Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili"


Hausarbeit, 2009
18 Seiten, Note: 1+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.1 Ein Erdbeben als Gegenstand der Novelle
2.2 Französische Revolution und ‚Kant-Krise’

3. Die Idylle als Kontrast
3.1 Bedeutung des Begriffs ‚Idylle’
3.2 Positionierung der Idylle im Werkzusammenhang
3.3 Sprachliche Kontrastbildung
3.4 Bedeutung der Idylle

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich von Kleist hat mit seinem Erdbeben in Chili auf nur wenigen Seiten eine Novelle von ungeheurer Dichte geschaffen, die das Lesepublikum unweigerlich durch die unverblümten Darstellungen der Bestialität der Menschen sowie des Zustandes der Welt erschüttert und somit auch die „innere Wahrhaftigkeit des Erzählten“[1] aufzeigt.

Kleist, der von Beutin et. al. als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit [...] jenseits der etablierten Lager.“[2] charakterisiert wird, bringt diese persönliche Lebenserfahrung immer wieder in seinen Werken unter. Auch die Helden in Das Erdbeben in Chili, Jeronimo und Josephe, werden durch ihre verbotene und normwidrige Liebe zu Außenseitern – verfolgt und verurteilt von einer bigotten und heuchlerischen Gesellschaft bis hin zum Tode.

Die oben genannte ungeheure Dichte der Novelle gilt für die Geschichte nicht weniger als für ihre Darstellung. Besonders die Idyllenbeschreibungen in der Mitte des Werkes heben sich sprachlich und inhaltlich von dem restlichen Handlungsverlauf ab und verweisen auf den besonderen Charakter dieses Teils.

Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich auf die Besonderheit der Kleist’schen Idyllenbeschreibung im Erdbeben von Chili eingehen, wobei ich zunächst den zeitgeschichtlichen Hintergrund und die Entstehungsgeschichte beleuchte, um anschließend auf die (scheinbare) Idylle einzugehen.

2. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

2.1 Ein Erdbeben als Gegenstand der Novelle

In dem Werk Das Erdbeben in Chili geht es um die Verbindung zweier Übel. Das Erdbeben, welches zu Beginn der Novelle die Hauptstadt St. Jago erschüttern lässt, steht als Symbol für das natürliche Übel der Welt, aus welchem ein moralisches erwächst.[3] Diese symbolische Verbindung könnte man Kleists sprachlich-künstlerischem Können zuweisen, doch damit wäre die Begründung, warum er ein Erdbeben als Gegenstand seiner Novelle wählte, nicht ausgeschöpft. Die Idee Kleists hängt wahrscheinlich mit einem zeitgeschichtlichen Ereignis zusammen, was die Menschen in ganz Europa Mitte des 18. Jahrhunderts nachhaltig erschütterte: Am 1. November 1755 zerstörte ein Erbeben die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig und war in seinen Ausläufern in ganz Europa und Nordafrika spürbar. Zeitgenössische Quellen geben allein für Lissabon bis zu 60.000 Todesopfer an. Zwar entstand Kleist Novelle erst fünfzig Jahre später – dennoch, die Erinnerungen an das große Erdbeben und dessen Folgen blieben wach. Die Naturkatastrophe löste eine brisante

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Zeitgenössisches Flugblatt, 1755. Quelle: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/

Images/db/wiss/goethe/schnellkurs_goethe/k_1/erdbeben_lissabon.jpg.

philosophische Debatte über Gottes Wirken in der Welt aus. Es ging um die Frage der Theodizee, also um das Problem, wie und ob man an einen allmächtigen und gütigen Gott glauben kann, wenn er doch Übel und Leid in der Welt zulässt und dieses nicht nur Schuldige straft, sondern auch Unschuldige trifft.[4]

Ferner spielte ein weiteres Erdbeben, welches fast 100 Jahre vor dem Lissabon’schen stattfand, eine Rolle für die Entstehung Kleists Novelle: Laut Schede habe Kleist Berichte über das Erdbeben in Santiago de Chile studiert, welches sich am späten Abend des 13. Mai 1647 ereignete.[5] Dabei geht es v. a. um den Augenzeugenbericht des Bischofs von Santiago, Gaspar de Villarroel. Seine Schilderungen zeigen allerdings, dass sich Kleist nur bedingt an den überlieferten Fakten orientiert hat: So ereignet sich das Erdbeben in Kleists Novelle etwa um die Mittagsstunde des 20. Juni. Die Einwohner der chilenischen Hauptstadt flüchteten nicht aus der Stadt, sondern auf den größten Platz, wo der Bischof im Morgengrauen eine lang andauernde Messe zu zelebrieren begann. In der darauf folgenden Nacht predigte der Bischof auf dem Friedhof der Kathedrale, wobei er sich gegen die Deutung des Erdbebens als Strafe Gottes wandte.[6] Darüber hinaus erwähnt Kleist das Amt eines Erzbischofs, obwohl die Stadt erst im 19. Jahrhundert zum Erzbistum wurde.[7] Diese Einzelheiten bezeugen, dass es Kleist nicht um eine historische Detailgetreue ging, er vielmehr der allgemeinen Gültigkeit der geschilderten Situation Vorrang gewährte.

Bezüglich der Stadt Santiago und deren Umgebung könnte sich Kleist in zeitgenössischen Reiseberichten informiert haben, allerdings sind auch hier keine auffälligen Übereinstimmungen festzustellen.[8]

2.2 Französische Revolution und ‚Kant-Krise’

Neben der philosophischen Debatte über Gottes Wirken in der Welt gibt es weitere Faktoren, die Kleist beschäftigt haben und in dem Werk als kritische Kommentare wiederzufinden sind. So können die gewalttätigen und erbarmungslosen Handlungen der chilenischen Bevölkerung gegen die Helden der Novelle als Kritik Kleists an der napoleonischen Epoche verstanden werden – insbesondere nimmt das Werk Bezug auf die Grausamkeiten und Brutalitäten während der Französischen Revolution.[9] Diese „entfaltete die Macht einer Naturkatastrophe und ist von den Zeitgenossen auch immer wieder metaphorisch als eine solche beschrieben worden.“[10] Interessant erscheint für mich an dieser Stelle der Vergleich zur Naturkatastrophe, welche zu Beginn der Novelle in Form des Erdbebens zerstörerisch auftritt und am Ende zum Spiegelbild des mordenden Menschen wird: Erdbeben der Menschheit.[11] Das blinde Naturgeschehen scheint sich somit im menschlichen Bereich zu wiederholen. Die Analogie der Auswirkungen der Französischen Revolution mit denen eines Erdbebens, hat Kleist auf kunstvolle Art in seine Geschichte eingebunden.

In Das Erdbeben in Chili kommen zudem Gedanken Kleists zum Ausdruck, die ihn seit der ‚Kant-Krise’ maßgeblich beschäftigten: Zum einen die Auffassung, „dem Mensch sei aufgegeben, sich in einer undurchschaubaren, von unvorhergesehenen Zufällen beherrschten Welt zu behaupten, in der Konfrontation mit dem Unbegreiflichen seiner Substanz zu erweisen.“[12] Dass einem buchstäblich der Boden unter den Füßen schwindet, also eine Konfrontation mit dem Unbegreiflichen, beherrscht in besonderer Weise auch Kleists Erdbeben in Chili. In solchen Extremsituation, die im Übrigen für Kleists Werke typisch sind, müssen sich die Hauptfiguren beweisen, was Josephe besser gelingen mag als ihrem Liebhaber Jeronimo. Während er nach seiner Flucht aus der Stadt „eine Viertelstunde in der tiefsten Bewußtlosigkeit“[13] verweilt, kämpft sie sich „unerschrocken durch den Dampf, der ihr entgegenqualmte, in das von allen Seiten schon zusammenfallende Gebäude“[14] um ihren kleinen, hilflosen Knaben aus dem Karmeliterkloster zu retten. Zum zweiten thematisiert Kleist aber auch die Unerkennbarkeit einer ‚Wahrheit’, die aus der bestehenden Subjektivität jeglichen Wahrnehmens resultiert.[15] Dies wird im Mittelteil der Novelle deutlich, als das Liebespaar unter Einfluss der idyllischen Zustände mit der Annahme, es haben sich die „Stimmungen der Gemüter“[16] verändert und ein „Umsturz aller Verhältnisse“[17] sei eingetreten, ihre Zukunftspläne ändert und sich schlussendlich entschließt zur Messe in die Dominikanerkirche zu gehen, von der sie lebend nie wieder zurückkehren.

Unter all den benannten Einflüssen hat Kleist seine Novelle im Jahre 1806 verschriftlicht. Ein Jahr später wurde die Erzählung vom Tübinger Verleger Johann Friedrich Cotta angenommen und unter dem Titel Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647 in seinem Morgenblatt für gebildete Stände abgedruckt. Bereits drei Jahre später, im September 1810, erfolgte im Verlag von Georg Reimer in Berlin die erste Buchausgabe der Novelle, die nun den endgültigen Titel erhielt.[18]

[...]


[1] Schede, S. 4.

[2] Beutin et. al., S. 217.

[3] Vgl. Schede, S. 20.

[4] Vgl. Schede, S. 17; Vgl. Xlibris, S. 1.

[5] Vgl. ebd., S. 29; Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd., S. 29 f.

[7] Vgl. Xlibris, S. 1.

[8] Vgl. Schede, S. 29.

[9] Vgl. ebd., S. 21.

[10] Schede, S. 21.

[11] Vgl. Klein, S. 89; Vgl. Altenhofer, S. 48.

[12] Schede, S. 24.

[13] Kleist, S. 13.

[14] Ebd., S. 14.

[15] Vgl. Xlibris, S. 3.

[16] Kleist, S. 18.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Kittler, S. 26; Vgl. Schede, S. 28.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1+
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V143349
ISBN (eBook)
9783640514823
ISBN (Buch)
9783656095477
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
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Arbeit zitieren
Theresa Hiepe (Autor), 2009, Die Idyllenbeschreibung in Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143349

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