Neurolinguistische Grundlagen des Zweitspracherwerbs in der frühen Kindheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Erst- und Zweitspracherwerb
2.1. Monolingualer und bilingualer Erstspracherwerb
2.2. Zweitspracherwerb

3. Struktur des menschlichen Gehirn
3.1. Gehirnentwicklung, neuronale Plastizität und sensible Phasen

4. Zweitspracherwerb in der frühen Kindheit

5. Neurowissenschaftliche Befunde

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

Unter dem Begriff Zweitspracherwerb versteht man das Erlernen von einer Sprache in einem institutionellen Kontext, z.B. in de Schule, aber auch das ungesteuerte Erlernen einer zweiten Sprache in einer Umgebung, in der diese als Verkehrssprache verwendet wird. (vgl. Bußmann 2002). Der Zweitspracherwerb wird in den letzten Jahren immer mehr erforscht. Es ist jedem bekannt, dass die Kinder in der Regel erfolgreicher Sprachenlerner als die Erwachsenen sind. Die Gründe dafür werden stark von der Forschung untersucht. Was besitzen die Kinder, das die erwachsenen Lerner nicht haben? Funktioniert das kindliche Gehirn anders als das Gehirn eines Erwachsenen, oder hat es eine andere Struktur?

Damit diese Fragen beantwortet werden können, muss weiter geforscht werden. Dank der neuen Technologien, ist es heutzutage möglich neue Untersuchungsmethoden bei der Gehirnforschung zu verwenden, z.B. alle bildgebenden Verfahren, die es erlauben, das menschliche Gehirn in Aktion zu beobachten. Natürlich ist das, was da gesehen werden kann, nur ein kleines Prozent von allen Aktivitäten, die im Gehirn stattfinden, da zurzeit nur die Beobachtung der Gehirnoberfläche möglich ist. Die vorliegende Arbeit wird sich mit dem Zweitspracherwerb aus einer neurolinguistischer Perspektive auseinandersetzen. Ich beziehe mich in der vorliegenden Arbeit auf die Repräsentation der zweiten Sprache in dem menschlichen Gehirn und das erreichte Kompetenzniveau, im Hinblick auf das Alter, in dem der Erwerbsprozess beginnt. Für frühe Kindheit für Zweitspracherwerb, nehme ich den Zeitraum zwischen dem 3. und dem 4. Lebensjahr und ich setze für meine Arbeit die Grenze für den Erwerbsbeginn in diesem Zeitraum (Vgl. Meisel 2007). Ich gehe in dieser Arbeit davon aus, dass eine zweite Sprache, deren Erwerbsbeginn in der frühen Kindheit liegt, in dem Gehirn anders repräsentiert wird und von anderen Reifungsprozessen gesteuert wird als eine zweite Sprache, deren Erwerb später angefangen hat.

Ich lehne mich in der vorliegenden Arbeit an die Annahmen der Reifungshypothese an. Diese Hypothese, von der auch Meisel (2007) ausgeht, besagt, dass der Mensch über genetisch bedingte Sprachfähigkeiten verfügt. Diese Fähigkeiten werden mit den Prozessen der neuronalen Reifung zugänglich. Es wird angenommen, dass sich bei diesem Phänomen um eine Anlage der Mehrsprachigkeit handelt, d.h. man kann simultan zwei oder mehr Sprachen erwerben. Diese Spracherwerbsfähigkeit bleibt aber nicht zeitlich unbegrenzt, was als Folge der neuronalen Reifung gesehen wird. Das heißt nicht, dass keine Sprache mehr erworben werden kann. Es muss hier präzisiert werden, dass es nicht um Sprache handelt, sondern um einige Sprachaspekte. So zum Beispiel kann man lebenslang neue Wortbedeutungen erlernen, da die Lexikonerweiterung von den Reifungsprozessen nicht betroffen ist. Auch der Verlust einiger Spracherwerbsfähigkeitskomponenten macht den sukzessiven Spracherwerb ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht unmöglich. Die Reifungshypothese besagt, dass nach diesem Verlust andere kognitive Quellen ausgeschöpft werden müssen, um die Funktionen den verloren gegangenen Komponenten beibehalten zu können. Daraus Folgen aber gewisse Konsequenzen vor allem für den Erwerbserfolg.

Wie das menschliche Gehirn aufgebaut ist, wie es funktioniert, welche Entwicklungsphasen und Veränderungen es durchläuft, sowohl den Einfluss dieser Faktoren auf den Zweitspracherwerb in der Kindheit, werden in der vorliegenden Arbeit diskutiert.

2. Erst- und Zweitspracherwerb

Da ich mich in dieser Arbeit hauptsächlich für die möglichen Veränderungen in den menschlichen Spracherwerbsfähigkeiten im Verlauf der kindlichen Entwicklung interessiere, muss ich zuerst die verschiedenen Erwerbstypen ausführlicher darstellen und diskutieren, damit man einen besseren Überblick über die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den Erwerbstypen bekommt.

2.1. Monolingualer und bilingualer Erstspracherwerb

Der Erstspracherwerb wird als erfolgreich, mühelos und uniform bezeichnet. Mit erfolgreich ist die Tatsache gemeint, dass alle gesunden Kinder ihre Umgebungssprache komplett und unabhängig von Persönlichkeit, Intelligenz oder sozialer Umgebung erwerben (Vgl. Meisel 2007). Der Prozess des Erstspracherwerbs verläuft für die Kinder mühelos und leicht, d.h. sie brauchen keinen Unterricht oder Belehrung. Es genügt ihnen der Kontakt mit der Umgebungssprache. Ob der Erstspracherwerb tatsächlich so leicht und mühelos verläuft, diskutiert Klein (1992). Er kalkuliert, dass in den ersten fünf Jahre seines Lebens ein Kind etwa 9100 Stunden für seinen Erwerb aufwendet und nach dieser Zeit immer noch nicht alle Sprachkonstruktionen beherrscht (Vgl. Klein 1992:21).

Von der Geburt an, läuft die sprachliche Entwicklung eines Individuums bestimmte Phasen durch.

Diese Phasen sind einer Chronologie unterworfen, die für alle Lerner und alle Sprachen gleich sind. Dieses Phänomen ist mit dem Begriff der Uniformität gemeint (Vgl. Meisel 2007: 95). Der Erstspracherwerb (L1-Erwerb) wird in der Tat nur im Bezug auf grammatische Kompetenzen als uniform und erfolgreich beschrieben.

Wenn man die Annahmen der Universalgrammatik bedenkt, heißt das, dass alle menschliche Sprachen gemeinsame Grammatikprinzipien folgen, die allen Menschen angeboren sind. Im Rahmen der Theorie der Universalgrammatik (Chomsky 2000 für eine neuere Darstellung) kann man davon ausgehen, dass die UG einerseits klare Aussagen darüber macht, über welches implizite Wissen das Kind beim Erwerbsbeginn verfügt. Andererseits wird auch der Entwicklungsverlauf von der UG wesentlich vorbestimmt, weil das Grammatikwissen im jedem einzelnen Moment seiner Entwicklung mit den UG-Prinzipien übereinstimmen muss (Vgl. Meisel 2007:95). Die Sicht der Universalgrammatik muss man nicht auf jeden Fall Teilen.

Wie sieht es damit aber in dem simultanen Erwerb von zwei oder mehreren Sprachen aus? Dieser Spracherwerbstyp unterscheidet sich nicht von dem L1-Erwerb, mindestens in Bezug auf das Alter.

Meisel (2007) formuliert drei Behauptungen für den simultanen Erwerb von zwei oder mehr Sprachen, die auf den Arbeiten von Houwer (1995) und Meisel (2004) basieren. Die erste Behauptung ist, dass die bilingual aufwachsenden Kinder in der Lage sind, das Wissen von ihren zwei oder mehreren Sprachen von früh an zu trennen. Die Kinder sind in der Lage, funktionale Unterscheidung der Sprachen ab den Alter von 1;10 Jahren und Trennung grammatischen Wissens für die Syntax schon im Alter von 2;0 Jahren zu machen (Vgl. Meisel 2007:97).

Die zweite Behauptung Meisels (2007) besagt, dass die Kinder, die von Geburt an bilingual aufwachsen dieselben grammatischen Erwerbsreihenfolgen durchlaufen wie monolinguale Kinder, die die gleiche Sprache erwerben. Die dritte These von Meisel (2007) ist, dass die bilingual aufwachsenden Kinder eine Grammatikkompetenz erreichen, die qualitativ mit der Grammatikkompetenz der Monolingualen, die die gleiche Sprache erwerben, vergleichbar ist. Die letzten zwei Thesen entsprechen dem Begriff der Uniformität und des Erfolgs des L1- Erwerbs. Diese Schlussfolgerung erlaubt es, den simultanen Erwerb von zwei oder mehreren Sprachen als eine Form des doppelten Erstspracherwerbs (kurz 2L1) zu betrachten. Wenn man annimmt, dass der L1-Erwerb von der UG gesteuert wird und wenn der simultane Erwerb von zwei oder mehr Sprachen dem L1-Erwerb für jede Sprache gleicht und als 2L1 bezeichnet werden kann, dann würde das heißen, dass die UG auch den 2L1-Erverbsverlauf steuert (Vgl. Meisel 2007: 99).

2.2. Zweitspracherwerb

Zweitspracherwerb bedeutet, dass eine zweite Sprache (kurz L2) später als die erste Sprache erworben wird. Der Zweitspracherwerb ist immer sukzessiv, d.h. der Erwerbsbeginn liegt zeitlich nach der Vollendung (zumindest in den Grundzügen) des Erstspracherwerbs. Die Forschung unterscheidet zwischen gesteuertem und ungesteuertem Zweitspracherwerb, sowie zwischen Zweitspracherwerb in der Kindheit und Zweitspracherwerb im Erwachsenalter. Mit gesteuertem Zweitspracherwerb ist der Erwerb einer zweiten Sprache gemeint, der in einem formalen Unterricht verläuft. Ungesteuert dagegen ist der Zweitspracherwerb, wenn der Lerner die Sprache ohne formalen Unterricht erlernt, d.h. in der alltäglichen Kommunikation. Als Beispiel für einen ungesteuerten Erwerbsverlauf kann man die türkischen Arbeiter geben, die nach Deutschland kommen, ohne die Sprache zu können. Erst hier beginnt der Erwerbsprozess der deutschen Sprache und zwar nicht in einem formalen Unterricht, sondern durch die Kontakte, die der Lerner mit der Sprache hat.

Der kindlicher Zweitspracherwerb liegt in der Zeitspanne zwischen dem dritten Lebensjahr und dem Pubertät. In der Regel wird dies Erwerbstyp für erfolgreich gehalten. Die Ursachen für den Erfolg des frühen L2-Erwerbs werden intensiv diskutiert. Eine Annahne ist, dass in der Zeitspanne zwischen dem dritten Lebensjahr und der Pubertät die sensiblen Phasen für den Spracherwerb noch „offen“ sind. Die These, dass diese Phasen für die Sprache mit der Pubertät beendet werden, versucht den kleineren Erfolg (im Vergleich mit dem frühen L2- Erwerb) des Zweitspracherwerbs im Erwachsenalter zu begründen.

In der Forschungsliteratur bezieht sich der Begriff Zweitspracherwerb meist auf den ungesteuerten Zweitspracherwerb (Vgl. Rothweiler 2007).

Ob die Prozesse im dem Erstspracherwerb und in dem Zweitspracherwerb nach demselben Muster verlaufen und ob sie durch dieselben kognitiven Prozesse gesteuert werden, sind Fragen, die starke Diskussionen in der Spracherwerbsforschung auslösen. Diese Fragen haben zu der Formulierung von zwei widerstreitenden Hypothesen geführt. Da das Ziel der vorliegenden Arbeit nicht der Vergleich zwischen dem Erst- und dem Zweitspracherwerb ist, werde ich nur kurz die beiden Hypothesen darstellen. Die erste davon, die Identitätshypothese, besagt, dass das sprachliche Vorwissen keine bedeutende Rolle für den Zweitspracherwerb spielt. Derselben Hypothese nach, sind die Entwicklungsverläufe in dem L1-Erwerb und im L2-Erwerb gleich. Die Kontrastivhypothese im Gegensatz geht davon aus, dass das sprachliche Vorwissen für den L2- Erwerb eine entscheidende Rolle spielt. Der Verlauf der Entwicklungsprozesse ist von der jeweiligen ersten Sprache abhängig und die Entwicklungsprozesse für L1 und L2 sind nicht identisch (Vgl. Kniffka & Siebert-Ott 2007, Klein 1992).

Eindeutig unterscheidet sich der L2- Erwerb von dem L1- Erwerb darin, dass zu Beginn des Erwerbs der Lerner über ein gewisses Sprachwissen verfügt. Ob dieses Wissen den weiteren Erwerbsverlauf beeinflusst oder nicht, ist wie schon erwähnt eine strittige Frage. Zweifellos ist der Ausgangspunkt für den L2- Erwerb aber nicht der gleiche, wie für L1-Erwerb. Meisel (2007) vertritt die Reifungshypothese, die die Annahme macht, dass es sich bei L1-Erwerb und L2-Erwerb um nicht identische Erwerbsmechanismen handelt und nicht die gleiche Sprachkompetenz erreicht wird. Der Autor behauptet, dass der Begriff der Uniformität für den L2-Erwerb nicht zutrifft (Meisel 2007:99). Auch der Erfolg ist in dem Fall des L2-Erwerbs nicht sicher, da nicht alle Lernen erfolgreich sind. Der Erfolg ist für den Autor (Meisel 2007) in diesem Fall ein strittiger Begriff, weil es auch umstritten ist, ob im L2- Erwerb das Erreichen einer muttersprachlichen Kompetenz überhaupt noch möglich ist. Klar steht es, dass wenn das Erreichen eines muttersprachlichen Sprachniveaus möglich ist, ist er nur für eine geringe Zahl von Lerner zugänglich. Wenn es solche Spät-L2-Lerner gibt, die von einem Muttersprachler schwer als Nicht- Muttersprachler erkannt werden, würde das ein Argument gegen den reifungsbeschränkten L2-Erwerb (Vgl. Hyltenstam & Abrahamsson:2003)

Die Uniformität und der Erfolg des (2)L1-Erwerbs erklärt Meisel (2007) mit der Tatsache, dass die Grammatikentwicklung im (2)L1-Erwerb von den UG-Prinzipien bestimmt wird. Wenn die Uniformität und der Erfolg für den L2-Erwerb nicht in gleicher Massen wie für (2)L1-Erwerb zutreffen, ist es anzunehmen, so Meisel (2007) nach, dass die UG nicht die gleiche Rolle spielt wie im (doppelten) Erstspracherwerb.

Wenn man sich mit dem Spracherwerb aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive beschäftigen möchte, muss man auch die Grundstruktur des menschlichen Gehirns, seine Funktion und seine Arbeitsweise näher kennen. Unter dem folgenden Punkt 3, werde ich auch versuchen einige Begriffe zu erklären und manche Gehirnentwicklungsstadien darzustellen.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Neurolinguistische Grundlagen des Zweitspracherwerbs in der frühen Kindheit
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Veranstaltung
Zweitspracherwerb in der Kindheit
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V143358
ISBN (eBook)
9783640526666
ISBN (Buch)
9783640526796
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neurolingustik des Zweitspracherwerbs, Zweitspracherwerb in der Kindheit, Zweitspracherwerb
Arbeit zitieren
Nevena Tsonkova (Autor), 2009, Neurolinguistische Grundlagen des Zweitspracherwerbs in der frühen Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143358

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