Zwischen Konstruktion und Wirklichkeit: Die Umgebung als Abbild der Gesellschaft in Ramón Díaz Eterovic´ Kriminalroman "La ciudad está triste"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „La ciudad está triste“
2.1 Inhalt und Form
2.2 Die Umgebung als Abbild einer Roman-Gesellschaft
2.3 Roman-Gesellschaft vs. Real-Gesellschaft

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„En mis novelas hay un contrapunto evidente entre literatura y política, a partir de temas fácilmente reconocibles en la historia chilena de los últimos años. Mi pretención no ha sido otra que escribir desde los códigos de una forma literaria que me apasiona y tratar que mis palabras provoquen en sus lectores una mirada más atenta, menos complaciente con el pasado y con la época en que vivimos.”[1]

Das oben stehende Zitat stammt von dem chilenischen Schriftsteller Ramón Díaz Eterovic und bezieht sich auf seine Kriminalroman-Reihe um den Detektiv Heredia. Die Reihe umfasst mittlerweile bereits 13 Bände, die zwischen den Jahren 1987 und 2008 veröffentlicht wurden. Die im Zitat angesprochene Verbindung zwischen Literatur und Politik soll durch den Protagonisten Heredia erzeugt werden, welcher nach Meinung vieler Literaturkritiker in der Serie die Rolle eines Chronisten innehat, der innerhalb des fiktionalen Diskurses heikle Themen anspricht, die mit der Realität der jüngeren Geschichte Chiles korrelieren.[2] Díaz Eterovic’ Intention ist es, dass die Thematisierung bestimmter Vorkommnisse innerhalb des fiktiven Rahmens beim Leser einen kritischen Blick auf die jeweiligen Ereignisse hervorruft. Der Autor selbst äußert in Bezug auf die Frage, welche Aspekte der chilenischen Realität in seinem literarischen Werk fokussiert werden:

“Con las novelas de la serie Heredia que ya está por cumplir veinte años [...], siento que he dado forma a una crónica de la historia chilena de los últimos treinta años. Una crónica que nació de manera intuitiva. Si uno sigue la trayectoria de mis novelas encuentra el tema de los desaparecidos, la represión política, [...] entre otros asuntos. Siento por lo tanto que he tocado temas que son sensibles en la sociedad chilena.”[3]

Nach der chilenischen Literaturprofessorin und Kritikerin Patricia Espinosa u.a. sind Díaz Eterovic’ Romane der so genannten novela neopolicíaca[4] zuzuordnen, einer literarischen Form, die sich aus dem in Nordamerika begründeten Genre der novela negra bzw. des hard-boiled Krimis entwickelt hat. Diese Form des Kriminalromans unterscheidet sich insofern von dem auf Edgar Allen Poe zurückgehenden klassischen Detektivroman (novela de enigma), als die geschlossene Handlung (cuarto cerrado) in eine offene umgewandelt wird (ein Hauptthema ist in der Handlung zwar deutlich erkennbar, es führt aber nicht zu einer eindeutigen Lösung des Konflikts) und der Detektiv bzw. der Protagonist der Erzählung das Rätsel nicht mehr allein durch sein logisches Denken lösen kann.[5] Das von Autoren wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler begründete Modell des hard-boiled Krimis ist nach Amelia Simpson einerseits eine Reaktion auf die unrealistische Darstellung der Gesellschaft innerhalb der klassischen Schule und andererseits – hier bezieht sie sich auf Ricardo Piglia – ein Produkt der sozio-historischen Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten gegen Ende der 1920er Jahre.[6] Der Detektiv wird konfrontiert mit Themen wie z.B. dem organisierten Verbrechen, Materialismus und Geldgier oder politischer Korruption und Gewalt und die Lösung der Fälle erfordert ein Hinaustreten in die reale Welt und damit in die dunklen Ecken der Stadt, in denen sich die Verbrechen abspielen:

„El detective sale de sus elucubraciones para resolver el enigma y se sumerge en las calles con el fin de confrontar una serie de señuelos que se alojan en las zonas oscuras de la ciudad.”[7]

In diesem Sinne kann die novela negra laut García-Corales als eine literarische Form verstanden werden, die charakterisiert ist durch die unauflösliche Verbindung zwischen Detektiv und Stadt – die Aufdeckung des Verbrechens kann auf Grund der im Roman dargestellten Themen nur innerhalb des städtischen Raumes erfolgen.[8] Im hard-boiled Krimi wird die problematische Realität der jeweiligen Epoche aufgegriffen und im Rahmen ihres realen Wirkungsraumes, nämlich der Städte, präsentiert. Dabei wissen die Protagonisten der Romane bereits im Voraus, dass der eigentliche Konflikt nicht gelöst werden kann, denn die Gründe für das Verbrechen liegen in der Basis des sozialen Systems der Gesellschaft, sodass durch die Entdeckung des Kriminellen lediglich der Handlanger der Kriminalität beseitigt werden kann.[9] Nach einstimmiger Meinung von Literaturkritikern ist der hier im Mittelpunkt stehende Autor Díaz Eterovic in seinen Kriminalromanen den Grundregeln der hard-boiled -Schule oder analog der novela negra treu; darüber hinaus jedoch wird die Absicht der Darstellung der problematischen sozio-politischen Realität Chiles stets deutlich. Hierzu äußert Clemens A. Franken Kurzen:

„A modo de resumen podemos afirmar, […] que Díaz Eterovic respeta, en general, las convenciones del género policial negro [...] establecidas por los norteamericanos Hammett, Chandler y Macdonald y las adapta a la situación chilena. [...] Díaz Eterovic rompe con las convenciones respecto a la crítica social y política. La suya no se dirige solamente en contra de determinado estrato social que sostiene el poder económico y político, sino también en contra del Estado, es decir, contra las instituciones de las fuerzas de seguridad, ante todo, los militares. [...] Díaz Eterovic asimila consciente y exitosamente los “modelos” norte- e iberoamericanos, pero no los imita o copia simplemente, sino que introduce su propio material temático y lingüístico.”[10]

Diese Weiterentwicklung der Kodizes der novela negra durch Díaz Eterovic sowie durch viele seiner lateinamerikanischen Kollegen begründet die oben genannte Einordnung seiner Kriminalromane in das Genre der novela neopolicíaca.

Der erste Band der Serie von Díaz Eterovic „La ciudad está triste“ stellt die grundlegende Referenzliteratur dieser Arbeit dar. Die zu Grunde liegende Fragestellung ist, wie in diesem Kriminalroman die Umgebung charakterisiert ist, in der die Handlung stattfindet, und inwiefern diese Umgebung als Abbild der sich in ihr befindenden Roman-Gesellschaft fungiert. Weiter soll analysiert werden, welche Rückschlüsse von der in der Erzählung konstruierten Gesellschaft auf die wirkliche Gesellschaft jener Zeit gezogen werden können. Hier geht es um die Frage, ob es Díaz Eterovic wirklich gelingt, seinen Roman in eine Chronik Chiles zu verwandeln, die die Realität des Landes in der fiktiven Handlung wiederspiegelt und dadurch die thematisierten Geschehnisse kritisch beleuchtet, um so den Leser zu einer unfassenden Reflexion anzuregen.

Nach einer kurzen Darstellung von Inhalt und Form des Romans „La ciudad está triste“ werden die in die Handlung einbezogenen Umgebungen auf ihre Art der Darstellung hin analysiert und anschließend geprüft, welche Übereinstimmung es zwischen den beschriebenen Orten und der fiktiven Gesellschaft gibt. Hierbei wird der Fokus jedoch auf einige ausgewählte Orte gelegt, es sollen nicht sämtliche im Roman beschriebenen Umgebungen untersucht werden. Die Kongruenz von konstruierter und wirklicher Gesellschaft soll im daran folgenden Kapitel betrachtet werden, um somit den chronistischen Wert des Romans zu überprüfen. Den abschließenden Teil der Arbeit bildet eine Schlussbetrachtung, in der noch einmal Bilanz über das erarbeitete Material gezogen werden soll.

2. „La ciudad está triste“

2.1 Inhalt und Form

Die Handlung des Romans „La ciudad está triste“ spielt in einer unbenannten chilenischen Stadt. Der Privatdetektiv Heredia befindet sich in seinem Büro, als es an der Tür klopft. Die Besucherin ist Marcela Rojas, deren Schwester Beatriz seit einigen Tagen verschwunden ist. Heredia übernimmt den Fall und beginnt mit seinen Nachforschungen. Nachdem die ersten Ermittlungsansätze keinen Erfolg haben, erfährt Heredia von einer Studien-Freundin der vermissten Beatriz, dass diese in politische Angelegenheiten verwickelt gewesen sei. Bei weiteren Nachforschungen stellt sich heraus, dass ebenfalls der Student Fernando Leppe, ein Freund Beatriz’, verschwunden ist. Vom Vater Fernandos wird Heredia darüber informiert, dass sein Sohn zusammen mit einer Freundin namens América von Unbekannten vor dem Haus der Familie Leppe entführt worden ist. Heredia findet heraus, dass América und Beatriz dieselbe Person sind. Am nächsten Morgen liest Heredia von einer gefundenen Leiche in der Zeitung und, wie seine Intuition es ihm prophezeit hat, handelt es sich hierbei um Fernando Leppe. Obwohl es sich mittlerweile um einen offiziellen, polizeilich untersuchten Fall handelt, wird Heredia immer tiefer in die Geschehnisse verstrickt. Er bittet seinen Freund Pony Herrera um Hilfe, da dieser Kontakte zu einigen Mitgliedern des „Servicio de Seguridad“ hat, einer staatlichen Organisation, die Heredia hinter der Entführung vermutet. Bevor Herrera jedoch seine Informationen an Heredia weitergeben kann, wird er ermordet. Dennoch erhält der Detektiv mittels einiger Notizen seines Freundes Anhaltspunkte, durch die er auf einen Arzt stößt, in dessen Praxis Beatriz von besagter Organisation gefoltert und schließlich ermordet wurde. In der Wohnung des Dr. Beltran kommt es zu einer Konfrontation Heredias mit einigen Mitgliedern des „Servicio de Seguridad“, wobei der Detektiv erfährt, wer sich hinter den primären Drahtziehern der Morde verbirgt. Anschließend erfährt Heredia jedoch von seinem Freund Dagoberto Solís, dem verantwortlichen Inspektor der Mordfälle um Fernando Leppe und Beatriz Rojas, dass der Fall auf Grund von offizieller Anordnung geschlossen wird. Damit will sich der Detektiv aber nicht zufrieden geben und er versucht auf eigene Faust, die Verantwortlichen der Morde zu bestrafen. Ihm ist bewusst, dass dies von Seiten der Justiz nie geschehen wird, da die Verbrechen im Auftrag der diktatorischen Führung des chilenischen Staates begangen wurden. Mit Unterstützung von Solís kommt es zur abschließenden Auseinandersetzung zwischen Heredia und den Vertretern der Staatsmacht, wobei der Chef des „Servicio de Seguridad“ vom Detektiv getötet wird. Heredia führt hiermit wenigstens ein geringes Maß an Gerechtigkeit herbei.

[...]


[1] Díaz Eterovic, Ramón, „Novela policial en Latinoamérica“, in: Bisama F., Adolfo (Hrsg.), El neopolicial latinoamericano: De los sospechos de siempre a los crímenes de estado, S. 50.

[2] vgl. dazu: Garcia-Corales, Guillermo, El neopolicial latinoamericano y la crónica del Chile actual en las novelas de Ramón Díaz Eterovic, S. 2ff.

[3] Garcia-Corales, Guillermo, El debate cultural y la literatura chilena actua: Un diálogo con cinco generaciones de escritores, S. 114.

[4] vgl. dazu: Espinosa H., Patricia, “Género literario, sujeto y resistencia en la obra de Ramón Díaz Eterovic”, in: Bisama F., Adolfo (Hrsg.), El neopolicial latinoamericano: De los sospechos de siempre a los crímenes de estado, S. 106f.

[5] vgl. dazu: Garcia-Corales, Guillermo, El neopolicial latinoamericano y la crónica del Chile actual en las novelas de Ramón Díaz Eterovic, S. 4.

[6] vgl. dazu: Simpson, Amelia S., Detective fiction from Latin America, S. 11f.

[7] Garcia-Corales, Guillermo, Poder y crimen en la narrativa chilena contemporánea: Las novelas de Heredia, S. 47.

[8] vgl. dazu: Garcia-Corales, Guillermo, Poder y crimen en la narrativa chilena contemporánea: Las novelas de Heredia, S. 47.

[9] vgl. dazu: Giardinelli, Mempo, El género negro, Vol. II, S. 16.

[10] Franken Kurzen, Clemens A., Crimen y verdad en la novela policial chilena actual, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zwischen Konstruktion und Wirklichkeit: Die Umgebung als Abbild der Gesellschaft in Ramón Díaz Eterovic´ Kriminalroman "La ciudad está triste"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V143724
ISBN (eBook)
9783640547371
ISBN (Buch)
9783640550920
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Konstruktion, Wirklichkeit, Umgebung, Abbild, Gesellschaft, Ramón, Díaz, Eterovic´, Kriminalroman
Arbeit zitieren
Teresa Kretschmer (Autor), 2009, Zwischen Konstruktion und Wirklichkeit: Die Umgebung als Abbild der Gesellschaft in Ramón Díaz Eterovic´ Kriminalroman "La ciudad está triste", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143724

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