Georg Trakl und die Funktion des Hässlichen in seiner Lyrik


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Expressionismus und Lyrik

2. Trakl und das Hässliche
2.1 Biographisches zu Trakl
2.2 Die Funktion des Hässlichen in Trakls Lyrik

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Betrachtete man Leben und Werk Georg Trakls so entsteht das Bild eines einsamen und heimatlosen Menschen. Über kaum einen zweiten Dichter dieses Jahrhunderts ist so viel und von so verschiedenen Standorten aus herumgerätselt worden. Als er starb stand er erst am Anfang seines Erfolges und zählt seither zu den großen Lyrikern der Moderne.[1]

„Sein Werk, aus reinster Lyrik bestehend, auffällig schmal im Umfang und eigentümlich monoton in der zumeist pessimistischen Aussage, ist von mythischer, magischer Schönheit.“[2]

Dass Otto Basil ausgerechnet das Wort ‚Schönheit’ als Beschreibungskriterium der Trakl’schen Dichtung verwendet, erscheint in seinem Zusammenhang zwar verständlich, im Bezug auf die Charakterisierung der Lyrik des Dichters hingegen abstrus. Nomen wie ‚Tod’, ‚Dämon’, ‚Spinne’, ‚Verfall’ und ‚Verwesung’, die alle in Trakls Gedichten benannt werden, zeigen, dass er sich gerade dem Hässlichen und dessen Darstellung gewidmet hat.

Im Zuge dieser Hausarbeit möchte ich das Thema des Hässlichen in der Literatur besprechen, indem ich zunächst eine Einführung in den Expressionismus liefere, da im Zusammenhang mit der Epoche deutlich wird, weshalb das Hässliche für die Dichter dieser Zeit so bedeutsam war. Um im Folgenden auf die Verwendung und Funktion des Hässlichen in der Trakl’schen Lyrik eingehen zu können, ist ein Blick in dessen Biographie von Nöten, da sich dadurch zeigen wird, weshalb Trakl wesensbedingt eine Affinität zum Hässlichen und Vergänglichen aufbaute. Der Abschluss meiner Arbeit bildet die konkrete Darstellung des Hässlichen in der Lyrik Trakls.

1. Expressionismus und Lyrik

Der Begriff ‚Expressionismus’ (von lat. expressio = Ausdruck) tauchte zum ersten Mal in Frankreich auf, wo er als Sammelbezeichnung für eine Gruppe diverser Maler verwendet wurde, die sich durch ‚Anti-Naturalistische’ sowie ‚Anti-Impressionistische’ Stiltendenzen auszeichneten.[3] In Deutschland erfolgte eine Übertragung des Begriffs auf die Dichtung im Jahre 1911 durch Kurt Hiller[4], indem er in der Heidelberger Zeitung die Dichtungen Ernst Blass und Georg Heyms mit dem Wort ‚Expressionismus’ kennzeichnete. Eine Identifikation der Dichter als ‚Expressionisten’ hat jedoch kaum einer von ihnen Anspruch genommen.[5] Dies mag an der Undefiniertheit des Begriffs liegen, denn bis heute stellt die Wesensbestimmung des Expressionismus ein Problem dar. Paul Raabe[6] scheint den Nagel auf den Kopf zu treffen, wenn er schreibt: „An der Frage: Was ist Expressionismus? scheiden sich die Geister.“[7] Allerdings gibt es trotz der allgemeinen Uneinigkeit einen klaren Wesenskern dieser Bewegung, der sich durch den historischen Hintergrund erklären lässt[8]:

Für Holznagel scheint der Zeitraum 1910 bis 1920 legitim, um den Expressionismus zeitlich einzugliedern.[9] Allerdings weiß man, dass die Abgrenzung der Epoche nach hinten kritisch zu beurteilen ist, da auch nach den Weltkriegen noch Werke entstanden sind, die eigentlich expressionistisch sind. Die Kunstbewegung des Expressionismus wurde somit in eine Zeit hineingeboren, die v. a. die jungen Generationen mit den Begriffen ‚Stagnation’, ‚Vergreisung’ und ‚Erstarrung’ kennzeichneten.[10] Das Leben erschien ihnen sinnlos, die bürgerliche Welt saturiert und öde.[11] Dies verdeutlicht Georg Heyms Tagebuchnotiz vom 15. September 1911:

„Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit [...] Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jakobinermütze kann ich mich eigentlich gar nicht denken. Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts. Mein Gott, wäre ich in der französischen Revolution geboren, ich hätte wenigstens gewußt, wo ich mit Anstand hätte mein Leben lassen können.“[12]

Die Sehnsucht Heyms nach einem Krieg oder einer Revolution sollte sich schon drei Jahre später erfüllen. Aus der für seine Generation charakteristische Mischung aus ‚Angeödetsein’ und Aggression sowie aus der politischen Unzufriedenheit resultierte eine anfängliche Begeisterung für den Krieg. Er wurde als kulturrevolutionäres Ereignis gefeiert, mit dem ein erhoffter Aufbruch bzw. Neuanfang eintreten sollte. Doch was Krieg eigentlich bedeutete, wusste man nicht, weshalb die anfängliche Euphorie bereits nach kürzester Zeit wieder umschlug.[13]

Daneben lässt sich der Expressionismus auch als Antwort auf die zunehmende Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung verstehen. Die Moderne wurde als etwas Negatives erfahren, da sie für das moderne Ich Bedrohung, Hilflosigkeit sowie Orientierungslosigkeit bedeutete. Diese zivilisatorischen Erneuerungsprozesse wurden mit der Auflösung des Subjekts assoziiert.[14] Aber gerade auf das Subjekt kam es den Expressionisten an! „Nicht das Materielle, nicht die äußere Wirklichkeit interessieren die Dichter, sondern der Mensch, sein inneres, fließendes, nie ganz zu erfassendes Wesen, das den Ursprung allen Lebens darstellt.“[15] Dieser Rückbezug auf das Elementare ist das entscheidende Grundelement des Expressionismus, welches sich bei allen expressionistischen Dichtern manifestiert.[16] Das Subjekt also, welches die oben genannten Krisenerfahrungen (Industrialisierung, Verstädterung, Krieg etc.) durchlebt, empfindet Angst, Unsicherheit, Einsamkeit und Entfremdung; wird von Wahnsinn, Verzweiflung und Suizidgedanken geplagt. Kurzum: Es geht den Expressionisten um die existenzielle Auseinandersetzung des Ichs mit der Moderne.[17] Dies erklärt auch den Zusammenhang der Epoche mit philosophischen und psychologischen Bewegungen (z. B. Neuidealismus, Nietzsche, Bergson). Vor allem die Psychoanalyse öffnete der Dichtung den Zugang zu den Schichten des Unterbewussten.[18]

Die Beschäftigung mit den Themen der Moderne auf inhaltlicher Ebene, übertrug sich bei den Expressionisten auch auf die sprachliche. Nicht nur die Themen waren neu, sondern auch die sprachlichen Bilder. Es entstand eine neue Art zu sehen und das Geschehene zu beschreiben. Die neuen Bilder sind hauptsächlich Bilder der Bewegung, da sie die unruhige und fluktuierende Zeit ins Gedicht hinein transportieren. Das bedeutet, dass die Zeit im Raum gegenwärtig wird. Bereits Arno Schirokauer[19] schreib 1924, dass der „Expressionismus [...] die Verkündigung der Zeit“ sei. In seiner Definition verbirgt sich eine Doppeldeutigkeit, denn neben der Zeit als neuer Dimension des Raumes (vierte Dimension) wird zugleich auch die Epoche der Vierdimensionalität (das 20. Jahrhundert) verkündet.[20]

Formal zeichnet sich expressionistische Lyrik durch die „Bildfunktion des Wortes, sein[em] Klang und Rhythmus“[21] sowie dem „Minimum an sprachlichem Aufwand“[22] aus. Im Vergleich zu frühexpressionistischen Werken zeigt sich, dass im Laufe der Epoche ein Wandel stattgefunden hat: Die Anfänge sind geprägt von ‚Betonungen’ der inhaltlichen Seite, während das Gefüge der Gedichte noch nicht gesprengt und die Syntax noch nicht aufgelöst ist. Erst später wird das Gedicht zur knappen Wortfolge und die Herrschaft des Reimes sowie die Strenge des Vermaßes werden gebrochen.

Weiterhin Charakteristisch für den Expressionismus ist die ‚Ästhetik des Hässlichen’ – gemeint ist eine Lyrik, die den Mut hat die Verzerrungen und Verwerfungen, Entstellungen sowie Krankheiten ihrer Zeit wie keine andere Epoche zuvor aufzunehmen und zum Gegenstand ihrer Darstellungen zu machen.[23] Aufgrund des starken Ausdrucks, den das Hässliche hat, wird es in den Künsten auch nicht mehr verpönt, sondern mit Nachdruck gefordert. Man solle sich Abwenden von der alleinigen Verwendung des Schönen, denn in ihr sieht z. B. Federkeller ein Zeichen von Befangenheit und Subjektivismus.[24] In der Verwendung des Hässlichen findet sich ein Vehikel der Zivilisationskritik.[25] Darüber hinaus fungiert das Hässliche aber auch als Mittel im Kampf gegen die Wirklichkeit: „Die Funktion des Häßlichen besteht oft darin, das Wirkliche stellvertretend zu repräsentieren und damit zu diffamieren.“[26] Bisher vermiedene Emotionen, wie Wut oder Hass, werden nun herausgehoben und als Ausdruck vitalistischer Energien begriffen.[27] Parallel dazu gestaltet sich die Farbcharakteristika: Dunkel, Nacht, Schwärze und blutiges Rot korrelieren mit den inhaltlich beschriebenen Szenerien der Endzeit, Verwesung und dem Verfall.[28]

Aus dieser negativen Haltung der Dichter zu ihrer Welt ergab sich nicht nur ein Ohnmachtsgefühl, sondern es resultierte gleichzeitig eine Umbruchs- und Aufbruchsstimmung; der Wunsch zur Veränderung sowie eine dynamische Hinwendung zum Neuen. Die expressionistische Epoche stand somit durchweg in einem Grundspannungsverhältnis zwischen Verfall und Triumph, Tod und Auferstehung sowie Weltende und Aufbruch.[29]

[...]


[1] Vgl. Klein, S. 374.

[2] Basil, S. 7.

[3] Vgl. Vocke.

[4] Hiller war ein deutscher Schriftsteller und pazifistischer Publizist aus jüdischer Familie.

[5] Vgl. Froehlich, S. 3.

[6] Raabe war ein deutscher Literaturwissenschaftler und Bibliotheksfachmann.

[7] Froehlich, S. 4.

[8] Vgl. Froehlich, S. 4.

[9] Vgl. Holznagel, S. 522.

[10] Vgl. Beutin et. al., S. 370; Vgl. Kahler, S. 15.

[11] Vgl. Holznagel, S. 527.

[12] Kahler, S. 15.

[13] Vgl. Holznagel, S. 534; Vgl. Beutin et. al., S. 371.

[14] Vgl. Beutin et. al., S. 372 f.

[15] Froehlich, S. 5.

[16] Vgl. Froehlich, S. 5.

[17] Vgl. Beutin et. al., S. 373 f.

[18] Vgl. Froehlich, S. 5.

[19] Schirokauer war ein deutscher Schriftsteller und Germanist.

[20] Vgl. Uhlig, S. 87.

[21] Lohner, S. 117.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Holznagel, S. 529.

[24] Vgl. Eykman, S. 113.

[25] Vgl. ebd., S. 11.

[26] Eykman, S. 114.

[27] Vgl. Beutin et. al., S. 373.

[28] Vgl. Holznagel, S. 528.

[29] Vgl. Beutin et. al., S. 372; Vgl. Froehlich, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Georg Trakl und die Funktion des Hässlichen in seiner Lyrik
Hochschule
Universiteit Utrecht  (Humanities)
Note
1-
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V143352
ISBN (eBook)
9783640514830
ISBN (Buch)
9783656095460
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Trakl, Trakl, Lyrik Trakl, Lyrik, Funktion des Hässlichen, Lyrik und das Hässliche, Expressionismus Trakl, Expressionismus Lyrik, Expressionismus und das Hässliche
Arbeit zitieren
Theresa Hiepe (Autor), 2009, Georg Trakl und die Funktion des Hässlichen in seiner Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143352

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