Das didaktische Sportartenkonzept. Interpretationen, Kriterien und Möglichkeiten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

13 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Das Sportartenkonzept - ein abstrakter Begriff
1.1 Das technokratische Sportartenkonzept eine Fehlinterpretation
1.2 Möglichkeit zur Strukturierung der Schulsportinhalte
1.3 Gütekriterien für Schulsportarten

2 Das pure Sportartenkonzept eine strenge Interpretation

3 Das Potenzial zur Legitimation des Schulsports

Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

Das Sportartenkonzept - wenn man diesen Begriff zum ersten Mal ließt, könnte man vermuten, es handle sich um ein sauber definiertes Sportdidaktisches Konzept. Doch wäre dies ein voreiliger Schluss. Man muss sich zunächst einmal vergegenwärtigen, „ ... dass das so angesprochene Sportartenkonzept kein theoretisch begründetes, möglicherweise auf einen bestimmten Autor oder eine Autorengruppe zurückgehendes Modell darstellt, sondern das Produkt einer historischen Entwicklung ist. “

(SÖLL, 2005, S.28)

Wie W. SÖLL hier bemerkt, ist das, was wir heute unter dem Sportartenkonzept in der Sportdidaktik verstehen, ein Ergebnis des historischen Prozesses der Entwicklung der Schulsportdidaktik in Deutschland. Nur unter Berücksichtigung dieser geschichtlichen Genese des Konzeptes kann man eine saubere Begriffsklärung vornehmen.

Die Anfänge des Sportartenkonzeptes sind sicherlich in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zu suchen, als das Schulturnen nach SPIEß1 mit seinen Ordnungsübungen durch die Leibeserziehung abgelöst wurde. Diese Entwicklung wurde forciert durch die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam, 1932 in Los Angeles und 1936 in Berlin, welche für ein stetig steigendes Interesse der deutschen Bevölkerung an den olympischen Sportarten sorgte. Damit gelang dem internationalen Sport mit seinen Disziplingruppen der Durchbruch in Deutschland. Dieser Entwicklung mussten auch die Lehrpläne Rechnung tragen, so war der reicheinheitliche Lehrplan von 1937 eindeutig in Sportarten gegliedert. Dabei handelte es sich um Leichtathletik, Gerätturnen und Schwimmen als Sportarten im modernen Sinn und auch die Spielsportarten wie Fußball und Handball fanden als solche ihren Platz im Lehrplan.

In der Nachkriegszeit knüpfte man an diese Entwicklung nahtlos an, beispielhaft dafür stehen die Bundesjugendspiele oder Jugend trainiert für Olympia. Dass man in dieser Zeit auch im Schulsport soviel Wert auf die Förderung der olympischen Sportarten legte, resultierte aus dem direkten ideologischen Konkurrenzkampf der BRD mit der DDR. Der Schulsport in der DDR war der verlängerte Arm des staatlich organisierten Vereinssports, dessen Ziel es war, Sportler hervor zubringen, welche möglichst viele olympische Medaillen erringen sollten.

Diese Entwicklung führte zu einem technokratischen Sportartenkonzept, ein Modell, auf das später noch einmal eingegangen werden soll. Auch in der BRD erlangten die Fachverbände immer größeren Einfluss auf die Schulsportdidaktik. Als Folge der technischen Entwicklungen kam es zu einem immanenten Anstieg der Schulsportinhalte. So umfasst der traditionelle Kanon der Schulsportarten seit den 70er Jahren Gerätturnen, Gymnastik/ Tanz, Leichtathletik, Schwimmen, Basketball, Fußball, Handball und Volleyball. Mit der steigenden Zahl der Inhalte verkürzte sich natürlich auch die Unterrichtszeit, die für die einzelnen Sportarten zur Verfügung stand. Dadurch kam es zum Ausbleiben der Entwicklung körperlicher Voraussetzungen und somit auch zum Ausbleiben der erhofften Leistungen. Diesem Leistungsschwund der Schüler wollte man entgegenwirken, indem in den Lehrplänen eine große Zahl weiterer Sportarten zur Wahl gestellt wurde. Das jüngste Produkt dieser Entwicklung ist die Aufnahme des Fitnesssports in die Lehrpläne im Bereich Fitness und Gesundheit. (vgl. Thüringer Lehrplan, 1999)

Angesichts dieser historischen Genese stellt sich für die moderne Schulsportdidaktik die Frage, ob das Sportartenkonzept eine reine Sammlung der Sportarten ist zum besseren Verwalten dieser im Sportunterricht? Wenn dem so ist, sind die Sportarten im Schulsportkanon dann beliebig austauschbar? Oder vermag das Sportartenkonzept mehr zu leisten als die bloße Ordnung der Schulsportinhalte?

Diesen Fragen soll im Folgenden, nachgegangen werden, ohne den Anspruch zu vermitteln die Diskussion mit diesem Beitrag hinreichend abzuschließen. Vielmehr sollen ausgewählte Aspekte vorgestellt werden und einige Impulse für die weiter führende Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben werden.

1 Das Sportartenkonzept - ein abstrakter Begriff

Um die eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenden wir uns erneut einem Versuch der Begriffsklärung des Sportartenkonzeptes zu und behalten dabei die historische Genese im Hinterkopf.

Das Sportartenkonzept kann zum einen definiert werden durch die Abgrenzung zur Leibeserziehung der 60er Jahre, einem didaktischen Konzept, das man heute unter dem Begriff Bewegungspädagogik wieder findet. In diesem Sinne kann man das Sportartenkonzept als einen Rückzug auf die Kerninhalte des Sports also die Sportarten verstehen. Damit wird man dem Konzept aber nicht ganz gerecht, wenn man es bloß an der Reduzierung der pädagogischen Ansprüche fest macht. (vgl. KURZ, 1990) Daher ist es besser, sich dem Sportartenkonzept über dem Begriff des Sports selbst zu nähern. Der Begriff des Sports ist sehr abstrakt und entzieht sich leider auch einer allgemein anerkannten Definition. Doch kann man ihn unbestritten mindestens als die Summe aller Sportarten ausmachen. Wenn man behauptet Sport sei mehr als die Summe der Sportarten, so kann man damit nur den ursprünglichen Geist des Sports meinen, der jeglicher Bewegung zugrunde liegt. Doch will man Sport betreiben, so muss man sich unweigerlich einer Sportart zu wenden. Damit konkretisiert sich der Sport in den Sportarten. (vgl. SÖLL, 2005, S. 29) Wenn man also nundas Sportartenkonzept ähnlich wie den Sport selbst als die Summe der Sportarten auffasst, kommt man zu dem schon erwähnten technokratischen Sportartenkonzept. Hinter dieser Fehlinterpretation des Konzeptes stehen die teilweise politisch motivierten Interessenverbände der Vereine, die den Schulsport als verlängerten Arm ansehen. Dieser Gefahr muss sich die Schulsportdidaktik bewusst werden und muss durch ein richtig verstandenes Sportartenkonzept auch die Legitimation des Schulsports sichern.

1.1 Das technokratische Sportartenkonzept - eine Fehlinterpretation

Um die Abgrenzung gänzlich klar zu machen und auch um deutlich zu machen, was das Sportartenkonzept nicht sein soll, muss an dieser Stelle das technokratische Sportartenkonzept charakterisiert werden. Es drückt sich in folgenden Merkmalen aus:

„ Dass die Sportarten, gewissermaßen abgepackt und in Schubladen einsortiert, ein Eigenleben führen, was wiederum in den Lehrplänen, zumindest in einigen von ihnen, zu langen Auflistungen von teils obligatorischen, teils fakultativen Sportarten geführt hat. Dass die Inhalte des Schulsports auf das Angebot des organisierten Wettkampfsports reduziert werden, sodass in den Lehrplänen fast nur noch die in dieser Hinsicht brauchbaren oder nützlichen Ü bungen berücksichtigt werden.

Dass der Leistungs- und Hochleistungssport zum Leitbild für den Schulsport wird, was sich beispielsweise darin zeigt, dass die Technik der weltbesten Athleten oder das in der Bundesliga gerade gepflegte Spielsystem ungeprüft auf den Schulsport übertragen werden.

Schulsport wird aus dieser Sicht zum verlängerten Arm des Leistungs- und Wettkampfsports, wie sie in den Fachverbänden organisiert sind. Im Windschatten dieser Entwicklung hat auch der weitgehend kommerzialisierte Freizeit- und Urlaubssport seinen Einfluss auf die Schule immer weiter ausgedehnt. “ (SÖLL, 1995, S.64)

Es darf also nicht zu einer Steuerung der Auswahl der Schulsportinhalte durch externe Interessengruppen kommen. Die Schulsportdidaktik muss ihre Hoheit über die Verwaltung des Kanons der Schulsportarten nach pädagogischen Gesichtspunkten behaupten. Für diese Aufgabe muss eine Strukturierung der Inhalte erfolgen, dabei kann das Sportartenkonzept helfen.

1.2 Möglichkeit zur Strukturierung der Schulsportinhalte

„ Sport ist ein recht abstrakter Begriff, der sich nur schwer definieren und in seinem Bedeutungsumfang abgrenzen lässt. Er bezeichnet letztlich ein bestimmtes Verhältnis des Menschen zur Bewegung, nämlich die Auseinandersetzung mit der Bewegung um ihrer selbst willen. Dieser Charakter des Zweckfreien, Spielerischen und nicht Lebensnotwendigen hebt die Sportweltwelt deutlich von der Arbeitswelt ab. Sport wird damit zu einer - in der modernen Industriegesellschaft sogar zur dominierenden - Ausdrucksform der menschlichen Bewegungskultur. “ (SÖLL, 2005, S.35)

In dieser Aussage klingt an, dass das Sportartenkonzept mehr sein muss, als bloß eine Aufzählung der Schulsportarten. Um dies klarer zum hervorzuheben, muss man sich vergegenwärtigen, dass der Schulsportunterricht den Anspruch auf Allgemeinbildung vertritt. Nach KLAFKI bedeutet das die Bildung im Medium des Allgemeine n, das kann man so verstehen, wie es SÖLL in der obigen Aussage formuliert. Des weiteren muss, wie KLAFKI meint, die Bildung in allen Grunddimensionen menschlicher Interessen erfolgen. Damit ist klar, dass der Schulsport das Interessenfeld der Schüler, was Sport angeht, zumindest teilweise erreichen muss. Für die Schüler bedeutet Sport treiben, dass man einer Sportart nach geht. So wie sie es in ihrem Lebensumfeld also Familien, Vereinen, Medien erleben. Damit ergibt sich für den Schulsport Unterricht die Frage, welche Sportarten in den Kanon der Schulsportarten aufgenommen werden sollen? Darauf kann das Sportartenkonzept eine Antwort geben, denn es ermöglicht auf einzigartige Weise eine Strukturierung der Sportarten auf einem Kontinuum. (siehe Abb. 1)

Bei der Strukturierung der Sportarten wird deutlich, dass der Sport als Ganzes eine Teilmenge des Kontinuums Kunst - Sport - Spiel ist. Aufgrund der sich ergebenden Schnittmengen besteht der Sport aus drei Hauptuntergruppen von Sportarten, welche sich in ihren Wesenszügen eindeutig voneinander unterscheiden. Die eine Untergruppe besteht aus den Sport-Sportarten und zeichnet sich dadurch aus, den puren Sportgedanken zu vertreten. Also Sport treiben um seiner selbst willen. Ein guter Repräsentant dieser Gruppe ist natürlich die Leichtathletik.

[...]


1 SPIEß, Adolf (1810 - 1858) deutscher Sportpädagoge, gilt als Begründer des deutschen Schulsports.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das didaktische Sportartenkonzept. Interpretationen, Kriterien und Möglichkeiten
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Oberseminar Sportpädagogik
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V143340
ISBN (eBook)
9783640520015
ISBN (Buch)
9783640521173
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Didaktische, Konzepte, Sportartenkonzept, Interpretationen, Kriterien, Möglichkeiten
Arbeit zitieren
Matthias Müller (Autor), 2009, Das didaktische Sportartenkonzept. Interpretationen, Kriterien und Möglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143340

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