spielt auch das Höror- gan eine wichtige Rolle im Sprachverarbeitungsprozess.22 Mit seinen mechani- schen Feinstbestandteilen im Innenohr (zum Beispiel dem Trommelfell, den Gehörknöchelchen wie Hammer, Amboss und Steigbügel und der Gehörgangs- schnecke) und seinen Anschlussstellen zur neuronalen Weiterverarbeitung durch das Gehirn, spielt es - wie auch das Gehirn selbst - eine zentrale Rolle bei der Sprachaufnahme.23

Auf diese Weise ist ein in der Natur einzigartiges, vollkommenes Instrument entstanden, das unter Kontrolle des Zentralnervensystems so vielgestaltige Lautkombinationen er- m ö glicht, daß [sic!] es nicht nur als das h ö chstentwickelte Kommunikationsmittel, sondern auch als ausdrucksreichstes Musikinstrument und - nicht zu vergessen - als ein erstes, biologisch entworfenes Spielzeug des Kindes zur Geltung kommt. 24

2.2.2. Kognitive Voraussetzungen

Nicht nur die biologischen, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten eines Kin- des sind essenziell um die jeweilige Muttersprache lernen zu können. Ein Kind kann erst dann eine Sprache lernen, wenn seine geistige Entwicklung es dazu befähigt. So führt Dietrich neben der Wahrnehmungsfähigkeit auch die Fähig- keit an, den Schallstrom zu segmentieren. Diese Fähigkeit erlaubt es dem Kind, nicht nur zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Geräuschen zu unter- scheiden25, sondern auch Wahrnehmungseindrücke kategorisieren zu können, Muster in den sprachlichen Wahrnehmungsdaten festzustellen und zwischen diesen und kommunikativen Intentionen einen systematischen Zusammenhang zu erkennen. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen, muss man sich be- wusst machen, dass das Kind in der Lage ist, aus einem kontinuierlichen Laut- strom, wie etwa „HamwanochKartoffelnda?“ oder „GehmabitteansTelefon“ Wör ter herauszufiltern.26

[...]


1 Humboldt zitiert nach Butzkamm: S. 1

2 Hier und im folgenden Text werde ich den „frühkindlichen Spracherwerb“ simultan mit „Erstspracherwerb“ und „Mutterspracherwerb“ verwenden.

3 Crystal: S. 227

4 vgl. ebd.: S. 228

5 Zudem beschäftigt sich die Psycholinguistik auch mit der Sprachproduktion und -rezeption sowie mit der Sprachpathologie (Sprachstörungen).

6 vgl. Crystal: S. 288

7 vgl. ebd.: S. 288

8 vgl. ebd.: S.288

9 vgl. Lessmöllmann

10 vgl. ebd.

11 vgl. Crystal: S. 228

12 hier ist natürlich nur der Lehrer im klassischen Sinne gemeint

13 vgl. Anatomica: S. 237/238

14 vgl. ebd.: S. 238

15 vgl. ebd.: S. 227

16 vgl. ebd.: S. 237

17 vgl. Lessmöllmann: S. 18

18 vgl. ebd.: S. 18

19 vgl. ebd.: S.18

20 Pinker zitiert nach Lessmöllmann: S. 18

21 http://www.bossert-bcs.de/biologie/evolmensch/Bilder/image004.gif

22 vgl. Anatomica: S. 237

23 vgl. Dietrich: S. 87

24 Papousek zitiert nach Butzkamm: S. 63

25 vgl. Dietrich: S. 87

26 vgl. Lessmöllmann: S. 17

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Vom Gebrabbel zum Genitiv - Wie Kinder sprechen lernen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Fremssprachendidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V143159
ISBN (eBook)
9783640523436
ISBN (Buch)
9783640524136
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Fremdsprachen, Piaget, Babys, Spracherwerb, Spracherwerbstheorien, Biologie, Skinner, Chomsky, Psycholinguistik
Arbeit zitieren
Natalie Hauer (Autor), 2008, Vom Gebrabbel zum Genitiv - Wie Kinder sprechen lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143159

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