Als der junge russische Kaiser Nikolaus II. am 14.Mai 1896 feierlich zum Zaren gekrönt wurde, konnte die vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Moskauer Kreml versammelte vieltausendköpfige, jubelnde Menge nicht erahnen, daß sie Zeuge zutiefst tragischer Ereignisse war. Vor ihren Augen vollzog sich die letzte in der Reihe der Krönungen eines autokratischen Herrschers Rußlands, die 1547 mit Iwan dem Schrecklichen begonnen hatte. Die Herrschaft Nikolaus II. begann indessen in einer erstaunlich ruhigen Zeit sowohl im inneren Leben des Landes als auch in den zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa. Doch dessen ungeachtet näherte sich das Land mit jedem neuen Jahr der Herrschaft des letzten Zaren zuerst unmerklich, aber unwiderrufbar einer gigantischen historischen Katastrophe, deren Beginn der Fall der Monarchie im Februar/März 1917 war.
Die Gründe für en derart fatales historisches Schicksal Rußlands und das Ausmaß der persönlichen Verantwortung des Zaren selbst für den tragischen Ausgang seiner Herrschaft ist auch heute schwer zu bestimmen, obwohl der Klärung dieser Fragen eine wahrhaft unüberschaubare Memoiren- und Forschungsliteratur gewidmet ist . Hinzu kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Öffnung der Archive, und seitdem stehen dem Historiker die persönlichen Briefe, Fotos und Tagebücher der letzten Zarenfamilie zur Verfügung, die oftmals ein ganz anderes Bild zeigen, als es jahrzehntelang von der sowjetischen Regierung gezeigt wurde. Diese Arbeit stützt sich, soweit dies möglich ist, besonders auf Briefe und Tagebücher Nikolaus II. und seiner Frau, um Handlungen begreifbar und nachvollziehbar zu machen, und die Frage zu beleuchten, wieso das unausweichliche Ende der Monarchie in Rußland gekommen war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zar Alexander III. und die Situation in Rußland
3. Der neue Zar – Nikolaus II.
4. Die frühen Jahre
5. Die politische Situation
6. Feiertage und Krieg
7. Revolution
8. Die Abdankung
9. Schluß
10. Epilog
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Hintergründe und persönlichen Faktoren, die zum Sturz des letzten russischen Zaren, Nikolaus II., und dem damit verbundenen Ende der Romanow-Dynastie im Jahr 1917 führten.
- Analyse der sozio-politischen Lage in Russland am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
- Untersuchung des persönlichen Einflusses und der Führungsqualitäten von Nikolaus II. und Zarin Alexandra.
- Bewertung der Rolle externer Faktoren wie des Ersten Weltkriegs auf die Destabilisierung der Monarchie.
- Dokumentation des revolutionären Prozesses von 1917 und der daraus resultierenden Machtübernahme.
Auszug aus dem Buch
6. Feiertage und Krieg
Das Jahr 1913 begann für Rußland mit den grandiosen Feierlichkeiten anläßlich des 300jährigen Jubiläums des Herrscherhauses Romanow. Wie wir heute wissen, stand das Land an der Schwelle einer neuen, fürchterlichen Zeit der Wirren. Niemand der Teilnehmer an der Fahrt der kaiserlichen Familie zu den historischen Stätten in Kostroma und Susdal, aus denen das Haus Romanow hervorgegangen war, konnte beim Anblick der vieltausendköpfigen begeisterten Menge, die sich zu diesem Fest eingefunden hatte, um ihren Zaren zu begrüßen, wohl ahnen, daß der Dynastie nur noch vier Jahre verblieben, und daß ihre Geschichte, die in den Mauern des alten Ipatjew-Klosters ihren Anfang genommen hatte, im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg ein jähes Ende finden sollte.
Die sich schnell ändernden Zeiten gewährtem dem Kaiser, dem seine staatlichen Verpflichtungen unter den neuen Umständen des politischen Lebens Rußlands von Jahr zu Jahr schwerer fielen, keine Ruhe. Es verstimmten ihn die ständigen Einmischungen der III. und IV. Duma in die täglichen staatlichen Angelegenheiten, die harte und zuweilen unkorrekte Kritik an den Handlungen der Regierung von den Tribünen der Duma herab, die endlosen Skandale und Unannehmlichkeiten mit den Großfürsten, die seine Autorität als Haupt der Dynastie nicht anerkennen wollten, und die immer deutlicher werdende Bosheit in der Presse. So wurden Gerüchte über eine angebliche Liebesbeziehung Rasputins zu Alexandra Fjodorowna und ihren Töchtern gestreut, die nur allzuleicht Eingang in die „Entlarvungsliteratur“ der nachrevolutionären Zeit fanden. Das war eine schmutzige Verleumdung der kaiserlichen Familie, doch die Tatsache, daß sie in den aristokratischen salons von St. Petersburg und unter der Intelligenzija in der Provinz Verbreitung fand, zeigt an, wie sehr die alte Tradition der russischen Monarchie ihre Anziehungskraft eingebüßt hatte, und wie tief die herrschende Dynastie in den Augen der Gesellschaft gefallen war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Untergangs der russischen Monarchie ein und legt dar, dass die Arbeit sich auf persönliche Briefe und Tagebücher stützt, um die Handlungen Nikolaus II. nachvollziehbar zu machen.
2. Zar Alexander III. und die Situation in Rußland: Das Kapitel beschreibt den Polizeiterror unter Alexander III. und die wachsende Kluft zwischen dem autokratischen Staat und der Gesellschaft.
3. Der neue Zar – Nikolaus II.: Hier wird die spartanische Erziehung von Nikolaus II. beleuchtet und sein Mangel an praktischer Erfahrung bei der Thronbesteigung verdeutlicht.
4. Die frühen Jahre: Dieser Abschnitt analysiert das Militärbündnis mit Frankreich sowie den industriellen Aufschwung und den wachsenden sozialen Unmut, der zur Revolution von 1905 führte.
5. Die politische Situation: Das Kapitel behandelt die Einführung der Staatsduma, den Einfluss von Ministerpräsident Stolypin und die zunehmende Isolation des Zarenpaares durch Rasputins Rolle bei Hofe.
6. Feiertage und Krieg: Es wird die Stimmung im Jubiläumsjahr 1913 dargestellt, gefolgt von der Verschärfung der innenpolitischen Lage und dem verhängnisvollen Eintritt in den Ersten Weltkrieg.
7. Revolution: Dieses Kapitel schildert die Ereignisse der Februarrevolution 1917, den Druck der Straße und das Scheitern des politischen Systems.
8. Die Abdankung: Der Fokus liegt auf den letzten Tagen des Zaren in Pskow, der Unterzeichnung des Abdankungs-Manifests und dem Ende der Romanow-Herrschaft.
9. Schluß: Hier werden die Ursachen des Niedergangs nochmals zusammengefasst: eine Kombination aus korruptem System, dem belastenden Krieg und persönlichen Fehlentscheidungen.
10. Epilog: Der letzte Teil dokumentiert die Gefangenschaft der Zarenfamilie in Zarskoje Selo und Tobolsk sowie das tragische Massaker im Ipatjew-Haus in Jekaterinburg.
Schlüsselwörter
Nikolaus II., Russland, Romanow, Zarenfamilie, Februarrevolution 1917, Autokratie, Rasputin, Erster Weltkrieg, Abdankung, Bolschewiki, Jekaterinburg, Staatsduma, Monarchie, Zarskoje Selo, Untergang der Dynastie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Faktoren, die zum Sturz von Nikolaus II. und zum Ende der russischen Monarchie führten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die politische Struktur des Zarenreichs, die Rolle des Zarenpaares und der Einfluss gesellschaftlicher sowie kriegerischer Krisen.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die unausweichliche historische Katastrophe durch die Analyse persönlicher Dokumente wie Briefe und Tagebücher begreifbar zu machen.
Welche methodische Herangehensweise wird angewandt?
Der Autor stützt seine Arbeit primär auf die Auswertung von persönlichen Aufzeichnungen der letzten Zarenfamilie und ergänzt diese durch zeitgenössische Forschungsliteratur.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Prozess der Entfremdung zwischen Zarenhaus und Volk, die politischen Krisen ab 1905, den Einfluss des Ersten Weltkriegs und den Zusammenbruch der Machtstrukturen im Jahr 1917.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Autokratie, Romanow, Revolution, Rasputin und Abdankung.
Wie wird das Verhältnis zwischen Nikolaus II. und Rasputin bewertet?
Das Kapitel verdeutlicht, dass Rasputin insbesondere durch die Sorge der Zarin um den kranken Zarewitsch einen bedeutenden, oft kritisch betrachteten Einfluss auf das Zarenpaar ausübte.
Welche Rolle spielte der Erste Weltkrieg für die Stabilität des Zarenreichs?
Der Krieg wirkte als massiver Beschleuniger der revolutionären Prozesse, da er die wirtschaftliche und militärische Schwäche des Zarenreichs offenlegte und den sozialen Unmut extrem verschärfte.
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- Carsten Berger (Author), 2003, Der Sturz des letzten Zaren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143295