Japan und die Wirtschaftskrisen. Zeigt die globale Finanzkrise, dass die "Lost Decade" eine lehrreiche Phase war, die Japan bei der Krisenbewältigung hilft?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Japankrise in den 1990ern
2.1. Krisenentstehung
2.2. Verlauf und Reaktionen
2.2.1. Unterschätzter „Bubble Burst“
2.2.2. Finanzsanierung ab 1996

3. Japan und die globale Finanzkrise
3.1. Der „Unternehmensaquisitions-Boom“ 2007/2008
3.2. Die Krise kommt in Japan an
3.3. Antworten auf die Situation

4. Schlussbetrachtungen und Ausblick

5. Quellen

6. Anhang

1. Einleitung

„Wenn der Begriff »Regierung« eine Institution meint, die fähig ist, eine Erholung einzuleiten, dann besitzt Japan keine Regierung. Sie redet, sie debattiert, sie macht Versprechen, doch sie handelt nicht.“F[1] F Noch vor etwa sechs Jahren schätze der US amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Lester Thurow die japanische Regierung zu Zeiten der Japankrise (etwa 1991-2006) aus verschiedenen Gründen als unfähig ein, mithilfe einer durchdachten Geld- und Steuerpolitik die bereits mehr als zehn Jahre andauernde Krise endlich zu beenden. Er verglich die japanische mit der amerikanischen Spar- und Kreditkrise der 1930er Jahre und wunderte sich darüber, dass Japan nicht den amerikanischen Lösungsansätzen folgte, welche ihre krisenbezwingende Wirkung zeigten. Auch Paul KrugmannF[2] F sah in der Bewältigung der großen amerikanischen Depression ein mögliches Vorbild für die Krisenbewältigung auf dem Inselstaat. Dennoch verlief die Reaktion auf die Japankrise, welche in der »Lost Decade« (1991-2001) ihren stagnierenden Höhepunkt fand, anders als erwartet. „Japan lieferte damit den Beweis, dass auch moderne Industrieländer in eine Deflationsspirale geraten können. Gleichzeitig bietet das Land den einzigen praktischen Anschauungsunterricht seit der großen Depression, wie mit einer solchen Situation umzugehen ist.“F[3]

Seit etwa 2008 erleben wir abermals eine Finanzkrise. Dieses Mal ist jedoch jedes Land auf der Erde mehr oder weniger von den Auswirkungen betroffen. Experten auf der ganzen Welt sind nach wie vor damit beschäftigt, die Ursachen und Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu analysieren. Die Ursachen betreffend, gibt es bereits vielfältige Bücher und täglich wird die Liste der Auswirkungen und Bekämpfungsstrategien länger. Dies ist bisher die größte und weitreichendste aller Wirtschaftskrisen, gleichwohl lassen sich Parallelen zur Japankrise in den 1990er Jahren, ausmachen.F[4] F Inwiefern diese beiden Krisen vergleichbar sind, wird sich im Laufe der vorliegenden Arbeit herausstellen.

„Wenn die wirtschaftliche Lage nicht so ernst wäre, würde Japans Regierung sich glücklich schätzen: Sie kann in der Krise auf Erfahrungen bauen.“F[5] F In den folgenden Punkten soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern Japan bei der Bewältigung der Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise im eigenen Land auf seine Erfahrungen bauen kann, die es im Zuge der Japankrise in den 1990ern sammeln konnte. „Stellt sich im Zuge der aktuellen globalen Finanzkrise die »Lost Decade« der 1990er Jahre als lehrreiche Phase heraus, die Japan bei der jetzigen Krisenbewältigung zu Gute kommt?“ Welche Institutionen und Mechanismen wurden im Zuge der Japankrise der 1990er geschaffen, die in der jetzigen Krise als „Puffer“ fungieren? Die Beantwortung dieser Fragen soll sich vornehmlich auf die Reaktionen der Regierung beschränken, da ein zusätzlicher Vergleich mit den Reaktionen der Wirtschaft und Finanzinstitute den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Hierfür sollen zunächst die Merkmale der Japankrise in den 1990er Jahren herausgestellt werden. Da es in dieser Arbeit darum geht, vergleichend zu analysieren, ob und inwiefern Japan in der heutigen Krise auf Erfahrungen aus der Japankrise zurückgreifen kann, werden im zweiten Punkt stichhaltig die Ursachen, der Verlauf und die Reaktionen auf die Japankrise herausgehoben. Hierbei wird darauf verzichtet, alle Umstände der zehn Jahre andauernden Rezession in ihren Einzelheiten zu beleuchten. Der dritte Punkt befasst sich mit der aktuellen Finanzkrise, ihren Auswirkungen auf Japan und Reaktionen, um Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Krisen herauszustellen. Dies soll das Vergleichsfundament bilden, welches es abschließend ermöglicht einzuschätzen, ob es zu Wiederholungen von damals schon erfolglosen Maßnahmen kommt, ob es Mechanismen und Instrumente gibt, die im Zuge der Japankrise geschaffen wurden und sich heute bewähren oder ob neue Bestimmungen angesichts der alten Erfahrungen formuliert werden.

Vornehmlich wurden für die Darstellung der Japankrise der 1990er Statistiken herangezogen, anhand welcher die Krise objektiv beschrieben und nachvollzogen werden kann, ohne zu sehr auf Sekundärliteratur zurückgreifen zu müssen, da in dieser oftmals völlig verschiedene Einschätzungen wiedergegeben werden. So fand ich häufig sehr unterschiedliche Aussagen darüber, ob die Arbeitslosenquote der 1990er aufgrund der Japankrise stark stieg oder nicht, was zu unterschiedlichen Bewertungen über die Auswirkungen, beispielsweise auf den Privatkonsum, führt.

Um die gängigen Meinungen rund um die Fragestellung und begleitenden Fragen herauszustellen, zog ich hauptsächlich die Printmedien heran, aber auch häufig zitierte Expertenmeinungen, wie die Krugmanns, Stiglitz, Sterns oder Saxonhouse. Aufgrund der in den Medien, soweit ich das einschätzen kann, durchweg vertretenen Meinung, dass Japans »Lost Decade« Erfahrungen heute nicht nur Japan, sondern auch anderen großen Ökonomien durchaus hilfreich sein kann, ging ich ebenfalls von dieser Annahme aus. Im Laufe dieser Arbeit werde ich allerdings auf eine andere Einschätzung kommen.

2. Die Japankrise in den 1990ern

Seit Beginn der 1960er Jahre hat sich die Bedeutung Japans in der Weltwirtschaft verändert. Durch die Integration in die globale Wirtschaft und damit einhergehende große innenpolitische Veränderungen konnte Japan wieder Wachstumsraten auf Vorkriegsniveau verzeichnen. Zwar wirkten sich externe Faktoren, wie das Zusammenbrechen fester Wechselkurse von »Bretton Woods« (1971-1973) oder die Ölkrise (1973/1974) kurzzeitig hemmend auf die positive Entwicklung aus, die Deregulierung des Außenhandels, der Finanzmärkte sowie der Wertzuwachs des Yen zur Mitte bis Ende der 1970er und 1980er beschleunigte hingegen den Aufschwung der Wirtschaft massiv und hatte eine immer größer werdende Verflechtung der japanischen Wirtschaft mit der Weltwirtschaft zur Folge. In den 1980er Jahren entwickelte sich in Japan ein regelrechter Wirtschaftsboom, dem eine Abriegelung des japanischen Marktes voran ging, welcher die Entwicklung der heimischen Wirtschaft vorantrieb. Man stellte die industrielle Produktion auf die Hightech- und Elektroindustrie, aber auch auf die Automobilindustrie und den Schiffsbau um und wurde langsam international konkurrenzfähiger. Zudem verlief das Wirtschaftswachstum zum Teil nach strategischen Plänen der Regierung, welche Einfuhrgenehmigungen und Bankkredite an „bevorzugte“ Branchen vergab. Dies, gemeinsam mit der Zinspolitik der »Bank of Japan« (BoJ), zu welcher unter anderem die stetige Senkung des Leitzinses ab Ende des Jahres 1981F[6] F gehörte, sowie die hohen staatlichen Investitionsausgaben, führten dazu, dass der Finanzmarkt zinsgünstige Kredite vergeben konnte. Dies bewirkte einen enormen Aufschwung der Wirtschaft, insbesondere der Exportindustrie und einen Anstieg der Immobilien und Aktienpreise.

2.1. Krisenentstehung

Die Börseneinführung der ersten Tranche NTT (Nippon Telephone & Telegraph) 1987 löste eine hohe Nachfrage nach Emissionen aus und führte zu Preissteigerungen, was sich auch auf andere japanische Aktien auswirkte. Es war der Trend zu beobachten, dass viele Unternehmen aufgrund günstiger Kredite und steigender Aktienkurse bevorzugt am Finanzmarkt investierten, anstatt in ihr eigenes Unternehmen. Dies war vor allem in den Branchen wie der Schwerindustrie zu beobachten, die nach der Umstellung der industriellen Produktion einen Bedeutungsverlust erfahren hatte. Man erhoffte sich hierdurch einen Ausgleich der gesunkenen Geschäftsgewinne und belieh, durch die steigenden Grundstückspreise begünstigt, als Kreditsicherheit oftmals den betrieblichen Immobilienbesitz.F[7] F Den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung zu jener Zeit begünstigte zudem die Hausse des Leitindex »Nikkei«, der sich von 1986-1989 knapp verdreifachte.F[8] F Auch der Preisindex für gewerbliche Grundstücke und Wohnimmobilien in den sechs größten Städten Japans vervierfachte sich fast von 1985-1989.F[9] F So kam es üblicherweise vor, dass überhöht bewertete Immobilien mit einem Kredit belegt wurden, der über dem eigentlichen Wert der Immobilien lag, da man aufgrund der positiven Immobilienpreisentwicklung davon ausging, dass die Wertdifferenz innerhalb kürzester Zeit ausgeglichen sei. In der Konsequenz schätzte man zu den Höchstzeiten den Booms alle japanischen Grundstückswerte viermal so hoch ein wie die der gesamten Vereinigten Staaten. „Plötzlich war das Gelände um den Kaiserpalast mehr wert als der US-Bundesstaat Kalifornien. Das Inselreich, das nur 0,3 Prozent an der Weltfläche besitzt, sollte 60 Prozent des Weltbodenpreises ausmachen. Dieser »Chika kyoran« - der „Grundstückspreiswahnsinn“, wie viele Japaner den Immobilienboom nannten, setzte eine Spirale in Gang, die irgendwann ihr jähes Ende finden musste. Die Telefonfirma NTT war so wertvoll wie Daimler-Benz, Siemens, Allianz, Deutsche Bank, Krupp, Thyssen, BMW, Bayer, Hoechst und BASF zusammen.“F[10] F Dies war eines der vielen Anzeichen der Malaise, in welcher die japanische Seifenblasenwirtschaft sich längst befand.

Die Fiskalpolitik der japanischen Zentralbank erlaubte ein „unnatürliches Aufblähen“ der Sektoren Finanzen, Versicherungen und Immobilien und legte somit die Weichen für den Kollaps am Finanzmarkt. Unmittelbar vor dem „Platzen der Blase“ sollten innenpolitische Maßnahmen die Konjunktur abschwächen. Erst zwei Jahre nachdem die USA oder Deutschland den Leitzins anhoben (1987), reagierte auch die BoJ und hob zunächst zögerlich den Leitzins innerhalb von sieben Monaten von 3,25% auf 4,25% an.F[11] F Die innere Staatsverschuldung stieg indessen rapide an und hatte ihren Höhepunkt 1987 mit 56% des Bruttoinlandproduktes erreicht.F[12] F Um diese zu verringern, führte man im Zuge der Steuerreform von 1989 eine allgemeine Mehrwertsteuer ein.F[13] F Dies traf vor allem die Privatwirtschaft und hatte Auswirkungen auf das Konsumverhalten der Bevölkerung. Der sich 1988 ein Jahr vor der Steuerreform abzeichnende Abwärtstrend der Verschuldung um vier Prozentpunkte auf 51% des BIP 1989 verlangsamte sich zumindest auf jeweils nur einen Prozentpunkt in den folgenden zwei JahrenF[14] F, brachte aber offensichtlich nicht den erwünschten Effekt. Weiterhin erschwerten geldpolitische Maßnahmen vor allem den Zugang zu Krediten für Immobiliengeschäfte. So beschränkte man die Höhe der Kreditsumme für Banken, die sie für Immobiliengeschäfte vergeben durften.F[15] F Ab 1990 war der Aufwärtstrend des »Nikkei« beendet und der japanische Leitindex sank von Ende des Jahres 1989 mit etwa 39.000 Yen auf ein erstes Tief Mitte des Jahres 1990 mit etwa 21.000 Yen.F[16] F Dies gab den letzten Anhaltspunkt, dass die Phase des Aufschwungs der japanischen Wirtschaft nach dem Ende des zweiten Weltkrieges 1991 ein jähes Ende gefunden hatte und eine kontinuierliche Phase der Baisse begonnen hatte. „Die Seifenblase zerplatzte – allerdings nicht auf einmal sondern langsam und in kleinen Schritten.“F[17] F

[...]


[1] Thurow, Lester, Die Zukunft der Weltwirtschaft, Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 2004, S. 267.

[2] Krugmann, Paul, Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 2009S.82-93.

[3] Häring, Norbert, Japan – Das einzige Land mit Deflationserfahrung, Vgl. unter: HUhttp://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/japan-das-einzige-land-mit-deflationserfahrung;2110358UH,

Stand 14.08.2009.

[4] Burgschweiger, Nadine, Japan in der globalen Finanzkrise, Giga Focus Nummer 3, Institut für Asien Studien, 2009, S. 2.

[5] Welter, Patrick, Mit Finanzkrisen ist Japan vertraut, Frankfurter Allgemeine, Vgl. unter: HUhttp://www.faz.net/s/Rub050436A85B3A4C64819D7E1B05B60928/Doc~EC1E1B2A21BF64A048CBCB4A7FFB3E290~ATpl~Ecommon~Scontent.htmlUH, Stand 01.09.2009.

[6] Prime Lending Rates (Principal Banks) from 1966 to 1988, Vgl. unter: HUhttp://www.boj.or.jp/en/type/stat/dlong/fin_stat/rate/data/primeold.htmUH, Stand 28.8.2009.

[7] Die Japan – Krise im Jahr 1990, Vgl. unter:

HUhttp://zeitenwende.ch/finanzgeschichte/die-japan-krise-im-jahr-1990/UH, Stand. 14.08.2009.

[8] Vgl. Grafik 1, siehe Anhang.

[9] Vgl. Grafik 2, siehe Anhang.

[10] Steingart, Gabor, Das Lotterie – Prinzip, Vgl. unter: HUhttp://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=15561297&top=SPIEGELUH, Stand 26.07.2009.

[11] Entwicklung des Diskontsatzes der Bank of Japan, Vgl. unter: HUhttp://www.bankenverband.de/index.asp?channel=121110&art=1775UH, Stand 26.07.2009.

[12] Vgl. Grafik 3.2. unter: HUhttp://books.google.de/books?id=fnaCeIIqAkQC&pg=PA59&lpg=PA59&dq=staatsverschuldung+japan+1988&source=bl&ots=kaQMkZiAP3&sig=HLB4l3U1eB74EH5ACkMWRdkrAE&hl=de&ei=nhScSuC4IZKknQPU9vHSDg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1#v=onepage&q=staatsverschuldung%20japan%201988&f=falseUH, Stand 27.07.2009.

[13] Vgl. Die Japan – Krise im Jahr 1990.

[14] Vgl. Grafik 3.2.

[15] Vgl. Die Japan – Krise im Jahr 1990.

[16] Vgl. Grafik 1, siehe Anhang.

[17] Vgl. Die Japan – Krise im Jahr 1990.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Japan und die Wirtschaftskrisen. Zeigt die globale Finanzkrise, dass die "Lost Decade" eine lehrreiche Phase war, die Japan bei der Krisenbewältigung hilft?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto Suhr Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
27
Katalognummer
V143270
ISBN (eBook)
9783640525478
ISBN (Buch)
9783640524990
Dateigröße
2565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Wirtschaftskrisen, Zuge, Finanzkrise, Decade«, Jahre, Phase, Krisenbewältigung, Gute
Arbeit zitieren
Jana Emkow (Autor), 2009, Japan und die Wirtschaftskrisen. Zeigt die globale Finanzkrise, dass die "Lost Decade" eine lehrreiche Phase war, die Japan bei der Krisenbewältigung hilft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143270

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