Die Wahl eines Standortes stellt eine der fundamentalsten, irreversibelsten und schwierigsten
unternehmerischen Entscheidungen dar. Aus diesem Grund gehört die theoretische Auseinandersetzung mit der Suche nach optimalen bzw. befriedigenden Standorten zu einer der ältesten Forschungsrichtungen der betriebswirtschaftlichen Literatur und stellt ein Kerngebiet wirtschaftsgeographischer Forschung dar. Geht der Entscheidungsraum über nationale Grenzen hinaus, bedeutet dies eine weitere Steigerung der Komplexität: Die Anzahl potentieller Alternativen, deren Beurteilungskriterien, Verschiedenartigkeit sowie die Unsicherheit der Information erhöhen sich beträchtlich. Standorte, die mit Ihren Eigenschaften die Anforderungen der Unternehmen nicht befriedigen, gefährden nicht nur den Erfolg des Auslandsengagements, sondern auch den der Gesamtstrategie des Unternehmens.
Die Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zur Zufriedenheit der Unternehmen mit Ihren
Auslandsstandorten offenbaren Defizite in der Planungspraxis. Generell bleibt der Raumbezug einer Vielzahl von Standortfaktoren in der Praxis meist unbeachtet. Insbesondere besteht kein integratives Konzept, diese adäquat zu erfassen, zu bewerten und in die Entscheidungsmethoden der Standorttheorie einzubinden. Dies wirkt sich negativ auf die Rationalität der Entscheidung aus.
Ziel der Arbeit ist es darzustellen, dass durch den Einsatz Geographischer Informationssysteme ein Praxisverfahren zur betrieblichen Standortbestimmung für international agierende Unternehmen entwickelt werden kann, welches der - im Kontext der internationalen Planung besonders ausgeprägten - Relevanz von raumbezogenen Standortfaktoren Rechnung trägt. Die Arbeit zeigt, wie ein integrativer, technologisch-organisatorischer Rahmen für die Lösung des betrieblichen Standortproblems bei internationalen Standortentscheidungen geschaffen werden kann. Dieser erstreckt sich von der Informationsbeschaffung über die Modellierung von Standortfaktoren und -alternativen, bis hin zur Anwendung multikriterieller Bewertungsverfahren und daraus resultierend einer Entscheidungsempfehlung.
Die Arbeit schließt mit einer Praxisanwendung der vorgestellten Methodik anhand der Software ESRI ARC-View 9.0. Dabei werden die theoretisch herausgearbeiteten Potentiale anschaulich an einer fiktiven Standortentscheidung für ein Biotechnologieunternehmen in den USA demonstriert.
Inhaltsverzeichnis
1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIEL DER ARBEIT
2 DIE THEORIE DES BETRIEBLICHEN STANDORTS
2.1 Standorttheoretischer Rahmen der Arbeit
2.1.1 Zum Begriff des Standortes
2.1.2 Zum Begriff des Standortfaktors
2.1.3 Typologie der Standortfaktoren
2.2 Die Bedeutung des Raumbezugs für die Standortplanung
2.2.1 Eigenschaften und Problemfelder des Raumbezugs
2.2.1.1 Der Effekt der räumlichen Verteilung
2.2.1.2 Der Effekt der Zonierung und der raumbezogenen Aggregation
2.2.1.3 Aktionsräume und Reichweiteneffekte
2.2.1.4 Raum und Kommunikation bzw. Interaktion
2.2.2 Raumbezogene Standortfaktoren
2.3 Die Lösung des Standortproblems in der Standortbestimmungslehre
2.3.1 Mathematisch-analytische Standortbestimmungslehre
2.3.2 Empirisch-realistische Standortbestimmungslehre
3 DER ANSATZ DER STANDORTPLANUNGSLEHRE: DIE BETRIEBLICHE STANDORTBESTIMMUNG ALS ENTSCHEIDUNGSPROBLEM
3.1 Entscheidungstheoretische Grundlagen der Standortentscheidung
3.2 Der Prozesscharakter der Standortentscheidung
3.2.1 Die sachlogische Strukturierung des Entscheidungsprozesses
3.2.2 Der Selektionsprozess der Standortentscheidung
3.3 Die Rolle der Information im Entscheidungsprozess
3.4 Rationalität im Prozess der Standortbestimmung
3.5 Praxisverfahren der Standortbewertung aus entscheidungstheoretischer Sicht
3.5.1 Darstellung gängiger Praxisverfahren der Standortbewertung
3.5.2 Empirische Befunde zum Standortentscheidungsprozess
3.5.3 Defizite der Verfahren und daraus resultierende Anforderungen
4 GEOGRAPHISCHE INFORMATIONSSYSTEME ALS WERKZEUGE DER INFORMATIONSGEWINNUNG FÜR DEN STANDORTENTSCHEIDUNGSPROZESS
4.1 Einführung in Geographische Informationssysteme
4.2 Geographische Daten, Information und Entscheidungsfindung
4.2.1 Geographische Information
4.2.2 Repräsentation der geographischen Information in einem GIS
4.2.3 Die Visualisierungskapazität von GIS und seine entscheidungstheoretische Relevanz
4.3 Datenanalyse und Modellierung
4.3.1 Raumbezogene Datenverarbeitung
4.3.2 Raumbezogene Analyse
4.3.3 Raumbezogene Modellierung in GIS
4.3.4 Grundlagen der thematischen Kartographie
4.3.5 Kartographische Anforderungen an ein raumbezogenes Entscheidungsunterstützungssystem
5 GIS-BASIERTE MULTIKRITERIELLE STANDORTENTSCHEIDUNGSVERFAHREN
5.1 Das Konzept der raumbezogenen Entscheidungsunterstützungssysteme
5.2 Das raumbezogene multikriterielle Entscheidungsproblem
5.3 Konzeptioneller Rahmen der raumbezogenen multikriteriellen Entscheidung
5.3.1 Intelligence Phase
5.3.2 Design Phase
5.3.2.1 Generierung von Entscheidungsalternativen
5.3.2.2 Kriteriengewichtung
5.3.3 Choice-Phase
5.3.3.1 Entscheidungsregeln
5.3.3.2 Einfache additive Gewichtungsverfahren
5.3.3.3 Wert- und nutzenfunktionsbasierte additive Verfahren
5.3.3.4 Idealpunktmethoden
5.3.3.5 Weitere Entscheidungsregeln
6 PRAXISANWENDUNG: FIKTIVE STANDORTBESTIMMUNG EINES BIOTECHNOLOGIEUNTERNEHMENS IN DEN USA
6.1 Festlegung der Standortkriterien, Gewichtung und Präferenzen
6.2 Durchführung der Standortanalyse und -bewertung
6.2.1 Beschaffung der Daten und Geokodierung
6.2.2 Einschränkung des Untersuchungsraums durch limitationale Faktoren
6.2.3 Modellierung der substitutionalen Kriterien
6.2.3.1 Quantifizierung mittels Dichteberechnungen
6.2.3.2 Quantifizierung mittels Dichteberechnungen
6.2.3.3 Quantifizierung mittels Modelleberechnungen
6.2.3.4 Integration nicht-räumlicher Kriterien
6.2.4 Bewertung der Standortfaktoren und Verschneidung der Kriteriumskarten
6.2.5 Vorteilhaftigkeitskarte
6.2.6 Feinanalyse des Meso- bzw. Mikrostandorts
6.3 Diskussion und Grenzen des Verfahrens
7 FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Standortentscheidung von international agierenden Unternehmen als komplexes betriebliches Entscheidungsproblem unter Berücksichtigung räumlicher Aspekte. Das primäre Ziel besteht darin, durch den Einsatz Geographischer Informationssysteme (GIS) einen integrativen, technologisch-organisatorischen Rahmen zu entwickeln, der eine rationalere Standortsuche und -bewertung ermöglicht und dabei insbesondere die Relevanz raumbezogener Standortfaktoren berücksichtigt.
- Grundlagen der Standorttheorie und Standortplanungslehre
- Entscheidungstheoretische Analyse der Standortwahl
- GIS als Werkzeug zur Informationsgewinnung und -analyse
- Entwicklung GIS-basierter multikriterieller Standortentscheidungsverfahren
- Praxisanwendung: Modellierung einer Standortsuche für ein Biotechnologieunternehmen
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Zum Begriff des Standortes
Während sich die traditionelle Definition des Standortes eng am Grund und Boden anlehnt, auf dem ein Betrieb errichtet ist, wird in jüngerer Zeit der Standort generell als Lebensraum des Betriebes verstanden. Konkret sei dies nach Spitschka (1976) der Ort der Niederlassung und damit die räumliche Einordnung eines Wirtschaftsobjektes. Liebmann (1971) fokussiert in seiner Definition auf den Aspekt der Standorteigenschaften als Abgrenzungsmerkmal von Standorten:
„Unter Standort wird ein geographischer Ort mit gegebenen Eigenschaften verstanden, an dem die Unternehmensleitung Produktivfaktoren einsetzt, um Leistungen im weiteren Sinne zu erstellen.“
Es soll hier dem Konzept des geographischen Ortes gefolgt werden. Theoretisch kann jeder nach beliebigen Kriterien abgrenzbare geographische Raum einen potentiellen Standort für den Einsatz von Produktivfaktoren darstellen. Hierbei sind verschiedene geographische Maßstäbe zu beachten. Der Begriff des Standortes kann von der Beschreibung einer Welt-Region (z.B. „Standort Süd-Ost-Asien“) über nationalen Räume und sub-nationale Regionen bis hin zu Ortschaften und dem eigentlichen Grundstück der Niederlassung verstanden werden. Es wird hierbei häufig von Makro- Meso- und Mikro-Standorten gesprochen, wobei eine exakte Abgrenzung bei derartig unscharfer Terminologie wenig angemessen erscheint.
Für die weitere Betrachtung spielen die Standorteigenschaften eine wichtige Rolle, da sie die Kriterien für die Unterscheidung und Beurteilung möglicher Standortalternativen bilden. Es wird unterschieden zwischen Standortbedingungen als faktischen Eigenschaften eines Standortes und Standortanforderungen, welche aus den Unternehmenszielen, dem Produktions- und Absatzprogramm, sowie der internen Ressourcenausstattung abgeleitet werden. Für einen Energiekonzern kann ein Ort auf dem offenen Ozean einen potentiellen Standort darstellen, da er sich als Förderstandort für fossile Energieträger grundsätzlich eignet, für andere Wirtschaftssubjekte mag der Ozean als theoretischer Standort grundsätzlich ausscheiden. Für das Untersuchungsziel der Arbeit bietet sich daher folgende Definition an:
Als Standort wird ein beliebig skalierbarer Ort im geographischen Raum verstanden, der durch seine differenzierbaren Eigenschaften, sowie anhand der aus dem Zielsystem der Entscheidungsträger abgeleiteten Anforderungen gekennzeichnet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIEL DER ARBEIT: Zusammenfassung der Ausgangslage der Standortentscheidung und Definition des Ziels der Arbeit, die Rationalität durch GIS zu verbessern.
2 DIE THEORIE DES BETRIEBLICHEN STANDORTS: Erläuterung der theoretischen Grundlagen der Standortlehre und der Bedeutung des Raumbezugs für die Standortplanung.
3 DER ANSATZ DER STANDORTPLANUNGSLEHRE: DIE BETRIEBLICHE STANDORTBESTIMMUNG ALS ENTSCHEIDUNGSPROBLEM: Analyse der Standortentscheidung als strukturiertes Entscheidungsproblem und Diskussion bestehender Praxisverfahren.
4 GEOGRAPHISCHE INFORMATIONSSYSTEME ALS WERKZEUGE DER INFORMATIONSGEWINNUNG FÜR DEN STANDORTENTSCHEIDUNGSPROZESS: Einführung in GIS, Datenanalyse und deren Relevanz für die Standortentscheidung.
5 GIS-BASIERTE MULTIKRITERIELLE STANDORTENTSCHEIDUNGSVERFAHREN: Zusammenführung von GIS und multikriteriellen Methoden zu einem Problemlösungsansatz.
6 PRAXISANWENDUNG: FIKTIVE STANDORTBESTIMMUNG EINES BIOTECHNOLOGIEUNTERNEHMENS IN DEN USA: Anwendung der entwickelten Methodik anhand eines konkreten, fiktiven Fallbeispiels in den USA.
7 FAZIT UND AUSBLICK: Zusammenfassung der Potenziale des raumbezogenen Entscheidungsunterstützungssystems und Ausblick auf die zukünftige Entwicklung.
Schlüsselwörter
Standortwahl, internationale Standorte, Geographische Informationssysteme, GIS, Entscheidungsunterstützung, Standortfaktoren, Raumbezug, multikriterielle Entscheidungsverfahren, Standortanalyse, Standortplanung, Standortbewertung, räumliche Autokorrelation, Biotechnologieunternehmen, Standortstrategie, Standortsuche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Optimierung des Standortwahlprozesses für international agierende Unternehmen durch den Einsatz Geographischer Informationssysteme (GIS).
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Standorttheorie, die Entscheidungstheorie, die Funktionsweise von GIS sowie die Verknüpfung dieser Disziplinen zu einem raumbezogenen Entscheidungsunterstützungssystem.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Entwicklung eines integrativen Rahmens, der Unternehmen hilft, die Rationalität bei der internationalen Standortwahl unter Einbeziehung geographischer Informationen signifikant zu erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen methodenorientierten Ansatz, der multikriterielle Bewertungsmethoden (MCDM) mit den räumlichen Analysemöglichkeiten von GIS kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert theoretische Grundlagen, Methoden der Informationsgewinnung mittels GIS, die Konzeption raumbezogener Entscheidungsunterstützungssysteme und demonstriert die Methodik an einem fiktiven Praxisbeispiel eines Biotechnologieunternehmens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Standortwahl, GIS, Standortfaktoren, multikriterielle Entscheidungsverfahren und raumbezogene Datenanalyse.
Wie werden räumliche Daten in dem Modell berücksichtigt?
Räumliche Daten werden durch Koordinaten, Topologie und verschiedene Datenmodelle (Raster/Vektor) in die Analyse integriert, um Faktoren wie Dichte, Distanzen und Reichweiten modellieren zu können.
Warum sind klassische Standortmodelle für das genannte Praxisbeispiel oft unzureichend?
Klassische Modelle sind oft auf quantitative Faktoren wie Transportkosten beschränkt und vernachlässigen qualitative sowie raumbezogene Faktoren, die für komplexe, internationale Standortentscheidungen von zentraler Bedeutung sind.
- Quote paper
- Stefan Hellpointner (Author), 2006, Raumbezogene Entscheidungsunterstützungssysteme zur internationalen Standortwahl , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143420